Als Schlittschuh (auch Eislaufschuhe, franz. Patin, engl. Skate) bezeichnet man an den Füßen angebrachte Vorrichtungen mit Kufen zum Gleiten auf Eisflächen. Die Fortbewegung mit Schlittschuhen wird auch als Schlittschuhlaufen, Schlittschuh fahren oder Eislaufen bezeichnet.
Funktionsweise
Dass lange, glatte und harte
Kufen auf Eis und Schnee leicht gleiten, ist eine unbestreitbare praktische Erfahrung. Es wird gesagt, dass der Schlittschuhlauf nur bis zu Temperaturen oberhalb von etwa minus 30 Grad möglich sei. Die wissenschaftliche Erklärung des Gleitens auf dem Eis bereitet jedoch Schwierigkeiten.
- Am weitesten verbreitet ist die Ansicht, dass unter dem Druck des Körpergewichts ein vorübergehendes Schmelzen des Eises und auf dem dadurch entstehenden Wasserfilm das Gleiten mit geringem Reibungswiderstand erfolgt. Die festgestellte physikalische Größe dieser „Druckaufschmelzung“ ist jedoch bei weitem zu klein, um den Effekt befriedigend zu erklären. Ein Schlittschuhläufer müsste etwa sieben Tonnen wiegen, um das Eis bei minus fünf Grad unter seinen Kufen zum Schmelzen zu bringen.
- Eine weitere Erklärung besagt, dass die Oberflächen von Eis und Schnee eine Schicht nur schwach gebundener Wassermoleküle besitzen, die dazu führen, dass die Reibung auf Eis- oder Schneeflächen gering ist.
Tatsächlich ist es so, dass Wasser seine größte Dichte bei plus vier Grad Celsius hat, also im flüssigen Zustand (Anomalie des Wassers). Das liegt daran, dass die Wasserstoffbrücken zwischen den Sauerstoffatomen des Wassers bei dieser Temperatur so eng wie nur möglich zusammenrücken können. Bei einem Druck von etwa 500 bar versucht das Wasser, so wenig Volumen wie nötig einzunehmen. Deshalb wechselt es seinen Aggregatzustand und wird flüssig, sodass es zehn Prozent dichter ist und so auch zehn Prozent weniger Volumen hat als Eis.
Das Eis verflüssigt sich also unter den Schlittschuhen - ohne wärmebedingt zu schmelzen - und die Kufen gleiten auf einem flüssigem Wasserfilm. Der flüssige Zustand ist nur von kurzer Dauer: Sobald der Druck - durch vorbeifahren - von der Oberfläche genommen wird, erstarrt das Eis wieder.
Die ständige Fortbewegung wird erreicht durch abwechselndes Abstoßen mit dem Schlittschuh an einem Bein und Gleiten auf dem jeweils anderen Fuß. Da die Schlittschuhkufen wesentlich weniger Standfläche als der menschliche Fuß haben, muss gegenüber dem normalen Laufen und Gehen eine zusätzliche Balance-Leistung des Körpers aufgebracht werden.
Geschichte
Wann und wie ist es dem Menschen eingefallen ist, eine schnelle und einfache Bewegung auf der gefrorenen Eisfläche auszunützen, weiß man nicht. Erwähnungen dafür gibt es nicht. Vielleicht war es bei der Jagd. Jagdbeute bedeutete nicht nur
Fell und
Fleisch, sondern auch
Knochen, die man dann zur Anfertigung verschiedener Instrumente benutzte. Wahrscheinlich waren sie auch beim ersten Gleitversuch zur Hand.
Schlittschuhe aus Tierknochen waren in Russland, Skandinavien, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz und woanders zu finden. Ureinwohner Sibiriens liefen auf Walrosszähnen, in China benutzte man Bambusruten.
Skandinavische Sagen wie die Edda erzählen von Eisspielen aus der Zeit des norwegischen König Sigurd Jorsalfare. Die Asen der germanischen Mythologie beherrschten die Eislaufkunst und selbst die Aufnahme des Christentums zwang Nachkommen der mutigen Männer nicht dazu mit der „göttlichen“ Bewegungsart aufzuhören.
Knochenschlittschuhe
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- Anfang des 20. Jahrhunderts grub man in Frankreich etwa 60 cm lange Mittelhandknochen von Rindern aus. Seitliche Teile dieser Knochen waren abgeschliffen, deshalb vermutet man, dass sie als Schlittschuhe dienten. Ihr Alter schätzte man auf etwa 20.000 Jahre.
- Älteste Funde, die sich mit größerer Sicherheit als Schlittschuhe identifizieren lassen, datieren etwa aus der Zeit von 3000 v. Ch. Sie waren aus Unterschenkelknochen verschiedener Tiere gefertigt. Pferde-, Rinder- oder Rentierknochen wurden gespalten, flachgeschliffen, durchbohrt und an den Sandalen befestigt. Mit einem Speer oder mit zwei zugespitzten Stöcken stemmte man sich ins Eis und erzielte so beachtliche Geschwindigkeiten. Solche „Schlittschuhe“ wurden in wiederentdeckten Seebauten z. B. in der Schweiz gefunden, jedoch fast in allen europäischen Regionen benutzt.
- Einer der ältesten Schlittschuhe der Welt ist wahrscheinlich ein Knochenschlittschuh aus Veselí u Trnavy (Slowakei). Der britische Archäologe V. G. Childe schätzte sein Alter auf 5000 Jahre.
- Weitere einzigartige Schlittschuhe, die etwa 4000 Jahre alt sind, wurden in der Nähe des antiken Rom gefunden. Ähnliche Unikate fand man auch in den skandinavischen Ländern und in der Schweiz.
- In Mitteleuropa dienten zunächst vor allem Schweinefußknochen, die mit Lederriemen an den Füßen befestigt wurden, als Gleithilfen auf dem Eis. Die dafür verwendeten Knochen des Schweins erhielten davon die Bezeichnung "Eisbein".
- Im 18. Jahrhundert wurden in London noch mit Riemen befestigte Knochenschlittschuhe verwendet, auch in Norwegen und Island waren sie bis ins 19. Jahrhundert in Gebrauch. Jene Knochenschlittschuhe, welche so groß waren wie diese kleinen Knochenschlitten, hießen altnordisch Skidi oder Öndrun. Uller, der Schlittschuh-Ase der Edda, wird als der Meister in ihrem Gebrauch geschildert.
Hölzerne Schlittschuhe mit Eisenkufen
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- In größerem Ausmaß begann man im 14. Jahrhundert in Nordeuropa, vor allem in den Niederlanden, hölzerne Schlittschuhe zu benutzen. Der Untersatz, in der Fußform, wurde aus Holz gefertigt und ein Eisenbeschlag zuerst flachliegend, später in Hochkantlage eingefasst. Mit dem Schuh verband man sie mit Lederriemen. Zur Bewegung (zum Anlauf) benutzte man Stöcke.
Eisenkufen zum Umschnallen
- Älteste Eisenschlittschuhe, deren Alter auf 2000 Jahre geschätzt wird, wurden in einer Erzgießereiwerkstatt eines keltischen Meisters gefunden und befinden sich im Museum in Budapest.
- Etwa um das Jahr 1500 begannen die Holländer Kufen mit zwei Kanten und einer Nut dazwischen zu benutzen. Der Eisläufer konnte sich nun ohne Stöcke bewegen.
- Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Schlittschuh mittels einer Schraube im Absatz befestigt. Es bewährten sich auch die Befestigung mittels Schrauben an der Seite der Sohle und des Absatzes von A. Stotz in Stuttgart und die „Halifaxsche Verbesserung“, welche einen Spannhebel benutzte. Diese Schlittschuhe hielten so fest wie die Sohle selbst, ohne den Fuß zu drücken. Diese Kufen wurden noch bis in die 1950er Jahre benutzt.
Fest mit dem Schuh verbundene Metallkufen
- Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Skandinavien Stahlkufen verwendet, bei denen die Sohle in Holz eingelassen war. Sie wurden mit Kreuzriemen oder als Schnürschuh befestigt.
- 1865 erstellte der amerikanische Eiskunstläufer Jackson Haines Ganzmetall-Schlittschuhe, die direkt mit der Schuhsohle verbunden waren. Dies kann als die weitestgehende Innovation angesehen werden.
- Ein paar Jahre später begann der schwedische Eiskunstläufer und 10-fache Weltmeister Ulrich Salchow Schlittschuhe mit Zähnen zu benutzen, die kräftige Abstöße zum Laufen und Springen ermöglichten.
- 1907 kam der russische Eiskunstläufer Panin mit einem neuen Schlittschuhmodell, das im Gegensatz zu Salchows niedriger war und auch die Zähne waren etwas untergelegt. Nennenswert ist auch, dass dieses Modell leichter als das vorherige war.
Moderne Schlittschuh-Formen
Bild:Skate.jpg |Eiskunstlaufschlittschuh
Bild:Amateur ice hockey skates.jpg|Eishockey-Schlittschuhe
Bild:Schnellaufschlittschuh22.jpg |Schnelllaufschlittschuhe
Bild:Blue skates.jpg |Hartschalen-Schlittschuhe (für Publikumslaufen)
- Kunstlauf-Schlittschuhe haben bis zu den Waden hochgeschlossene Schnürstiefel mit ca. 3-4 mm dicken Stahlkufen mit Hohlschliff in Querrichtung und einer leichten Kurvung in Längsrichtung. An der vorderen Spitze befinden sich gezackte Ränder zum Abspringen der Sprünge, Drehen der Pirouetten ohne Kantenwechsel und Ausführen einiger Schritte.
- Eishockey-Schlittschuhe haben bis über das Fußgelenk reichende angearbeitete Schnürstiefel aus festem Leder mit zusätzlichem Fersen- bzw. Achillessehnen-Schutz und etwa 5 mm dicke Stahlkufen mit Hohlschliff in Querrichtung und einer leichten Kurvung in Längsrichtung.
- Eisschnelllauf-Schlittschuhe haben bis unterhalb des Fußgelenks reichende Schnürschuhe aus Ziegenleder. Die langen Stahlkufen, auch "Brotmesser" genannt, sind etwa 38-45 Zentimeter lang und haben eine Dicke von etwa 1,3 bis 1,5 Millimetern. Die Lauffläche hat einen Planschliff mit einer schwachen Kurvung in Längsrichtung, die ein "Eingraben" der Kufe in das Eis verhindern soll. Die Spitze ist gerundet, das hintere Ende von oben schräg nach hinten abfallend.
- Im Gegensatz zum rückseitigen Abstoßen beim Kunstlauf und Eishockey stößt sich der Eisschnellläufer auf gerader Strecke mit den Beinen schräg nach hinten ab, wobei die Kufe in ganzer Länge mit der Eisfläche in Kontakt bleibt. Obwohl die langen Kufen den Geradeauslauf stabilisieren sollen führt gerade die damit erzwungene Abstoßtechnik zu einem weit ausgeprägteren Zickzack-Kurs, dennoch wird damit die größtmögliche Geschwindigkeit auf dem Eis erreicht.
- Der letzte Entwicklungsstand ist hier der Klappschlittschuh, bei dem die Kufe beim Anheben der Ferse bei gestrecktem Stoßbein hinten abklappt und erst beim endgültigen Abheben wieder zurückgezogen wird.
Spitzen-Sportler erreichen auf Schlittschuhen über mehrere Kilometer bzw. etliche Minuten eine Dauergeschwindigkeit von 45 km/h, im Sprint kurzzeitig bis über 60 km/h.
Anwendungsgeschichte
Vor etwa 800 Jahren glitten in Holland Boten mit Eisenkufen an Holzschuhen über die zugefrorenen Kanäle und überbrachten auf diese Weise eilige Nachrichten an adelige Empfänger. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das Schlittschuhlaufen zunächst zum Vergnügen des
Adels und später auch zum Volkssport. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in Großbritannien die ersten Schlittschuhvereine gegründet.
Während die nordischen Völker ebenso wie die Friesen und Holländer immer gute Schlittschuhläufer blieben, war die Kunst in Deutschland mehr auf die Jugend beschränkt, bis durch Klopstocks enthusiastische Schilderungen (z. B. in seinen Oden: "Der Eislauf", "Braga", "Die Kunst Thialfs") das Schlittschuhlaufen von populärer und zum bevorzugten Wintervergnügen wurde.
In Holland, Friesland, Skandinavien, in der Schweiz, in Norddeutschland und Kanada wurde das Weit- und Schnelllaufen sehr gepflegt. Das markanteste Beispiel ist die holländische traditionelle Elf-Städte-Tour, bei der an einem Tag elf friesische Städte durchfahren und etwa 200 Kilometer zurückgelegt werden. Weitere Schlittschuhmarathons sind das "Vikingarännet" (ca. 80 km), von Uppsala nach Stockholm und der Weißensee-Eislaufmarathon.
In Kanada und auf den dänischen Inseln wurde der Schlittschuhlauf durch ein auf dem Rücken befestigtes Segel beschleunigt, ein Friese konnte so eine Strecke von 160 niederländischen Ellen (etwa 100 Meter) in 14 Sekunden zurücklegen.
In Großstädten mit kleinen Eisplätzen war dagegen das Kunstfahren mehr ausgeprägt. Den ersten Rang nahm hier New York City ein, und von dort stammende Meister wie Haynes haben in den europäischen Hauptstädten Schule gemacht.
Zwischen 1840 und 1875 wurde in Kanada aus verschiedenen Mannschaftssportarten das auf Schlittschuhen betriebene Eishockey entwickelt. Dabei spielten die stationierten britischen Truppen eine wichtige Rolle, die das schottische Spiel Shinty 1840 als Shinney auf Schnee oder Eis spielten.
Gegenwärtig frieren in Mitteleuropa die natürlichen Wasserflächen wie Seen, Flüsse und Kanäle seltener so stark zu, dass regelmäßiges Eislaufen möglich ist. Falls es doch geschieht, wird das jedoch gern auf Seen wie etwa der Hamburger Alster genutzt. In großen Städten gibt es spezielle Kunsteisbahnen im Freien oder in Hallen.
Auf diesen zumeist eher kleinen Eisflächen entwickelten sich die Shorttrack-Schnelllaufwettbewerbe auf 111 Meter langen Rundkursen.
Die Schutzpatronin der Schlittschuhläufer
Die Schlittschuhläufer haben auch eine eigene Schutzpatronin, die Heilige Liedwi. Die aus dem 15. Jahrhundert überlieferte Geschichte berichtet, dass die damals 15-jährige Holländerin namens Liedwi im Jahr
1395 beim Schlittschuhlaufen so heftig mit einem anderen Läufer zusammenstieß, dass sie schwer verletzt wurde. Nach der Genesung ging sie in ein
Kloster und widmete sich bis zu ihrem Tod
1443 dem religiösen Leben. Auf Grund des Schlittschuh-Unfalls wurde sie zur Schutzheiligen der Schlittschuhläufer.
Siehe auch
Literatur
- Anderson, The art of skating, London 1867
- Vandervell und Wetham, A system of figure-skating, 3. Aufl., das. 1874;
- Swatek, Das Schlittschuhlaufen, Wien 1874; Figuren, das. 1885)
- Wirth u. a., Spuren auf dem Eise, das. 1880
- Brink, Schlittschuhfahrkunst, Plauen 1881
- Calisius, Kunst des Schlittschuhlaufens, Wien 1885
Weblinks
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