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Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde (The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde) ist eine Erzählung des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson (1850-1894), erschien erstmals 1886 und zählt zu den Klassikern der Horror-Literatur.

Inhalt


Der Rechtsanwalt Mr. Utterson vertritt die Interessen des zurückgezogen lebenden Wissenschaftlers Dr. Henry Jekyll. Dessen seltsame Anordnung, im Falle seines Todes oder Verschwindens seinen ganzen Besitz einem gewissen Mr. Edward Hyde zu übergeben, weckt seinen Argwohn und seine Neugierde, denn Mr. Hyde ist das genaue Gegenteil des zurückhaltenden Gentleman Dr. Jekyll. Zudem scheint er einen schlechten Einfluss auf den Doktor auszuüben, denn seit dem Auftauchen Hydes zieht sich Dr. Jekyll mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.

Als schließlich ein Mord geschieht, der eindeutig Mr. Hyde angelastet werden kann, verschwindet dieser spurlos. Der Doktor widerruft daraufhin sein Testament, veranstaltet wieder Gesellschaften für seine Freunde und scheint sich des verderblichen Einflusses von Mr. Hyde entledigt zu haben. Doch einige Zeit später geht eine erneute Veränderung in ihm vor. Er schließt sich in seinem Laboratorium ein, wo er fieberhaft an chemischen Experimenten zu arbeiten scheint, lässt alle Besucher abweisen und zeigt sich selbst den Hausangestellten nicht mehr. Schließlich ruft Dr. Jekylls Butler, der den gesuchten Mörder Hyde in der Nähe des Labors gesehen zu haben glaubt, Mr. Utterson zu Hilfe. Zusammen brechen sie in das Arbeitszimmer des Doktors ein, finden aber nur noch die Leiche von Mr. Hyde in der Kleidung des Doktors, und einige Schriftstücke. Aus diesen rekonstruiert Mr. Utterson schließlich die wahren Ereignisse: Dr. Jekyll war bei seinen Forschungen auf einen Trank gestoßen, mit dessen Hilfe er die böse Seite seiner Seele befreien und sich in Mr. Hyde verwandeln konnte. Zunächst genoss er diese Situation, konnte er in dieser Gestalt doch seine negative Seite ausleben, ohne sein Ansehen zu gefährden. Nachdem Mr. Hyde jedoch einen Mord begangen hatte, schwor sich Jekyll, die Droge nie wieder anzurühren. Doch die einmal gerufenen Geister ließen sich nicht wieder bannen: eines Morgens wachte Jekyll auf und hatte sich von allein in Hyde verwandelt. Für die Rückverwandlung benötigte er wieder seinen Trank - doch die Grundsubstanzen, aus denen er hergestellt wurde, gingen zu Ende, während die ungewollte Transformation in Hyde immer öfter stattfand. Erfolglos versuchte Dr. Jekyll, sein Experiment zu wiederholen - er konnte jedoch seine Droge nicht richtig reproduzieren, da ihm eine Substanz der unreinen Originalmischung bis zuletzt unbekannt blieb. So schrieb er vor seiner letzten Verwandlung in Mr. Hyde den Brief, den Utterson finden sollte. Dr. Jekyll alias Mr. Hyde vergiftet sich, als Utterson und Butler die Tür aufbrechen.

Hintergrund


Vorbild für diese Erzählung war der schottische Kunsttischler William Brodie aus Edinburgh. Er führte unter seiner tugendhaften Fassade ein Doppelleben: tagsüber ein Vorzeigebürger, nachts ein Krimineller, der Einbrüche beging. Nach einem missglückten Coup gegen die schottische Finanzabteilung für indirekte Steuern floh er nach Amsterdam, wurde dort jedoch aufgegriffen, nach England überführt, interniert und vom Gericht zum Tod durch den Strang verurteilt. 1788 wurde das Urteil vollstreckt.

Interpretation


Dr. Jekyll ist ein angesehener Mensch, eine der Stützen der Gesellschaft, im Beruf äußerst erfolgreich, in seiner Tugendhaftigkeit vorbildlich und in seinen karitativen Bestrebungen ein Muster christlicher Nächstenliebe. Nur eine negative Eigenschaft besitzt er: den Hang zum Laster. Das Laster bleibt in der Erzählung freilich sehr vage. So erfindet er sich eine zweite Gestalt. Sie ermöglicht es ihm, seinen dunklen Trieben freien Lauf zu lassen. Dr. Jekyll leistet sich außerdem den Selbstbetrug, die Untaten Mr. Hydes wieder gutzumachen.

Die Schauergeschichte ist konventionell. Sie erzeugt bei einem heutigen Leser im besten Fall ein mittleres Gruseln, bei dem man recht bald die Zusammenhänge ahnt. Für das literarische Publikum zu Stevensons Zeit war die Wirkung jedoch wesentlich intensiver. Gerade auch im Aufnehmen des realen Falles zeigt Stevenson die Folgen einer erzwungenen Verdrängung nicht gesellschaftskonformer Wünsche auf und kritisiert damit die Konventionen seiner Zeit. Zugleich warnt die Erzählung vor den Folgen einer enthemmten Menschennatur ohne sittliche Selbstbeschränkung. Sie dringt in die Tiefe der menschlichen Psyche und in die Tiefe der bürgerlichen Moralauffassungen vor, weshalb von vielen Interpretatoren auch interessante Parallelen zur Psychoanalyse Sigmund Freuds gezogen werden. Schwächen: Die Enthüllungen gehen etwas mühsam vonstatten. Die Metamorphose des Arztes ist nicht frei von komischen Zügen.

Die Analytische Psychologie in der Tradition Carl Gustav Jungs sieht in den "beiden" Titelfiguren Ausprägungen der Archetypen der Persona und des Schattens

Wirkungsgeschichte


Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde erlangte für die moderne Horrorliteratur eine enorme Bedeutung. Das in eine neutrale (Gut und Böse in einer Person) und in eine negative Seite gespaltene Wesen wurde einer ihrer Archetypen, was sich in vielen Bearbeitungen des Stoffes niederschlug. So ist z.B. die Comicfigur Hulk eindeutig von Dr. Jekyll und Mr. Hyde inspiriert. Auch der Film Fight Club ist an die Erzählung von Robert Louis Stevenson angelehnt, die Figuren erscheinen ebenfalls im Film Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen von Stephen Norrington.

Die Erzählung ist mit weit über 100 filmischen Adaptationen die meistverfilmte Geschichte der Welt, weiterhin gibt es zahlreiche Romanadaptionen, mehrere Theaterstücke und ein Musical gleichen Namens. Außerdem habe sich, so sagt man, der berühmte Autor Arthur Conan Doyle bei seinem Werk über Sherlock Holmes von der Person des Mr. Utterson beeinflussen lassen.

Verfilmungen


Außerdem war die Figur des Dr. Jekyll und Mr. Hyde auch in Filmen wie Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003) und Van Helsing (2004) zu sehen.

Musicals


  • Jekyll & Hyde, von Frank Wildhorn und Leslie Bricusse, 1990
  • The Dr. Jekyll & Mr. Hyde Rock 'n Roll Musical (Rock-Musical-Version), 2003

Deutsche Ausgaben


  • Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Übersetzung von Grete Rambach. Insel, 1987, ISBN 3-458-32272-8

Literatur


  • Susanne Scholz: Kulturpathologien: Die „seltsamen Fälle“ von Dr. Jekyll und Mr. Hyde und Jack the Ripper. Paderborn: Rektorat der Universität. 2003. (= Paderborner Universitätsreden; 88)

Weblinks


Rezensionen

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