Das Dorf bezeichnet eine kleine menschliche Siedlung, die ursprünglich durch eine landwirtschaftlich geprägte Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialstruktur gekennzeichnet ist. Charakterisierendes Kennzeichen ist nach wie vor die Landwirtschaft; doch sind auch Fischerdörfer, sogar Wanderhändler- oder Flößerdörfer bezeugt. Siedlungen, in denen heute (2004) kein Bauer mehr ansässig ist, sind streng genommen keine Dörfer, werden aber hier mit behandelt. In Deutschland sind die meisten Dörfer in Landgemeinden zusammengefasst.
In Bayern gilt gemäß der Entschließung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern vom 18. Oktober 1950 (Nr. I B1 - 68a 1) grundsätzlich jede Ansiedlung mit 10 oder mehr Wohngebäuden, die keine Stadt ist, als Dorf.
Die Form und der Aufbau der siedelnden Gemeinschaft sind abhängig von der Bodenart und deren Fruchtbarkeit, von der Wirtschaftsform und von den traditionellen Gewohnheiten und Eigenheiten der siedelnden Ethnie. Im Gegensatz zur Einzelsiedlung, eines Wohnplatzes, Haubargs, Einzelgehöftes oder einer Honschaft (vgl. auch die Eschflur) ist das Dorf eine Gruppensiedlung.
Historisch gewachsene Dorfformen
Nach
Grundriss, Lage, sozialökonomischer Funktion und Wirtschaftsweise werden Dörfer klassifiziert. Auf eine allzu einengende Einteilung in Haupt- und Nebenformen soll hier jedoch verzichtet werden, da die reine Dorfform kaum noch anzutreffen ist. Auf Besonderheiten, Parallelen soll in den einzelnen Hauptartikeln eingegangen werden. Spätestens im
20. Jahrhundert traten in den Dörfern
Zersiedelungsprozesse ein, wurden
Flure bereinigt, Felder zu großen Schlägen zusammengelegt ("Verkoppelung").
Eng im Zusammenhang mit den Dorfformen stehen die Flurformen. Zu den häufigsten Dorfformen der Erde gehören die Haufen-, die Reihen- und die Straßendörfer.
In manchen Teilen Amerikas, Australiens und Afrikas überwiegen Einzelsiedlungen. Die Dorfbildung in Mitteleuropa begann in der Jungsteinzeit mit den ersten Ackerbauern. Die Dörfer entstanden zunächst, wenn selbstständige, aber gewöhnlich untereinander verwandte Familien ohne gemeinsames Oberhaupt beieinander siedelten.
Grob unterscheidet man nach ungeregelten und geregelten Dorfanlagen, wobei letztere nur bei gelenkter, planmäßiger Kolonisation vorkommen.
Reihendorf
Surrein.jpeg
Ein
Reihendorf setzt ein langgestrecktes
topografisches Objekt wie eine
Straße oder einen
Weg, einen
Deich, ein
Tal oder
Höhenrücken, einen
Bach oder
Graben voraus, an dem die bäuerlichen
Siedlungsplätze, das heißt die
Höfe oder
Hofstellen in mehr oder minder regelmäßigen Abständen angelegt (aneinander ge
reiht) worden sind.
Meist sind Reihendörfer dadurch gekennzeichnet, dass, sofern die örtlichen Gegebenheiten und Geländebedingungen es ermöglichen, jeweils am Anfang und am Ende des Reihendorfes noch weiter gesiedelt werden, also noch weitere Hofstellen
angelegt werden können.
Zeilendorf
Ein
Zeilendorf besteht aus einer
Häuser- bzw.
Hofzeile, die regelmäßig und linear aneinander gereiht ist.
Moorhufendorf
Beim
Moorhufendorf handelt es sich um eine planmäßig angelegte Reihensiedlung des
16. und
17. Jahrhunderts. Das Moorhufendorf hat in der Regel eine Breitstreifenflur (Flurformtyp, bei dem Streifen von ca. 50-800 m Breite dominieren). Die Grenzen der Breitstreifen bilden Entwässerungsgräben.
Marschhufendorf
Ein
Marschhufendorf ist ein Reihendorf in Marschgebieten längs eines Entwässerungskanals. Der Landbesitz schließt in gereihten Längsstreifen an die Hofanlagen an. Marschhufendörfer gibt es besonders in den
Niederlanden und etwa seit dem
10. Jahrhundert in Norddeutschland in den Gebieten, in denen die Niederländer an der Entwässerung mitwirkten.
Waldhufendorf
Als
Waldhufendorf bezeichnet werden planmäßig angelegte Siedlungen des
Mittelalters, die durch (und zur!) Rodung angelegt wurden und die, ausgehend von den
badischen,
schwäbischen und
fränkischen Gebieten in
Süddeutschland, bei der
Kolonisierung in
Thüringen,
Sachsen,
Sachsen-Anhalt und
Schlesien sowie teilweise auch
Brandenburg und im nördlichen niederösterreichischen
Waldviertel eine wichtige Rolle spielten.
Hagenhufendorf
Hagenhufendorf.jpg
Ein
Hagenhufendorf oder
Bachhufendorf ist eine langgestreckte Siedlung, ähnlich dem
Reihendorf, entlang einer Straße, die parallel zu einem Bach verläuft, wobei die Straße nur einseitig bebaut wird, während auf der gegenüberliegenden Straßenseite die zu den Höfen gehörenden handtuchförmigen Ackerflächen von 20 bis 40 Morgen, die Hufe, liegen.
Die eingehägten Grundstücke, dienen als Bauerngarten und zur Kleintierhaltung. Der rückwärtig angrenzende Bach liefert das nötige Wasser. Idealerweise gibt es noch einen nahegelegenen Wald zur Brennholz- und Nutzholzgewinnung.
Straßendorf
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Ein
Straßendorf ist ein lineares, doppelzeiliges Dorf, dessen Häuser bzw. Gehöfte eine Straße in dichter Anordnung säumen.
Typischerweise sind die einzelnen Häuser bzw Gehöfte Giebelständig zur Straße angeordnet. Eine von der Hauptstraße abzweigende Straße ist oft eine Sackgasse die im Wald endet.
Siehe auch: Straßenangerdorf
Angerdorf
Ein
Angerdorf ist ein Dorf, dessen hervorstechendes Merkmal der
Anger, ein im Gemeindebesitz befindlicher Platz mit meistens einem Teich (Löschteich, Brunnen), ist. Angerdörfer kommen in Mitteleuropa vor allem auf Grundmoränenplatten und in Lößgebieten vor, in
Deutschland vor allem in Ost- und Ostmitteldeutschland.
Rundling, Rundplatzdorf, Rundweiler
Ein
Rundling, Rundplatzdorf oder auch regional
Rundweiler genannt, sind ländliche Siedlungen in Rundform, deren Verbreitungsgebiet sich auf den einstigen deutsch-slawischen Grenzraum beschränkt: westlich und östlich der
Saale und
Elbe, z. B. im Hannoverischen
Wendland. In den ehemals dauerhaft nur von
Slawen bewohnten Gebieten kommen Rundlinge nicht vor. Rundling, Rundplatzdorf, Rundweiler zählen sämtlich zu den
Platzdörfern. Rundlinge liegen häufig auf Spornen, die in die Niederungen der
Urstromtäler hineinragen. Der rundliche Platz in der Mitte ist nur über einen Weg an das Verkehrsnetz angeschlossen. Um den Platz sind wenige Bauernhöfe angeordnet. Daran schließt sich eine Streifengemengeflur an. Ob die Rundform sich erst allmählich aus zwei bis drei Höfen durch Teilung und Erweiterung entwickelte oder ob sie von vornherein angestrebt wurde, ist ungeklärt, ebenso ob sie aus Sicherheitsgründen oder in Anpassung an die vorwiegende Viehwirtschaft gewählt wurde.
Rundplatz.jpg
Ein typisches Beispiel ist Bugk, (slaw. "bug" oder "buk", dt. "Eiche"), im Landkreis Oder-Spree in Brandenburg. Aus einem Wegestern entstanden, auf einer kaum wahrnehmbaren Anhöhe in feuchtem, sumpfigen Gelände gelegen, stellt der Ort im Ortskern ein slawisches Rundplatzdorf dar.
Eine Besonderheit stellt dabei das Wurtendorf dar. Es gehört zu den Siedlungen, deren Gehöfte auf einen zentralen (Dorf-)Platz ausgerichtet sind. Das Wurtendorf entstand in der Regel auf einem künstlich vom Menschen aufgeschütteten Erdhügel, der als Siedlungsplatz für eine Einzel- oder Gruppensiedlung dient. Der Hügel sollte das Dorf schützen (vor Sturmfluten/Hochwasser etc.). Dieser Siedlungstyp kommt vor allem an Marschenküsten vor, mitunter auch an Flussläufen. Wurtendörfer entstanden vor allem im 7. und 8. Jahrhundert.
Haufendorf
Heudorf bei Messkirch um 1575 Haufendorf.jpg
Ein Haufendorf ist ein geschlossen bebautes Dorf mit unregelmäßigem Grundriss und häufig unterschiedlich großen Höfen. Haufendörfer entstanden in Mitteleuropa durch Zusammenwachsen benachbarter Weiler oder Gehöfte in Verbindung mit Bevölkerungswachstum und Siedlungskonzentration bereits im Mittelalter. Natürlich unterscheiden sich auch Haufendörfer. Je nach Erbschaftsformen in der Region sind sie locker gestaltet (bei
Anerbenrecht) bzw. nach und nach dicht verbaut (bei
Realteilung). Sie haben dabei meist einen unregelmäßigem Grundriss um einen zentralen Teich oder Platz. Gliederbar in Dorfkern, Ackerflur und
Allmende.
Kolonistendörfer in Brandenburg
Die Brandenburger
Kolonistendörfer entstanden nach
1157 im Zuge der von
Albrecht dem Bären und seinem Sohn
Otto I. betriebenen Ansiedlungspolitik. Die beiden ersten brandenburgischen
Markgrafen versuchten mit dieser Politik erfolgreich, die
1157 eroberte und gegründete
Mark Brandenburg, die noch in weiten Teilen von
slawischen Stämmen bewohnt war, zu christianisieren und endgültig zu stabilisieren. Die Kolonisten kamen überwiegend aus der
Altmark und aus
Flandern. Die Dörfer wurden in der Regel als Reihendorf oder Rundling mit Wald-, Wiesen- und Ackerhufen angelegt, vereinzelt gab es dreieckige Sackgassendörfer wie
Gröben bei
Ludwigsfelde.
Streusiedlung
Streudorf.jpg
Eine
Streusiedlung ist eine nicht geschlossene Siedlung, die aus weit auseinanderliegenden Bauernhöfen und Weilern ohne eigentlichen Ortskern bestehen. Streusiedlungen kommen des Öfteren im
Schwarzwald vor und sind oft durch spontane Besiedlung zu Stande gekommen. Eine Streusiedlung ist nicht planmäßig angeordnet. Streusiedlungen sind auch die typische Dorfform der
Walserkolonien in den
Alpen.
Eisenbahnsiedlung
Die
Eisenbahnsiedlungen entstanden vor allem in der 2. Hälfte des
19. Jahrhunderts bis zum Anfang des
20. Jahrhunderts. Wesentliche Voraussetzung war das Vorhandensein der
Eisenbahn und ihr netzmäßiger Ausbau als Komponente der
Infrastruktur.
Neuere Dorfformen
Nach dem
Zweiten Weltkrieg bildeten sich wegen des Anwachsens des
Tourismus als Wirtschaftszweig, wegen des Absterbens klassischer
Handwerkszweige, wegen der größer gewordenen Mobilität und wegen der größer gewordenen Sensibilität der Menschen gegenüber der Umwelt und einzelner sozialer Gruppen und sogar einzelner Tiere eine ganze Reihe verschiedenartiger "Dörfer", die nicht mehr der klassischen Siedlungspolitik zu zuordnen sind. Der Begriff Dorf wird in diesem Zusammenhang herausgestellt, um die Interaktion des Menschen mit seinen Mitmenschen, mit der Umwelt, um die menschlichen Traditionen und Gewohnheiten zu verdeutlichen.
Es sind dies in einer unvollständigen Aufzählung:
In der
DDR gab es ein
Dorf der Jugend.
Soziale Strukturen, Soziologisches
Hierarchie (historisch)
In der dörflichen sozialen
Hierarchie standen die wohlhabendsten Bauern an der Spitze. Der Besitz von Pferden stellte den höchsten Reichtum dar (fast Luxus:
Das Pferd frisst, was es einbringt), so dass man die
Gespannbesitzer von den Kuhbauern unterschied. Pferde konnten sich meist nur die sogenannten Vollbauern (
Hufner) leisten. Daneben gab es die landwirtschaftliche Kleinbetriebe (Häusler, Kötter, Seldner...), die über die Nutzung des eigenen Landes hinaus freie Arbeitskraft für die Vollbauern bereitstellten, sowie bis in die 1970er Jahre die traditionellen dörflichen Handwerks- und Dienstleistungsberufe (
Müller,
Grobschmied; Stellmacher(bearbeitet die horizontalen Flächen einer Transporteinheit - Holz Gestell); Wagner(beschäftigt sich in der Regel ausschließlich mit der Herstellung der Räder eines Wagens); Gastwirt (Krüger) ...), aber eben auch
Bäcker,
Fleischer,
Tischler,
Zimmermann,
Dachdecker u.v.a. 2004 sind in der
Bundesrepublik Deutschland diese Berufe aus dem Dorf praktisch verschwunden, zusammen mit dem
Einzelhandelsgeschäft (Gemischtwarenladen), der Post usw. Dies ebenso wie das ländliche Hofgesinde (
Knecht und
Magd), und zuunterst in der Rangordnung die Dorfarmen und -irren. Der Großteil der Beschäftigten ist hauptberuflich außerhalb der Landwirtschaft tätig und meist in den nächstgelegenen Städten oder zentralen Orten. Außerdem entstanden in den Dörfern einige neue Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe (Elektriker- und Reparaturwerkstätten, Fuhrbetriebe, Tankstellen etc.).
Dorfgemeinschaft
Eine Dorfgemeinschaft zeichnet sich aus durch soziale Beziehungen (
Nachbarschaftsbeziehungen, soziale Kontrolle), feste Strukturen und Normen (
Sitten,
Brauchtum,
Feste,
Vereinswesen, etc.) bis hin zur ländlichen Architektur, Bekleidung, Nahrung usw. Auch die Entwicklung der Bevölkerung blieb an die verfügbare Nutzfläche gebunden. Das Gleichgewicht wurde dadurch aufrecht erhalten, dass ein Teil der Bevölkerung keine
Familien gründete oder auswanderte. Mit beginnender
Industrialisierung fand der nichtbäuerliche Teil der dörflichen Bevölkerung durch
Heimarbeit eine zusätzliche Einnahmequelle. In Südwestdeutschland wurde durch eine breitgestreute Ansiedlung kleinerer Industriebetriebe relativ früh eine größere Zahl außerlandwirtschaftlicher Dauerarbeitsplätze geschaffen. Heute bildet das überwiegend landwirtschaftlich bestimmte Bauerndorf die Ausnahme.
Soziologisch wird das Dorf empirisch vor allem in der
Gemeinde- und
Agrarsoziologie untersucht (tlw. auch in der
Entwicklungssoziologie), konzeptionell ist dafür besonders auf den Begriff "
Gemeinschaft" zu verweisen.
Siehe auch
metaphorische Redewendungen
Dorf |
Agrarsoziologie |
Soziales Netzwerk |
Volkskunde
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