Seit dem Ende der zweiten Belagerung Wiens 1683 hatte sich das Osmanische Reich in Europa auf dem Rückzug befunden, dessen vielfältige Niederlagen zu einer moralischen Schwächung geführt hatten. 1730 war der Sultan durch Revolution gestürzt worden und die Janitscharen hatten darauf über Jahre eine Willkürherrschaft errichtet. Nach dem Krieg gegen Russland und Österreich traten 1739 die vermittelnden Franzosen als führende Bundesgenossen der Türken hervor und wurden schließlich offiziell als Beschützer der lateinischen Christen (Katholiken) im Osmanischen Reich anerkannt. Zum Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einem folgenschweren politischen Machtumschwung, der anstelle des deutschen Kaisers den russischen Zaren zum Vorkämpfer gegen die Osmanen werden ließ. Seitdem sind die Türken vor allem von Russland bedroht. Das Bündnis Friedrichs des Großen 1761 (Allianz von Bunzelwitz) und seines Nachfolgers 1791 (gegen Russland) brachte erstmals Beziehungen zum aufstrebenden Preußen, die letztlich zum Bündnis im Ersten Weltkrieg führen.Spuler, Bertold; In: Verlag Ploetz (Hg.): Auszug aus der Geschichte, 28. Aufl., Ploetz, Würzburg 1976, S.1165-1167
1798-1800 führte das französische Vorgehen in Ägypten zum vorübergehenden Bruch mit dem traditionell befreundeten Osmanischen Reich und ließ England politisch ins Blickfeld der Türken treten. Die napoleonische Afrika-Expedition läutete für den Nahen Osten und die Türken eine neue Epoche ein. Den militärischen Reformen am Anfang des 19. Jahrhunderts folgten zivile - in Abhängigkeit und unter dem Druck der Großmächte, die dem Osmanischen Reich zunehmend Schutz vor Russland boten. Aber die zivilen Reformen begünstigten auch das wachsende Nationalgefühl der Araber und Balkanvölker, so dass der Sultan Ende des 19. Jahrhunderts eine reaktionäre Politik betrieb, die schließlich in der jungtürkischen Revolution 1908 zusammenbrach. Während des 19. Jahrhunderts erwies sich besonders auf literarischem und pädagogischen Gebiet vor allem Frankreich als Vorbild der Türken. Militärisch und wirtschaftlich setzte sich dagegen um die Wende zum 20. Jahrhundert der deutsche Einfluss immer stärker durch.Spuler, S.1168-1170
Der Rekrutierung ausländischer Experten bei der Modernisierung der Armee hatten sich bereits alle reformorientierten Sultane seit Abdülhamid I. (1774-1788) und Selim III. (1788-1807) bis Mahmud II. (1808-1839) bedient. Die jüngsten deutschen Militärreformen fallen schließlich in die Zeit von Abdülhamid II. (1876-1909) und Mehmed V. (1909-1918).Palmer, Alan: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, Heyne, München 1994 (engl. Original: London 1992), S.249,387
Abdülhamid I. hatte im Unterschied zu früheren Reformperioden keine zum Islam zwangskonvertierten Überläufer mit der Reform beauftragt, sondern es westlichen Beratern ermöglicht, für eine begrenzte Zeit in seinen Dienst zu treten, so z. B. dem Baron von Tott.Palmer, S.80 Der Wirkungsbereich der Reformen war mit Ausnahme der Errichtung eines Flottenstützpunktes in Sinop jedoch hauptsächlich auf Konstantinopel beschränkt.Palmer, S.81 Sein Neffe Selim III. suchte die Hilfe des traditionell befreundeten Frankreichs für die Reform des osmanischen Militärs,Palmer, S.87,91f.,102 zögerte jedoch 1804 - auch hervorgerufen durch die Unaufrichtigkeit der französischen PolitikPalmer, S.89f.,97,99ff. - bis die europäischen Erfolge der französischen Armee ab 1805 schließlich 1806 zu einer französischen Militärmission in Konstantinopel unter Botschafter und General Sébastiani führten,Palmer, S.102,104 die die Meerengen befestigte und den englischen Angriff 1807 erfolgreich abwehrte.Palmer, S.108f. Doch wurde die Mission abrupt nach Aufständen von Janitscharen-Hilfstruppen (Yamak) und Janitscharen durch die Absetzung Selim III. 1807 beendet.Palmer, S.110-112 Unter Mahmud II. begann ab 1809 ein schleichender Reformprozess. Er schloss mit dem britischen Gesandten, Sir Robert Adair (später abgelöst von Stratford Canning, 1852 ernannt zum Viscount Stratford de Redcliffe), einen Friedensvertrag an den Dardanellen mit der geheimen Vereinbarung der Unterstützung durch die britische Marine für den Fall eines Angriffs Frankreichs, Österreich-Ungarns oder Russlands auf das Osmanische Reich in der Adria oder Ägäis.Palmer, S.121f. Es gelang ihm, die großen Einfluß auf das Volk ausübende Ulema für sich zu gewinnen und 1826 einen Aufstand der Janitscharen gegen die Einführung europäischer Militärgewohnheiten niederzuwerfen und die Janitscharen-Armee abzuschaffen.Palmer, S.138-141ff.
Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Sultan Mahmud II. hatten immer wieder preußische Offiziere in der osmanischen Armee Dienst getan, doch waren bis weit in die Bismarck-Ära hinein die Kontakte zwischen Konstantinopel und Berlin selten.Palmer, S.246f. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich die aufstrebende deutsche Industriemacht nun zunehmend für den Sultan Abdülhamid II. dadurch aus, dass sie keine territorial-kolonialen Interessen in den das Osmanische Reich berührenden Bereichen hegte, während etwa England 1881 Ägypten besetzt hatte und den Suez-Kanal als Tor nach Asien, Australien und Afrika ansah, Frankreich sich Tunesien einverleibt und Syrien anvisiert hatte, Russland den Kaukasus bedrohte und selbst Italien auf Tripolitanien und die Dodekanes spekulierte.Palmer, S.243-246Brauns, Nikolaus: Die deutsch-türkischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg 1914, Magisterarbeit am Institut für Neuere Geschichte der Universität München, Wintersemester 1996/1997, unpaginierte Fassung, Kap.6.3.4 Auch der wirtschaftliche Einfluss der Deutschen war bis in die späten 80er Jahre des 19. Jahrhunderts unbedeutend gegenüber dem auch weiterhin auf hohem Niveau bleibenden Frankreichs und dem nun stark nachlassenden Englands.Palmer, S.237Brauns, Kap.3.1. Nach der Niederlage gegen Russland 1877/1878 sah sich der Sultan gezwungen, ausländische Hilfe für die Reorganisation der osmanischen Streitkräfte in Anspruch zu nehmen, um die Bedrohung durch außen- und innenpolitische Gegner abwehren zu können. Mit der Gründung des zweiten deutschen Reiches und dem militärischen Sieg gegen Frankreich schienen dem Sultan die erstarkenden Deutschen sowohl besonders geeignet, als auch durch ihren bis dahin geringen Einfluss im Osmanischen Reich und die zurückhaltende Haltung Otto von Bismarcks gegenüber einem politischen Engagement im OrientBrauns, Kap.2.3. als verhältnismäßig unverdächtig und ungefährlich im Vergleich zu Frankreich und England.Brauns, Kap.5.2.Brauns, Kap.4.2.Palmer, S.288 Bismarck bewilligte schließlich den Ausbau der schon traditionellen sporadischen Zusammenarbeit zu einer ersten deutschen Militärmission nach sorgfältiger Überprüfung etwaiger außenpolitischer Konsequenzen, behandelte aber weiterhin die "orientalische Frage" offiziell als Mittel zum Ausgleich der Großmächte und nicht als deutschen politisch-wirtschaftlichen Selbstzweck.
1882 sucht Sultan Abdülhamid II. einen neuen Stab militärischer Berater. Graf von Moltke, der berühmteste preußische Offizier, der Sultan Mahmud II. gedient hatte, betraut darauf General Otto Kähler mit dieser Aufgabe, der sich besonders als wirtschaftlicher Interessenvertreter der Firma Krupp betätigt. Oberst Colmar Freiherr von der Goltz, seit 1883 im Ausbildungsdienst der osmanischen Generalstabschule, übernimmt nach dem Tod Kählers die Nachfolge als Leiter der Mission.Palmer, S.247 Als Marineberater wird 1884 der Korvettenkapitän Starke berufen. 1895 kehrt von der Goltz in das Deutsche Reich zurück, worauf die deutsche Botschaft eine Militärattachéstelle für die Berichterstattung, Beschaffung von Rüstungsaufträgen und Besetzung von ausgewählten Militärpositionen mit deutschen Offizieren einrichtet. Unter anderem werden als Militärattachés von Morgen und Major von Strempel berufen.Brauns, Kap.5.3.1.
Auch in der Folge bleiben die Deutschen bemüht, die Beziehungen zu pflegen. 1897 wird der ehemalige Außenminister Freiherr Marschall von Bieberstein vom Kaiser zum Botschafter ernannt. Beim zweiten Kaiserbesuch in Konstantinopel 1898 ist der spätere Kanzler Graf von Bülow im Gefolge, um den Botschafter in der Förderung des wirtschaftlichen Einflusses zu unterstützen.Palmer, S.274f. Auch das schon von der Goltz zur Verfügung gestandenePalmer, S.319Brauns, Kap.5.5.2 Mittel des Bakschisch wird hierfür verwendet, wovon besonders Izzet Pascha Gewinn trägt.Palmer, S.275
Wie zuvor schon Kähler trieb auch von der Goltz die Importe deutscher Waffen voran: so ließ er Hunderte schwerer Kanonen und Feldgeschütze über Hamburg zur Befestigung der Dardanellen einschiffen (1885: 500 schwere und schwerste Krupp-Geschütze), während Fachleute der Firma Krupp die alten Befestigungen der Çatalca-Linie westlich von Konstantinopel auf den modernsten technischen Stand brachten. 1886 setzte er beispielsweise einen Auftrag für eine Torpedoboot-Flottille für eine Werft in Elbling durch, und die Neubewaffnung des türkischen Heeres mit 500.000 Gewehren und 50.000 modernen Karabinern von Mauser und Loewe wurde beschlossen.Palmer, S.247f.
Sein Versuch jedoch, einen funktionierenden Generalstab aufzubauen, wurde durch Rivalitäten innerhalb des osmanischen Oberkommandos behindert. Immerhin konnte von der Goltz den Sultan veranlassen, die militärische Struktur zu reorganisieren und damit eine Mobilisierung sowie die Befehlsübermittlung vom Oberkommando an die Kampfverbände und an ferne Garnisonen zu beschleunigen. Von der Goltz konnte dank seiner Persönlichkeit die Einwände der Ulema entkräften und erreichte von Sultan Abdülhamid II., ausgewählte Offiziere zur weiteren Ausbildung nach Potsdam zu schicken. Zwar befanden sich daraufhin selten mehr als 20 Offiziere pro Jahr im Deutschen Reich, doch oft über längere Zeiträume. Die Organisation war wesentlich durchdringender organisiert als die englische Ausbildung türkischer Kadetten in Woolwich unter Sultan Mahmud II.Palmer, S.248 Bis zur jungtürkischen Revolution waren somit etwa 100 Offiziere im preußisch-deutschen Militär ausgebildet worden.Brauns, Kap.5.3.2.
Zwar wurde der Sieg im "30-Tage-Krieg" gegen Griechenland 1897 als Erfolg der deutschen Militärreformer angesehen,Palmer, S.274 wobei auch der Nutzen der Anatolischen Bahn für militärische Zwecke erprobt worden war.Brauns, Kap.4.5.1. Auch folgte daraus eine vorübergehende Konsolidierung der Herrschaft des Sultans,Palmer, S.268-272 die selbst die Bestrebungen der Europäer um eine Lösung der Armenierfrage für Jahre abrupt beendete.Palmer, S.272f. Dennoch wurde der Erfolg bei der Reorganisation der osmanischen Armee von deutscher Seite als sehr mäßig und zäh voranschreitend eingestuft Brauns, Kap.5.4.3. - maßgeblich verursacht durch die passive Behinderung durch den Sultan selbst. Um jedoch die gute politische Fühlung zum Sultan nicht an andere Mächte zu verlieren, blieb die Mission bestehen und trieb vor allem die Rüstungsbestellungen bei der deutschen Waffenindustrie weiter voran.
Im Bereich der Rüstungsgeschäfte gelang es den Deutschen (v. a. Krupp) tatsächlich, durch die Vermittlung der Militärmission vorerst ein Monopol im Osmanischen Reich zu errichten und die noch in den 70er Jahren dominierenden Franzosen (Schneider-Creuseot) sowie die Engländer (Vickers & Armstrong) zu verdrängen.Brauns, Kap.5.5.1. Damit handelte sich die deutsche Militärmission und Rüstungsindustrie jedoch nach dem Zusammenbruch der osmanischen Armee im Balkankrieg den - politisch und wirtschaftlich motivierten - internationalen und jungtürkischen Vorwurf ein, deutsche Waffentechnik habe das Versagen der osmanischen Armee verschuldet.Brauns, Kap.5.4.1.Brauns, Kap.5.5.3 Obwohl alle Kriegführenden überwiegend mit Krupp-Geschützen ausgerüstet waren, schmälerte die Kampagne Prestige und Einfluss der Deutschen und kam der englischen und französischen Waffenindustrie zugute, worauf der Botschafter Freiherr von Wangenheim eine zweite - mit mehr Vollmachten ausgestattete - Militärmission als geeignetes Mittel zur Begegnung der Vorwürfe und ihrer Folgen ansah.
Den Waffengeschäften war neben der Konzession zum Bau der Anatolischen Bahn schließlich auch die für die Bagdadbahn gefolgt, welche entscheidend für den deutschen Einfluss im Osmanischen Reich wurde.
Von großer Bedeutung war die Tätigkeit der ersten Militärmission unter von der Goltz aber nicht zuletzt durch die Ausbildung eines deutschfreundlichen oder zumindest deutschnahen Kerns von jungtürkischen Offizieren gewesen, der auch nach der Revolution durch die allgemein weitaus eher Frankreich und England zugewandten Jungtürken 1908 die Bindungen zur deutschen Armee nicht verlor und einige der wichtigsten Posten besetzte. So erwirkte etwa der osmanische Generalstabschef Ahmed Izzet Pascha im Mai 1909, dass von der Goltz - nun Generaloberst - erneut in die osmanische Armee berufen wurde. Und auch den späteren Leiter der zweiten Militärmission, Liman von Sanders, kannte Izzet Pascha noch aus seiner Zeit bei den Husaren in Kassel.Liman von Sanders, Otto: Fünf Jahre Türkei, Scherl, Berlin 1920, S.12
In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war der Zustand des osmanischen Heeres wie auch der Marine vollkommen desolat gewesen. Das Reich befand sich in einem Spannungsfeld zwischen panislamischen, osmanistischenSpuler, S.1171f., pantürkischen und panturanischen Strömungen.Pomiankowski, Joseph: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches - Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges, Amalthea, Wien 1928, S.28f. Die deutschen Militärreformer unter Generalfeldmarschall von der Goltz erfuhren vor dem Balkankrieg durch Sultan Abdülhamid II., der in ständiger Furcht vor einer durch das Militär gestützten Revolution lebte, kaum praktische Unterstützung, das osmanische Militär wirksam zu modernisieren. Auch die nach der Absetzung des Sultans (1909) durch die Jungtürken erfolgte Reorganisation des Heeres nach dem Plan von Marschall Izzet Pascha (türk. Ahmet İzzet Paşa) geschah ohne Einflussmöglichkeit der deutschen Instruktionsoffiziere und führte in die katastrophale Niederlage des Balkankrieges 1912/13.Pomiankowski, S.32-34 Nur die Zerstrittenheit der Balkanstaaten rettete das Osmanische Reich vor dem Untergang und sicherte den Osmanen noch die Herrschaft über den Bosporus und die verbliebenen europäischen Territorien.Pomiankowski, S.35 Sowohl Russland als auch die Entente Frankreich/England sahen auch angesichts des sich abzeichnenden Machtvakuums in der Kontrolle über Dardanellen und Bosporus ein vitales Interesse ihrer selbst.Pomiankowski, S.28-41
In dieser Situation erfolgt am 22. Mai 1913 die offizielle Bitte des Osmanischen Reiches um Entsendung eines deutschen Generals zur Reorganisation der Armee. Am 30. Juni 1913 wird Liman von Sanders vom Kaiser zum Leiter der neuen Militärmission nach Konstantinopel ernannt,Palmer, S.317 worauf die osmanische Regierung im August 1913 Verhandlungen mit der deutschen aufnimmt und per Kontrakt die deutsche Militärmission unter der Führung des deutschen Generalleutnants und nunmehr osmanischen Generals (kurz darauf deutschen Generals und osmanischen Marschalls) Liman von Sanders mit weitreichenden Befugnissen ausstattet und mit der zweiten Reorganisation der Armee beauftragt.Pomiankowski, S.36 Damit wird das Vermächtnis des ehemaligen Kriegsministers - Großwesir und General Schewket Pascha (türk. Şevket Paşa) - verwirklicht, der vor seiner Ermordung dem deutschen Botschafter Freiherr von Wangenheim erklärt hatte, dass das Deutsche Reich eine besondere Rolle bei der Umgestaltung des osmanischen Staates übernehmen müsse, welcher "unter der fast diktatorischen Oberleitung eines deutschen Generals" "von Grund auf reformiert werden" müsse.Palmer, S.309,316,320
Durch die Ermordung Schewket Paschas verzögert, erhält Liman von Sanders schließlich im November die Erlaubnis des Kaisers, den von deutscher Militärführung, Auswärtigem Amt und türkischem Ministerrat gebilligten Vertrag zu unterzeichnen.Liman von Sanders, S.11 Wenige Tage nach dem Eintreffen der deutschen Militärmission in Konstantinopel im Dezember 1913 tritt der bisherige Kriegsminister Izzet Pascha zugunsten des jungen Majors Ismail Enver Bey (später Enver Pascha) zurück, der das Vertrauen Schewket Paschas in die deutsche und türkische Armee teilt, dessen militärische Unerfahrenheit in der Folge aber zu ernsten Konflikten Liman von Sanders, S.55-58,144-148 mit dem fachlich außerordentlich gewissenhaften - aber diplomatisch wenig begabten - Liman von Sanders führt. Innerhalb von nur sieben Monaten führt nun Liman von Sanders durch schonungslose und unermüdliche Arbeit das osmanische Heer zu einer Schlagkraft heran, mit der die Entente aufgrund der Balkankriegserfahrung nicht ansatzweise gerechnet hatte.Pomiankowski, S.38-41Brauns, Kap.5.6.2.
Doch wird die Tätigkeit der deutschen Militärmission mit der Aussicht auf eine Erstarkung des osmanischen Heeres auch zum Anlaß für eine internationale Krise, welcher später teils sogar kriegsauslösende Wirkung zugeschrieben wurde, da sich Russland und die Entente unter Zugzwang gesetzt fühlen.Pomiankowski, S.37
Nach Ausbruch des europäischen Krieges am 1. August 1914 ist per Kontrakt der Militärmission zunächst die Rückberufung der deutschen Offiziere vorgesehen. Am 2. August schließen darauf jedoch Großwesir Said Halim und Kriegsminister Enver einen geheimen Allianzvertrag mit dem Deutschen Reich ab, in den nach Konsultation Limans auf dessen Rat für den Fall eines Verbleibens der Militärmission ein Passus eingefügt wird, der den deutschen Offizieren einen "tatsächlichen Einfluss auf die Kriegsführung" zusichert.Pomiankowski, S.75-80Liman von Sanders, S.33f.Palmer, S.322
Dennoch befürchten die Deutschen weiterhin ein Überschwenken der formal die Neutralität wahrenden Osmanen und drängen auf raschen Kriegseintritt. Auch kann die Befestigung der Dardanellen wegen der Anwesenheit einer englischen Marinemission nicht wirksam betrieben werden.Pomiankowski, S.75-77 Entsprechend der deutschen Heeresmission war für die Marine schon 1912 der englische Admiral Limpus mit der Reformierung beauftragt worden, dessen Militärmission - im August 1914 bereits über 70 Marineoffiziere - nun aber offiziell durch die osmanische Regierung am 15. August 1914 beendet wird, also kurz nach der brüskierenden Beschlagnahme der Schlachtschiffe Reschadie (türk. Reşadiye) und Sultan Osman I. durch die Engländer am 1. August 1914, worauf am 12. August 1914 die spektakuläre Übergabe der SMS Goeben (umgetauft in Jawus Sultan Selim, türk.: Javuz Sultan Selim) und der SMS Breslau (umgetauft in Midilli) in den osmanischen Dienst mit deutscher Besatzung durch Konteradmiral Souchon erfolgt war.Palmer, S.320-323 Die englische Marinemission hatte in für Marineminister Dschemal (türk. Cemal) bindender Tradition gestanden, da vor Limpus bereits 1908 Konteradmiral Sir Douglas Gamble und 1910 Admiral Williams dafür verwendet wurden, wenn auch ohne wirkliche Möglichkeit zu einer effektiven Modernisierung.Palmer, S.310,320
Nach dem deutschen Sieg bei Tannenberg schifft das Osmanische Reich am 15. September 1914 die letzten englischen Offiziere ausPomiankowski, S.78 und sperrt schließlich nach eiligst durchgeführter Befestigung der Dardanellen unter deutscher LeitungPomiankowski, S.111ff.Palmer, S.324f. am 27. September 1914 offiziell die Meerengen für die internationale Schifffahrt, worauf es am 29. Oktober 1914 fast zeitgleich zu Angriffen der unter osmanischer Flagge fahrenden Flotte unter Admiral Souchon im Schwarzen Meer gegen die Russen und zu einem englischen Angriff gegen osmanische aus dem Hafen von Smyrna (türk. İzmir) auslaufende Handelsschiffe kommt und am 12. November 1914 die osmanische Regierung der Tripel-Entente den Krieg erklärt.Palmer, S.325Pomiankowski, S.79,87f. Liman von Sanders gerät nun in heftige Konflikte mit dem deutschen Botschafter bezüglich der von dem deutschen Militärattaché und dem Botschafter geplanten Expeditionen von Sondereinheiten, da er diese nach strikt militärischen Gesichtspunkten beurteilt und sich den politischen Interessen und Expansionswünschen Berlins wie auch denen der Jungtürken nicht beugen will.Liman von Sanders, S.61f.,166,171-173,182-184,219ff.Pomiankowski, S.98-102 Daher wird seine Ablösung durch den Generalfeldmarschall von der Goltz beschlossen. Nachdem von dieser Maßnahme wieder abgesehen wurde, die Vereinbarungen betreffs der Entsendung des Freiherrn von der Goltz aber nicht rückgängig gemacht werden, trifft dieser am 12. Dezember 1914 in Konstantinopel ein und wird zunächst als Militärberater des Sultans verwendet, möglicherweise, um zwischen osmanischer Seite, Botschaft und Militärmission zu vermitteln, was allerdings aufgrund der Teilnahmslosigkeit von Mehmed V. wenig erfolgreich bleibt.Pomiankowski, S.101f. Am 24. März 1915 erhält Liman von Sanders durch Enver den Oberbefehl über die neu zu formierende fünfte ArmeeLiman von Sanders, S.77 zur Verteidigung der Dardanellen, welche neben der vorausgegangenen Mobilisierung die erste große Bewährungsprobe der reorganisierten Armee wird.
Nach dem Verlust Bagdads im März 1917 - dem sowohl die türkischen Offiziere nach dem Tod des Freiherrn von der Goltz im April 1916 durch strategische Missgriffe im OstenLiman von Sanders, S.169f.Pomiankowski, S.191-195,217f. als auch die deutschen BeraterLiman von Sanders, S.203 Envers Vorschub geleistet hatten - wird von der bisherigen maßvollen Militärunterstützung abgerückt, indem auf Initiative des Militärattachés und gegen heftigen Protest von Liman von Sanders die Heeresgruppe F (türk. Bezeichnung: "Yılderım" = Blitz) mit einem fast rein deutschen Generalstab aufgebaut wird. Hatte die Militärmission die Verwendung deutscher Offiziere und deutscher Formationen nach Möglichkeit eingeschränkt und den Schwerpunkt auf die Schulung der türkischen Offiziere, die Unterstützung durch Geld und Kriegsmaterial und die Bereitstellung deutscher Offiziere für die Truppenführung etc. gelegt, so wird nun "Jilderim" eine Heeresgruppe in deutscher Verantwortung unter General Erich von Falkenhayn.Liman von Sanders, S.219-222 Zusammengesetzt aus türkischen Armeen mit Unterstützung deutscher Truppen und Hilfsformationen - inklusive dem neuen "Asienkorps" etwa ein Zehntel der Gesamtstärke - sollte Jilderim Bagdad zurückerobern, muß aber dann ab Herbst 1917 an die Sinaifront verlegt werden, da die Engländer inzwischen von Ägypten aus vorgehen - provoziert durch die gegen Liman von Sanders durchgesetzte, fehlgeschlagene osmanische Expedition an den Suezkanal im August 1916.Liman von Sanders, S.220,225f.,240,275Palmer, S.342
Beim Kaiserbesuch im Oktober 1917 wird eine vom deutschen Militärattaché im Frühsommer 1917 initiierte Militärkonvention durch die Kriegsminister von Stein und Enver unterschrieben, welche sofort inkrafttreten und den Kontrakt der Militärmission ersetzen soll. Nachdem der erst im Oktober benachrichtigte Liman von Sanders gegen das Aushebeln des bis zum 14. Dezember 1918 laufenden Kontraktes seine Abberufung vorschlägt, wird das Inkrafttreten auf die Zeit nach Kriegsende verschoben. Die Konvention entspricht dem System der ersten deutschen Militärreform, also einzeln arbeitender Offiziere, lediglich unter einer gewissen Aufsichtsfunktion des jeweils dienstältesten Offiziers.Liman von Sanders, S.235 Als Liman von Sanders Anfang Februar 1918 von der baldig vorgesehenen Übernahme der Militärmission durch den Chef des osmanischen Generalstabs - von Seeckt - informiert wird, ersucht er ein weiteres Mal um seine Abberufung, da er eine Übernahme der deutschen Truppen in die Zuständigkeit des schon mit der Versorgung der osmanischen Truppen überforderten türkischen Hauptquartiers ablehnt.Liman von Sanders, S.245-247 Er verbleibt jedoch - wie auch Mitte April 1918 nach ganz ähnlichem Ablauf der Ereignisse - weiterhin in seiner Funktion.Liman von Sanders, S.275-277
Nachdem die Engländer den mit den türkischen Offizieren schlecht zusammenarbeitenden von Falkenhayn in Palästina zurückdrängen, bittet Enver am 19. Februar 1918 Liman von Sanders, den Oberbefehl über Jilderim zu übernehmen. Dieser übernimmt die wenig Erfolg versprechende Aufgabe nur unter der Bedingung der "rückhaltlosen Unterstützung", doch verfolgt Enver tatsächlich kaukasische Expansionspläne und bindet damit die Truppen, die der Verteidigung Palästinas fehlen. Dennoch gelingt es unter Liman von Sanders erfolgreich, den englischen Vormarsch einzudämmen und zu verzögern.Liman von Sanders, S.247-252ff.Palmer, S.343,346
In dem Waffenstillstand von Mudros (Limnos) am 30. Oktober 1918 kann der Großwesir Izzet Pascha dem englischen Admiral und Leiter der alliierten Delegation Sir Somerset CalthorpePalmer, S.348f. den freien Abzug der deutschen und österreichisch-ungarischen Offiziere und Truppen abringen.Pomiankowski, S.386f. Darauf übergibt Liman von Sanders den Oberfehl seiner Truppen Mustafa Kemal Pascha am 31. Oktober 1918 in Adana. Als Oberbefehlshaber über alle noch in der "Türkei" befindlichen deutschen Offiziere und Truppen regelt er deren Rückführung nach Deutschland in Absprache mit den inzwischen in Konstantinopel eingetroffenen englischen Militärbehörden. Ende Januar 1919 beginnt die Ausschiffung der Reste der Militärmission und Truppen, während Liman von Sanders bis August 1919 auf Malta als Kriegsgefangener der Engländer festgehalten wird.Liman von Sanders, S.398-406
Im Folgenden werden Militärmission und kriegsbedingt detachierte Truppenteile gemeinsam behandelt.
Den rund 40 Instruktionsoffizieren - der Kontrakt sah 42 vor - im Dezember 1913 folgten bis Mitte 1914 zunächst rund 30 weitereLiman von Sanders, S.32 und besonders mit Kriegsbeginn 1914 viele zusätzliche sowie detachierte Truppenteile (Offiziere, Mannschaften, Fachleute, Personal etc.). Anfang 1916 befanden sich bereits rund 200 Offiziere im Dienst der Mission,Liman von Sanders, S.143 die sich ab dem Winter 1916/1917 zu einer großen deutschen Etappenbehörde entwickelte, welche die Arbeit der bisherigen Verbindungsoffiziere übernahm sowie die Verwaltung sämtlicher deutscher Personalien und Gerichtsangelegenheiten.Liman von Sanders, S.194f. Zum Kriegsende wurden schließlich allein über Gibraltar rund 800 deutsche Offiziere und 12.000 Mannschaften repatriiert. Schätzungen zufolge könnte die maximale Anzahl der im Osmanischen Reich verwendeten Deutschen 18.000-25.000 Mann betragen haben.Pomiankowski, S.53f.
Sowohl sämtliche wichtigere Funktionen in Generalstab, Artillerie, technischen Truppen, Rüstungsindustrie, Marine und sonstigen Diensten mussten Deutschen übertragen werden, wie auch einfacheres Personal (Unteroffiziere, Meister, Vorarbeiter) und sogar Fabrikarbeiter, da das Osmanische Reich nicht über entsprechend ausgebildete Kräfte verfügte.Pomiankowski, S.53
Die Deutschen übernahmen die komplette Instandsetzung der Verteidigungsanlagen der Dardanellen und des Bosporus, Bedienung der schweren Artillerie, Verstärkungen der Befestigungsanlagen, das Verbindungswesen, Legen der Seeminen, die Verteidigung der U-Boote, Luftwaffe, alle Waffen-, Munitions-, und Sprengstoff-Fabriken, das Marinearsenal, die Docks und vieles mehr und besetzten es mit ihrem Personal.
Das verwahrloste und unentwickelte Militärlazarettwesen wurde unter Suleyman Numan Pascha durch Verdienst des obersten Sanitätsoffiziers, Prof. Dr. Mayer, auf kriegstauglichen Stand gebracht.Liman von Sanders, S.22f. Bekleidung und Hygiene der Truppen, innerer Zustand der militärischen Gebäude und Stallungen sowie die Pflege der Pferde hatten sich zu Beginn der Tätigkeit der Militärmission in stark vernachlässigtem Zustand befunden.Liman von Sanders, S.19-21Pomiankowski, S.41 Die Ausbildung der Offiziere war theorielastig und nicht auf Verantwortung für Truppe und Material ausgerichtet gewesen.Liman von Sanders, S.20-22 In der ersten Jahreshälfte 1914 wurden die Infanterie-, Feldartillerie- und Fußartillerieschule in Konstantinopel und die Kavallerie-Unteroffizierschule in Ajas Agar mit deutschen Leitern und Lehrern besetzt und eine Offizierreitschule sowie eine Schule für Ausbildung des Trains von den Deutschen gegründet.Liman von Sanders, S.32f.
Eine komfortable Reiseverbindung wurde erst nach Mackensens Durchbruch in Serbien mit dem dadurch ermöglichten Balkanzug Berlin-Wien-Konstantinopel verwirklicht, worauf die Deutschen das dringend benötigte Kriegsmaterial nicht mehr durch die strengen rumänischen Kontrollen schmuggeln mussten, sondern es über Serbien und Bulgarien durch "eigenes" Territorium bis Konstantinopel fahren konnten. Der erste dieser Balkanzüge traf am 17. Januar 1916 in dem Kopfbahnhof in Sirkedschi/Konstantinopel (türk. Sirkeci/İstanbul) ein.Pomiankowski, S.54 u. Beilage 3
Die deutsche Militärmission unter Liman von Sanders hat in der Öffentlichkeit und Geschichtschreibung sehr unterschiedliche Beurteilungen erfahren, die weniger durch jeweils verschiedenen Forschungsstand als durch sehr unterschiedliche Interessenlagen bestimmt wurden, deren Kenntnis zum Verständnis der Auseinandersetzung wichtig ist:
Nachdem sie den Einfluss des deutschen Faktors im Osmanischen Reich, der ab den späten 1880er Jahren auf ihre Kosten gewachsen war, nur behindern - jedoch nicht verhindern (Bagdadbahn)Brauns, Kap.4.5.2Brauns, Kap.4.5.4. - hatten können,Brauns, Kap.4.4. war es den Kriegsgegnern des Deutschen Reichs - insbesondere Frankreich und Großbritannien - im Krieg sowie nach ihrem Sieg darum gegangen, den Deutschen die alleinige Kriegsschuld an dem Ausbruch des Weltkrieges zuzuschreiben, manifestiert im Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages. Ihre eigenen kolonialen, imperialen und wirtschaftlichen Interessen im Orient herunterspielend, unterstellten sie den Deutschen dementsprechend einen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Einfluss und kolonial-imperiale Interessen am Osmanischen Reich, welche das Deutsche Reich in der vorgeworfenen Form weder vor noch während oder nach der Ära Bismarck je gehabt hatte. Die deutsche Militärmission und später das Kriegsbündnis des Osmanischen Reichs mit den Mittelmächten mochte daher als Vorwand dienen, die längst von den Großmächten Russland, EnglandPalmer, S.259f. und Frankreich erwogene gewaltsame Besetzung der Meerengen zu vollziehen und als Befreiung von deutscher Kontrolle auszugeben.
Im Gegensatz zu dieser Darstellung musste aber gerade zu Beginn der Militärmission im Herbst 1913 der aufwendig erarbeitete deutsche Einfluss auf dem Balkan (Griechenland, Rumänien, Serbien) und in der "Türkei" aufgrund der wirtschaftlichen Überdehnung der deutschen Kräfte weitgehend an die Franzosen abgegeben werden. Das deutsche Kapital hatte entscheiden müssen, ob es in durch Anleihe getragene und die deutsche Exportwirtschaft stützende Rüstungsexporte (v. a. Krupp) im Osmanischen Reich investieren sollte oder in die langfristig strategische, aber vorläufig unrentable Planung (Bagdadbahn). Die Entscheidung war dabei auf letztere gefallen. Im Frühjahr 1914 hatte das Osmanische Reich in Paris eine neue Anleihe aufgenommen. England dagegen genoss weiterhin das osmanische Vertrauen bei der Vergabe bedeutender Werftaufträge (1911 bis Ende 1912 für Marinewerften an Armstrong Whitworth und Vickers, sowie für die Schlachtschiffe Reschadie und Sultan Osman I. an ArmstrongPalmer, S.321Pomiankowski, S.78f.).Brauns, Kap.7.1.
Die Geschichtsschreibung der Weimarer Republik bemühte sich, diesen Vorwurf der alleinigen oder Hauptkriegsschuld der Deutschen in breit angelegter wissenschaftlicher Bearbeitung zu widerlegen. Revisionistische Strömungen neigten dabei auch dazu, das deutsche Engagement auf reine Waffenbruderschaft oder gegenseitige Hilfe mit den Türken zu reduzieren, etwa in Anlehnung an die alten preußisch-türkischen Verbindungen.Brauns, Kap.1.2.Brauns, Kap.5.1. Die - wenn auch im Vergleich zu den anderen Großmächten sehr spät einsetzenden und teilweise bescheideneren - deutschen Interessen und Ziele in der "orientalischen Frage" wurden in solchen Darstellungen minder berücksichtigt.
Marxistisch-leninistisch motivierte Darstellungen haben dagegen etwa versucht, die Schablone des Kapitalismus - in seiner imperialistischen Phase - auf die deutsch-osmanischen Beziehungen anzuwenden und zeichnen ein Bild des Osmanischen Reiches als "Halbkolonie" des deutschen Kapitals. Auch die deutsche Militärmission wurde dabei mitunter aus dieser Perspektive betrachtet.Brauns, Kap.7.2. Darstellungen aus der Türkei beziehen sich ebenfalls regelmäßig auf die von dem DDR-Historiker Lothar Rathmann vertretenen Interpretationen. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Jungtürken dem Deutschen Reich territoriale Interessen im Osmanischen Reich unterstellt.Brauns, Kap.6.1.1.
Gerade die deutsche Außenpolitik aber vermied jede Unterstützung von territorialen Expansionsplänen und Siedlungsaktivitäten, um das Engagement im Osmanischen Reich und deren Symbol - die Bagdadbahn - nicht zu gefährden. Auch war die Einbindung deutschen Kapitals (Bagdadbahn) durch Abdülhamid II. erfolgt, um eben dadurch die wirtschaftliche Abhängigkeit des Osmanischen Reiches auf eine breitere Basis zu verteilen als dies noch zur Einrichtung der international kontrollierten "Osmanischen Staatsschuldkommission" ("Administration de la Dette Publique Ottomane") 1881 nach dem Staatsbankrott der Fall gewesen war.Brauns, Kap.3.2. Entsprechend war es das Ziel von Schewket Pascha gewesen, die Rivalität und Konkurrenz der Großmächte bei der Aufteilung des Einflusses auf das Osmanische Reich auszunutzen, indem er möglichst all diese Mächte für die Reform des labilen Staates heranzog - wobei die deutsche Militärmission ein Teil sein sollte. Darüber hinaus hegte die jungtürkische Führung weitreichende expansive Ziele, die geeignet sein mochten, von den Niederlagen im Balkankrieg und den inneren Auseinandersetzungen im Staat abzulenken.Brauns, Kap.5.4.2. Die Entsendung der Militärmission war somit eigenen Interessen der Jungtürken gefolgt und nicht auf deutschem Druck begründet,Brauns, Kap.7.3. wenn sich auch Botschafter Wangenheim im April 1913 von ihr versprochen hatte, einer deutschfeindlichen Regierung im Osmanischen Reich entgegenwirken zu können.Liman von Sanders, S.10 Auch war es gerade die Beschränkung Liman von Sanders' auf eine rein militärische Tätigkeit der deutschen Militärmission ohne Berücksichtigung politischer Intentionen Brauns, Kap.5.4.4. gewesen, die die jungtürkischen Führer überzeugt hatte, den Mittelmächten beizutreten. Eine monopolistische deutsche Kontrolle über die Türkei hatte weder militärisch, noch politisch oder wirtschaftlich bestanden. Allerdings war die Militärmission für die deutsche Seite Grundbedingung für ein Bündnis mit dem Osmanischen Reich und sollte möglichst zu einer Entlastung der Deutschen für den bereits vorauszusehenden Kriegsfall und drohenden Zweifrontenkrieg dienen. Da sich aber das Deutsche Reich in Europa unter Kaiser Wilhelm II. und nicht zuletzt durch seine Orientpolitik gegenüber den Großmächten isoliert hatte, einte gerade auch die Militärmission und deutsche Präsenz in den Meerengen selbst Russland mit England und Frankreich. Die Militärmission hatte somit insofern indirekt kriegsauslösende Bedeutung, als die Großmächte England, Frankreich und Russland es in ihrem übermächtig gewordenen Bündnis nicht für notwendig betrachten mussten, das deutsche Vordringen im Orient hinzunehmen und mit der Präsenz der Deutschen in der Meerenge einen hinreichenden Anlass fanden, auf die als überfällig geworden erachtete Aufteilung des Osmanischen Reiches hinzuwirken.Brauns, Kap.7.4.
In den Belangen, in denen die Militärmission die Unterstützung der osmanischen Offiziere und Verantwortlichen (v. a. Envers) gegen anfängliche Vorbehalte erlangen konnte, wurde ihre Tätigkeit sehr wirkungsvoll.Liman von Sanders, S.21-23 So war die militärische Reorganisation durch die Militärmission unter Liman von Sanders trotz der kurzen Zeit bis zu Kriegsbeginn so erfolgreich verlaufen, dass der Sieg in der Schlacht um die Dardanellen für die Entente völlig überraschend kam.Palmer, S.327
Dass die Expansionswünsche der Jungtürken und die Kriegsziele Berlins nicht erreicht werden konnten, lag weniger an der militärischen Vorbereitung und Umsetzung als vielmehr an der unzureichenden InfrastrukturLiman von Sanders, S.40-43,56,153,164,180,234 und VerwaltungLiman von Sanders, S.294-296Pomiankowski, S.241 im Osmanischen Reich, seiner wirtschaftlichen ÜberforderungLiman von Sanders, S.51 trotz deutscher UnterstützungPalmer, S.334 sowie an der unrealistischen Zielsetzung deutscher-Liman von Sanders, S.61f.,166,171-173,182-184,219ff. und türkischerseitsLiman von Sanders, S.37-40,55f.,239f.,260f., die Liman von Sanders noch im Krieg beklagte.Liman von Sanders, S.407f.Palmer, S.329ff. Zwar leistete Liman von Sanders beharrlich Widerstand gegen die türkischen und deutschen Projekte von Enver, Botschaft und Militärattaché, da sie seiner Einschätzung nach weniger militärischen Erfordernissen als vielmehr politisch-nationalen Begierden entsprangen und die Verteidigungskraft der osmanischen Armee beeinträchtigten. Doch endeten die Auseinandersetzungen oft mit einer Anordnung des Kaisers an Liman von Sanders, nachzugeben.Pomiankowski, S.97-99Liman von Sanders, S.217 Auch war die Abgabe der besten osmanischen Truppen an europäische Kriegsschauplätze teilweise gegen den Rat der Militärmission erfolgt.Liman von Sanders, S.154-158 Schließlich begünstigten Kompetenzüberschneidungen mit der deutschen Botschaft und deren Militärattaché sowie mit diversen ranghöheren Offizieren Intrigen und erschwerten eine straffe militärische Führung.Pomiankowski, S.56-58Liman von Sanders, S.27-29,276f.
Die Förderung der Heranbildung türkischer Offiziere zur selbständigen Tätigkeit war konsequent von Liman von Sanders in seinem praktisch vollständig türkisch besetzten Generalstab betrieben und redlich auf eine Stärkung der osmanischen Wehrkraft im Sinne des Kontraktes zugearbeitet worden.Pomiankowski, S.126Liman von Sanders, S.30ff.,264,299 Die nach Beginn des Krieges - über das im Kontrakt der Mission vorgesehene Maß hinaus - einsetzende Besetzung wichtiger Posten durch deutsche Offiziere beruhte anfangs auf dem Mangel geeigneter osmanischer Offiziere. Sie wurde aber im weiteren Verlauf auch von Enver gegen den Willen Liman von Sanders' weitergetrieben und führte in der Folge zu einem verschlechterten "deutsch-türkischen Zusammenarbeiten".Liman von Sanders, S.31f.,219ff. Enver versuchte mit Hilfe des - von ihm als nominellem Chef abhängigen - osmanischen Generalstabes und dessen deutschen (stellvertretenden) Chefs, die unabhängige Stellung der Militärmission und den ihr zugrundeliegenden Kontrakt aufzuweichen.Liman von Sanders, S.32,246 Selbst der Sieg in der Dardanellenschlacht hatte von osmanischer Seite nicht zur Anerkennung der deutschen Militärmission geführt. Das osmanische Hauptquartier und insbesondere Enver bemühten sich im Gegenteil, nach dem militärischen Erfolg die Leitung der Mission zu diskreditieren und Einfluss über sie zu gewinnen.Liman von Sanders, S.143-148,94-196, cf. "Jilderim": S.275 Obwohl unangemessene MaßnahmenLiman von Sanders, S.36f. und Operationen der osmanischen Heeresleitung in der Folge zur Herabsetzung der Wehrkraft weiter Teile ihrer Armee führte,Liman von Sanders, S.198,227,238-241,242f. rechnete Enver sich selbst den bedeutendsten Sieg des Krieges als Verdienst an. Tatsächlich gebührt er der deutschen Militärmission, deren Leiter Liman von Sanders als strategischer Vater das Osmanische Reich vor dem ungehinderten Zugriff der Entente bewahrt hatte,Palmer, S.328f.Pomiankowski, S.144-146 gestützt auf einige hervorzuhebende Offiziere (darunter auch der noch unbekannte Mustafa Kemal BeyLiman von Sanders, S.112, aber in erster Linie auf die beispiellose Zähigkeit des anatolischen Soldaten.Liman von Sanders, S.134f.,242Pomiankowski, S.145f.,241f.Palmer, S.328
Das Selbstvertrauen der Türken, auch gegen die europäischen Großmächte im Krieg bestehen zu können, war jedoch - trotz der Überbeanspruchung und des Zusammenbruchs im Krieg - durch die vielfach erfolgreichen Kämpfe an der Seite der Mittelmächte wieder nachhaltig gefestigt wordenSpuler, S.1171Pomiankowski, S.154. Das Ziel der Jungtürken, sich durch die deutsche Militärreform in die Lage zu versetzen, aus eigener Kraft einen Befreiungskrieg gegen die Großmächte zu gewinnen, ohne die Unabhängigkeit gegenüber den Deutschen zu verlieren, konnte dann tatsächlich unter dem aus der jungtürkischen Bewegung hervorgegangenen Nationalistenführer Mustafa Kemal Pascha (später "Atatürk") im Türkischen Befreiungskrieg (Griechisch-Türkischer Krieg i. w. S.) 1920-1922 verwirklicht und die mit dem Vertrag von Sèvres 1920 begonnene Aufteilung der Türkei1 verhindert werden.Verlag Ploetz (Hg.): Auszug aus der Geschichte, 28. Aufl., Ploetz, Würzburg 1976, S.1829Palmer, S.366ff.
1 Gemeint ist das etwaige Territorium der heutigen Türkei, damals zunächst offiziell dem Osmanischen Reich unter dem Sultan Mehmed VI. zugehörig, vornehmlich aus kleinasiatischen und thrakischen Gebieten bestehend, einschließlich der anteilig kurdisch, griechisch oder vormals armenisch besiedelten Regionen. Nicht eingeschlossen sind die "nichttürkischen" - unter anderem arabischen und europäischen - Provinzen des früheren Osmanischen Reiches, auf welche im Grundprogramm des Kemalismus ("Nationalpakt" - 1920) verzichtet wurde.Palmer, S.378-380
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"Deutsche Militärmission im Osmanischen Reich".
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