Allgemein bezeichnet Depersonalisation den Verlust bzw. die Veränderung des ursprünglichen, natürlichen Persönlichkeitsgefühls. Im speziellen Sinne versteht man unter Depersonalisation eine bestimmte Form von psychischer Störung, bei der die Betroffenen
als verändert, fremd, nicht zu-sich-gehörig, leblos, fern oder unwirklich erleben. Entfremdungserlebnisse gegenüber der Umwelt werden auch als Derealisation bezeichnet.
Darüber hinaus können seltener auch die auditive oder taktile Wahrnehmung, das Geschmacksempfinden oder die Zeitwahrnehmung gestört sein. Weiterhin können Gefühle von "Gedankenleere" bestehen, die Unfähigkeit, sich visuell oder auditiv etwas vorzustellen, oder eine erhöhte Selbstbeobachtung.
Die Dauer der Entfremdungserlebnisse kann von einigen Sekunden bis hin zu mehreren Stunden oder Tagen reichen.
Trotz der vielen unterschiedlichen Äußerungsformen ist allen Entfremdungserlebnissen gemeinsam, dass sie von den Betroffenen als unangenehm und beunruhigend empfunden werden. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass etwas anders ist, als es vor dem Auftreten der Depersonalisationserlebnisse war, und anders ist, als es eigentlich sein sollte. Sie leiden oft unter Ängsten, "verrückt zu werden", oder auch nur solchen, von anderen "für verrückt gehalten zu werden", wenn sie von ihren Erlebnissen erzählen.
Abgrenzung: Depersonalisationserfahrungen treten auch bei Gesunden auf, z.B. bei großer Müdigkeit, nach stressauslösenden oder lebensbedrohlichen Situationen, während spiritueller Erfahrungen (Meditation, Trance) oder unter dem Einfluss halluzinogener Drogen (Cannabis, Ecstasy etc.). Die unterschiedlichen Quellen konstatieren eine Lebenszeitprävalenz in der nicht-klinischen Bevölkerung zwischen 30% bis 50%. Von einer Störung im Zusammenhang mit Depersonalisation kann gesprochen werden, wenn bestimmte weitere Faktoren hinzukommen, wie z.B. eine erhöhte Intensität und Frequenz der Entfremdungserlebnisse oder der Zusammenhang mit einer anderen psychischen Störung (vgl. auch Abschnitt Sekundäre Depersonalisationsstörung).
Obwohl Betroffene u.U. auch ihre Umwelt verändert wahrnehmen, bleibt während der Depersonalisationserfahrung die Realitätsprüfung intakt, d.h., die Betroffenen haben - in Abgrenzung zu psychotischen Störungen, wie z.B. der Schizophrenie - keine Wahnvorstellungen, schätzen bei ihren alltäglichen Aufgaben sich und ihre Umwelt richtig ein und haben Kontrolle über ihr Handeln. Wenn Betroffene z.B. das Gefühl haben, Personen und Objekte wie in den Raum projizierte Hologramme zu sehen, so wissen sie dennoch immer, dass diese Personen und Objekte real und keine Hologramme sind. Man könnte es so ausdrücken: Die Depersonalisation verändert für die subjektive Sicht des Betroffenen die Qualität der Wahrnehmung, nicht aber die Qualität des Wahrgenommenen (d.h. der eigenen Person oder der Umwelt).
Bei der Schizophrenie hat der Betroffene keine Krankheitseinsicht.
Bei der Klärung der Ursachen im einzelnen Fall steht im Vordergrund die Frage, ob die Depersonalisationsstörung im Zusammenhang mit bzw. als Symptom einer anderen psychischen Störung auftritt (vgl. Abschnitt Sekundäre Depersonalisationsstörung). In einem solchen Fall wären zunächst die Ursachen für die Grundstörung zu untersuchen.
Bei primären Depersonalisationsstörungen finden sich bei den Betroffenen oft traumatische Kindheitserlebnisse wie körperlicher, emotionaler oder sexueller Missbrauch.
Wie bei anderen psychischen Störungen kann auch bei einer Depersonalisationsstörung meist kein einzelner auslösender Faktor als hinreichende Ursache benannt werden. In den meisten Fällen wird man von einer multifaktoriellen Genese ausgehen müssen. Versteht man Depersonalisation als die Reaktion der Betroffenen auf zurückliegende oder aktuelle Lebenssituationen, so muss bei diesen Betroffenen zusätzlich eine besondere Prädisposition für bewusstseinsverändernde Störungen bestehen, um eine Depersonalisationsstörung zu entwickeln, da andere Menschen auf vergleichbare Lebenssituationen nicht mit Depersonalisation reagieren.
Als Auslöser einzelner Depersonalisationserlebnisse oder -phasen gelten extrem stressauslösende und lebensbedrohende Erlebnisse (wie z.B. ein Autounfall). Ferner kommen auch Substanzmissbrauch (z.B. Cannabis, Ecstasy, Alkohol), emotionale Vernachlässigung, Adoleszenz, Prämenstruelles Syndrom sowie Schlafmangel in Betracht.
Seit der Intensivierung der Forschung zur Depersonalisation in den 90er Jahren sind innerhalb verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen Erklärungsmodelle entstanden:
Neurobiologische Erklärungsansätze konzentrieren sich hauptsächlich auf Depersonalisationsstörungen im Anschluss an traumatische Erfahrungen und Erlebnisse von gefährlichen und extrem stressauslösenden Situationen. Unter extremem Stress erlaubt ein funktionale Einschränkung bestimmter Hirnfunktionen dem Körper, effektiver auf Gefahrensituationen zu reagieren und damit das physiologische Überleben zu sichern. Zu diesem Zweck kann auch eine Einschränkung der emotionalen Reaktionsfähigkeit angemessen sein, da sie verhindert, dass die einer solchen Situation Ausgelieferten von starken Gefühlen überwältigt und damit handlungsunfähig werden, und ihnen stattdessen erlaubt, "kaltblütig" zu reagieren. Ebenso verringern die in solchen Situationen ausgeschütteten Stresshormone die Merkfähigkeit, so dass es zu lückenhafter und unzusammenhängender Erinnerung an solche Erlebnisse kommen kann. Der mit solchen Stressreaktionen einhergehende Bewusstseinszustand kann – muss aber nicht – als Depersonalisation empfunden werden.
Eine Erklärung für das Auftreten einer Depersonalisationsstörung wäre entsprechend, dass – z.B. im Zusammenhang einer posttraumatischen Belastungsstörung – der Körper nicht mehr zu seinem ursprünglichen Zustand zurückfindet. Er befindet sich dann immer soz. "im Alarmzustand" und reagiert auf kleinste Reize mit Erregungszuständen, die von den Betroffenen wiederum als Depersonalisationserfahrungen empfunden werden.
Kognitionspsychologische Ansätze fokussieren bisher den Zusammenhang zwischen Depersonalisierungsstörung und einer Störung der mentalen Informationsverarbeitung. Neue Informationen werden normalerweise im Gehirn nicht isoliert abgespeichert. Jede neue Information wird zusammen mit einer emotionalen Bewertung in das Organisationssystem der bereits bestehenden Erfahrungen integriert. Dadurch entstehen im Langzeitgedächtnis sog. kognitiv-emotionale Schemata, die immer wieder durch neu dazukommende Information ergänzt und weiter ausdifferenziert werden.
Eine mögliche Erklärung für die Depersonalisationsstörung ist, dass bei den Betroffenen solche bereits vorhandenen Schemata nicht ausreichend aktiviert werden können, um neue Information zu integrieren. Die neue Information wird stattdessen isoliert im Langzeitgedächtnis abgespeichert und dadurch von den Betroffenen als "nicht zu ihrer Geschichte gehörig" und damit als fremd oder unwirklich empfunden.
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