Die ersten deutschen Auswanderer, die namentlich genannt wurden, waren 13 Familien aus Krefeld, die sich 1683 nach Nordamerika aufmachten und in Pennsylvania in der Nähe von Philadelphia die Siedlung Germantown gründeten. Wegen religiöser Unterdrückung und einer großen Hungersnot verließen 1709 mehr als 10.000 Pfälzer ihre Heimat und bauten sich in Nordamerika eine neue Existenz auf. Von der Pfalz ausgehend breiteten sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts Wanderungsbewegungen in großen Teilen Südwestdeutschlands aus. Gründe hierfür waren unter anderem eine Überbevölkerung, die in anderen deutschen Ländern erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts eintrat.
Auslösender Faktor für dieses enorme Wachstum – das in ganz Europa auftrat – war vor allem eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität und das Fortschreiten der Industrialisierung. Auch der sanitäre und medizinische Fortschritt trug zu einer fallenden Sterblichkeitsrate bei. In ganz Europa korrelieren die hohen Auswanderungsquoten mit den etwa 20 bis 25 Jahre früher liegenden natürlichen Zuwachsraten.
Verbunden mit der wachsenden Bevölkerung in Deutschland war ein einsetzender Pauperismus und Arbeitslosigkeit. Damit waren die strukturellen Voraussetzungen für eine Emigration gegeben, und die Amerika-Auswanderung wurde seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer ständigen Erscheinung im Südwesten Deutschlands. Im 18. Jahrhundert griffen die Auswanderungen vom Südwesten über den Westen auch auf den Norden und Nordosten Deutschlands über. Ursache hierfür waren die nach dem Wiener Kongress gelockerten bzw. später aufgehobenen Auswanderungsverbote.
Der Auswanderungsstrom schwoll jedoch erst nach 1820 stark an. Dies lag nicht allein an den stark wachsenden Geburtenüberschüssen, sondern auch am technologischen Fortschritt, der sich zum Beispiel in der Entwicklung von Dampfschiffen zeigte, und damit zu einer schnelleren und weniger gefahrvollen Atlantiküberquerung führte. Zudem wurde nach Beendigung der Napoleonischen Kriege eine Auswanderungsfreiheit sichergestellt, die es den Menschen wieder erlaubte, ihr Land zu verlassen. Werbekampagnen von Landeignern in den Zielländern sowie von Reedern und Kapitänen, die an der Überfahrt verdienen wollten, trugen auch zu einer vermehrten Massenauswanderung bei. Nicht zuletzt die Ausgewanderten selbst waren für einen Zuwachs der Migranten verantwortlich, versuchten sie doch Angehörige und Freunde in die Neue Welt nachzuholen, wobei man hier von einer sogenannten Kettenmigration spricht. Als Attraktionen im Zielland bot sich den Emigranten freier Boden, freie Menschen, nationale Sicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit verbunden mit einer bereits stattgefundenen Industrialisierung.
Die Auswanderungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts liefen in mehreren Phasen ab, die ziemlich genau mit langfristigen Bevölkerungswellen, also dem Wechsel von starken und schwachen Jahrgängen, übereinstimmen. Zusätzlich gesteuert wurden die Wanderungen von wirtschaftlichen und politischen Krisen. Zu nennen sind etwa die Missernten des Jahres 1846/47, der amerikanische Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865 sowie das Ende der gründerzeitlichen Blüte um 1875. Erst um die Jahrhundertwende nimmt in Deutschland die Überseewanderung deutlich ab. Die ist bedingt durch das Ende der freien Landnahme in den Vereinigten Staaten sowie dem Aufstieg der deutschen Industrie.
Die USA blieben jedoch während des gesamten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts das Hauptziel deutscher Emigranten. In der Periode von 1850 bis 1890 stellten die Deutschen sogar die größte nationale Einwanderergruppe. Von den 5,9 Millionen Menschen, die in der Zeit von 1820 bis 1928 nach Übersee gingen, wanderten nicht weniger als 5,3 Millionen, d.h. fast neun Zehntel, in die USA, gegenüber nur 200.000 nach Brasilien, 145.000 nach Kanada (ab 1851) und 120.000 nach Argentinien (ab 1861). Noch geringer sind die Zahlen für Australien und Südafrika mit jeweils weniger als 50.000 Personen; und in die deutschen Kolonien kamen bis 1913 sogar nur rund 24.000 Menschen aus dem Mutterland.
Um 1930 wird die Wanderungsfreiheit des Einzelnen zum ersten Mal eingeschränkt. Die wichtigsten Einwanderungsländer entschlossen sich auf Grund der weltweiten Wirtschaftskrise zu einer stärkeren Immigrationskontrolle. Die US-amerikanischen Einwanderungsgesetze von 1921 und 1924 hatten diese Entwicklung bereits einige Jahre zuvor eingeleitet, indem sie mit zulässigen Einwanderungsquoten nach Nationalitäten den Immigrationszuwachs einzudämmen versuchten. Dies wird dadurch ersichtlich, dass 1927 beispielsweise die Zahl der europäischen Wanderer nach Zielorten in Europa erstmals die nach transozeanischen übersteigt. Die innereuropäischen Wanderungen der 1920er und 1940er Jahre des 20. Jahrhunderts standen allerdings zu einem großen Teil in Verbindung mit politischen Veränderungen beziehungsweise waren eine Folge der beiden Weltkriege.
In Gebieten mit Anerbenrecht, d.h. dem Gegensatz zur Realerbteilung, bei dem an einen einzigen Erben vererbt und der Rest abgefunden wurde, führte diese Praxis auf der einen Seite zu einer Stärkung des Bauerntums. Auf der anderen Seite brachte dies aber für die unterbäuerlichen Schichten, d.h. den Erben, die abgefunden wurden, wirtschaftliche Nachteile mit sich. Konnten sich diese Leute mit Nebentätigkeiten wie Leinweberei oder Hollandgängerei (eine Art des Wanderarbeiters) noch finanziell über Wasser halten, so waren viele nach dem Fortfall dieser Erwerbsquellen zu einer Auswanderung gezwungen.
Im Nordosten Deutschlands kam es durch die Bauernbefreiung (bei der allmählich die persönlichen Verpflichtungen der Bauern gegenüber ihren Grundherren aufgelöst wurde) und Separation (Flurbereinigung) anfangs zu einem Landesausbau und einer landwirtschaftlichen Intensivierung, welche zunächst eine Vermehrung der von der Landwirtschaft lebenden Familien ermöglichte. Die Situation der Überbevölkerung trat damit erst mit einer Phasenverschiebung von etwa zwei Jahrzehnten in den 1860er und 1870er Jahren ein, nach der der Nordosten Deutschlands (insbesondere Westpreußen, Pommern und Posen) zum Auswanderungszentrum wurde. Einhergehend mit der Phasenverschiebung der Überbevölkerung ging auch eine Verschiebung der beruflichen und sozialen Stellung der Auswanderer. Bei diesen Emigranten handelte es sich überwiegend noch um unverheiratete, landwirtschaftliche Arbeiter und nicht mehr, wie in der Frühphase der Wanderungsbewegungen, um Kleinbauern und Gewerbetreibende mit ihren Familien.
Die Auswanderung der Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde jedoch nicht nur wegen der landwirtschaftlichen Probleme verursacht, sondern verstärkte sich zusätzlich durch den Rückgang des Heimgewerbes und die Überbesetzung des Handwerks als Folge der beginnenden Industrialisierung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten die neu entstehenden Industriebetriebe mehr und mehr die „überzählige Bevölkerung“ aus anderen Wirtschaftsbereichen aufnehmen und damit die Auswanderungsneigung der Bevölkerung schwächen. Dass sich Deutschland allmählich zur größten Industrienation des Kontinents entwickelte, ist nicht zuletzt auch den Auswanderungen der Jahrzehnte zuvor zu verdanken. Dadurch wurde die deutsche Volkswirtschaft gerade von der Zahl Menschen befreit, denen sie keinen Arbeitsplatz bieten konnte.
Auch in der Zeit der wirtschaftlichen und politischen Umbrüche und Unsicherheiten wanderten viele Deutsche nach Amerika aus, das in diesen Jahren einen riesigen Wirtschaftsboom erlebte, in den Jahren der Weltwirtschaftskrise nach 1929 kam es zu einer erneuten Auswanderungswelle vor allem aus ländlichen Gebieten, aber da war die Einwanderung in die USA bereits aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und Armut im eigenen Land begrenzt worden.
Nach der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland 1933 setzte die Judenverfolgung sowie eine vollständige Unterdrückung jeglicher Opposition ein. Menschen, die früh genug die Gefahr erkannten und über die nötigen finanziellen Mittel verfügten, verließen das Land. Zu ihnen zählten demokratisch gesinnte Politiker, aber auch eine große Zahl von Künstlern und Wissenschaftlern. Oft gab es Überschneidungen zwischen diesen Emigranten und den jüdischen Auswanderern, die mit 500.000 Personen die bei weitem größte Gruppe der Auswanderer im Dritten Reich darstellten.
Die Filmmetropole Hollywood profitierte immens vom Zustrom an kreativem Personal wie Produzenten, Regisseuren und Schauspielern. Der Filmklassiker Casablanca (1942) wurde beispielsweise fast ausnahmslos mit eingewanderten Schauspielern besetzt. Berühmte Emigranten waren zum Beispiel im 20. Jahrhundert der Naturwissenschaftler Albert Einstein, die Schriftsteller Thomas Mann und Bertolt Brecht, die Schauspielerin Marlene Dietrich, der Regisseur Billy Wilder, die während des Dritten Reiches Deutschland wegen des Nationalsozialismus verließen und in die USA emigrierten. Sie alle suchten in den USA Zuflucht vor der politischen Verfolgung durch die Nazis oder, auch im Falle der Intellektuellen, demokratische Strukturen und die Möglichkeit, sich frei zu äußern.
Dies liegt zum einen daran, dass die Besatzungsmächte unmittelbar nach dem Krieg jegliche Auswanderungen verbaten, um Kriegsverbrecher und Nationalsozialisten daran zu hindern, Deutschland zu verlassen. Im Juli 1950 wurde diese gesetzliche Grundlage dann aber abgeschafft. Außerdem wollte man so einem Verlust von Arbeitskräften entgegenwirken, die dringend zum Wiederaufbau benötigt wurden. Zudem wollten die meisten Länder nach dem Sieg über das Dritte Reich von einer Aufnahme Deutscher nichts wissen.
Die Zahl der Emigranten verringerte sich in den 1960er Jahren jedoch deutlich auf nur noch 284.349. Gründe dafür sind unter anderem, dass es nach dem wirtschaftlichen Aufschwung der 50er Jahre zu einer ersten wirtschaftlichen Krise kam. Auf den ersten Blick betrachtet mag man dies als Push-Faktor des eigenen Landes ansehen, der eigentlich eine Migration begünstigen sollte. Jedoch liefen die wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA parallel ab, weshalb die Pull-Faktoren des Ziellandes hier nicht greifen. Zum andern erließ die Regierung der Vereinigten Staaten 1965 ein neues Einwanderungsgesetz, welches eine Quote von nicht mehr als 20.000 Einwanderern pro Land im Jahr vorsah. Waren 1969 noch 9.289 Amerikaauswanderer zu verzeichnen, so war 1975 der Tiefpunkt der Auswanderungsbewegung mit 5.154 Personen erreicht. In den 70er Jahren wanderten im Durchschnitt nur noch etwa 6.700 Deutsche pro Jahr in die Vereinigten Staaten aus. Auch die nach den Vereinigten Staaten beliebtesten Auswandererländer der 50er Jahre, Kanada und Australien, in denen in dieser Zeit besondere Einwanderungsprogramme durchgeführt wurden, hatten in den 60er Jahren sinkende Einwandererzahlen aus Deutschland zu verzeichnen. Während in den 50er Jahren 208.300 Deutsche nach Kanada einwanderten, waren es im darauf folgenden Jahrzehnt nur noch rund 56.500 und in den 70er Jahren rund 20.100 Deutsche. Ein ähnliches, wenn auch nicht so drastisches Sinken der deutschen Einwandererzahlen war in Australien erkennbar. Hierhin wanderten in den 50er Jahren 64.000 Deutsche aus, in den 60er Jahren sank diese Zahl auf rund 38.500 Personen und verringerte sich in den 70er Jahren noch einmal um die Hälfte auf rund 18.200 Personen.
Insgesamt war die Wanderungsfreudigkeit der Deutschen in den 70er Jahren mit durchschnittlich 54.400 Auswanderern deutlich zurückgegangen. Nach den Vereinigten Staaten wanderten in diesem Zeitraum weniger Deutsche aus als in den Jahren 1945 bis 1949 mit ihren erheblichen Wanderungsrestriktionen. Das dürfte auf die insgesamt starke wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik zurückzuführen sein. Darüberhinaus mochte das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür gewachsen sein, dass das Schicksal der Länder heute so eng miteinander verbunden ist, dass eine Auswanderung nicht unbedingt vor den Folgen von Umweltkatastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen oder weltwirtschaftlichen Rezessionen schützt.
Durch das amerikanische Einwanderungsgesetz von 1965 sanken die Gesamteinwanderungszahlen stark, aber es kam zu einem prozentual starken Ansteigen der einwandernden Ehepartner. Eines der Ziele dieses Gesetzes war nämlich die Förderung der Zusammenführung. Bis heute bilden die einwandernden Ehepartner 50 % der gesamten deutschen Immigranten. Auch die Zahl der einwandernden Ehemänner stieg prozentual wie auch absolut.
Vom Alter her waren die meisten einwandernden Frauen zwischen 20 und 29 Jahre alt. Die nächstgrößere Gruppe war die der 10 bis 19 Jährigen (durchschnittlich 15,8 %). Von den 30 bis 39 Jahre alten Frauen waren es im Schnitt noch 13,9 %. Betrachtet man die Zeiträume zwischen 1954 und 1979, so waren zwischen 81,4 und 91,9 % Frauen nicht älter als 39 Jahre. Von den einwandernden Männer waren zwischen 80,5 und 91,8 % dem Alter bis 39 Jahre zuzuordnen. Es handelte sich hier in aller Regel also um jüngere Jahrgänge, die emigrierten. Den Löwenanteil hatten hier die 20-39 Jährigen mit durchschnittlich 27,1 %. Danach die 30-39 Jahre alten Männer mit im Schnitt 16,2 % und die 10-19 Jährigen mit noch 14 %. Den stärksten Anteil an der Gesamtbevölkerung hatten Kinder bis 9 Jahre mit durchschnittlich 30,8 %, für die jedoch natürlich die Eltern die Entscheidung für eine Auswanderung trafen.
Wie stark die amerikanische Einwanderungsgesetzgebung seit 1965 die Familienzusammenführung förderte, zeigt der große Zuwachs der zahlenmäßig nicht limitierten Einwanderung. In diese Kategorie fielen Angehörige von amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern. Sie stieg von 1966 mit 26,7 % im nächsten Jahr sprunghaft auf 54,2 % und in den nächsten Jahren bis weit über 70 %.
Deutsche Geschichte | Deutsche Auswanderer | Bevölkerungsgeographie
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Deutsche Überseewanderung".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world