Der Begriff Diaspora (v. griech.: διασπορά diaspora = Verstreutheit) bezeichnet seit dem späten 20. Jahrhundert hauptsächlich religiöse oder ethnische Gruppen, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und unter Andersdenkenden lebend über weite Teile der Welt zerstreut sind. Sie kann aber auch einfach eine Minderheitssituation v.a. einer Religionsgruppe bezeichnen.
Allgemein
Ursprünglich bedeutete die Bezeichnung Diaspora speziell das Volk der
Juden, das
586 v. Chr. (als Oberschicht) von
Judäa durch die
Babylonier exiliert und
70 nach der Zerstörung des
Tempels durch die
Römer über die gesamte Welt verstreut wurde. Seit der frühen Neuzeit wird der Begriff auch auf konfessionelle Minderheiten des Christentums bezogen.
Das Wort ist eine Prägung der Septuaginta Deut. 28, 25 u. ö. „du sollst eine Diaspora sein in allen Reichen auf Erden“, wobei diaspora als Euphemismus für „Entsetzen“, oder „Schande“ etc. gewählt wurde.
Heute bezieht sich Diaspora auf
- die jüdische Diaspora im modernen Sinn - die Juden, die außerhalb des jüdischen Staates Israel leben. Unter Diaspora wird überwiegend das freiwillige und unter Galut (hebr.) das unfreiwillige Exil verstanden (siehe auch Link unten)
- die christliche Diaspora - christliche Minderheiten v. a. in Ost- und Südostasien; auch die konfessionelle Diaspora (z. B. Katholiken in Nord-, Protestanten in Südeuropa)
- die afrikanische Diaspora - die Gesamtheit der Afrikaner und ihrer Kulturen, die historisch durch die Sklaverei verstreut wurden
- die irische Diaspora - die Millionen verstreuter irischer Flüchtlinge in Folge des irischen Kartoffelhungers und politischer Unterdrückung
- die armenische Diaspora - entstanden durch die Vertreibungen, denen die Armenier im Laufe der Geschichte immer wieder durch verschiedene Eroberer (Perser, Araber, Mongolen, Türken) ausgesetzt waren, gipfelnd im Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich; die Überlebenden flohen zunächst in mehrere Gebiete des nahen Ostens und bildeten später weltweit zahlreiche weitere Diaspora-Gemeinden (vor allem in Amerika und Frankreich)
- die südostasiatische Diaspora - die verstreuten Flüchtlinge der zahlreichen Kriege in Südostasien (Zweiter Weltkrieg, Koreakrieg, Vietnamkrieg)
- die islamische Diaspora - die muslimische Minderheit in Europa und Nordamerika.
- die Diaspora der Türken als Balkan-Türken und Zypern-Türken.
Moderne Diaspora
Das 20. Jahrhundert ist als Jahrhundert der Migranten durch zahllose ethnische Flüchtlingskrisen gezeichnet, die in Krieg, Nationalismus und Rassismus ihre Ursache haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sahen zahlreiche Flüchtlinge aus Europa, Asien und Nordafrika ihr Heil in Amerika.
Dazu zählen u. a.:
- Afghanen
- Aramäer
- Armenier
- Deutsche, im Zuge der Vertreibung aus ehemals ostdeutschen Gebieten
- Iraker, (ca. 4 Millionen) im Zuge von Vertreibungen und Verfolgungen von Oppositionellen, des ersten Golfkrieges (1980-1988), des zweiten Golfkrieges (1991), der Sanktionen von 1991 bis 2003, des dritten Golfkrieges 2003 und der heutigen unsicheren Situation im Irak
- Iraner, durch die Islamische Revolution
- Iren
- Juden, Roma und andere ethnische Minderheiten, siehe auch: Holocaust
- Kurden
- Kroaten, siehe Rattenlinien
- Libanesen, es leben ca. 3,5 Millionen im Libanon und mehr als eine halbe Million außerhalb
- Polen, im Zuge der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges
- Palästinenser
- Tamilen, im Zuge ihres Konflikts mit den Singhalesen
- Tschetschenen
- Überseechinesen
- verschiedene ethnische Minderheiten aus dem russischen und sowjetischen Herrschaftsbereich
Die größte Zahl durch Flucht entwurzelter ethnischer Gruppen befindet sich in Afrika.
Bedeutung
Über die materiellen Probleme hinaus stellt die Diasporasituation die Menschen vor die Frage der kulturellen Identität. Oft betonen und überhöhen sie die Werte ihres Ursprunglandes. Ein Effekt, für den es sogar eine deutsche Redensart gibt: Je weiter von Rom, desto besser die Katholiken.
Freiwillige oder erzwungene Ab- und Ausgrenzung einerseits, Assimilation bis zum Verlust der eigenen Ethnosprache oder Religion andererseits sind die Extreme, zwischen denen Diasporabevölkerungen ihren Weg suchen. Die dabei seit Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen können wertvoll sein für eine Welt, in der kulturelle Vielfalt zur Normalsituation wird.
Insgesamt entwickeln Minderheiten, die lange Zeit nirgends hoffen dürfen, eine Mehrheit zu werden, durchaus spezifische "Politik"-Konzepte; auch gegenüber anderen Minderheiten.
Literatur
- G. Sheffer: Diaspora Politics: At Home Abroad. Cambridge, 2003, ISBN 0521811376
- R. Mayer: Diaspora: Eine kritische Begriffserklärung. Bielefeld. 2005 ISBN 3899423119
Weblinks
Migration | Minderheit | Interkulturelle Begegnung | Religion
Diaspora | Diáspora | Diaspora | גלות | Dijaspora | ディアスポラ | Diaspora | Diaspora | Diaspora | Diáspora | Диаспора | Diaspóra (Židia) | Diaspora | Diaspora