Ein Drehbuch (englisch screenplay oder script) ist die erzählerische Grundlage für die Produktion eines Films. Es wird von einem Drehbuchautor geschrieben, in geringer Auflage vervielfältigt und an die verschiedenen, an der Produktion beteiligten Mitarbeiter des Stabs weitergegeben. Welche Informationen es genau enthält ist von der persönlichen Bildsprache seines Autors abhängig. Ein "Industriestandard" bildet den allgemeinen Konsens über seine Form und definiert somit den künstlerischen Verantwortungsbereich des Autors. Die Elemente dieser Form bestehen aus:
Weil das Drehbuch der letzte schriftstellerische Arbeitsschritt vor der eigentlichen Filmarbeit ist, kann aus einem guten Drehbuch zwar ein schlechter Film werden; aus einem schlechten Drehbuch aber niemals ein guter Film. Der Grund dafür liegt darin, dass das Drehbuch den Film wesentlich bestimmt und definiert.
Plot, Storyline und Charaktere wurden in der Regel zuvor in einem ersten Treatment festgehalten. Aus dem Treatment wird dann von einem Drehbuchautor (bisweilen vom Regisseur des Films, durchaus aber auch von Autorenteams (bes. bei Fernsehserien)) das Drehbuch erstellt. Dieses wird in der Regel im Laufe der Produktion weiterhin verändert und umgeschrieben. So können Änderungen beispielsweise durch Probleme mit dem Budget, durch Vorschläge der Darsteller, durch Änderungswünsche der Produzenten und vieles mehr zustande kommen.
Drehbücher sind somit erst dann als solche abgeschlossen, wenn der Film, zu dessen Herstellung sie dienen, den Final Cut bekommen hat und von den Rechtehaltern veröffentlicht wird. Sie sind mithin während der Dreharbeiten als Work in Progress zu betrachten und dienen im Nachhinein nur dann zur Dokumentation des Entstehungsprozesses des Films, wenn die Änderungen der Phasen am Originaldokument einsehbar sind. Dies erschwert es Filmwissenschaftlern das Drehbuch als Produktionsinstanz in ihren Untersuchungen wissenschaftlich korrekt zu berücksichtigen. Aus dem gleichen Grund (das Problem der Zuordnung eines Autors) beschäftigen sich Literaturwissenschaftler selten mit Drehbüchern, ihr Augenmerk zielt eher auf den Vergleich zwischen Film und literarischer Vorlage. Das Drehbuch wird dabei für gewöhnlich außer Acht gelassen.
Bisweilen werden Drehbücher in Buchform herausgegeben. Dabei handelt es sich üblicherweise um bearbeitete Versionen desjenigen Stadiums des Drehbuchs, das dem filmischen Endprodukt am nächsten kommt. Daher ist das publizierte Drehbuch in aller Regel eher ein Buch zum Film als das eigentliche Drehbuch.
Der klassische (dramatische) Drehbuch-Plot zerfällt in drei Akte nach dem Held-Widersacher-Modell:
Diese Aufteilung geht u.a. auf Aristoteles zurück, der schon in seiner Poetik von Anfang, Mitte, Ende spricht.
Neben dem dramatischen Handlungsverlauf gibt es noch den epischen. Das epische (erzählende) Drehbuch ist freier in seiner Form. Es kann von Beginn an das ganze Geschehen überblicken, kann schon am Anfang wesentliche Entwicklungen vorwegnehmen und zusammenfassen oder auch zurückgreifen. Es spielt weniger mit der Handlung als mit der Vielfalt und der Ästhetik der Darstellung und ermöglicht so eine Entrücktheit, Möglichkeit zum Verweilen in Details (epische Breite) und stärkere Subjektivierung, die das Dramatische nicht leisten kann, da es sich ständig um den Konflikt und dessen Auflösung kümmern muss.
Im ersten Akt werden Haupt- und Widerstrebung eingeführt, die von einer (Innenkampf) oder zwei Parteien (Aussenkampf zwischen Protagonist und Antagonist) verkörpert werden. Der weitere Verlauf gipfelt dann in einem Wendepunkt: Der Plot entwickelt sich in eine unerwartete Richtung.
Der zweite Akt besteht im Kampf von Haupt- und Widerstrebung. Protagonistisches und antagonistisches Streben verfolgen Zwecke, deren zeitgleiche Verwirklichung sich ausschließt; eines wird dem anderen weichen müssen. Eine weitere unerwartete Plot-Entwicklung markiert das Ende des zweiten Aktes.
Im dritten Akt entscheidet sich, welcher Zweck auf Kosten welches anderen Wirklichkeit wird, und was daraus für ein Endzustand folgt.
Konkret geschieht nach ca. 15 bis 20 Minuten nach dem Filmbeginn der sogenannte Plot point. An dieser Stelle wird der Protagonist in die Handlung hineingerissen bzw. er wird zum Handeln gezwungen. Ebenso wird in diesem ersten Teil des Films geschildert, wer der Protagonist überhaupt ist.
Im ersten Akt tritt der Hauptcharakter mit seinem Problem auf, es ist in seinem Charakter verankert. Wir lernen ihn kennen. Der Beginn des Dramas wird durch eine Bedrohung der Hauptfigur signalisiert, den sog. "alternative Faktor". Dies ist die "Waffe des Antagonisten", die beim Protagonisten in folgenden sieben Formen auftreten kann:
Diese verleitet ihn zum Handeln. Die folgende Geschichte läßt sich in Serien von Konflikten, Hindernissen und Peripetien aufteilen, die in schrittweiser Eskalation zum Höhepunkt der Handlung führen.
Ein Grund für diese Vereinheitlichung besteht darin, dass bei einer Darstellung im Studioformat eine Seite des Drehbuchs rund einer Filmminute entspricht. Diese Faustregel ist aber umstritten; zum Beispiel dauert eine sehr dialoghaltige Seite im Drehbuch länger, als eine Seite Action. Ebenso hängt die Länge des Drehbuchs vom Schreibstil des Autors ab. Die erfahrensten Leser von Drehbüchern glauben, diese aufgrund ihres Gewichts und der Dicke in "zu lang", "gut" oder "zu kurz" einzuteilen.
Nachdem das Drehbuch in der Hand gewogen worden ist, wird der Leser oder Filmproduzent zur letzten Seite blättern, um die Anzahl Seiten zu bestimmen. Idealerweise sind Drehbücher 90 bis 120 Seiten lang; Komödien und Kinderfilme neigen aber dazu, eher weniger Seiten zu haben. Es ist eine geläufige, aber falsche Vorstellung, dass ein Drehbuch 120 Seiten lang sein sollte – tatsächlich sind 120 Seiten eher zu lang für die meisten Filme. 110 bis 115 Seiten lange Scripts haben offenbar die höchste Akzeptanz bei den Managern. Überschreitet ein Drehbuch die 120-Seiten-Grenze, dann handelt es sich entweder um das Werk eines unerfahrenen Autors, oder die Geschichte sollte von einem fähigen Regisseur – der auch in der Lage ist, mit den vielen Zusatzinformationen gut umzugehen – verfilmt werden.
Der Leser kann auch sofort sagen, ob ein Drehbuch im "Studioformat" geschrieben ist oder nicht, indem er nur einzelne Seiten ansieht. Hält sich das Drehbuch nicht an das Format, wird der Autor für unerfahren gehalten; das Drehbuch wird dann schnell zur Seite gelegt.
Drehbücher haben ein Titel- und Rückblatt aus Halbkarton, welches manchmal das Logo der Autorenagentur zeigt. Exemplare, die noch nicht umgeschrieben sind und direkt vom ursprünglichen Autor stammen, sind in ein rotes oder blaues Deckblatt gehüllt.
Sehr oft beginnt der eigentliche Entstehungsprozess mit einem Exposé, einer kurzen Schilderung der Idee. Diese umfasst etwa eine Seite. Diese Exposés können dann verschiedenen Filmproduzenten gesandt werden, welche dann den Auftrag geben, daraus ein Treatment zu erstellen, welches auf rund 10 bis 30 Seiten die Handlung detailreich ausführt; es können schon mehr oder weniger ausgereifte Dialoge darin vorkommen.
Wurde dann ein Treatment für gut befunden, geht es um das Erstellen des Drehbuches, welches 90 bis 120 Seiten lang ist und den nackten Dialog und die bare Handlung enthält. An jeder Stelle des Produktionsprozesses kann ein Exposé, ein Treatment oder ein Drehbuch zwecks Überarbeitung zurückgewiesen werden. Kann der ursprüngliche Autor den Text nicht mehr verbessern, wird dieser einem "Script-Doktor" übergeben.
Manche Autoren verzichten auf die dreistufige Vorgehensweise Exposé - Treatment - Drehbuch und beginnen direkt mit dem Drehbuch. Wieder andere erarbeiten erst dann den nächsten Schritt, wenn sie von einem Produzenten damit beauftragt wurden. In amerikanischen Großproduktionen werden bis zu 5% des Filmbudgets für das Drehbuch und die Verbesserung von Entwürfen ausgegeben. "Script doctors" verdienen bis zu 50.000 Dollar pro Woche.
Ist ein Drehbuch schließlich vom Produzenten genehmigt worden, wird das Drehbuch vom Regisseur und von anderen Personen ergänzt – etwa mit Angaben über das genaue Szenenbild und das Storyboard, also ein Buch mit Skizzen der einzelnen Szenenbilder, entsteht. Auch während den eigentlichen Dreharbeiten kann das Script umgearbeitet werden. Zu diesem Zweck findet ein "page lock" statt - das heißt, die Seitenzahlen der Arbeitsversionen bleiben gleich. Wird etwa der Dialog auf der Seite 15 des Drehbuches auf zwei Seiten verlängert, dann tragen beide Ersatzseiten die Nummern "15.1" und "15.2". So wird die Kommunikation zwischen den verschiedenen Stellen (Produzent, Regisseur, Spezialeffekte…) erleichtert.
Wenn während der Filmproduktionen Seiten geändert werden, dann haben die Seiten mit dem neuen, geänderten Inhalt eine andere Farbe. Auf dem Filmset trifft man also wahre Regenbögen von Drehbüchern an. Die Aufgabe diese Änderungen zu protokollieren, übernimmt der Script Supervisor.
Es gibt aber auch Ausnahmen: Einige sehr berühmte Autoren schreiben nur on spec, weil sie wissen, dass sie auf diese Weise mehr Geld verdienen können. Andere Schriftsteller tun dies, weil sie sich aus persönlichem Interesse sich viel fundierter um eine Geschichte kümmern können, ohne dass Manager und Produzenten dreinreden.
Ein Arbeitsauftrag kann ein originales Drehbuch umfassen, oder ein Drehbuch, welches auf einem anderen Werk (z.B. Die Gefährten (Film), einem anderen Film, einer Kurzgeschichte, einem Zeitungsartikel, einem Sachbuch, oder Tomb Raider) basiert. Eine Auftragsarbeit kann auch das "re-write", das Umarbeiten und Verbessern von existierenden Drehbüchern darstellen - dies ist auch die Art und Weise, wie ein großer Teil der heutigen Autoren ihr Geld verdienen. Das re-writing von Drehbüchern ist eine Kunst für sich und dazu extrem einträglich: Es kommt vor, dass die besten dieser "Script doctors" - welche das Vertrauen der Produzenten besitzen - 200.000 Dollar pro Woche verdienen. 50.000 Dollar pro Woche sind nicht selten.
Das Re-writing ist schwierig, weil die Produzenten oft eine sehr klare Vorstellung haben darüber, was mit einem Drehbuch nicht stimmt – aber sie in der Regel unfähig sind, zu sagen, wie es verbessert werden muss. Vom Schreiber wird also erwartet, dass er detaillierte Verbesserungsvorschläge innerhalb kürzester Zeit liefert. Während dem Re-write werden manchmal mehrere Autoren ausgewählt; jeder muss seinen eigenen Vorschlag abliefern. So wird im Wettbewerb bestimmt, welcher die besseren Fähigkeiten besitzt.
Die Arbeit des "going out", des Bekanntmachens und Werbens, ist extrem nervenaufreibend für den Autor. Die Agentur des Autoren wählt aus seiner Kartei eine Anzahl von möglichen Käufern – vom kleinen Independent-Filmer bis zu den Managern von großen Studios – und versucht dann, Interesse zu wecken. Das Skript wird zur gleichen Zeit an mehrere Leute versandt, damit sie über das Wochenende gelesen werden können. Diese Taktik soll den aus der Versteigerung bekannten "Bietkrieg" ankurbeln.
In wenigen Tagen wird so bekannt, ob ein Drehbuch überhaupt verkaufbar ist oder nicht. Wenn es echtes Interesse am Drehbuch gibt, verdient der Autor von wenigen Tausend bis zu einigen Millionen Dollar an seinem Werk. Wenn es die potentiellen Käufer nicht interessiert, liegt das Drehbuch oft wie tot im Wasser - weil es bereits in den Datenbanken der Studios und der Produzenten unter "gelesen, nicht interessant" vermerkt ist.
Es ist fast unmöglich, ein Filmstudio dazu zu bringen, ein bereits abgelehntes Drehbuch nochmals zu begutachten – auch wenn es massiv umgeschrieben worden ist. Ein populäres Bonmot unter den Filmemachern erzählt vom Manager, der den Titel der neuen Story ansieht, "Ich hab´s bereits gelesen" sagt, und dann in den Papierkorb wirft. Eine Strategie der Autoren besteht nun darin, vor dem Wiederversenden des Drehbuchs dessen Titel, Seitenzahlen und die Namen der Charaktere zu ändern – so, dass es bei der Datenbankrecherche nicht wiedererkannt wird.
Sollte ein Filmemacher wesentliche Teile seines Drehbuchs "gestohlen" haben, gibt es auch in Europa einen Schutz. Zwingend nötig ist, dass man die Entstehungszeit des eigenen Werkes belegen kann. Dies kann man etwa, indem man sich das Drehbuch per eingeschriebenem Brief selber zuschickt; der Poststempel und der Inhalt des Umschlags sind dann der Beweis.
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