Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit ist eine Autobiographie, in der Johann Wolfgang von Goethe seine Erlebnisse aus den Jahren 1749 bis 1775 liebevoll darstellt. Zwischen 1808 und 1831 entstanden, legen die Redakteure Riemer und Eckermann den biographischen Vortrag (495) ein Jahr nach dem Tode des Dichters vor.
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Nach Richard Friedenthal ist diese mannigfaltig vorschreitende Lebensgeschichte (430) einer der großen deutschen Romane - ein Hausbuch (Friedenthal, S. 569 unten).
Eine Zahl von 1749 bis 1775 ist das Jahr, über das Goethe aus seinem Leben schreibt.
Ein Zahlenpaar in runden Klammern (Teil, Buch) bezeichnet eines der zwanzig Bücher der Autobiographie.
Eine Zahl in runden Klammern (Seite) weist auf die Stelle in der Quelle hin.
Mit Wolfgang ist unten im Text der junge Goethe gemeint, über den der 59- bis 82-jährige Dichter erzählt.
Schauplätze
Frankfurt am Main
Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich... beginnt Goethe und erzählt vom Vaterhaus am
Hirschgraben.
Wolfgangs Vater hat eine
Vorliebe für die italienische Sprache. Die
gute Großmutter schenkt dem kleinen Wolfgang und seiner Schwester (
Cornelia Friederike Christiane Schlosser, geb. Goethe, 1750 - 1777)
, die nur ein Jahr weniger zählt, zu Weihnachten
ein Puppenspiel. Nachdem die Großmutter verstorben ist, lässt der Vater das Haus gründlich umbauen. Hatte der Vater seine beiden Kinder bisher selber unterrichtet, muss er sie des Umbaus wegen -
ungern nur - in
eine öffentliche Schule schicken.
Nach den umfangreichen Umbauten räumt der Vater als erstes seine Bibliothek auf. Lateinische Dichter und italienische Schriftsteller, besonders
Tasso, dominieren neben der Literatur zur eleganteren
Jurisprudenz. Der Vater hatte in
Leipzig Rechtswissenschaft studiert und in
Gießen promoviert. Beizeiten erkennt er die Geistesgaben des Sohnes und
würde nicht so liederlich damit gewirtschaftet haben (25). Wolfgangs Schwester erhält vom Vater Italienisch-Unterricht. Wolfgang fällt das Italienische
als eine lustige Abweichung des Lateinischen (25) auf, und er lernt heimlich mit. Der Vater ist für Leipzig als Studienort und hat etwas gegen
Göttingen. Der kleine Wolfgang nimmt auch Privatstunden gemeinsam
mit Nachbarskindern und konsumiert an Buchweisheit, was er haben kann:
Man hatte zu der Zeit noch keine Bibliotheken für Kinder veranstaltet. Die Alten hatten selbst noch kindliche Gesinnungen, und fanden es bequem, ihre eigene Bildung der Nachkommenschaft mitzuteilen (26). Wolfgang bekommt die
Pocken,
Masern und
Windblattern. Er muss mitansehen, wie Geschwister
nicht lange am Leben bleiben. Goethe bezeichnet den
Religionsunterricht im
kirchlichen Protestantismus als nur eine Art von trockner Moral (31).
- 1756 (1,2) Der neue Paris. Knabenmärchen
Am Zwinger hin, dort zwischen
Nußbäumen, steinerner Tafel mit verzierter Einfassung und
Brunnen, an der
Schlimmen Mauer, tritt Wolfgang durch eine Pforte und trifft in einem mit
Partisanen bewehrten Zaubergarten auf die
Königin der Amazonen. Heerführer Wolfgang und die Königin lassen zwei Heere gegeneinander kämpfen. Winzige Soldaten feuern
wohlpolierte Achatkugeln aus
Geschütz aufeinander ab. Es sind nicht einfach flache Bleisoldaten, sondern
runde und körperliche, ganz
ohne ein Fußbrettchen. Wolfgang siegt und erhält von der Gegnerin eine
Ohrfeige. Wolfgang fasst
sie bei den Ohren und küsst
sie zu wiederholten Malen. Der Boden unter Wolfgang fängt
an zu beben und zu rasseln. Die Partisanen zerschlitzen ihm
schon die Kleider. Er erholt sich von seinem
Schrecken am Fuß einer Linde. Da ist noch ein Alter, der Wolfgang durch den Zaubergarten begleitet und
trotzig fragt:
Wer bist denn du? Wolfgang erwidert:
Ein Liebling der Götter.
Das Märchen findet unter Wolfgangs
Gespielen großen Beifall. Die Gespielen überzeugen sich jeder für sich von der Entfernung der Nussbäume, der Tafel und des Brunnens voneinander. Die Eindrücke variieren.
Und so gaben die Gespielen Wolfgang
ein frühes Beispiel, wie die Menschen von einer ganz einfachen und leicht zu erörternden Sache die widersprechendsten Ansichten haben und behaupten können (45).
Der Knabe Wolfgang übt sich im
Stoizismus; in den
Duldungen körperlicher Leiden.
Mißwollende Knaben
peitschen Wolfgangs
Beine und Waden auf das grausamste. Wolfgang, immer noch Stoiker, rührt sich nicht, doch dann greift er an; stößt seine Peiniger
wiederholt mit den Köpfen zusammen (47). Stoisch reagiert Wolfgang, als böse Buben seine Vorfahren in Misskredit bringen:
Das Leben ist
so hübsch, daß man völlig für gleichgültig achten kann
, wem man es zu verdanken hat (48).
Der Vater erzieht Wolfgangs Schwester
Cornelia (47) musisch und sucht Wolfgangs
Gabe etwas zu fassen und zu kombinieren, auf juristische Gegenstände zu lenken (96).
Klopstocks Messias findet keinen Platz unter den
Quart-Bänden in des Vaters sortierter Bibliothek. Aber die
Mutter bekommt den
Messias von einem
Hausfreund zugesteckt, und so gelangt das Buch heimlich in die Hände von Wolfgang und Cornelia.
Diese so natürlich ausgedrückten und doch so schön veredelten frommen Gefühle, diese gefällige Sprache (55) machen sich die Geschwister bald zu eigen. Als dann Cornelia lauthals Klopstock deklamiert -
O wie bin ich zermalmt! - gießt der Barbier vor Schreck
dem Vater das Seifenbecken in die Brust.
Wolfgangs Vater,
preußisch gesinnt, muss
fremde militärische Bewohner in sein kaum vollendetes Haus aufnehmen; sieht
sich nun von Franzosen in seinen Zimmern belagert. Der
Königslieutenant Graf Thoranc (*1719 - †1794) von
Grasse (57) aus der
Provence quartiert sich monatelang ein. Der Graf wird von Marschall
de Broglie (66) besucht. Wolfgangs Mutter lernt extra
Französisch. Der Graf ist geschmeichelt. Er hat ein Faible für Malerei und lässt mehrere deutsche Maler nach Maß Gemälde für sein Schloss in Grasse malen. Goethes Kommentar:
Man solle Künstler beschäftigen, aber nicht zu Tapetenmalern erniedrigen (75). Wolfgangs Mutter,
welche alles, nur nicht die Sorge ertragen kann, äußert dem Grafen gegenüber ihre Furcht vor den bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzungen und wird abgefertigt. Als die Franzosen dann am Karfreitag über die Preußen siegen und der Graf triumphiert, rutscht dem Vater heraus:
Ich wollte, sie hätten euch zum Teufel gejagt. Das hat für den Vater ein Nachspiel, doch er kommt mit einem blauen Auge davon.
Auf Frankfurts Bühnen kommen französische Autoren. Wolfgang studiert
Corneille,
Racine und
Molière.
(1,4) Wolfgang fühlt
seit seinen
frühsten Zeiten einen Untersuchungstrieb gegen natürliche Dinge. Kein Wunder -
ist doch Kindern dieses nicht zu verdenken, da ja selbst Naturforscher öfter durch Trennen und Sondern als durch Vereinigen und Verknüpfen, mehr durch Töten als durch Beleben sich zu unterrichten glauben (79). Der Vater legt Wert auf
Englischkenntnisse. Wolfgang werden die Grammatiken
dieser oder jener Sprache
immer lästiger. Der Geplagte kommt
auf den Gedanken, das Sprachenproblem
alles mit einmal abzutun und erfindet
einen Roman von sechs bis sieben Geschwistern, die, von einander entfernt und in der Welt zerstreut, sich wechselseitig Nachricht von ihren Zuständen und Empfindungen mitteilen (82).
Wolfgang möchte
Hebräisch lernen. Der Vater,
der nicht gern etwas halb tut, engagiert den
Rektor Albrecht (*1694 - †1770)
, eine der originalsten Figuren der Welt, als Lehrer. Wolfgang versenkt sich
in die ersten Bücher Mosis (93) und erhält durch seine eigenwilligen Studien
der heiligen Schriften eine lebhaftere Vorstellung von jenem schönen und viel gepriesenen Lande (86). Albrecht begleitet den Unterricht mit
seinem baucherschütterden Lachen und ruft:
Er närrischer Junge!
Gern sucht Wolfgang den Maler Juncker (*1703 - †1767) in seinem Atelier auf:
Gelegentlich hatte ich auch wohl einmal eine Maus gefangen, die ich ihm brachte, und die er als ein gar so zierliches Tier nachzubilden Lust hatte, auch sie wirklich aufs genauste vorstellte, wie sie am Fuße des Blumentopfes eine Kornähre benascht (101).
Wolfgang möchte Poet werden:
Was mich betrifft, so hatte ich auch wohl im Sinne, etwas Außerordentliches hervorzubringen; worin es aber bestehen könne, wollte mir nicht deutlich werden... so leugne ich nicht, daß, wenn ich an ein wünschenswertes Glück dachte, dieses mir am reizendsten in der Gestalt des Lorbeerkranzes erschien, der den Dichter zu zieren geflochten ist (107).
(1,5) Wolfgangs
natürliche Gutmütigkeit (110) begünstigt einen schweren Fehler. Er gerät in schlechte Gesellschaft
junger Leute - gewöhnliche Menschen, wird als
poetischer Sekretär zum Verfassen verhängnisvoller Schriftstücke ermuntert und bittet seinen Großvater, die Bewerbung seines
Klienten im Amte wohlwollend zu erwägen. Der Großvater schlägt die Bitte nicht ab. Doch, so stellt sich heraus, der Empfohlene
war einer der Schlimmsten, und bewarb sich um jenes Amt hauptsächlich, um gewisse Bubenstücke unternehmen oder bedecken zu können (143). Der Coup fliegt auf. Dabei war Wolfgang doch gewarnt. Und zwar von seiner ersten Liebe -
Gretchen sagt zu Wolfgang:
Ich habe widerstanden und den ersten Brief nicht abgeschrieben, wie man von mir verlangte. Wolfgang wird bestraft - Gretchen wird der Stadt verwiesen. Obwohl das Wolfgang wurmt, findet er sich damit ab, denn Gretchen wurde in dem Fall Wolfgang vernommen und gab zu den Akten:
Ich kann es nicht leugnen, daß ich ihn oft und gern gesehen habe; aber ich habe ihn immer als ein Kind betrachtet (144). Wolfgang findet
es schrecklich, daß er
um eines Mädchens willen Schlaf und Ruhe und Gesundheit aufgeopfert hatte, die sich darin gefiel, ihn
als einen Säugling zu betrachten und sich höchst ammenhaft weise gegen ihn
zu dünken (145).
Wolfgang überlegt ernsthaft, was er nun eigentlich studieren soll. Philosophie wohl nicht.
Denn da in der Poesie ein gewisser Glaube an das Unmögliche, in der Religion ein ebensolcher Glaube an das Unergründliche stattfinden muß, so schienen mir die Philosophen in einer sehr üblen Lage zu sein, die auf ihrem Felde beides beweisen und erklären wollten (145). Des Vaters
einsames Leben zwischen seinen Brandmauern ist auch nicht sein Fall. Wolfgang ersinnt
einen ganz anderen Lebensplan als den vorgeschriebenen. Er wirft
in Gedanken die juristischen Studien weg und will sich
den Sprachen, den Altertümern, der Geschichte widmen. Nach Göttingen will er gehen, darf aber nicht. Der Abschied von Frankfurt fällt Wolfgang nicht schwer. Ihm missfallen
die Verfassung der Stadt und
die heimlichen Gebrechen einer solchen Republik (157). Der Abschied von der Schwester Cornelia fällt Wolfgang sehr schwer (150).
Leipzig
Zu
Michaelis reist Wolfgang über
Hanau,
Gelnhausen und
Auerstedt nach Leipzig (159). Bei Auerstedt bleibt der Wagen stecken. Wolfgang strengt sich
mit Eifer an und dehnt
dadurch die Bänder der Brust übermäßig aus. Er empfindet
bald nachher einen Schmerz, der ihn erst nach vielen Jahren völlig verlässt.
In Leipzig bezieht Wolfgang Quartier bei einer alten Wirtin. Sein Stubennachbar ist ein armer Theologe. Wolfgang besucht die Leipziger Herbstmesse mit ihren Buden und mustert
die Bewohner der östlichen Gegenden in ihren seltsamen Kleidern. Er möchte die
schönen Wissenschaften studieren. Das macht er seinem künftigen Lehrer in dessen Wohnung beim Antrittsbesuch klar. Der Professor hält
aus dem Stegreif eine gewaltige Strafpredigt. Wolfgang geht später noch einmal zur Gattin des Professors. Die bringt ihn unter vier Augen zur Vernunft. Beide finden einen Kompromiss. Die Professorsgattin redet dem Professor ein:
Gellerts Literaturgeschichte darf Wolfgang hören und
sein Praktikum frequentieren. Wolfgang verehrt Gellert.
Die Leipziger Damen tadeln, dass Wolfgang
wie aus einer fremden Welt hereingeschneit aussehe. Goethe gibt freimütig zu:
Ich war vom Hause freilich etwas wunderlich equipiert auf die Akademie gelangt (163).
In Jena und Halle ist
die Roheit aufs höchste gestiegen, körperliche Stärke, Fechtergewandtheit, die wildeste Selbsthülfe ist
dort an der Tagesordnung. Dagegen kann
in Leipzig ein Student kaum anders als galant sein (165).
Vor Gellerts Augen findet Wolfgangs
Prose wenig Gnade. Gellert sieht Wolfgangs Werke genau durch und korrigiert
mit roter Tinte.
Die Blätter sind leider endlich auch im Laufe der Jahre aus Goethes
Papieren verschwunden. Über das traurige Schicksal seiner anderen frühen Manuskripte berichtet Goethe:
Nach manchem Kampfe warf ich eine so große Verachtung auf meine begonnenen und geendigten Arbeiten, daß ich eines Tags Poesie und Prose, Plane, Skizzen und Entwürfe sämtlich zugleich auf dem Küchenherd verbrannte, und durch den das ganze Haus erfüllenden Rauchqualm unsre gute alte Wirtin in nicht geringe Furcht und Angst versetzte (168).
(2,7) Goethe bietet dem Leser so etwas wie eine Kleine Literaturgeschichte - er spricht von
kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur: Der Deutsche begab sich bei den Franzosen in die Schule, um lebensartig zu werden, und bei den Römern, um sich würdig auszudrücken (169). Mit
Gottscheds,
Breitingers und
Bodmers Schriften zur Literaturkritik wird hart ins Gericht gegangen:
In welche Verwirrung junge Geister durch solche ausgerenkte Maximen, halb verstandene Gesetze und zersplitterte Lehren sich versetzt fühlten, läßt sich wohl denken (172). Talentierte tote Poeten werden besprochen - Johann Christian Günther (*1695 - †1723), Johann Ulrich von König (*1688 - †1744) und auch ein anno 1765 Lebender - Wolfgangs Freund und späterer Schwager
Johann Georg Schlosser. Goethe schildert einen Besuch bei Gottsched:
Der große, breite, riesenhafte Mann, kam
in einem gründamastnen, mit rotem Taft gefütterten Schlafrock zur Türe herein; aber sein ungeheures Haupt war kahl. Der Bediente sprang mit einer großen Allongeperücke auf der Hand zu einer Seitentüre herein und reichte den Hauptschmuck seinem Herrn mit erschrockner Gebärde. Gottsched, ohne den mindesten Verdruß zu äußern, hob mit der linken Hand die Perücke von dem Arme des Dieners, und indem er sie sehr geschickt auf den Kopf schwang, gab er mit seiner rechten Tatze dem armen Menschen eine Ohrfeige, so daß dieser, wie es im Lustspiel zu geschehen pflegt, sich zur Türe hinaus wirbelte (175). Wolfgang findet Klopstocks
Messias in Leipzig nun mittlerweile nicht mehr so lobenswert wie in Frankfurt, sondern eher
ungenießbar.
Christian Fürchtegott Gellert.jpg
In seiner Kleinen Literaturgeschichte vereinnahmt Goethe den
Menschenverstand, der sich in deutschen Landen regt, für die Länder
innerhalb des protestantischen Teils von Deutschland und der Schweiz (178).
Kleists Gedichte werden erwähnt (181),
Gleim und
Ramler werden gelobt.
Lessing, der
die persönliche Würde gern wegwarf, kommt bei Goethe immer gut weg - hier die
Minna von Barnhelm (183). Gellert taucht immer wieder auf, kommt
auf seinem zahmen Schimmel, den
ihm der Kurfürst geschenkt, einhergeritten. Gellerts Vorlesung hat
ungeheuern Zulauf: Das philosophische Auditorium war in solchen Stunden gedrängt voll, und die schöne Seele, der reine Wille, die Teilnahme des edlen Mannes an unserem Wohl, seine Ermahnungen, Warnungen und Bitten, in einem etwas hohlen und traurigen Tone vorgebracht, machten wohl einen augenblicklichen Eindruck; allein er hielt nicht lange nach, um so weniger, als sich doch manche Spötter fanden, welche diese weiche und, wie sie glaubten, entnervende Manier uns verdächtig zu machen wußten (191).
Am Ende seiner Leipziger Zeit rückt bei Wolfgang
der Zeitpunkt heran, wo er an allen Autoritäten zweifelt und verzweifelt. Die Possen und Albernheiten des Freundes Ernst Wolfgang Behrisch (*1736 - †1809) werden erwähnt. Goethe streift kurz seine
Neigung zu Annetten, dann zu Ännchen - aber vorsichtig, denn da war doch noch der Reinfall mit Gretchen daheim in Frankfurt.
(2,8)
In dem alten Schlosse Pleißenburg nimmt Wolfgang Zeichenunterricht beim
Direktor der Zeichenakademie Oeser. Im Breitkopfischen Hause trifft Wolfgang nicht nur Gottsched, sondern auch den Hausherren Bernhard Christoph Breitkopf (*1695 - †1777), dessen Sohn Johann Gottlieb Immanuel (*1719 - †1794) und den Nürnberger Kupferstecher Johann Michael Stock (*1739 - †1773) (211).
Am Ende seiner Leipziger Zeit gesteht Goethe
einen gewissen hypochondrischen Zug, im
sitzenden Leben verstärkt, ein. Dazu kommt
der Schmerz auf der Brust seit dem Auerstedter Unfall, und
das schwere Merseburger Bier verdüstert sein
Gehirn.
Nachts wacht Wolfgang
mit einem heftigen Blutsturz auf und schwankt
mehrere Tage zwischen Leben und Tod. Bei jener Eruption bildet sich
zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses (214).
Frankfurt am Main
Im September verlässt Wolfgang nach seinen
akademischen Großtaten Leipzig und kehrt,
gleichsam als ein Schiffbrüchiger, heim. Der Vater verhehlt seinen
Verdruß. Erwartete er doch einen
rüstigen Promovenden der Rechte und findet
einen Kränkling. Die Frauen des Hauses nehmen Wolfgang besorgt auf. Fräulein von Klettenberg, in den
Bekenntnissen einer schönen Seele verewigt, sorgt sich ebenfalls um den allmählich Genesenden. Wolfgang sieht jene Briefe durch, die er aus Leipzig geschrieben hat und muss belustigt konstatieren - das bei Gellert Gelernte hat er sogleich zur "Erziehung" der Schwester
gewendet. Der Vater hat die Briefe
sogar mit Aufmerksamkeit korrigiert und sowohl Schreib- als Sprachfehler verbessert (223). Die nächste größere Manuskript-Verbrennung findet statt. Lediglich
Die Laune des Verliebten und
Die Mitschuldigen bleiben vor den Flammen verschont. Wolfgangs dramaturgisches Vorbild ist Lessing. Gottfried
Arnolds (*1660 - †1714)
'Kirchen- und Ketzergeschichte' wird Lektüre.
Straßburg
Wolfgang soll endlich promovieren. Im Frühjahr nähert er sich
dem Münster in
dem schönen Elsaß, steigt
im Wirtshaus 'Zum Geist' ab und bezieht schließlich
ein kleines, aber wohlgelegenes und anmutiges Quartier an der Sommerseite des Fischmarkts. Zwar beredet sich Wolfgang mit
Doktor Salzmann (1722 - 1812) über die
Rechtswissenschaft und die Promotion. Sein
ganzer Erwerb aus Leipzig ist nur
ein allgemeiner enzyklopädischer Überblick. Die
Zerstreuung und Zerstückelung seiner
Studien geht in
Straßburg munter weiter.
Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich, bringt
auf ihrem Wege nach Paris den Straßburger Studienbetrieb durcheinander. Wolfgang gewinnt Franz Lerse (*1749 - †1800), dem er im
Götz von Berlichingen ein Denkmal gesetzt hat, zum Freund.
Johann Gottfried Herder.jpg
(2,10) Bei der Beschreibung seiner Straßburger Zeit setzt Goethe die Kleine Literaturgeschichte fort: Die deutschen Dichter hatten weder Halt, Stand noch Ansehn (255). Lebensgewandte Edelleute, wie Hagedorn, stattliche Bürger, wie Brockes, entschiedene Gelehrte, wie Haller, erschienen unter den Ersten der Nation. Zur Abwechslung wird Klopstock nun wieder gelobt. Alles traf in Klopstock zusammen. Er war, von der sinnlichen wie von der sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Jüngling. Ernst und gründlich erzogen, legt er, von Jugend an, einen großen Wert auf sich selbst und auf alles, was er tut, und indem er die Schritte seines Lebens bedächtig vorausmißt, wendet er sich, im Vorgefühl der ganzen Kraft seines Innern, gegen den höchsten denkbaren Gegenstand (256). Nun tritt Goethe selber auf: Die Tätigkeit jener Männer stand in ihrer schönsten Blüte, als wir jungen Leute uns auch in unserem Kreise zu regen anfingen (258). Der gutmütige Polterer Herder, der sich in Straßburg tapfer mehreren Operationen am Auge unterzieht, macht dem jungen Dichter mit seinem Widerspruchsgeiste das Leben schwer. Herder, mehr geneigt zu prüfen und anzuregen, als zu führen und zu leiten, zieht Wolfgang, der die Zeit in hunderterlei Tätigkeiten zersplittert, immer mal auf. Wolfgang wird vorsichtig. Geschickt verbirgt er vor Herder gewisse poetische Gestalten wie den Götz und auch den Faust. Herder, der bloß Gehalt und Form beachtet, der auf Wolfgang eine magische Gewalt ausübt, zieht Jung-Stilling den anderen jungen Poeten vor (267). Aber Wolfgang lässt sich durch Herders Invektiven * keineswegs irre machen.
Sesenheim
Auf seinen Ausritten zusammen mit
Freund Weyland (1750 - 1785) von Straßburg in den Elsaß trifft Wolfgang in
Sesenheim die Pfarrerstochter
Friederike und schwärmt:
Da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf... Schlank und leicht... schritt sie (278).
Das Verlangen, sie wieder zu sehen, schien unüberwindlich (280).
Ich trug ein Märchen vor, das ich hernach unter dem Titel 'Die neue Melusine' aufgeschrieben habe (286).
(3,11)
Früh beizeiten geht Wolfgang mit Friederike spazieren:
Ich genoß an der Seite des lieben Mädchens der herrlichen Sonntagsfrühe auf dem Lande. Friederikes
Wesen, ihre Gestalt trat niemals reizender hervor, als wenn sie sich auf einem erhöhten Fußpfad hinbewegte (295).
Ich ... kannte keinen Schmerz noch Verdruß in ihrer Nähe... Ich war grenzenlos glücklich an Friedrikens Seite; gesprächig, lustig, geistreich, vorlaut, und doch durch Gefühl, Achtung und Anhänglichkeit gemäßigt (297).
Unter diesen Umgebungen trat unversehens die Lust zu dichten, die ich lange nicht gefühlt hatte, wieder hervor. Ich legte für Friedriken manche Lieder bekannten Melodien unter (301, Sesenheimer Lieder:
Mailied, Willkommen und Abschied, Mit einem gemalten Band).
Straßburg
Nebenbei promoviert Wolfgang. Der Vater verlangt
ein ordentliches Werk. Das schreibt Wolfgang zusammen. Der Dekan lehnt es ab. Wolfgang schafft das Ziel im zweiten Anlauf am 6. August leicht.
Tags darauf stirbt der Historiker Johann Daniel Schöpflin (*1694). Goethe würdigt das Werk des Straßburger Professors.
Darmstadt
Wolfgang begegnet
Johann Heinrich Merck (1741 - 1814):
Dieser eigne Mann, der auf mein Leben den größten Einfluß gehabt, war von Geburt ein Darmstädter... Nach vollendeten Studien führte er einen Jüngling nach der Schweiz, wo er eine Zeitlang blieb, und beweibt zurückkam. Als ich ihn kennen lernte, war er Kriegszahlmeister in Darmstadt. Mit Verstand und Geist geboren, hatte er sich sehr schöne Kenntnisse... erworben... Treffend und scharf zu urteilen war ihm gegeben. Man schätzte ihn als einen wackern entschlossenen Geschäftsmann. Mit Leichtigkeit trat er überall ein, als ein sehr angenehmer Gesellschafter für die, denen er sich durch beißende Züge nicht furchtbar gemacht hatte. Er war lang und hager von Gestalt, eine hervordringende spitze Nase zeichnete sich aus, hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin und wider ging, etwas Tigerartiges... von Natur ein braver, edler, zuverlässiger Mann (326). Merck schreibt mit
verletzender Kraft; geht
verneinend und zerstörend zu Werke. Das ist
ihm selbst unangenehm.
Merck ist
Zweifler und Eklektiker (348).
Im Darmstädter Kreis begegnet Wolfgang außer Merck noch Herders spätere Gattin, die Elsässerin Caroline Flachsland (*1750 - †1809). Goethe schreibt über diese Zeit: 'Faust' war schon vorgeruckt, 'Götz von Berlichingen' baute sich nach und nach so in meinem Geiste zusammen (327). Herder unterließ sein Necken und Schelten nicht (333). Meine Lust am Hervorbringen war grenzenlos (335). Mit Friederike macht er brieflich Schluss und gesteht: Gretchen hatte man mir genommen, Annette mich verlassen, hier war ich zum erstenmal schuldig (336). Er flüchtet in die freie Natur, singt Wanderers Sturmlied, diesen Halbunsinn leidenschaftlich und sucht nach seiner alten Art abermals Hülfe bei der Dichtkunst. Die Marie im Clavigo sei Ergebnis solcher reuigen Betrachtungen gewesen, erinnert sich Goethe.
Wetzlar
Vom 25. Mai bis zum 11. September ist Wolfgang Praktikant am
Reichskammergericht in
Wetzlar. Goethe schreibt:
Jener Vorsatz, meine innere Natur nach ihren Eigenheiten gewähren, und die äußere nach ihren Eigenschaften auf mich einfließen zu lassen, trieb mich an das wunderliche Element, in welchem „Werther“ ersonnen ist. Die Geschichte
Werthers wird erzählt. Von
Lotte ist die Rede und von
Jerusalem (351).
Gotter vermittelt Wolfgang die Bekanntschaft mit Autoren des Göttinger Musenalmanachs - mit Bürger, Voß, Hölty und den Gebrüdern Stolberg (Christian und Friedrich Leopold). Wolfgang dichtet Der Wanderer (345).
Zusammen mit Merck, dem Todfeind aller akademischen Bürger (357), sucht Wolfgang am 18. August Ludwig Julius Friedrich Höpfner (*1743 - †1797), Professor der Rechte, in Gießen auf und wird später dessen Freund.
Koblenz
Vom 14. bis 19. September besucht Wolfgang zusammen mit Merck in Thal-Ehrenbreitstein die Frau Sophie von La Roche (*1731 - †1807).
Frankfurt am Main
Wolfgang, der etwas auf seine
Mitschuldigen hält, fand schon für diese keinen Verleger. Nun strengt er mit Merck den Druck des
Götz an. Merck muss nach
Petersburg. Als er zurückkehrt, legt ihm Wolfgang den
Werther vor.
Nun ja, es ist ganz hübsch! meint Merck. Wolfgang denkt an Manuskriptverbrennung; will zumindest umarbeiten. Merck redet Wolfgang die Umarbeitung aus. Wolfgang schickt das Manuskript ab und:
Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf (379). Wolfgang gefällt es,
als ein literarisches Meteor angestaunt zu werden (383).
Goethe bezeichnet das
Jahrmarktsfest als Epigramm-Sammlung (383).
Rhein
Goethe sieht
Lenz so:
Er hatte nämlich einen entschiedenen Hang zur Intrige... und so hat er niemanden, den er liebte, jemals genützt, niemanden, den er haßte, jemals geschadet... Aus wahrhafter Tiefe, aus unerschöpflicher Produktivität ging sein Talent hervor... Man konnte in seinen Arbeiten große Züge nicht verkennen... Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt, dem er durch seine Rührigkeit eine Bedeutung zu geben wußte... Er lebte
... meistens mit Offizieren der Garnison, wobei ihm die wundersamen Anschauungen, die er später in dem Lustspiel 'Die Soldaten' aufstellte, mögen geworden sein... Die Poesie, die er in das Gemeinste zu legen wußte, setzte mich oft in Erstaunen (387).
Goethe schreibt über seinen Freund
Klinger. Mit
Basedow reist Wolfgang zu
Lavater nach
Ems. Die gemeinsame Fahrt verläuft vom 15. bis 21. Juli die
Lahn hinab in den
Rhein nach
Köln zu
Georg und
Fritz Jacobi. Wolfgang rezitiert seine
neusten und liebsten Balladen 'Der König von Thule' und 'Es war ein Buhle frech genung' (402). Weiter geht es mit Basedow und Lavater über
Düsseldorf,
Pempelfort nach
Elberfeld.
Frankfurt am Main
Zurückgekehrt zu seiner
edlen Freundin von Klettenberg dichtet Wolfgang
- Sieh in diesem Zauberspiegel
- Einen Traum, wie lieb und gut,
- Unter ihres Gottes Flügel,
- Unsre Freundin leidend ruht.
Die Fabel des Prometheus wird in Wolfgang
lebendig. Der junge Dichter trifft am 11. Dezember
von Knebel. Dieser,
in Weimar angestellt, berichtet,
daß Wieland dort
in vorzüglicher Gunst stehe und macht Wolfgang mit dem durchreisenden
Weimarer Erbprinzen Carl August bekannt. Dem Vater, der reichsbürgerlich gesinnt ist und sich deshalb
von den Großen entfernt hält, gefällt die noble Bekanntschaft nicht. Wolfgang macht sich nichts daraus und reist den Herrschaften nach
Mainz nach. In einem Gespräch in Mainz erweisen sich Wolfgangs Befürchtungen wegen seiner mit spitzer Feder geschriebenen
Götter, Helden und Wieland als unbegründet. Denn der Weimarer Hof nimmt die
Posse heiter und lustig.
Merck, der Wolfgangs
Clavigo in die Hände bekommt, urteilt:
Solch einen Quark mußt du mir künftig nicht mehr schreiben; das können die andern auch (426).
Goethe beklagt sich über den Raubdrucker Christian Friedrich Himburg (*1733 - †1801).
(4,17) Darauf erzählt er
die Geschichte seines
Verhältnisses zu Lili (Anna Elisabeth Schönemann (*1758 - †1817)) und umschreibt sein Gefühl mit
- Herz, mein Herz, was soll das geben?
- Was bedränget dich so sehr?...
Demoiselle Delph (*1728 - †1808) hat
seit vielen Jahren das Vertrauen von Lilis Mutter. Überdies kennt und liebt sie
Lili von Jugend auf. Wolfgang führt die Demoiselle bei seinen Eltern ein. Die Delph leitet die Verbindung von Lili und Wolfgang in die Wege. Auf einmal Bräutigam, findet Wolfgang:
War die Geliebte mir bisher schön, anmutig, anziehend vorgekommen, so erschien sie mir nun als würdig und bedeutend (453).
Schweiz
Wolfgang will mit den beiden Grafen Stolberg und mit Graf Haugwitz (*1752 - †1832) in die Schweiz.
Daß du mit diesen Burschen ziehst, ist ein dummer Streich schimpft Freund Merck, weil er findet, Grafen seien nicht die richtige Gesellschaft für Wolfgang, denn, so sagt er ihm:
Dein Bestreben, deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative, zu verwirklichen, und das gibt nichts wie dummes Zeug (465).
Auf dem Wege in die Schweiz begegnet Wolfgang in
Karlsruhe wiederum den jungen Herzog von Sachsen-Weimar. Der Herzog und seine edle Braut hoffen Wolfgang
bald in Weimar zu sehen. Wolfgang reist weiter nach
Emmendingen zu seiner mittlerweile verheirateten Schwester. Cornelia, nach Goethes Ansicht für die Ehe überhaupt nicht geschaffen, rät dem Bruder zur
Trennung von Lili. Am
Rheinfall bei
Schaffhausen vorbei reist Wolfgang nach
Zürich zu Lavater. In Zürich trifft Wolfgang seinen
jungen Freund Jacob Ludwig Passavant (*1751 - †1827). Der alte
Bodmer, am rechten Ufer der
Limmat lebend, wird aufgesucht. Auf dem
Zürichsee, im Angesicht der Herrlichkeit ringsum, dichtet Wolfgang
- Und frische Nahrung, neues Blut
- Saug' ich aus freier Welt;
- Wie ist Natur so hold und gut,
- Die mich am Busen hält!
- Die Welle wieget unsern Kahn
- Im Rudertakt hinauf,
- Und Berge, wolkig himmelan,
- Begegnen unserm Lauf...
- ...
- Auf der Welle blinken
- Tausend schwebende Sterne;
- Weiche Nebel trinken
- Rings die türmende Ferne,
- Morgenwind umflügelt
- Die beschattete Bucht
- Und im See bespiegelt
- Sich die reifende Frucht (472).
Joseph Mallord William Turner 028.jpg |
06812v.jpeg
Wolfgang landet in
Richterswil beim Mediziner Dr. Hotz und wallfahrtet durchs Tal von Schindeleggi nach
Maria Einsiedeln. Schneeig ist am 16. Juni der Pfad an den Fuß des Berges Schwyzer Haggen. Wolfgang verlässt die wilde Bergwelt und steigt ab nach
Schwyz. Am 17. Juni besteigt er den
Rigi und am 18. Juni zeichnet er dort die Kapelle. Am 19. Juni geht es nach
Vitznau und
von da zum Wasser nach Gersau. Das
Rütli wird erklommen auf dem Weg nach
Altdorf über
Flüelen. Am 20. Juni erreicht Wolfgang
Amsteg und wirft Blicke auf
die schäumende Reuß. Auf dem Wege hinauf nach
Andermatt besichtigt Wolfgang am 21. Juni den
Teufelsstein, die
Teufelsbrücke und das
Urserner Loch. Schließlich tritt Wolfgang am 22. Juni hinterm
Gotthard ins
steinichte Liviner Tal ein und kehrt um.
(4,19) Lavater in Zürich erreicht er wieder über
Küßnacht,
Zug und die Bergkette
Albis. Goethe bespricht Lavaters
Lust, sich ins Unendliche auszudehnen, wozu uns der gestirnte Himmel sogar sinnlich einlädt (484). Goethes Urteil fällt nicht besonders schmeichelhaft für Lavater aus:
Er war weder Denker noch Dichter, ja nicht einmal Redner (485). Goethe definiert munter die
Termini Geniereise und
Geniestreich (486).
Frankfurt am Main
- 1775 (4,19) Wieder in Frankfurt, wohl empfangen von jedermann, wird Wolfgang erneut mit der Verlobten Lili konfrontiert. Ich war unterrichtet, man habe sie in meiner Abwesenheit völlig überzeugt, sie müsse sich von mir trennen (489). Einige Monate gehen hin. Beide Liebende, sich ihres Zustandes bewußt, vermeiden, sich allein zu begegnen (490). Goethe, der Dichter, drückt dieses Unglück in Versen aus:
- Ihr verblühet, süße Rosen,
- Meine Liebe trug euch nicht;
- Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen,
- Dem der Gram die Seele bricht! (491)
In dem Zusammenhang erwähnt er sein Singspiel
Erwin und Elmire aus jener traurigen Zeit.
Egmont wird angepackt und zwar ganz anders als
Götz von Berlichingen. Gleich zuerst nimmt sich Wolfgang die
Hauptszenen vor.
(4,20) Die Maler Georg Melchior Kraus (*1737 - †1806) und
Philipp Hackert helfen Wolfgang
über manche böse Stunden hinweg. Goethe gesteht,
es fehlte ihm
die eigentliche plastische Kraft. Goethe bringt die Sprache über
Bertuch als Zögling Wielands wieder auf den Weimarer Hof - solche Kerle wie Wolfgang sind gefragt:
Man blickte nach Persönlichkeiten umher, die in dem aufstrebenden Deutschland so mannigfaches Gute zu fördern berufen sein könnten, und so zeigte sich durchaus eine frische Aussicht, wie eine kräftige und lebhafte Jugend sie nur wünschen konnte (495). Es kommt, wie es kommen muss. Goethe nimmt vor der Verlobten Reißaus:
Ich entschloß mich daher abermals zur Flucht, und es konnte mir deshalb nichts erwünschter sein, als daß das junge herzoglich weimarische Paar von Karlsruhe nach Frankfurt kommen und ich, früheren und späteren Einladungen gemäß, ihnen nach Weimar folgen sollte (498).
Wahrheit und Dichtung
Die Biographie enthält - über das oben Skizzierte hinaus - eine schier unübersehbare Fülle von Einzelheiten zu Personen und Ereignissen:
Frankfurt am Main
Die schwere Geburt Wolfgangs ist Anlass für seinen Großvater, den
Schultheiß Johann Wolfgang Textor, in Frankfurt den Hebammenunterricht zu reformieren (11).
1755 Lisbon earthquake.jpg
Das
Erdbeben von Lissabon am 1. November mit seinen zahlreichen Menschenopfern führt den kleinen Wolfgang vor Augen, wie sich Gott
keineswegs väterlich beweist.
Wolfgangs Vater ist Kaiserlicher Rat. Die Ernennung erfolgte vor Wolfgangs Geburt durch
Karl VII. (34).
Der alte Fritz spaltet im
Siebenjährigen Krieg (50) die Frankfurter in zwei Lager.
Johann Michael von Loen (*1694 - †1776), Ehegatte der Schwester von Wolfgangs Großmutter Anna Margaretha Textor (*1711 - †1783), entzweit mit seinem Buch
Die einzige wahre Religion Lutheraner und
Calvinisten und streitet über das Buchthema mit dem Theologen Dr. Benner aus Gießen.
Die drei Söhne
Senckenbergs nennt Goethe Sonderlinge (53).
Im väterlichen Bücherschrank findet der kleine Wolfgang
Canitz,
Hagedorn, Drollinger
Friedrich Drollinger (*1688 - †1742),
Gellert, Creuz,
Haller, Neukirch
*Benjamin Neukirch}} (*1665 - †1729) und Koppen
Johann Friedrich Kopp vor.
Goethe glossiert von den Malern aus Frankfurt und Umgebung: Friedrich Wilhelm Hirt (*1721 - †1772), Christian Georg Schütz (*1718 - †1791), Johann Georg Trautmann (*1713 - †1769), Johann Andreas Benjamin Nothnagel (*1729 - †1804), Justus Juncker (*1703 - †1767), Johann Conrad Seekatz (*1719 - †1768) und Brinckmann (60).
Am Karfreitag, dem 13. April findet die Schlacht von
Bergen (509) statt.
Der
Hubertusburger Frieden (103) beschert Wolfgang für etliche Jahre ein glückliches Leben.
Erzherzog Joseph wird am 3. April zum
Römischen König gekrönt (129). In Frankfurt sind Exponenten des
Reichs zu bestaunen. Wolfgang ist beeindruckt vom
Baron von Erthal, dem Krönungsbotschafter
Fürst Esterházy und dem
Kurfürsten von Mainz. Goethes Kommentar als Augenzeuge des Krönungszuges am Rathaus:
Der junge König hingegen schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des Lächelns nicht enthalten konnte (132). Sogar Lavater (121) kommt vorbei.
Leipzig
- 1765 (2,7) Goethe kommentiert die Bibel-Exegese von Christian August Crusius (*1712 - †1775), Jerusalem, Zollikofer und Johann Joachim Spalding (*1714 - †1804) im Hinblick auf eine gefällige Schreibart der Dichter. Und Autorennamen, auch aus anderen Geisteswissenschaften, fallen: Tissot, Haller, Unzer, Zimmermann, Friedrich Carl Ludwig von Moser (*1723 - †1798), Pütter, Mendelssohn und Garve wirken auf die allgemeine Bildung (180). Die Wurzeln des Missverhältnisses zwischen Preußen und Sachsen werden am Beispiel Leipzigs ausgegraben (183). Die Angriffe Cronegks und Johann Christoph Rosts (*1717 - †1765) auf Gottsched kommen zur Sprache.
Straßburg
- 1769 (2,9) Goethe erzählt über den königlich-französischen Statthalter Klinglin in Straßburg (243).
Zitate
- (1,4) Über einen kindlichen Versuch Wolfgangs, in die Welt der Heiligen Schrift einzudringen: Der Mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat (86).
- (2,6) Über einen Philosophen: Er hätte mir nur sagen dürfen, daß es im Leben bloß aufs Tun ankomme, das Genießen und Leiden finde sich von selbst (146).
- (2,6) Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft (164).
- (2,7) Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst (182).
- (2,8) Der Gelehrte Ernst Theodor Langer (*1743 - †1820), vorzüglicher Bücherkenner, prägt in Leipzig Wolfgangs Haltung zur Heiligen Schrift und zur christlichen Religion: Bibelfest wie ich war, kam es bloß auf den Glauben an, das, was ich menschlicherweise zeither geschätzt, nunmehr für göttlich zu erklären, welches mir um so leichter fiel, da ich die erste Bekanntschaft mit diesem Buche als einem göttlichen gemacht hatte (217).
- (2,8) Die Zeit ist unendlich lang und ein jeder Tag ein Gefäß, in das sich sehr viel eingießen läßt, wenn man es wirklich ausfüllen will (224).
- (2,9) Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden (249).
- (3,11) Friedrikens Betragen: Die reinste Freude, die man an einer geliebten Person finden kann, ist die, zu sehen, daß sie andere erfreut (295).
- (3,11) Wie Kirschen und Beeren schmecken, muß man Kinder und Sperlinge fragen! (316)
- (3,13) Die wahre Poesie kündet sich dadurch an, daß sie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen, uns von den irdischen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast, der uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive vor uns entwickelt daliegen (373).
- (3,15) Das gemeine Menschenschicksal, an welchem wir alle zu tragen haben, muß denjenigen am schwersten aufliegen, deren Geisteskräfte sich früher und breiter entwickeln (410).
- (4,17) Ein rühriger Geist faßt überall Fuß (454).
- (4,17) Jedes Verlangen nach Ruhm ist ehrbar, aller Kampf um das Tüchtige lobenswürdig (459).
Rezeption
- Nach Friedenthal will Goethe weniger ein Zeitgemälde präsentieren als vielmehr sein Leben als das "größte Kunstwerk" hinstellen. Und Goethe meine, sein Aufstieg sei beispielhaft und sollte pädagogisch wirksam dargeboten werden. Also bleibt die Historie möglichst draußen - darf nur ins Buch, wenn es gar nicht anders geht. Warum endet der Roman bereits 1775? fragt sich Friedenthal. Antwort: Goethe möchte keinen Ärger, möchte den noch Lebenden nicht zu nahe treten. Friedenthal gibt zu - das Buch ist Dichtung. Goethe haut nicht auf die Pauke, sondern erzählt heiter und gelassen. Schattenseiten werden nicht weiter ausgeleuchtet. Der Lebensweg verlief glücklich. Goethes Rechnung ging nach Friedenthal voll auf. Die Leserschar nahm die simple Lebenserinnerung an, und in ihrer Einfachheit liegt die Größe von Dichtung und Wahrheit.
- Brude-Firnau betrachtet den Leser dieser Biographie und den jungen Bibel-Leser Goethe, der sich allmählich - lesend - mauserte.
- Nach Wilpert setzte sich Dichtung und Wahrheit als Titel für dieses lebendige Zeitgemälde durch. Es gehe um nicht weniger als um den Sinn eines Lebens. Der sei nicht durch sequentielles Erinnern, sondern durch Reflexion erschließbar. Sobald Goethe reflektiert, muss der Leser mitunter die Zeitebenen auseinander halten. Zum Beispiel spricht Goethe, wenn er den Kölner Sulpiz Boisserée (250) lobend erwähnt, die Zeit nach 1775 an.
Selbstzeugnisse
- Überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwickelung, welche sich in meinem Fall mit den ausführlichen Bänden von Wahrheit und Dichtung abschließt. Später beginnt der Konflikt mit der Welt, und dieser hat nur insofern Interesse als etwas dabei herauskommt. (Goethe am 27. Januar 1824 im Gespräch mit Johann Peter Eckermann)
- Ich bin meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen als in der Zeit jener Liebe zu Lili. Die Hindernisse, die uns auseinanderhielten, waren im Grunde nicht unübersteiglich - und doch ging sie mir verloren! (Goethe am 5. März 1830 im Gespräch mit Frédéric Jacob Soret (Genfer Naturwissenschaftler, Prinzenerzieher (*1795 - †1865)))
- Es sind lauter Resultate meines Lebens... Ich dächte, es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch Wahrheit und Dichtung, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt. (Goethe am 30. März 1831 im Gespräch mit Johann Peter Eckermann)
Literatur
Sekundärliteratur
Geordnet nach dem Erscheinungsjahr
- Richard Friedenthal: Goethe – sein Leben und seine Zeit. S. 568 - 571. R. Piper Verlag, München 1963
- Gisela Brude-Firnau in: Paul Michael Lützeler (Hrsg.), James E. McLeod (Hrsg.): Goethes Erzählwerk. Interpretationen. S. 319 - 343. Stuttgart 1985, ISBN 3-15-008081-9
- Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon. S. 217 - 220. Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9
- Karl Otto Conrady: Goethe - Leben und Werk. S. 859 - 861. Düsseldorf und Zürich 1999, ISBN 3-538-06638-8
Quelle
- Johann Wolfgang von Goethe: Poetische Werke, Band 8. S. 9 - 536. Phaidon Verlag Essen 1999, ISBN 3-89350-448-6
Weblinks
Goethe | Literarisches Werk | Literatur (19. Jh.) | Autobiografie