Eine Dystopie (altgr.: dys = schlecht = Übel-, topos = Ort = -vision) ist eine Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, welche sich zum Negativen entwickelt hat, und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas Morus Utopia dar (Anti-Utopie). Aber auch (literarische) Endzeit ist eine Form der Dystopie. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbilds vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen.
Der Begriff Dystopia bezeichnet für gewöhnlich einen Gegenentwurf zu einer utopischen Gesellschaft. Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine autoritäre oder totalitäre Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle.
Der erste Gebrauch des Wortes wird John Stuart Mill zugeschrieben, dessen gute Griechischkenntnisse es vermuten lassen, dass er unter Dystopia weniger nur das Gegenteil von Thomas Morus Utopia verstand, sondern vielmehr einen Ort meinte, an dem es im weitesten Sinne schlecht um die Dinge bestellt ist.
Die griechische Vorsilbe "dys/dis" bedeutet krank, schlecht oder abnormal, wohingegen es sich bei "ou" um eine verneinende Vorsilbe handelt. (Utopia bedeutet wörtlich "das Nirgendwo", und ist eine Verballhornung des Wortes Eutopia, das einen schönen/glücklichen Ort meint – die Vorsilbe "eu" bedeutet schön. Daher sind die Begriffe Dystopia und Utopia nicht exakt gegenteilige Begriffe in dem Sinne wie z.B. Dysphorie und Euphorie.
Typische Charakteristika einer Dystopie sind: Mechanisierte Superstaaten nehmen dem Individuum jegliche Freiheiten, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt und gestört, das Bewusstsein der eigenen Geschichte oder eigener Werte gekappt.
Allerdings ist zu bedenken, dass der Begriff "Dystopie" in der seriösen Literatur - und Sprachwissenschaft weltweit bis heute keinerlei Rolle spielt. Der Begriff "Dystopie", so wie er hier erklärt wird, findet sich in keinem seriösen Literatur- oder allgemeinwissenschaftlichen Lexikon oder Nachschlagewerk. Erst in jüngster Zeit, nachdem dieser Artikel in "wikipedia" erschien, findet er, besonders unter Schülern, häufiger Gebrauch. Tatsächlich werden fachwissenschaftlich nach wie vor die Termini technici "Anti-Utopie", "negative Utopie" oder "Gegenutopie" verwendet. "Dystopie" selbst ist fast ausschließlich ein medizinischer Fachterminus ( "Hodendystopie" )
Die Geschichte der Dystopien beginnt erst im Zeitalter der industriellen Revolution. Zwar gab es schon immer Gegner von Naturwissenschaft und technologischem Fortschritt, doch resultierte daraus nie eine Gegenutopie. Selbst die Fortschrittgläubigen zweifelten an den technologischen Möglichkeiten. Erst als ihre Vorstellungen von der Realität eingeholt wurden, bestand ein Grund, die technologische Weiterentwicklung und ihre Tendenzen anzugreifen.
Erste Ansätze finden sich hier bei E.T.A. Hoffmann und in Mary Shelleys Frankenstein.
Die Zerstörung des Fortschrittglaubens beginnt allmählich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dies lässt sich auf folgende Gründe zurückführen:
Eine dystopische Gesellschaft weist für gewöhnlich mindestens einen der folgenden Züge aus dieser nicht erschöpfenden Liste auf:
Wesentlich für dystopische Ökonomien ist die Ausrichtung auf Stabilität. Ferner ist die Ökonomie in dystopischen Gesellschaften so strukturiert, daß die Regierung oder das ökonomische System selbst immun gegenüber Veränderungen oder Störungen ist. Die Industrien arbeiten mit maximaler Effizienz und Kapazität, der erwirtschaftete Überschuß wird dabei vom Staat absorbiert. In dem Roman 1984 sind die lebensnotwendigen Güter rationiert, und der erwirtschaftete Überschuß wird vom immerwährenden "Krieg" gegen Eurasien oder Ostasien aufgesogen. In dem Roman Schöne Neue Welt von Aldous Huxley fließt der Überschuß in das extreme Konsumverhalten der Bevölkerung, zu dem die Bevölkerung gar von der Regierung ermutigt wird.
Viele Filme und literarische Werke über dystopische Gesellschaften weisen zumeist einige der folgenden Züge auf:
Um den Leser in den Bann zu ziehen, nutzen dystopische Fiktionen üblicherweise ein weiteres Mittel: Vertrautheit . Es reicht nicht, das Leben in einer Gesellschaft zu schildern, die unerfreulich erscheint. In der fiktiven dystopischen Gesellschaft müssen Elemente aus dem hier und jetzt anklingen, die dem Leser aus seinem eigenen Erfahrungshorizont bekannt sind. Wenn der Leser die Muster oder Trends identifizieren kann, die unsere heutige Gesellschaft potentiell in das fiktive Dystopia führen könnten, wird die Beschäftigung mit der Fiktion zu einer fesselnden und wirkungsvollen Erfahrung. Schriftsteller können Dystopias wirksam nutzen, um ihre eigene Besorgnis über gesellschaftliche Trends zum Ausdruck zu bringen. So basiert Orwells Roman 1984 auf Entwicklungen im Jahr seiner Niederschrift 1948, in dem sich bereits ein eisiges Klima im Nachkriegs-Europa abzeichnete. In ähnlicher Weise schrieb Ayn Rand ihre Erzählung "Die Hymne des Menschen" als eine Warnung vor der Unterordnung des Individuums unter den Staat oder "das Wir". Margaret Atwood schrieb Der Report der Magd als eine Warnung vor dem aufkommenden religiös-fundamentalistischem Totalitarismus in den USA und der Scheinheiligkeit des Feminismus der 1970er Jahre, der eher der Sache seiner Gegner in die Hände spielte.
Dystopische Fiktionen sind oftmals (aber nicht immer) ungelöst, i.e. die Erzählung handelt von Individuen, die unbefriedigt sind und eventuell rebellieren, aber letztlich in ihren Bemühungen, etwas zu verändern, scheitern. Nicht selten fügen sie sich am Ende den gesellschaftlichen Normen. Dieser erzählerische Bogen hin zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit ist bezeichnend für klassische dystopische Werke wie 1984. Diese stehen in krassem Kontrast zu Fiktionen, in denen ein Held erfolgreich Konflikte löst oder anderweitig Dinge zum Besseren kehrt. In jeder dystopischen Fiktion gibt es meist Teile der Bevölkerung, die nicht unter der vollständigen Kontrolle des Staates stehen, und in die der Held der Geschichte üblicherweise seine Hoffnungen setzt, um am Ende dennoch zu scheitern. In 1984 von George Orwell sind es die "Proles" (das Proletariat), in Schöne Neue Welt von Aldous Huxley sind es die Bewohner des Reservats. Schließlich, in der Dystopie Wir von Jewgeni Iwanowitsch Samjatin sind es die Menschen außerhalb der Mauern des "Einzigen Staates".
Ebenso wie die meisten Philosophen, Politikwissenschaftler und Schriftsteller die Idee einer perfekten Gesellschaft oder eines "Utopias" aufgegeben haben, haben viele auch Skepsis geäußert in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit eines realen Dystopias in der Fassung von Orwell und anderen. Obgleich es auch viele Staaten mit absolutistischem Machtanspruch in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, weisen Schriftsteller wie Gregg Easterbrook und andere darauf hin, daß solche Gesellschaften zur Selbstzerstörung tendieren oder aber von benachbarten Gesellschaften zerstört werden. Diktaturen und ähnliche Regime tendieren zur Kurzlebigkeit, da sie durch ihre Politik und ihre Handlungen kontinuierlich neue potentielle Gegner auf den Plan rufen.
Staaten mit absolutistischem Machtanspruch und fundamentalsozialistischen Tendenzen scheitern oft, so wird argumentiert, an der nicht handhabbaren Natur ihres ökonomischen Systems, welches nicht in der Lage ist, die Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Arbeit oder Einkommen sicherzustellen, und weniger an der Verfolgung ihrer eigenen Bürger.
Schon im 19. Jahrhundert gab es dystopische Szenarien (Bulwer-Lytton - Das kommende Geschlecht) doch blieben diese randständig. Im zwanzigsten Jahrhundert entsteht mit Samjatins Wir die erste 'klassische' Dystopie, in der gezeigt wird, wohin die etatistische Utopietradition führen kann, wenn sie auf dem technisch-naturwissenschaftlichem Stand des 20. Jahrhunderts aufbaut.
Der Krieg der Geschlechter von Jürgen Rabe
Das Regime der Frauen
Kampf um die Erde von L. Ron Hubbard
Der Elfenbeinturm von Herbert W. Franke
Die Ameisenkultur von T. J. Bass
Anthony Burgess bezeichnete in seinem Werk 1985 den Roman 1984 von Orwell als Kakotopie (von griech. "kakós", Kakón Neutrum: das Schlechte, Böse, Schlimme - keine Steigerungsform).
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