Zwölftonmusik im engeren Sinne wird eine Musik genannt, wenn sie auf Grundlage einer Zwölftontechnik bzw. einer "Zwölftonreihe" komponiert wurde. Im weiteren Sinne versteht man unter Zwölftonmusik Musik, in der auf mehr oder minder engem Raum alle zwölf Töne vorkommen. Diese weiter gefasste Art von zwölftöniger Musik gibt es auch in tonaler Musik etwa seit dem 16. Jahrhundert. Zwölftonmusik im engeren Sinne ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Hier nimmt sie die Stelle der Tonalität als musikalisches Ordnungsprinzip ein. Zwölftontechnik ist eine Methode der bewussten kompositorischen Anwendung von allen zwölf Tönen des gleichstufig temperierten Tonsystems, in der Regel unter dem Anspruch der tendenziellen Gleichberechtigung aller Töne (Atonalität). Da diese bewusste Anwendung ebenso wie das Hörerlebnis sehr unterschiedlich sein kann, kann von einer Zwölftontechnik als solche keine Rede sein, vielmehr gibt es eine große Vielfalt an Techniken. Zwölftonmusik ist damit kein Musikstil (wie z.B. der Impressionismus) oder eine Musikrichtung, sondern sie bezeichnet vielmehr eine dem Musikstück zu Grunde liegende Denkweise oder Kompositionsmethode.
Zwölftonmusik und Zwölftontechnik sind allgemeine, stilübergreifende Begriffe. Hingegen wird der Ausdruck Dodekaphonie üblicherweise mit der Technik der "Komposition mit 12 Tönen", wie sie von Arnold Schönberg entwickelt wurde, assoziiert.
Als wichtig für Entwicklung und v.a. theoretische Untermauerung der Zwölftontechnik ist an dieser Stelle sicher auch der deutsche Sozialphilosoph Theodor W. Adorno (1903-1969) zu nennen, der die Zwölftontechnik als die progressive Antwort auf die in seinen Augen reaktionär gewordene Tonalität interpretierte und auch selbst Stücke, die auf der Zwölftontechnik basieren, komponierte. Allerdings war sein Umgang mit den Zwölferreihen nie so strikt wie etwa bei Schönberg, sondern er verteidigte, auch theoretisch, eine gewisse künstlerische Freiheit, die er von einem zu orthodoxen Umgang mit der Zwölftontechnik in Gefahr geraten sah. So erweiterte er z.B. für die Vertonung des Trakl-Gedichts "Entlang" (op. 5, Nr. 4) die Tonreihe auf 98 Töne.Stefan Müller-Dohm, "Adorno", Eine Biographie
Hauer entwickelte 1919, ausgehend von seiner "Klangfarbentheorie", die Forderung nach einer Klangfarben-Totalität innerhalb einer atonalen Melodie, deren "Gesetz" darin besteht, "dass innerhalb einer gewissen Tonreihe sich kein Ton wiederholen und keiner ausgelassen werden darf" (Vom Wesen des Musikalischen, 1920 - Dies ist zugleich die früheste Beschreibung einer Zwölftonreihe). Sein "Nomos" op.19 (1919) gilt als erste Zwölftonkomposition überhaupt. Hauer entwickelte im Jahr 1921 die 44 Tropen, ein Ordnungssystem im Zwölftonraum, mit deren Hilfe das Überschauen und bewusste Anwenden der Eigenschaften (z.B. Symmetrien) aller möglichen Zwölftonreihen (12! = 479.001.600) möglich ist. 1926 erfolgte die Entwicklung des zwölftönigen Kontinuums, einer aus der Zwölftonreihe heraus gebildeten Akkordfolge, die weiterhin als Grundlage einer Komposition verwendet wird. Seine Kompositionen zwischen 1919 und 1940 basieren weitestgehend auf Varianten einer Bausteintechnik, auf Tropentechnik oder auf der Kontinuum-Technik. Nach 1940 schreibt Hauer, aufbauend auf seinen philosophischen Überlegungen, nur noch sogenannte "Zwölftonspiele".
Die Unterschiede zwischen Hauers Zwölftontechnik und Schönbergs "Komposition mit 12 Tönen" sind gravierend. Hauers Denken ist zunehmend geprägt von Philosophie und Weltanschauung, von der Vergeistigung von Musik, von der Abkehr von jedem individuellen künstlerischen Ausdruck, aber auch von Melodie und Harmonik, was seine Musik auch heute noch zu einer äußerst klangschönen Alternative macht, worin auch ein Grund für das zunehmende Interesse an seinen Kompositionen gesehen werden kann.
Nach der "Auflösung" der Tonalität zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah man, da die Tonalität als Formprinzip in der Musik als überwunden und veraltet betrachtet wurde, in der Zwölftontechnik ein grundlegend neues Prinzip musikalischer Formgebung und eine logische, evolutionäre Weiterführung der Musikgeschichte.
Ab 1950 begannen Komponisten über Zwölftonreihen neben der Tonhöhe weitere Parameter (Tondauer, Tonstärke, Klangfarbe) der Töne festzulegen. Man spricht bei dieser Weiterentwicklung von Serieller Musik.
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