DiderotVanLoo.jpgDenis Diderot (* 5. Oktober 1713 in Langres (Champagne); † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Schriftsteller. Zu Lebzeiten weniger bekannt, gilt Diderot heute als einer der originellsten Köpfe der europäischen Aufklärung.
Nach Abschluss der propädeutischen Studien mit dem Magister Artium brach er seine Ausbildung 1732 ohne das geplante anschließende Theologiestudium ab. Sein jüngerer Bruder musste dieses später an seiner Stelle absolvieren. In den folgenden Jahren führte Diderot in Paris ein mehr oder weniger ungebundenes Leben und befreundete sich mit anderen jungen Intellektuellen (d'Alembert, Rousseau, Condillac, Melchior Grimm). Er begann zu schreiben und übersetzte englische Schriften ins Französische.
Einige Zeit später lernte er eine einfache Wäscheverkäuferin kennen und wollte sie 1743 heiraten. Wie es den Sitten entsprach, bat er seinen Vater um Erlaubnis, worauf dieser ihn in ein Kloster einsperren ließ. Diderots Antipathie gegen die Kirche und die Institution Kloster liegt wohl auch in dieser Erfahrung begründet - eine Antipathie, die sich später noch steigerte, als seine jüngste Schwester freiwillig ins Kloster ging und dort geisteskrank wurde. Diderot selbst konnte nach einigen Wochen aus seinem klösterlichen Gefängnis fliehen. Er kehrte nach Paris zurück und heiratete heimlich. Seine Frau brachte kurz darauf eine Tochter zur Welt, die allerdings sehr früh starb. 1746 und 1750 hatten sie zwei Söhne, die ebenfalls früh starben. 1753 kam eine Tochter auf die Welt, die als einzige die Eltern überleben sollte. Diderot, den seine wenig gebildete Frau offenbar bald langweilte, hatte zwischendurch ein längeres Verhältnis mit der emanzipierten und gebildeten Madame de Puisieux, einer "aventurière" (=Abenteurerin), d. h. ohne Familie und ohne wohldefinierten sozialen Status lebenden Frau.
1749 allerdings musste er einige Monate pausieren, als er wegen seiner mehr nebenher verfassten und veröffentlichten religionskritischen Lettre sur les aveugles in der Festung Vincennes inhaftiert wurde, nachdem schon zwei Jahre vorher sein Gemeindepfarrer ihn als gottlosen „sehr gefährlichen Menschen“ denunziert hatte. Diderot war deshalb in Zukunft vorsichtiger und ließ, um den Fortgang der Encyclopédie nicht zu gefährden, viele andere Schriften unpubliziert.
1750 verfasste er einen in ganz Europa verschickten Prospekt, in dem er Interessenten zur Subskription der Encyclopédie aufrief. 1751 erschienen die beiden ersten Bände der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des arts et métiers, par une société de gens de lettres ("Enzyklopädie oder (alphabetisch) geordnetes Lexikon der Künste und Gewerbe, von einer Autorengemeinschaft"). Der buchhändlerische Erfolg des Werkes war enorm, doch die Jesuiten und die Sorbonne diagnostizierten eine unchristliche Tendenz und erwirkten beim königlichen Kronrat ein Verbot. Da aber Madame de Pompadour (die Geliebte von Ludwig XV.), einige Minister, viele einflussreiche Freimaurer und der Chefzensor Malesherbes auf der Seite der Encyclopédisten standen, konnten trotz des Verbots 1753-1756 vier weitere Bände erscheinen.
Danach jedoch wuchs der Druck der Gegner, einer unheiligen Allianz von neidischen Literaten und orthodoxen Frommen. 1758 wurde das Verbot erneuert, 1759 setzte Papst Clemens XIII. das Werk auf den Index. Inzwischen hatte aber die Regierung die Deviseneinnahmen schätzen gelernt, die trotz des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) durch den Verkauf der Encyclopédie aus ganz Europa hereinkamen, und man ermutigte Diderot unter der Hand zum Weitermachen. Er brachte die letzten zehn Bände samt fünf Bänden Abbildungen heraus (1765), zog sich dann aber – nach 20 Jahren Arbeit – zurück und überließ seinen Nachfolgern die Herausgabe der letzten Abbildungsbände, die, wie schon die ersten, viel zum Ruhm des Unternehmens beitrugen.
In den Jahren hiernach beschäftigte Diderot sich mit Kunstgeschichte sowie den Techniken der Malerei und wurde einer der ersten professionellen Kunstkritiker mit den Artikeln, die er für die Zeitschrift Correspondance littéraire seines Freundes Melchior Grimm über Pariser Kunstausstellungen (Salons) verfasste. Da die Bilder noch nicht reproduzierbar waren und sich nur wenige der über ganz Europa verteilten Leser den Ausstellungsbesuch leisten konnten, musste die Kritik ihnen die Kunst vertreten.
Als Naturwissenschaftler betätigte Diderot sich in den Pensées sur l'interprétation de la nature (Überlegungen zur Deutung der Natur, 1754), einem Plädoyer für das Prinzip des Experiments und gegen die oft nur pseudo-rationalen Naturerklärungen der Cartésiens, d.h. der rationalistischen Denker im Gefolge von René Descartes (1596–1650).
Daneben schrieb Diderot die Theaterstücke Le Fils naturel (Der uneheliche Sohn, 1757) und Le Père de famille (Der Familienvater, 1758) sowie theatertheoretische Abhandlungen (De la poésie dramatique (Über die dramatische Dichtung, 1758), womit er in Theorie und Praxis die neue Gattung des „drame bourgeois“ (bürgerliches Trauerspiel) in Opposition zur aristokratischen Tragödie begründete. Der Dialog Le paradoxe sur le comédien (Paradox über den Schauspieler, 1773), wo er ausführte, dass nicht der empfindsame Schauspieler, sondern der kaltblütige die Gemüter bewege, hatte Einfluss auf die Theatertheorie bis hin zu Bert Brecht.
Zugleich arbeitete Diderot an Romanen und Erzählungen, die rückblickend erstaunlich modern wirken und meist erst postum erschienen. So verfasste er 1760/61 den kirchenkritischen und zugleich empfindsamen Roman La Religieuse (Die Nonne), der den Leidensweg einer unfreiwilligen Nonne beschreibt und heute wohl sein meistgelesenes (und verfilmtes) Werk ist (gedruckt erst 1796). Von 1760 bis etwa 1764 schrieb er den experimentellen Roman Le Neuveu de Rameau (Rameaus Neffe; erstmals gedruckt in Goethes deutscher Übersetzung 1805, in einer französischen Rückübersetzung 1821, im endlich wiederentdeckten Originaltext erst 1891). 1773 stellte er den Roman Jacques le Fataliste (Jacques der Fatalist) fertig (gedruckt erst 1796). Das Verhältnis zwischen dem aktiven, aber dennoch im festem Glauben an die Determiniertheit aller Ereignisse befangenen Knecht Jacques und seinem lethargischen und passiven Herrn, der ironischerweise den Standpunkt der Willensfreiheit vertritt, inspirierte Hegel zu seiner in Phänomenologie des Geistes entfalteten Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, ebenso wie ihn der zwiespältige Held des Neveu de Rameau zur Unterscheidung von „Ansichsein“ und „Fürsichsein“ anregte.
In Diderots unveröffentlichten Schriften mit satirischer Tendenz zeigen sich deutliche Zweifel am optimistischen aufklärerischen Weltbild, das er mit der Encyclopédie öffentlich vertreten musste. Sein anfänglicher Freund und späterer Widersacher Jean-Jacques Rousseau warf Diderot vor, dass er ihn vom Optimismus abgebracht habe.
Ähnlich wie Voltaire, war auch Diderot auf der Suche nach dem aufgeklärten Monarchen. Er fand ihn in der aus Deutschland stammenden russischen Zarin Katharina, die ihm 1765 pro forma seine Bibliothek abkaufte, ihn generös als Bibliothekar besoldete sowie mit Geld für Neuanschaffungen ausstattete und ihn 1773 einige Monate am Hof von Sankt Petersburg verwöhnte, wohin nach seinem Tod 1784 denn auch die Bibliothek verfrachtet wurde.
Diderot fand zwar rege Unterstützung im Kreise der Freimaurer, dass er selbst Freimaurer war, ist jedoch nicht nachgewiesen.
Er wurde in der Kirche Saint-Roch in Paris bestattet.
Philosoph der Frühen Neuzeit | Autor | Aufklärer | Aufklärung (Literatur) | Literatur (18. Jh.) | Literatur (Französisch) | Enzyklopädist (Encyclopédie)
Franzose | Mann | Geboren 1713 | Gestorben 1784
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