Theodor Storm 1886.JPG Der Schimmelreiter ist eine Novelle von Theodor Storm. Das im April 1888 veröffentlichte Werk ist Storms bekanntestes Stück und zählt zu seinen Spätwerken.
Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod. Die Novelle erschien das erste Mal im April 1888 in der Zeitung Deutsche Rundschau.
Storm schreibt in der Einleitung seiner Novelle:
Tatsächlich erschien 1838 im Hamburger Pappe-Verlag eine Ausgabe, in der ein Nachdruck des Danziger Dampfboots enthalten war. Dieser Nachdruck enthielt auch die Geschichte Der Güttlander Deichgeschworene. Der Handlungsort dieser Geschichte, die auffällige Parallelen aufweist, liegt jedoch nicht an der Nordsee sondern an der Weichsel. Dies würde erklären, warum Storm seine Novelle Der Schimmelreiter nicht in seiner Sammlung Neue Gespenstergeschichten aufnehmen wollte.
Vorlage für Hauke Haien, die Hauptperson in Der Schimmelreiter, war Hans Mommsen aus Fahretoft (nähe Dagebüll) in Nordfriesland (1735 – 1811). Der Landmann, der Mechaniker, Mathematiker und Einzelgänger war, soll es als Autodidakt zu erstaunlichen Leistungen gebracht haben. Er verstand es, Seeuhren, Teleskope und auch Orgeln herzustellen. Der Bezug auf die historische Person Mommsen wird auch darin deutlich, dass Storm diesen Namen in seiner Novelle erwähnt.
In Storms Novelle spiegeln sich auch die Ideen des Deichbaufinanziers Jean Henri Desmercieres bezüglich neuer Deichprofile wider. Desmercieres gilt als der Erbauer des Sophien-Magdalenen-Kooges und des Desmerciereskooges. Das Gehöft des Deichgrafs in der Novelle scheint identisch mit dem Hof des Deichgrafen Johann Iwersen-Schmidt (14. Juni 1798 – 1. März 1875) zu sein. Übereinstimmungen lassen sich auch an weiteren Personen und Dingen festmachen.
Hauke ist Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern, der, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, sich viel lieber mit der Arbeit seines Vaters auseinandersetzt. Er schaut dem Vater zu und hilft ihm beim Ausmessen und Berechnen von Landstücken. So lernt er extra Niederländisch, um ein in dieser Sprache geschriebenes Werk von Euklid lesen zu können. Fasziniert scheint er von der See und von den Deichen zu sein. Oft sitzt er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtet, wie die Wellen an den Damm schlagen. Er überlegt auch, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, eben indem man die Deiche zur See hin länger anlegen würde. Manchmal nahm er auch ein bisschen Kleierde mit nach Hause, und knetete bei Kerzenschein Deichmodelle, die er dann in einem Wasserbecken testete, indem er künstliche Wellen erzeugte. Dem Vater ist diese Gelehrsamkeit bald zu viel.
Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird angenommen. Doch auch hier hilft er dem Deichgrafen mehr beim Rechnen und Planen als in den Ställen, was dem Deichgrafen zwar gut gefällt, ihn aber bei Ole Peters, dem Großknecht, unbeliebt macht. Da Hauke auch das Interesse von Elke, der Tochter des Deichgrafen, wecken kann, verschärft sich der Konflikt zwischen Hauke Haien und Ole Peters weiter.
Binnen kurzer Zeit versterben Haukes und Elkes Vater. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Als es darum geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt der Konflikt zwischen Hauke und Ole erneut auf. Denn traditionell wird Deichgraf, wer das meiste Land sein Eigen nennen kann. Und dies wäre nun Ole Peters gewesen, der sich zwischenzeitlich in eine Familie eingeheiratet hat, die mehr Land als Hauke besitzt. Gegenüber dem Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke das Wort und erklärt, sie sei bereits mit Hauke verlobt und durch eine Hochzeit würde Hauke somit das größte Stück Land in der Region besitzen. Nach dem Tod des Deichgrafen wird Hauke Deichgraf.
Hauke setzt nun die neue Deichform, die er als Kind bereits geplant hat, in die Tat um. Vor einem Teil des alten Deiches lässt er einen neuen bauen, ein neuer Koog entsteht und somit mehr Ackerfläche für die Bauern. Die Rituale der Deichbauer verlangen aber, dass „etwas Lebendiges“ im Deich verbaut werden muss. Zuweilen hatte man früher Zigeunern Kinder abgekauft und diese lebendig in den Sandmassen begraben. Doch Hauke untersagt diesen Brauch beim Bau seines neuen Deiches – als die Arbeiter einen Hund eingraben wollen, rettet er diesen – und so sehen viele einen Fluch auf diesem Deich lasten.
Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf auch durch sein Pferd: Ein edel aussehender Schimmel, den er, krank und verkommen, einem gaunerhaften Reisenden abgekauft und herausgefüttert hat, der angeblich von einem Pferdeskelett auf einer nahen Hallig kommt, das bei seinem Erscheinen verschwunden war. Oft wird er mit dem Teufel in Verbindung gebracht und sogar selbst als dieser bezeichnet.
Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Pferd, einem Schimmel, abreitet. Der neue Deich hielt den Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterhin verläuft und dort die vorderste Front zur See darstellt, wurde vernachlässigt. Als Jahre später eine Sturmflut hereinbricht und der alte Deich an einer Stelle zu brechen droht, durchstößt man den von Hauke geplanten und gebauten Deich auf den Wunsch seines Widersachers Ole Peters, da dieser damit hofft, dass sich die Kraft des Wassers auf den neuen noch unbewohnten Koog konzentrieren würde. Doch während sich die Arbeiter mit dem Durchstechen des neuen Deiches beschäftigten, bricht der alte Deich. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihres gemeinsamen geisteskranken Kleinkindes auf den Deich hinausgeht, muss Hauke mit ansehen, wie die Risse im alten Deich immer größer werden und letztlich auch seine Frau mit in die Wassermassen gezogen wird. In seiner Verzweiflung und in Anlehnung an das fehlende „Lebendige“, das beim Bau seines Deiches nicht mit eingebaut wurde, stürzt er sich ebenso mitsamt Pferd in die Wassermenge, die das Land überflutet, und schreit dabei:
„Herr, Gott, nimm mich, verschon' die anderen!“
Damit endet die Erzählung des Schulmeisters. Er fügt noch an, dass Hauke Haien bis heute keine Ruhe gefunden hätte. Und immer dann, wenn am Deich Gefahr droht, sei ein Reiter auf einem Schimmel zu sehen. Gleichwohl verweist der Erzähler darauf, dass der neue, von Hauke Haien erschaffene Deich, noch immer den Fluten stand hält, obgleich sich die erzählte Geschichte bereits vor fast hundert Jahren zugetragen haben soll.
Die Erzählung hat zwei ineinander verschachtelte Rahmenhandlungen: Einmal einen kurzen Absatz über die Großmutter des Erzählers, bei der diese Geschichte gelesen habe worden sei, „vor reichlich einem halben Jahrhundert“, gegen Ende der 1830er Jahre also, spielen, und dann eine etwas längere Rahmenerzählung des „damaligen Erzählers“, der, wie er in einer Zeitschrift berichtet, „im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts“ an einem nordfriesischen Deich „dem Schimmelreiter“ begegnet sei und dem Dorfbewohner in der Nähe des in der Geschichte vorkommenden Deiches darauf von diesem erzählt hätten. Den weitaus größten Teil macht jedoch die eigentliche Erzählung aus, immer wieder unterbrochen von den Randbemerkungen des „Erzählers“, eines alten, gelehrten und etwas überheblichen Schulmeisters.
Darsteller: Mathias Wieman, Marianne Hoppe, Hans Deppe. Musik von Winfried Zillig.
Darsteller: Lina Carstens, Anita Ekström, Gert Fröbe, Werner Hinz, John Phillip Law, Vera Tschechowa, Richard Lauffen. Die Musik schrieb Hans-Martin Majewski.
Dieser Film richtet sich nicht nach dem Buch. Viele Szenen der Novelle fanden nicht oder abgeändert im Film statt, so zum Beispiel der Tod von Tede Volkerts oder dass es Wienke im Film gar nicht gab.
Dieser Film aus dem Jahr 1985 ist ein Film über Theodor Storm, nicht über die Novelle Der Schimmelreiter.
Regie: Claudia Holldack
Darsteller: Erland Josephson als alter Theodor Storm, Till Topf als junger Theodor Storm. Musik: Thilo von Westernhagen
Literarisches Werk | Literatur (19. Jh.) | Literatur (Deutsch)
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"Der Schimmelreiter".
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