Die Dolchstoßlegende war in der Zeit der Weimarer Republik eine auf einer Propagandalüge fußende politische Verschwörungstheorie aus dem deutschnational gesinnten Umfeld und der extremen Rechten. Sie besagte, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg „im Felde unbesiegt“ geblieben und hätte durch die Novemberrevolution von 1918 einen „Dolchstoß von hinten“ (aus der Heimat selbst) erhalten.
Der Begriff geht auf einen Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember 1918 zurück, worin der britische General Sir Frederick Maurice mit folgenden Worten zitiert wurde:
Als Beleg verwies er neben dem erwähnten General Maurice auf seinen ehemaligen Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Dabei erwähnte er nicht, dass dieser und er selbst die Reichsregierung am 29. September 1918 ultimativ aufgefordert hatten, Waffenstillstandsverhandlungen mit Präsident Wilson aufzunehmen, nachdem die Sommeroffensive von 1918 gescheitert war und Österreich-Ungarn um Waffenstillstand gebeten hatte. Nach einem Nervenzusammenbruch aufgrund der völlig hoffnungslosen und desolaten Lage an der Westfront hatte Ludendorff seinen Offizieren schon am Abend dieses Tages – also fünf Wochen vor Ausbruch der Revolution – gesagt, er habe
Geschürt wurde die Legende von der Zersetzung im Innern durch den Umstand, dass die Bitte um Waffenstillstand zu einem Zeitpunkt erfolgte, als das deutsche Heer immer noch weit in Feindesland stand und kein Soldat der Entente deutschen Boden betreten hatte. Der Abzug der deutschen Truppen vollzog sich selbstständig und geordnet, was den Eindruck vermittelte, dass das Heer nicht aus reiner Not, sondern auf Grund einer politischen Entscheidung heimkehrte. Dass diese Entscheidung in einer militärisch völlig ausweglosen Notlage und zu dem Zweck gefallen war, eine feindliche Besetzung Deutschlands, einen völligen Zusammenbruch der Front und ein ungeordnetes Zurückfluten der deutschen Soldaten zu verhüten, war somit nicht unmittelbar erkennbar. Die Propaganda der kaiserlichen Regierung hatte zudem über vier Jahre den bevorstehenden Sieg in leuchtenden Farben ausgemalt. Der Sieg über Russland im Friedensdiktat von Brest-Litowsk am 3. März 1918 schien diese Propaganda zu bestätigen. Bei den Waffenstillstandsverhandlungen von Compiègne war die Regierung außerdem gezwungen, die Bitte um ein Ende der Kämpfe als politische Entscheidung darzustellen, da eine Kritik an den Generälen und ein Eingestehen der militärischen Niederlage die Verhandlungsposition noch weiter geschwächt hätten.
Hinzu kam, dass sich Politiker der Linken und der Mitte in ähnlicher Weise äußerten: Der Vorsitzende des Rats der Volksbeauftragten, der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert begrüßte die heimkehrenden deutschen Soldaten mit dem Ausruf, sie seien „im Felde unbesiegt“ geblieben, und der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer vom Zentrum bescheinigte der Reichswehr, sie kehre „nicht besiegt und nicht geschlagen“ in die Heimat zurück.
Auf der äußersten Linken wurde die Revolution sogar explizit mit dem eigenen Wirken erklärt. Der sowjetische Außenminister Tschitscherin behauptete:
Die Deutschnationalen, die so genannten Völkischen und die Nationalsozialisten griffen die Dolchstoßlegende begierig auf, verknüpften sie mit der These, Deutschland sei unschuldig am Ausbruch des Ersten Weltkriegs und nutzten sie propagandistisch für ihre Zwecke aus. Denn wenn das angeblich unbesiegte deutsche Heer durch einen „Dolchstoß“ der Linken um den Sieg gebracht worden sei, dann hätten die Revolutionäre vom November 1918 und die demokratischen Politiker Schuld an der Niederlage und am folgenden Versailler Vertrag. Sie wurden deshalb als „Novemberverbrecher“ bezeichnet, die durch ihren „Verrat“ die Niederlage Deutschlands verschuldet hätten.
Die Dolchstoßlegende und die damit verbundene Rede von den „Novemberverbrechern“ war eine schwere Belastung für die junge Weimarer Demokratie. Sie trug wesentlich dazu bei, die staatstragenden Parteien der Weimarer Koalition in der Öffentlichkeit zu delegitimieren und trug zur Zerstörung der Republik bei.
Die Dolchstoßlegende spielte vor allem auch in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs eine verhängnisvolle Rolle. Viele Offiziere lehnten es ab, sich an einem von einigen Angehörigen der Wehrmacht (beispielsweise im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944) geplanten Putsch gegen Hitler zu beteiligen – auch als es keine Chancen auf einen militärischen Sieg mehr gab –, weil sie das Entstehen einer neuen Dolchstoßlegende fürchteten.
Erster Weltkrieg | Politisches Schlagwort | Weimarer Republik | Verschwörungstheorie
Dolchstoßlegende | Dolchstoßlegende | Dolchstosslegende | Dolkstootlegende | Dolkestøtlegenden | Легенда о убоду у леђа | Dolkstötslegenden | 刀刺在背传说
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Dolchstoßlegende".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world