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Dore Hoyer (* 12. Dezember 1911 in Dresden; † 31. Dezember 1967 in Berlin) war neben Mary Wigman die bedeutendste deutsche Ausdruckstänzerin des 20. Jahrhunderts.

Leben


Jugend


Dore Hoyer hatte drei ältere Brüder, eine liebevolle, aber schwache Mutter und einen sehr autoritären, jähzornigen Vater, unter dem die ganze Familie litt. So früh wie möglich verließen deshalb alle Kinder das Elternhaus. Nur mit dem ältesten Bruder blieb sie verbunden.

Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges kam sie zur Schule und erlebte also den Krieg, die Zeit der Unruhen, der nach dem Krieg an Grippe und Unterernährung Sterbenden, des Hungers und des gesellschaftlichen Umbruchs auf allen Ebenen als ihre Kindheit. Auch ihr Vater verlor in der Inflation wie so viele das kleine Vermögen, das er gespart hatte.

Als sie zwölf Jahre alt war, regte eine Lehrerin Gymnastikunterricht an, zur körperlichen Ertüchtigung und weil sie die Begabung des Mädchens für Bewegung sah. Dore Hoyer bekam ein Stipendium, da der Vater den Unterricht nicht hätte bezahlen können. Von dieser ersten intensiven Begegnung mit der Kunst der Bewegung an wurde der Tanz zu ihrem Lebensinhalt. Immer wieder hat sie später gesagt, dass sie nur lebe, wenn sie tanze. Und als sie nicht mehr tanzen konnte, weil ein Knie, das schon lange Probleme gemacht hatte, es auf gar keine Weise mehr zuließ, nahm sie sich selbst das Leben.

Mit sechzehn Jahren bekam sie wiederum ein Stipendium für die Ausbildung zur Gymnastiklehrerin bei einer Schülerin von Emile Jaques-Dalcroze. Schöpferische Selbstgestaltung war Teil des Schulprogramms. Mit ihrer Lehrerin und dann Freundin Ilse Homilius zusammen erarbeitete sie Choreographien für ihre ersten gemeinsamen Bühnenauftritte. „(Sie) entzückten durch wohlgestaltete Tanzvorführungen“, heißt es in einer Kritik.

1930 (mit neunzehn Jahren) bestand Dore Hoyer die Prüfung zur Gymnastiklehrerin und meldete sich zur weiteren Tanzausbildung in der 1924 gegründeten Palucca-Schule an. Dresden wurde damals zum Mittelpunkt des Ausdruckstanzes. Hier konnte sich ihr großes eigenes Gestaltungsvermögen entfalten. Für ihren Lebensunterhalt musste sie in dieser Zeit selbst sorgen, was wegen der Inflation und der Arbeitslosigkeit, die überall herrschte, keineswegs leicht war.

Vorkriegszeit

Nach dem Examen 1931 begann das abwechslungsreiche und unruhige Leben, das sie bis zu ihrem Tod 1967 führte. Eigentlich wollte sie nur ihre eigene kreative Arbeit tun, ihre Tänze choreografieren und damit auftreten, nahm jedoch, um den Lebensunterhalt zu verdienen, ein Engagement in Plauen an, wo sie nur in Operetten tanzen musste, was ihr in keiner Weise entsprach. 1933 wurde ihr ein Ballettmeisterposten in Oldenburg angeboten, in dem sie zwar einiges selbst choreografieren konnte, aber es ging doch wieder nur um Tanzeinlagen in Opern und Operetten. Ein Jahr hielt sie durch. Danach entwarf sie nur noch ihre eigenen Solo-Programme, wurde teilweise von Freunden unterstützt, und schlug sich recht und schlecht so durch. Mit kurzen Unterbrechungen während des Krieges, in denen sie aus der Not und der allgemeinen Lebenssituation heraus noch einmal kurz in Dresden und dann in Graz ähnlich unbefriedigende Theaterengagements annahm, blieb sie von da an bei der eigenen schöpferischen Arbeit.

Freundschaft und Liebe spielten für Dore Hoyer eine große Rolle. Ihre Freundschaften mit anderen Tänzerinnen waren beständig und von Dauer, auch über räumliche Trennungen hinweg, wie mit ihrer Lehrerin an der Palucca-Schule, Irma Steinberg, die 1933 emigrierte. Die engste und intensivste, aber auch sehr schwierige Beziehung, weil sie selbst oft sehr verletzbar und in düsterer Stimmung war, immer wieder quälende Auseinandersetzungen herbeiführte, hatte sie zu der Tanzpädagogin Waltraut Luley, die sie 1955 kennenlernte. Die Freundin hielt jedoch beständig zu ihr und unterstützte Dore Hoyer auch tatkräftig als freiwillige Managerin.

Die tiefste und nachhaltigste Liebe zu einem Mann erlebte Dore Hoyer, als sie mit zwanzig Jahren den achtzehnjährigen Musiker und Komponisten Peter Cieslak kennenlernte. In einer ehemaligen Fabrik lebten sie in einem Zimmer zusammen, gingen in ihrer Liebe und ihrer schöpferischen Arbeit auf. Die Enge störte sie aber auch, und sie gerieten häufig in Konflikte, waren noch zu jung, um mit den Verletzbarkeiten des anderen umzugehen. Er komponierte 1932 für sie die Musik zu Ernste Gesänge, und sie hatten viele Pläne für das gemeinsame Tun. 1935 war die Beziehung so schwierig geworden, dass Dore Hoyer sich von ihm trennen wollte. Weil er sie verzweifelt darum bat, kehrte sie zu ihm zurück. Am 5. April 1935 nahm er sich jedoch das Leben. Dieser Schmerz und das Schuldgefühl, ihm gegenüber versagt zu haben, begleiteten sie bis zum Ende ihres Lebens. Sie ging noch mehrmals Beziehungen mit Männern ein, doch in keiner wurde sie glücklich, und keine dauerte lange.

Krieg und Nachkriegszeit

Vom Nationalsozialismus ließ Dore Hoyer sich nicht vereinnahmen, war 1933 auch noch zu unbekannt, um für die Machthaber von Interesse zu sein. Wie ihre Freunde war sie sozialistisch-kommunistisch ausgerichtet. Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebte sie zuerst in Dresden, gründete in der ehemaligen Wigman-Schule ein eigenes Atelier, in das viele Tänzerinnen kamen, um mit ihr zusammenzuarbeiten. So entstand der Zyklus Tänze für Käthe Kollwitz. In dieser Zeit war Dore Hoyer politisch sehr engagiert, wollte mitarbeiten, eine humane und gerechte Gesellschaft zu schaffen und dem künstlerischen Tanz darin einen Platz zu geben, geriet jedoch mit ihren Tänzen mehr und mehr in Konflikt mit dem Sozialistischen Realismus, der von allen Künstlern gefordert wurde und gerade die Ausdruckstänzerinnen und -tänzer dazu brachte, die DDR zu verlassen. Im September 1948 verließ deshalb auch Dore Hoyer Dresden für immer. Im Westen blieb sie politisch wach und interessiert, was in vielen ihrer Briefe zum Ausdruck kommt, und gehörte zum Beispiel zu den Gründungsmitgliedern der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Reifejahre in der BRD

Der Ruf an die Hamburgische Staatsoper 1949 durch den Intendanten Günter Rennert erfüllte sie mit großen Erwartungen für sich und den modernen Tanz, die jedoch schon bald enttäuscht wurden, da die Tänzer und Tänzerinnen des Ensembles ihr großen Widerstand entgegenbrachten und sich auf ihre Vorstellungen zu wenig einlassen konnten. Dennoch gab sie in diesen drei Jahren dem Tanztheater wichtige neue Impulse. Ihr Stück Der Fremde, eine Art Totentanz wurde in den Kritiken mit dem berühmten Stück Der grüne Tisch von Kurt Joos verglichen. Sie selbst hielt es für eine ihrer wichtigsten Gruppenchoreografien. Es hat deutlich biografische Bezüge und stellt das für sie so schwierige Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft dar.

Danach bestand ihr Leben aus Inszenierungen an verschiedensten Bühnen, zu denen sie eingeladen wurde, aus der Arbeit an immer neuen Soloprogrammen mit deren Aufführungen und aus weltweiten Reisen.

Die beglückendsten und erfolgreichsten Reisen unternahm sie in den 50er Jahren immer wieder nach Südamerika.

1957 vermittelte ihr Mary Wigman eine Einladung zum „American Dance Festival“ des Connecticut College in New London. Dort trat Dore Hoyer mit etlichen amerikanischen Modern-Dance-Tänzern auf. Ihre Tänze wurden mit Begeisterung aufgenommen, bis auf einige, die den Amerikanern „zu sentimental“ waren, während ihr wiederum in den Tänzen der Amerikaner Gefühle und das Intime und Stille fehlten. Sie erlebte sie als „nur motorisch, dramatisch und grotesk“. Nur José Linnon mit seiner Gruppe bildete die Ausnahme. New York erlebte sie als „die Hochburg des modernen Tanzes, wie es das in Deutschland nicht mehr gibt“. (Briefzitate nach Müller/Peter/Schuldt a.a.O. S.59).

Spätzeit

In den späten 50er und in den 60er Jahren wurde das Leben für Dore Hoyer immer schwieriger. Das Interesse für den Solo-Ausdruckstanz ging in Deutschland tatsächlich deutlich zurück. Ihre Tanzabende wurden vom großen Publikum oft nicht mehr wahrgenommen, während in Südamerika jedesmal 2500 Plätze lange im voraus ausverkauft waren, wenn sie auftrat. Die Hoffnung, dort eine subventionierte Tanzgruppe aufzubauen, zerschlug sich jedoch auch. Dazu kam, dass sie 1954 einen Unfall gehabt hatte, bei dem ein Knie nachhaltig verletzt wurde, so dass sie sehr oft nur unter Schmerzen tanzen konnte. Sie nahm jedoch keine Rücksicht darauf und verlangte ihrem Körper weiterhin das Äußerste ab. 1966 machte sie mit Der große Gesang eine Reise durch Ostasien, wurde überall herzlich aufgenommen, hatte aber den Eindruck, dass ihre Kunst nicht verstanden wurde.

Ihre letzte Vorstellung gab sie am 18. Dezember 1967 in Berlin, 56 Jahre alt, nur mit Hilfe von Schmerzmitteln den Abend durchstehend. Den großen Saal hatte sie persönlich gemietet, auch die Werbung allein betrieben. Es kamen jedoch nur wenig mehr als hundert Zuschauer. Ihr blieb ein Schuldenberg. Und sie wußte, dass sie mit dem Knie nicht länger tanzen konnte. Am 31. Dezember 1967 nahm sie sich mit einem Gift, das sie aus Südamerika mitgebracht hatte, das Leben.

Die Tänze (eine Auswahl):


In den 30er und 50er Jahren nahm Dore Hoyer einige Male an Tanzprojekten von Mary Wigman teil, der bis dahin stärksten und bedeutendsten Ausdruckstänzerin, die den expressionistischen Tanz überhaupt erst entwickelt hat. Sie tanzte zum Beispiel in deren Inszenierung von Strawinskys Le sacre du printemps die Hauptrolle des „Opfers“. Beide schätzten die andere als Künstlerin sehr, waren aber sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Mary Wigman war stark, unternehmungslustig und sehr erfolgreich mit weltweiter Wirkung. Dore Hoyer war nur in ihrem Tanz stark, aber ein zerrissener, immer in extremen Lebenssituationen und Gefühlen lebender, oft sehr unglücklicher Mensch. Ihrer Kunst gab gerade das die Intensität, die Ausdruckskraft und Besonderheit ihrer Gestaltungen. Das wird auch an den Titeln ihrer bedeutendsten Tänze deutlich:

Monolog
Raum atmen
Lust empfinden
Leid erfahren
Angst bekämpfen
Ruhe finden

Affectos humanos (Menschliche Leidenschaften)
Ehre/Eitelkeit
Begierde
Haß
Angst
Liebe

Gesichte unserer Zeit
so fern – so weit
unabwendbar
gezeichnet
motorisch

Ihre Sehnsucht und ihre Kraft zur Ekstase kamen besonders deutlich zum Ausdruck im:

Bolero zu der Musik von Maurice Ravel. Da drehte sie sich zwanzig Minuten lang auf einer Stelle, nur mit immer neuer Gestalt und unerhört sich steigernder Intensität.

und in:

Der große Gesang
Tanz der göttlichen Besessenheit
Tanz der lauteren Einfalt
Tanz der brutalen Gewalt
Tanz der erhabenen Trauer
Tanz der klärenden Besinnung
Tanz der zwei Gesichter
Tanz der menschlichen Besessenheit

Manche ihrer Tänze hatten etwas sehr Weibliches, nicht nur als Thema, sondern auch in ihrer Bewegung und Dore Hoyers Aussehen und Wirkung, z.B. der Zyklus Mütter oder Ruth aus Biblische Gestalten.

Sehr wenige waren heiter und spielerisch, besonders das tänzerische Ergebnis ihrer Reisen nach Brasilien: Südamerikanische Reise, denn sie hatte sich in das Land verliebt, in die Schönheit der Natur, in die farbige Fülle des Lebens, die Tanzbegeisterung, obwohl sie die krassen gesellschaftlichen Unterschiede, Korruption und Armut sehr wohl auch wahrnahm.

Meistens wirkte sie jedoch bis in den Körper und das Kostüm hinein und die Haare unter einer eng anliegenden Kappe verborgen androgyn, also fast abstrakt, weder männlich noch weiblich, sehr bizarr in Haltung, Schritten und Gesten, mit hohen Sprüngen und von den Füßen in den Boden rasant getrommelten, wie gepeitschten Rhythmen (z.B.: Affectos humanos), andererseits im fließenden goldschimmernden Gewand in weitem Umkreisen der Bühne wie durch die Ewigkeit fliegend (Der große Gesang).

1951 wurde Dore Hoyer der Deutsche Kritikerpreis verliehen. In der Begründung heißt es unter anderem:

“Unter allen deutschen Tänzerinnen der Nachkriegszeit ist Dore Hoyer die stärkste Persönlichkeit, und sie hat mit ihrer fünfteiligen Suite Der große Gesang als Solistin das bedeutendste und geschlossenste Kunstwerk auf der Tanzbühne geschaffen. Was Dore Hoyer in ihrer Kunst vertritt, ist modern. ... Sie ist auf dem Gebiet der deutschen Tanzkunst nach dem Krieg das geworden, was andere Gebiete kaum aufzuweisen haben, eine Erscheinung von europäischem Format und heute in der ganzen Welt in Bedeutung im modernen Tanz nur mit der Amerikanerin Martha Graham zu vergleichen.“ (zitiert nach Müller/Peter/Schuldt a.a.O., S. 45)

1936 hatte sich ein junger Pianist und Schlagzeugspieler Arbeit suchend Dore Hoyer selbst vorgestellt. Daraus wurde die beständigste und fruchtbarste Zusammenarbeit. Dimitri Wiatowitsch blieb dreißig Jahre lang bis zu ihrem Tod ihr Begleiter und ab Ende des Krieges auch ihr Komponist für Musik zu ihren Tänzen.

Nachwirkung:


Ende des 20. Jahrhunderts erscheint eine ausführliche Biografie und Werkanalyse über Dore Hoyer in Buchform. (siehe Müller/Peter/Schuldt a.a.O.). Anfang des 21. Jahrhunderts schreibt Frank-Manuel Peter seine Dissertation über diese große Tänzerin. Garnet Schuldt-Hiddemann leitet ein Forschungsprojekt über Dore Hoyer.

Für die Choreografin und Solotänzerin Susanne Linke, die noch bei Mary Wigman studiert hat, ist Dore Hoyer das große Vorbild. Ebenso wie Michaela Fünfhausen erarbeitet sie sich die Choreografie von Affectos humanos aus dem Gedächtnis, nach Filmmaterial und den vorhandenen Aufzeichnungen neu. Beide Tänzerinnen treten darin mit Erfolg auf.

Siehe auch


Literatur


  • Hedwig Müller / Frank-Manuel Peter / Garnet Schuldt: Dore Hoyer: Tänzerin. Hentrich Berlin 1992 ISBN 3894680121
  • Garnet Schuldt-Hiddemann: Ganz oder gar nicht: Dore Hoyer; In: Amelie Soyka (Hrsg.): Tanzen und tanzen und nichts als tanzen, Tänzerinnen der Moderne von Josephine Baker bis Mary Wigman. Aviva Berlin 2004

Weblinks


Frau | Deutscher | Tänzer | Choreograf (Moderner Tanz) | Geboren 1911 | Gestorben 1967

 

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