Dietrich Bonhoeffer (* 4. Februar 1906 in Breslau kurz vor seiner Zwillingsschwester Sabine; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.
Bohnh.jpg]] Mit 24 Jahren bereits habilitiert, wurde Bonhoeffer nach Auslandsaufenthalten in Spanien und New York Privatdozent für Evangelische Theologie in Berlin. Daneben war er Jugendreferent und Mitglied des Ökumenischen Rates. Schon kurz nach Adolf Hitlers Machtergreifung nahm er deutlich Stellung gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung und engagierte sich früh im Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen und den Arierparagraphen. Ab 1935 war er Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, das bis 1940 auch illegal weitergeführt wurde. Etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an. 1940 erhielt er Redeverbot und 1941 Schreibverbot. Am 5. März 1943 wurde er verhaftet und nach zwei Jahren als einer der letzten mit dem 20. Juli 1944 in Verbindung gebrachten Gegner Hitlers hingerichtet.
Bonhoeffer war ein sehr eigenständiger Theologe, der die Bedeutung der Bergpredigt und Nachfolge Christi besonders betonte und persönlich vorlebte. In seinen Gefängnisbriefen entwickelte er Visionen für eine künftige Ökumene an der Seite der Armen und Gedanken zu einer nichtreligiösen Interpretation von Bibel und Gottesdienst.
Schon als Kind hatte Bonhoeffer sich nach den Schilderungen seiner Zwillingsschwester während des Krieges intensiv mit Fragen über den Tod und die Ewigkeit auseinandergesetzt. Der Tod seines zweitältesten Bruders Walter im 1. Weltkrieg, den er bewusst erlebte, machte ihn sehr betroffen. Während der Vater sich von Fragen der Religion fernhielt, sorgte seine Mutter für eine christliche Erziehung. Der Kirche stand die Familie eher fern und besuchte nur selten den Gottesdienst. Als Schüler las Bonhoeffer Schleiermachers Reden über die Religion und Naumanns Briefe über Religion und befasste sich mit Kirchengeschichte. In der Prima wählte er Hebräisch als Wahlfach und gab Theologie als Berufswunsch an.
1923 bestand Bonhoeffer mit 17 Jahren am Berliner Grunewald-Gymnasium (heute: Walther-Rathenau-Oberschule Berlin) das Abitur. Auch sein Bruder Klaus Bonhoeffer und sein späterer Schwager Hans von Dohnanyi legten dort ihre Prüfung ab.
Nach einem Studienaufenthalt in Rom wechselte Bonhoeffer 1924 nach Berlin. Dort begegnete er der Theologie Karl Barths, den er neben Adolf von Harnack zu seinen prägendsten Lehrern zählte. Mit 21 Jahren promovierte er 1927 in Berlin summa cum laude mit der parallel zum Weiterstudium angefertigten Dissertation Communio Sanctorum („Gemeinschaft der Heiligen“). Im Januar 1928 legte er das Erste Theologische Examen ab.
1928 wurde er Vikar in der deutschen evangelischen Kirchengemeinde von Barcelona, 1929 Assistent an der Berliner Universität, wo er sich 24-jährig mit der Schrift „Akt und Sein“ über Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie habilitierte. 1930 legte er das Zweite Theologische Examen ab. Für die Ordination war er noch zu jung, da er das dafür vorgeschriebene Mindestalter von 25 Jahren noch nicht erreicht hatte.
Es folgte ein Jahr als Stipendiat am Union Theological Seminary in New York. Dort lernte er in den Kirchengemeinden Harlems praktische Pastoralarbeit kennen und erlebte die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die besonders die Afroamerikaner und Farmer traf. Obwohl er der US-amerikanischen Theologie skeptisch gegenüberstand, beeinflusste ihn das „social gospel“ stark. Veranlasst durch kritische Rückfragen der Amerikaner sowie den strikten Pazifismus seines französischen Mitstudenten Jean Lasserre begann der bis dahin in politischen Fragen zurückhaltende Bonhoeffer sich mit dem Thema Frieden auseinanderzusetzen.
Seine Lehrveranstaltungen wurden gut besucht und - unüblich - mit Gebeten eingeleitet. Bonhoeffer überraschte seine vom aufstrebenden Nationalsozialismus bewegten Hörer auch durch unter seinen Dozentenkollegen singuläre Aussagen zum Zeitgeschehen. Der nächste Krieg sei entschlossen zu ächten,
Otto Dibelius ließ an der Technischen Hochschule in Charlottenburg 1931 erstmals eine Studentengemeinde einrichten, zu deren Leitung er Bonhoeffer beauftragte. Sie wurde jedoch von den Studenten überwiegend abgelehnt und 1933 beendet. Außerdem übernahm Bonhoeffer eine Konfirmandengruppe an der Zionskirche im Arbeiterviertel Wedding. Anfängliche Disziplinprobleme löste er mit Erzählen biblischer Geschichten, ohne die Jugendlichen zu deren Auswendiglernen zu nötigen. Er lehrte sie außerdem Schach und Englisch und beschenkte jeden zu Weihnachten, u.a. mit Stoff für einen Konfirmationsanzug. Schon im Sommer 1931 schrieb er für seine Konfirmanden mit Franz Hildebrandt einen neuen Katechismus mit dem Titel Glaubst du, so hast du. Darin sprachen sich beide ausdrücklich gegen einen heiligen Krieg und für das Gebet um Frieden aus. 1932 richtete Bonhoeffer zudem eine Jugendstube für arbeitslose Jugendliche ein, die jedoch 1933 von den Nationalsozialisten als „kommunistisch“ aufgelöst wurde.
Am 15. November 1931 wurde Bonhoeffer in der Berliner St. Matthäikirche zum Pfarrer ordiniert. Aufgrund seiner Weddinger Erfahrungen versuchte er zweimal vergeblich, eine Pfarrstelle im Berliner Osten zu erhalten. Zudem übernahm er die Aufgabe eines Jugendsekretärs des ökumenischen Weltbunds für die Freundschaftsarbeit der Kirchen (WFK).
Während eines dreiwöchigen Seminarbesuchs in Bonn traf Bonhoeffer erstmals Karl Barth persönlich. Beide trafen sich danach einige Male und standen im theologischen Gedankenaustausch. Bonhoeffer betonte damals schon stärker als Barth die Orientierung des Christen an der Bergpredigt und die praktische Nachfolge als Aufgabe der Kirche.
An den Wochenenden zog Bonhoeffer zum Meditieren und Diskutieren mit seinen Studenten häufig in eine märkische Jugendherberge und kaufte 1932 eigens dafür eine Hütte am Rand Berlins in Biesenthal. Aus diesem zwanglosen Bonhoefferkreis junger Theologen gingen enge Freundschaften, ab 1933 Mitstreiter im Kirchenkampf und ökumenische Delegationen hervor. Auch seine Predigten zogen viele Hörer in den Bann. So sagte er 1932 nach dem Regierungswechsel zu Franz von Papen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche:
Am 1. Februar 1933 hielt Bonhoeffer den Radiovortrag Wandlungen des Führerbegriffes. Er sagte darin primär an die Adresse seiner von der „nationalen Revolution“ begeisterten Mitchristen:
Die Rundfunkübertragung wurde aufgrund dieser unmissverständlichen Kritik am nationalsozialistischen „Führerprinzip“ und Hitlerkult abgebrochen.
Durch seinen engen Freund und Mitpfarrer Franz Hildebrandt und seinen Schwager Gerhard Leibholz, beide jüdischer Herkunft, erlebte Bonhoeffer die Folgen der nationalsozialistischen Judenverfolgung von Beginn an unmittelbar mit. Er wusste früh, dass diese Situation ihm Alles abverlangen würde. Das, was ihn im Studium, dann von Katheder und Kanzel herab beschäftigt hatte - Christi reale Gegenwart in der Kirche und die persönliche Nachfolgepraxis - wurde nun schneller als erwartet erschreckend konkret für ihn. Er hatte schon 1932 in einer Predigt hellsichtig gesagt:
Auf den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 reagierte Bonhoeffer sofort, indem er versuchte, über seinen Freund Paul Lehmann aus den USA den Chief-Rabbi von New York über die deutschen Ereignisse zu informieren. Er begann den Aufsatz Die Kirche vor der Judenfrage, den er nach dem am 7. April 1933 erlassenen Arierparagraphen entscheidend ergänzte. Er schloss ihn am 15. April ab, trug ihn dann einem Pfarrerkreis vor - wobei einige den Raum unter Protest verließen - und ließ ihn im Juni drucken, noch bevor Zensurmaßnahmen des NS-Regimes dies unmöglich machten.
Bonhoeffer thematisierte damit als einer der ersten evangelischen Theologen neben Heinrich Vogel (Kreuz und Hakenkreuz 27. April) das Verhältnis der NS-Rassenideologie zum christlichen Glauben. Er folgte zunächst der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre und gestand dem Staat das Recht zu, die „Judenfrage“ gesetzlich zu regeln, ohne dass die Kirche sich in seine Politik einmischen solle:
Er griff auch die traditionelle antijudaistische Fluchtheorie auf:
Doch in den ergänzten Thesen nahm er zur gegenwärtigen Abschaffung des Rechtsstaates und ideologischen Gleichschaltung Stellung:
Daraus folgerte er drei kirchliche Aufgaben:
Zu den ersten beiden Aufgaben sah er die Kirche im deutschen Staat aktuell gefordert, den direkten kirchlichen Widerstand gegen diesen Staat wollte er jedoch nicht den Einzelnen entscheiden lassen:
Bonhoeffer grenzte sich damit bewusst von den meisten Mittheologen ab, die allenfalls die Kirchenmitgliedschaft der Judenchristen als Problem sahen, und erhob die Verteidigung der Menschenrechte überhaupt zur gesamtkirchlichen Pflicht. Dabei hoffte er damals noch auf ein gemeinsames, vom Glaubensbekenntnis bestimmtes Handeln der Ökumene. Doch dieser Konzilsgedanke war seinen lutherisch geprägten Hörern ebenso fremd wie die unter Umständen zu politischem Widerstand für die Juden nötige Christusnachfolge. Damit nahm Bonhoeffer das Hauptproblem der 1934 gegründeten Bekennenden Kirche schon vorweg: Ab wann ist die Kirche von ihrer eigenen Botschaft her genötigt, dem Staatshandeln nicht nur für den eigenen Bereich zu widersprechen, sondern insgesamt zu widerstehen? Während die meisten „Bekennenden Christen“ fast nur die getauften Juden in den eigenen Reihen gegen Staatsübergriffe verteidigten, trat Bonhoeffer von Beginn an für das gesamte verfolgte Judentum ein. Damit war er auch den Bekennern gedanklich und praktisch so weit voraus, dass ihm die wenigsten folgen konnten. Als er dies später erkannte, entschied er sich in voller individueller Verantwortung für den direkten Widerstand gegen das NS-Regime.
Ab Juni 1933 überstürzten sich die Ereignisse in der evangelischen Kirche: Eine Mehrheit der Deutschen Christen (DC) in der Preußischen Landeskirche setzte die Generalsuperintendenten dort ab und einen Staatskommissar - August Jäger - ein. Hitler ernannte Ludwig Müller zu seinem Vertrauensmann für Kirchenfragen, die DC versuchten ihn zum Reichsbischof zu machen. Bonhoeffer richtete nun alles Augenmerk auf die Bildung einer wirksamen evangelischen Opposition. Er schlug einen Beerdigungsstreik bis zum Rücktritt des Staatskommissars vor, den jedoch niemand für möglich hielt (doch in Norwegen führte dieses Mittel 1941 tatsächlich zur Rücknahme staatlicher Übergriffe der NS-Besatzer).
Nach dem erdrutschartigen Wahlsieg der DC (ca. 70 Prozent Stimmenanteile) gegen die Jungreformatorische Bewegung bei den vom Staat kurzfristig anberaumten Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 versuchten verschiedene Gruppen, die neuen Amtsinhaber ihrer Kirchen mit „Bekenntnissen“ zur Stellungnahme über ihren Glauben zu zwingen. Dazu erhielt Bonhoeffer zusammen mit dem Erlanger Theologen Hermann Sasse den Auftrag, einen reichsweit einheitlichen Bekenntnisentwurf zu formulieren. Ihr Entwurf erschien Ende August 1933 und wurde von Pfarrer Bodelschwingh, dem anerkannten Leiter der Betheler Anstalten, an 20 Gutachter versandt. Diese entschärften den Text dann vor allem bezüglich des kirchlichen Eintretens für die Juden gegen den Staat aus Bonhoeffers Sicht so weit, dass er schließlich die Unterzeichnung ablehnte. Dennoch war das Betheler Bekenntnis ein wichtiger Schritt zur Gründung der Bekennenden Kirche im Mai 1934.
Nach der Einführung des Arierparagraphen in der evangelischen Kirche auf der altpreußischen Generalsynode am 6. September 1933 in Berlin schlug Bonhoeffer den oppositionellen Pfarrern den Austritt aus der zum Staatsanhängsel gewordenen Kirche vor, deren Verfassung er nun als Häresie ansah. Er fand jedoch damals noch kaum Zustimmung für eine Kirchenspaltung; selbst Karl Barth sah noch Möglichkeiten einer innerkirchlichen Opposition. Daraufhin gründete Bonhoeffer mit Martin Niemöller und anderen den Pfarrernotbund zum Schutz der bedrohten Amtsbrüder jüdischer Herkunft. Er verfasste für dessen Mitglieder die erste Version einer Selbstverpflichtung, die bereits die Bereitschaft zum Martyrium und den Alleinvertretungsanspruch auf die wahre Kirche einschloss. Der Notbund bildete das organisatorische Bindeglied zwischen der nach ihrer Wahlniederlage abbröckelnden jungreformatorischen Bewegung und der nun entstehenden Bekennenden Kirche.
Danach nahm Bonhoeffer an einem Treffen der Ökumene in Sofia teil, wo er die Auslandsvertreter umfassend über die deutschen Vorgänge und Hintergründe informierte. Vor der Wahl Ludwig Müllers zum Reichsbischof am 27. September 1933 entwarf er ein deutlich formuliertes Flugblatt Der Arierparagraph in der Kirche; nachts plakatierte er mit Freunden noch Protestplakate an Bäume und Laternen.
Zwar tat Bonhoeffer dies nicht sofort, doch es bewegte Barth später sehr, dass er mit dieser Reaktion Bonhoeffers Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland, die seine Hinwendung zum Widerstand und seinen Märtyrertod zur Folge hatte, mitbeeinflusst hatte.
In London lernte er auch den anglikanischen Bischof von Chichester, George Kennedy Allen Bell kennen, der in der Ökumenischen Bewegung hohe Ämter bekleitete und dort hervorragende Arbeit leistete. Er wurde nun einer seiner engsten Freunde und Partner im Kirchenkampf. Für einige Monate arbeitete auch Franz Hildebrandt, den er seit 1927 kannte, mit ihm in London. Er war wie Bonhoeffers Schwager Gerhard Leibholz, nach 1945 Verfassungsrechtler, jüdischer Abstammung und von der Judenverfolgung betroffen. Gefördert durch Bonhoeffers Engagement traten die englischen Auslandskirchengemeinden offen gegen die Deutschen Christen auf und forderten den Rücktritt von Ludwig Müller. Diesen verlangte Bell brieflich von Paul von Hindenburg.
1934 bildete sich infolge der Zuspitzung des innerevangelischen Konflikts um den Arierparagraphen die „Bekennende Kirche“. Auf der Gründungssynode in Wuppertal-Barmen am 1. Juni verfasste Karl Barth die Barmer Theologische Erklärung, die nach einem erklärenden Referat von Friedrich Gogarten dazu einstimmig angenommen wurde. Martin Niemöller wurde zum Vorsitzenden des „Bruderrats“ gewählt. In den folgenden Monaten zeigten sich besonders die lutherischen Landeskirchen von Thüringen, Schleswig-Holstein, Lübeck, Sachsen sowie den Kirchenprovinzen in (Alt-)Preußen waren aufgrund ihrer staatskirchlichen Tradition nicht fähig und willens, dem Bekenntnis organisatorisch zu folgen und ihrer Gleichschaltung entschlossen zu widerstehen. Dort gewannen nach Synodalwahlen Bischöfe und Juristen Führungsämter, die den Deutschen Christen angehörten.
In dieser Lage setzte Bonhoeffer alle Hoffnung auf die junge Ökumene. Er versuchte in erheblichen Konflikten im Vorfeld zu erreichen, dass zur Jugendkonferenz des Weltbundes in Fanö im August 1934 nur Befürworter der Barmer Erklärung als deutsche Delegation eingeladen wurden. Er selbst trat dort sowohl als Vertreter der Bekennenden Kirche als auch als Jugendsekretär auf. Bei der Morgendandacht am 28. August hielt er vor der Vollversammlung ein Einleitungsreferat unter dem Titel Die Kirche und die Völkerwelt, das viele als Friedenspredigt empfanden. Er sprach die Kirchen aller Länder in unüberbietbarer Verbindlichkeit auf ihre einzige Existenzberechtigung an, den Völkern den Frieden zu befehlen:
Er zitierte im Blick auf die Rüstungsanstrengungen der Nationalsozialisten und Abrüstungsappelle des Völkerbundes Mahatma Gandhi: Es gibt keinen Weg zum Frieden - Frieden ist der Weg. Nur der rückhaltlose Gewaltverzicht aller Christen weltweit könne die Regierungen zum Einlenken bringen. Sie könnten ihre Waffen unmöglich gegeneinander richten, weil sie damit die Waffen auf Christus selbst richteten.
Dieses Referat wurde gehalten, als Pazifisten in Deutschland bereits von SA-Truppen terrorisiert und in die Konzentrationslager gesteckt wurden. Bei den folgenden Debatten wurde jedoch deutlich, dass die Delegationen aus Ungarn und Polen, die sich von Deutschland bedroht sahen, den Krieg als nationalen Widerstand nicht völlig ausschließen wollten.
1937 wurde das Predigerseminar vom Staat geschlossen, illegal aber weitergeführt. Seine Erfahrungen im Predigerseminar reflektierte er in seinem Buch Gemeinsames Leben. Nach der Schließung des Predigerseminars führte Bonhoeffer, offiziell als Hilfsprediger in Schlawe tätig, die Vikarsausbildung für die Bekennende Kirche, nun getarnt als „Sammelvikariat“ und gedeckt von mutigen Superintendenten und Pfarrern, in Köslin und Groß Schlönwitz, später im Sigurdshof bis März 1940 weiter, bis auch hier die Gestapo eingriff.
1938 ergaben sich über seinen Schwager Hans von Dohnanyi erste Kontakte zu Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack und Ludwig Beck (siehe auch Liste der Beteiligten des Aufstandes vom 20. Juli 1944). In dieser Zeit war Bonhoeffer in der Ökumenischen Bewegung aktiv; sein Bestreben war, die christlichen Kirchen weltweit zum Einsatz gegen die laufenden Kriegsvorbereitungen zu bewegen. Aufgrund dieser Aktivitäten lernte er hohe kirchliche Würdenträger in ganz Europa kennen.
Auf der Rückreise nach Deutschland machte er in London bei seiner Schwester Sabine und ihrer Familie Station. Hier erfuhr Bonhoeffer von der Ermordung des Pfarrers der Bekennenden Kirche Paul Schneider in Buchenwald. Seinen Nichten Marianne und Christiane gegenüber betont er, dass Schneider der erste Märtyrer der evangelischen Kirche im Dritten Reich sei. Darum sollten sie sich diesen Namen gut merken.
Bonhoeffer kam am 27. Juli wieder nach Berlin, nahm im Herbst seine Tätigkeit auf dem Sigurdshof wieder auf und suchte nun Kontakte zur Spionageabwehr.
Die nun in Gang kommende systematische Judenverfolgung und andere Grausamkeiten der Regierung bewegten Bonhoeffer zu einer Neubewertung der Situation. In seinem Elternhaus trafen sich eine Reihe von Gegnern des nationalsozialistischen Regimes, die teilweise hohe Positionen innerhalb der Abwehr oder der Wehrmacht innehatten; diese Personen beabsichtigten, Hitler durch ein Attentat umzubringen. Bonhoeffer schloss sich diesem Widerstandskreis nach langem Bedenken an. Die Frage des Tyrannenmordes (Darf ein Christ gegen das Gebot „Du sollst nicht Morden“ verstoßen?) beschäftigte ihn zutiefst; seine Gedanken zu dieser Fragestellung finden sich im Buch Ethik wieder, an dem er vor allem im September und Oktober 1940 in Klein-Krössin arbeitete.
1941/42 unternahm er – u. a. mit Helmuth von Moltke für die deutsche Spionageabwehr und zugleich den internen Widerstandskreis – Reisen nach Norwegen, Schweden und in die Schweiz. In Sigtuna und Stockholm traf er am 31. Mai/1. Juni 1942 mit George Bell zusammen und übergab ihm geheime Dokumente über den Kreis der Widerständler und ihre Ziele für die britische Regierung. Damit verbunden war die Bitte um eine öffentliche Erklärung der Alliierten, zwischen Deutschen und Nazis nach Kriegsende zu unterscheiden. Auf diese Weise hoffte der Kreisauer Kreis die Erfolgsaussicht des geplanten Hitlerattentats zu steigern. Der britische Außenminister Anthony Eden ließ Bell jedoch wissen, dass eine Unterstützung des Widerstands oder auch nur eine Antwort nicht im nationalen Interesse Großbritanniens läge.
Mitte Januar 1943 verlobte Bonhoeffer sich mit Maria von Wedemeyer (* 1924; † 1977). Am 13. März und 21. März wurden aus der Gruppe um Canaris, Oster und Klaus Bonhoeffer Anschläge auf Adolf Hitler verübt, die fehlschlugen.
Am 5. April wurde Dietrich Bonhoeffer auf Grund eines zufälligen Aktenfunds bei seinem Schwager Hans von Dohnanyi wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet und im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Tegel gefangen gehalten. Im September 1943 wurde Anklage erhoben (die Anklageschrift 16, 433ff wurde erst 1991 im Militärhistorischen Archiv Prag wieder aufgefunden). Das gegen Bonhoeffer eingeleitete Strafverfahren vor dem Reichskriegsgericht wurde jedoch zunächst von höheren Beamten, z.B. Karl Sack, die Verbindungen zu Widerstandskreisen hatten, nach Kräften aufgehalten.
Am 20. Juli 1944 unternahm Graf Schenk von Stauffenberg ein weiteres Attentat auf Adolf Hitler. Dieser überlebte knapp. Bei den nachfolgenden intensiven Verhören der Gestapo konnte Bonhoeffer und anderen Mitverschwörern keine Beteiligung daran nachgewiesen werden.
Als Reaktion auf das gescheiterte Attentat und im Wissen darum, dass eine persönliche Lage damit immer aussichtsloser wurde, verfasste er im August den Text Stationen auf dem Wege zur Freiheit. In den vier Versen „Zucht“, „Tat“, „Leiden“ und „Tod“ entfaltet Bonhoeffer eine Perspektive für das christliche Leben. Für ihn ist klar, dass das Geheimnis der Freiheit nur entdeckt werden kann, wenn man sich selbst zu bescheiden vermag. Unerlässlich ist seiner Meinung nach auch die rechte Tat („Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen.“); hier äußert sich sein Widerspruch zu vor allem innerevangelischen Versuchen, die Kirche durch Rückbesinnung – und wie er meint Beschränkung – auf altkirchliche Traditionen wieder zu stärken. Der Satz „Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit“, wendet sich u. a. gegen die Alpirsbacher Bewegung und die Berneuchener Bewegung, zu der u.a. die Michaelsbruderschaft gehört, denen er vorwarf, nicht genug zu tun. In diesem Kontext ist auch, wie manche argumentieren, sein Ausspruch „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ zu verstehen. Im vorletzten Vers der „Stationen“ bekräftigt er, dass die Leidensbereitschaft unverzichtbar ist. Schließlich entfaltet er den „Tod“ nach christlichem Verständnis als Durchbruch zur Freiheit
Ein interner Streit führte aber am 22. September zum Aktenfund in Zossen. – Zur Aufbewahrung von Akten gab es in Widerstandskreisen zwei Ansichten. Zum einen meinten manche, dass Akten, die die Widerstandstätigkeit belegten, aufbewahrt werden müssten, um den Alliierten nach für sie erfolgreichem Krieg nachzuweisen, dass es in Deutschland schon lange Opposition gegen Hitler gab und auf welche Personen die Sieger sich nun verlassen könnten; so etwa Hans von Dohnanyi (siehe dort). Demgegenüber meinten Bonhoeffer u. a., dass um der Sicherheit der Widerstandskämpfer willen keinerlei Dokumente aufbewahrt werden dürften.
Aus Sorge um seine Familie verzichtete er am 5. Oktober auf eine mögliche Flucht; er befürchtete Sippenhaft. Am 8. Oktober geriet Bonhoeffer in die Hände der Gestapo und kam nun in den Gestapo-Keller Prinz-Albrecht-Straße.
Möglicherweise war das Gedicht auch als ein Gruß an seine Mutter zu ihrem Geburtstag am 30. Dezember gedacht. (Wann immer diese Worte auf Grußkarten und im gottesdienstlichen Lied heute aufgenommen werden, mag man sich an die Situation erinnern: Die damit Gegrüßten sitzen unterm Weihnachtsbaum, feierten Geburtstag, dachten an die zwei inhaftierten Söhne Klaus und Dietrich, an die zwei inhaftierten Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher, an die Tochter Sabine, Dietrichs Zwillingsschwester, die wegen ihres jüdischen Mannes Gerhard Leibholz ins Ausland gegangen war und nun wegen der nationalsozialistischen Diktatur gleichfalls nicht anwesend sein konnte, sowie an den gefallenen Sohn Walter. Und doch fand Dietrich Bonhoeffer in dieser Situation so tröstliche Worte! Wie aber mag es den Angehörigen gegangen sein, als sie die dritte Strophe oder im fünften Vers „Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.“ lasen? Gerade angesichts dieser Textstellen erscheint vielen Kirchenmusikern die im Allgemeinen beliebteste Fietz'sche Melodie unpassend zu sein.)
Bevor Bonhoeffer zur Hinrichtung am 8. April in das KZ Flossenbürg gebracht wurde, trug er Payne besondere Grüße an Bischof Georg Bell auf, falls er seine Heimat erreichen sollte, und sagte zum Abschied: .
Zur Erniedrigung der Angeklagten und Belustigung des SS-Personals mussten sich alle zur Hinrichtung Bestimmten zuvor völlig entkleiden und nackt zum Galgen gehen. Der Lagerarzt beobachtete die Szene und berichtete später, Bonhoeffer habe völlig ruhig und gesammelt gewirkt, sich von allen Mithäftlingen verabschiedet und ein kurzes Gebet gesprochen.
Dietrich Bonhoeffer wurde in der Morgendämmerung des 9. April 1945 erhängt.
Das Todesurteil gegen Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer galt bis in die 90er Jahre offiziell als rechtsgültig, so dass seinen Verwandten z.B. keine Entschädigungen als Verfolgten des Naziregimes zugesprochen wurden. Erst durch einen Bundestagsbeschluss wurden NS-Unrechtsurteile für nichtig erklärt und damit auch Bonhoeffer formell für unschuldig erklärt.
Ob er dies gewollt hätte, bleibt allerdings sehr fraglich. Denn er nahm die Konsequenz seines Widerstands, den Tod als Rechtsbrecher im Sinne des Staatsgesetzes, bewusst an. Er sah sich nicht als „unschuldig“, sondern nahm seinen Tod als Folge seines Handelns aus Gottes Hand: . Seine „Ethik“ erklärt ausdrücklich, dass ein Christ im Gehorsam gegen Jesus Christus wagen muss, Sünde auf sich zu nehmen: ja dass er in die Lage kommen kann, um der Liebe und Wahrheit willen alle Gebote zu übertreten, lügen, betrügen, stehlen und sogar morden zu müssen.
Wie wenig das in Bonhoeffers Kirche verstanden wird, zeigt die Tatsache, dass die Berlin-Brandenburgische Landeskirche seinen Namen 1945 in der Kanzelabkündigung zum ersten Jahrestag des 20. Juli 1944 verschwieg. Zudem hieß es in der Empfehlung an die Pfarrer, Christen könnten den Anschlag „niemals gutheißen, in welcher Absicht er auch ausgeführt sein mag. Aber unter denen, die haben leiden müssen, waren Ungezählte, die einen solchen Anschlag niemals gewollt haben.“
Als echter christlicher Märtyrer galt nur Paul Schneider, der im KZ aus der Zelle heraus über den Appellplatz die SS als Mörder angeklagt und ein Bibelwort gerufen hatte, daraufhin an eine völlig überhitzte Heizung gefesselt und von einem SS-Arzt zu Tode gespritzt wurde, der aber – wie man meinte – keinen politischen Widerstand im engeren Sinn des Wortes geübt hatte. Diese Trennung in gute und böse Märtyrer wurde von denselben Amtsträgern vollzogen, die Hitler großenteils begeistert zugejubelt hatten, ihre Kirchenglocken zu seinem Geburtstag läuten ließen und diese dann als Material für die Waffenherstellung ohne Protest abgaben.
So protestierten auch einige Bielefelder Pastoren 1948 gegen Straßenbenennungen nach Bonhoeffer, „weil wir die Namen unserer Amtsbrüder, die um ihres Glaubens willen getötet sind, nicht in eine Reihe mit politischen Märtyrern gestellt wissen wollen.“ Darauf antwortete der Vater Karl Bonhoeffer:
Er verzichtete darauf, Einspruch gegen die Straßenbenennung zu erheben.
Dietrich Bonhoeffer hatte seine Wahl in voller individueller Verantwortung getroffen, weil die Kirche seiner Zeit nicht zu einem rechtzeitigen Widerstand bereit und fähig gewesen war. In seinen Gefängnisbriefen entwarf er die Vision einer zukünftigen Kirchengestalt ohne staatliche Privilegien an der Seite der Armen und Verfolgten. Während diese Vision in Deutschland und Mitteleuropa weithin unbeachtet blieb, ist sie in den Armuts- und Befreiungsbewegungen der Ökumene außerhalb Europas aufgegriffen und teilweise umgesetzt worden: etwa in Südafrika noch während des Apartheidregimes oder den Basisgemeinden Brasiliens und Mittelamerikas.
Der Mittelpunkt, um den sich Bonhoeffers Theologie entwickelt, ist Jesus Christus, der einzige Erlöser, in dem das Wunder der Menschwerdung Gottes geschieht. Von diesem Mittelpunkt her ergänzen und bedingen sich theologisches Nachdenken, spirituelle Tiefe und ethisches Verantwortungsbewusstsein. Das Verlassen dieses Mittelpunktes – sei es im Dialog mit Religionen und Weltanschauungen, sei es im täglichen Leben – bedeutet die Aufgabe des Christ-Seins. Doch braucht nicht nur der Radius einen Mittelpunkt, sondern der Mittelpunkt braucht auch einen Radius. Bonhoeffer sieht die Gefahr des Christomonismus und des Fundamentalismus, wenn kein oder nur ein kleiner Radius um den Mittelpunkt zugelassen wird. Deshalb sagt er 1944: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Sie ist da für die Welt, nicht als bloßer Selbstzweck. Christ-Sein besteht im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Das geistliche wie geistige Wahrnehmen der Mitte ist die Grundlage christlicher Existenz.
Das Charakteristikum seiner Theologie, intensive und gleichzeitig extensive Ausrichtung des christlichen Lebens, ermöglicht Bonhoeffer eine sowohl weltliche wie auch kirchliche Theologie. Dieses weite Spektrum lädt zu sehr unterschiedlichen Interpretationen seines Werkes ein und macht Bonhoeffer zum Kronzeugen durchaus unterschiedlicher theologischer Schulen und Denkrichtungen.
Bonhoeffer verweist die Theologie einerseits auf ihren Bezug zur Kirche: Theologie ist für ihn betendes Denken, Denken auf Knien. Andererseits geht er so weit wie kaum ein anderer vor ihm: Er skizziert in den Briefen aus dem Gefängnis ein Programm vom religionslosen Glauben und der weltlichen Rede von Gott. Im Fragment seiner „Ethik“ verwirft Bonhoeffer das jahrhundertelang vorherrschende Denkmodell der „Zwei-Reiche-Lehre“: Hier Kirche, da die Welt; hier Evangelium, da Gesetz. Er konstatiert dagegen: „Je ausschließlicher wir Christus als den Herrn bekennen, desto mehr enthüllt sich die Weite seines Herrschaftsbereiches…Alles wäre verdorben, wollte man Christus nur für die Kirche aufbewahren…Christus ist für die Welt gestorben und nur mitten in der Welt ist Christus. Seit Gott in Christus Fleisch wurde und in die Welt einging, ist es uns verboten, zwei Räume, zwei Wirklichkeiten zu behaupten: Es gibt nur diese eine Welt.“ Der fromme, glaubende Bonhoeffer ist aufgrund dieser Erkenntnis immer auch der weltliche Bonhoeffer. In der Gegenwart ist der Glaubende gefragt. Bonhoeffer hebt in seinem Denken nicht nur das Nebeneinander-Stehen der beiden Räume und Wirklichkeiten auf. Er befreit auch die jetzige Welt von ihrem herabgeminderten Status des Vorläufigen. Das „Vorletzte“ ist „Hülle des Letzten“, die Welt ist Hülle Gottes. Wenn dem so ist, kommt der gläubige Mensch nur durch die Welt zu Gott, nicht an der Welt vorbei. Auch hier bricht Bonhoeffer mit alten theologischen Mustern, die den Wert des Natürlichen und die Eigenständigkeit des Diesseitigen abqualifizieren. So kann Bonhoeffer auch den Kritikern wie Ludwig Feuerbach, Karl Marx oder Sigmund Freud etwas entgegensetzen, die den christlichen Glauben als illusionär und auf ein Jenseits vertröstend kritisierten. Glauben an Gott gibt es, so Bonhoeffer, nur im Diesseits. Gott ist Mitte und Grund der Welt. Der pure „Jenseits-Gott“ ist das Wesenskonstitutive der „Religion“. Eine solche Religion wird von Bonhoeffer abgelehnt; der Mensch kann und muss religionslos, weltlich von Gott reden: Christus kam in die Welt und so lässt sich nur weltlich von Gott reden. Die Welt ist Hülle Gottes, so lässt sich nur verhüllt, eben weltlich von Gott reden.
Da der Christ nun in die Welt gestellt ist, ist er ebenfalls vor die Entscheidung gestellt. Der Christ macht sich durch Tun aber auch durch Unterlassen schuldig. Bonhoeffer nimmt sich nun in besonderer Weise dem Gedanken der Rechtfertigung des Sünders durch Gott an. Und das, was dem Einzelnen zuteil wird, gilt auch für die Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche. Die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, und die Bereitschaft, dadurch Schuld auf sich zu nehmen, führen nur dann nicht zur Verzweiflung, wenn sich der glaubende Mensch und auch die Gemeinde der „teuren Gnade“ Gottes gewiss sein können. „Teure Gnade“ ist aber nur zu erhalten im strengen Gehorsam gegenüber Christus. Die Rechtfertigung des Sünders geschieht nur in der Nachfolge Jesu Christi. Auch hier ist wieder zu erkennen, dass das Bewegen im Radius um den Mittelpunkt Jesus Christus nur möglich ist in engem Bezug auf diese Mitte hin. Und so wie der einzelne Christ der Rechtfertigung durch Gott bedarf, so bedarf es auch die Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden. Auch sie steht in der Welt um Entscheidungen zu fällen und sich gegebenenfalls schuldig zu machen durch ihr Tun oder ihr Unterlassen. Aber auch sie kann und darf nicht vor den Entscheidungssituationen weglaufen, wenn sie um die teure „Gnade Gottes“ weiß. Die vorfindliche Kirche beschäftigt Bonhoeffer in verschiedenen Veröffentlichungen. Er leidet an ihr und er ist mit ihr solidarisch. In Anlehnung an Hegels Wort „Gott als Gemeinde existierend“ spricht Bonhoeffer von „Christus als Gemeinde existierend“ Gott tritt in seiner Offenbarung aus sich heraus, er ist nicht frei vom Menschen, sondern frei für den Menschen. Kirche ist gleichwohl „Offenbarungsform“ wie auch „ein Stück Welt“ (Dissertation „Sanctorum Communio“) So wie „Christus der Mensch für andere ist“ folgt für Bonhoeffer dann: „Kirche ist immer nur Kirche für andere“. 1931 schreibt Bonhoeffer in seiner Habilitation „Akt und Sein“: „Gott ist da; d.h. nicht in ewiger Nichtgegenständlichkeit, sondern mit aller Vorläufigkeit ausgedrückt, habbar, fassbar in der Kirche.“
Wird heute die Aufspaltung zwischen persönlicher Frömmigkeit, gemeindlichem Leben und universitärer Theologie beklagt, so kann der Ansatz Bonhoeffers hilfreich sein, diese Aufspaltung zu überwinden. Bonhoeffer verbindet Lehre und Leben; Denken, Reden und Tun. Theologie verliert dann ihre scheinbare Objektivität der normativen Sätze und gewinnt eine lebendige Subjektivität, die sich dann durchaus kontroverser Diskussion aussetzt. Glauben gewinnt dann aber auch an Glaubwürdigkeit. Das Problem „erfahrungslosen Redens von fremden Erfahrungen“ (Eugen Drewermann), das Mitteilen und Reden über etwas statt des Redens von sich und des Sich-Einbringens kann so überwunden werden. Möglich ist es allerdings nur bei strenger Konzentration auf die Mitte Jesus Christus, die dann zur Auseinandersetzung mit der Peripherie ermutigt und befähigt.
Siehe auch: Bonhoeffer
Bekennende Kirche | NS-Opfer | Nachrichtendienstliche Person | Lutherischer Theologe (20. Jh.) | Märtyrer | Ökumenische Persönlichkeit | Christentumsgeschichte (Neuzeit) | Lutherischer Geistlicher | Korporierter (Studentenverbindung) | Mann | Deutscher | Geboren 1906 | Gestorben 1945
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