Siehe QS-Begründung auf der Diskussionsseite.--Thomas S.Thomas S. 18:54, 17. Mai 2006 (CEST)
Zur Untersuchung demografischer Prozesse (also der Bevölkerungsbewegung) werden neben verschiedenen, statistischen Kennziffern wie Geburtenrate, Fruchtbarkeitsrate, Sterberate, Migrationsrate, Lebenserwartung, etc. auch graphische Darstellungen wie die Alterspyramide verwendet.
Für die vorstatistische Zeit (also vor 1850) werden derartige Daten durch die Auswertung von Kirchen- und Ortsfamilienbüchern und anderen Quellen berechnet.
In Zusammenhang mit der politischen Debatte um die Aufrechterhaltung der Sozialversicherungen ist in Deutschland häufig von der demografischen Entwicklung oder dem demografischen Wandel die Rede. Damit ist die prognostizierte Veränderung der Gesellschaft gemeint, die von drei entscheidenden Merkmalen geprägt ist:
Die ersten beiden Merkmale stützen die Befürchtung einer Überalterung der Gesellschaft. In der Vergangenheit hat das positive Wanderungssaldo zwar für eine Zunahme der Bevölkerung gesorgt; diese ist allerdings in jüngster Zeit zum Stillstand gekommen. Unter Experten herrscht weitgehend Einigkeit, dass die Alterung durch Zuwanderung nicht entscheidend beeinflusst werden kann - die dazu notwendige Zahl von Zuwanderern würde die Integrationskraft des Landes weit überfordern. Hinzu kommt, dass positive Effekte auf Wirtschaft und Sozialsysteme nur von qualifizierten Zuwanderungswilligen zu erwarten wären, die in der notwendigen Masse gar nicht zur Verfügung stünden.
Neben der Überalterung wird nämlich zunehmend das Humankapital problematisiert. Die Versorgung der Alten und Jungen einer Gesellschaft mit materiellen Gütern hängt entscheidend von der Produktivität der erwerbsfähigen Bevölkerung ab. Diese wiederum ist in rohstoffarmen High-Tech-Ländern wie Deutschland immer stärker von den Kenntnissen und Fertigkeiten dieser Bevölkerung abhängig. Noch gibt es kaum Untersuchungen dazu, wie sich die Alterung auch der Erwerbsfähigen auf die durchschnittliche Produktivität auswirken wird, insbes. wie sehr tendentiell geringere Innovationsfreude, Belastbarkeit und Arbeitstempo älterer Menschen durch eine größere Berufs- und Lebenserfahrung kompensiert werden kann. Ebenso schlecht untersucht sind die Folgen, die sich aus dem unterschiedlichen Geburtenverhalten bestimmter sozialer Schichten auf die zu erwartende Produktivität der Nachfolgegenerationen ergeben.
Häufig wird gefordert, als Ausgleich die Erwerbsquote insbes. der gut ausgebildeten Frauen zu erhöhen; hier liege sozusagen Humankapital brach. Dabei ist allerdings zu beachten, dass eine Gesellschaft auch immaterielle Güter benötigt, die heute weitgehend außerhalb des klassischen Wirtschaftslebens produziert werden: insbes. die Pflege und Betreuung von Kindern, Behinderten und Hochbetagten werden heute weitgehend von Frauen geleistet. Eine höhere Frauenerwerbstätigkeit wird daher eine Kommerzialisierung dieser Dienstleistungen erfordern. Daran, dass der demographische Wandel mit immer weniger jungen Menschen die Verfügbarkeit, und damit letztlich den Preis, solcher Dienstleistungen in die Höhe treibt, wird sich nichts ändern, ebensowenig wie an der Tatsache, dass die Dienstleister weiterhin aus der materiell produktiven Wirtschaft versorgt werden müssen. Nur, soweit Frauen heute wirklich "Zeit übrig" haben oder unter ihrem Niveau beschäftigt sind, verspricht ihre Einbindung in das Wirtschaftsleben für die Gesamtgesellschaft eine Linderung der anstehenden Probleme.
In der zehnten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung prognostizierte das Statistische Bundesamt 2003, dass bis zum Jahre 2050 noch zwischen 67 und 81 Millionen Menschen leben werden. Diese Berechnungen basieren auf der Annahme einer gleich bleibend niedrigen Geburtenziffer von damals noch 1,4 und je nach Szenario unterschiedlichen Zuwanderungszahlen.
Zu beachten ist, dass die Anzahl der Lebendgeburten neben der Geburtenrate entscheidend von der Stärke des jeweiligen Elternjahrgangs abhängt, die bereits feststeht. So kamen im Jahr 1978 in Deutschland deutlich weniger Kinder zur Welt als 1999, obgleich die Geburtenrate pro Frau sich nicht wesentlich verändert hat. Der Grund: unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg wurden vergleichsweise wenige Kinder geboren, also gab es in den 70ern schwache Elternjahrgänge. Ende der 90 dagegen war die geburtenstarke Generation der Babyboom-Kinder auf dem Höhepunkt ihrer "Elternphase". Selbst bei raschen Veränderungen im Geburtenverhalten wird daher (aufgrund der schwachen Elternjahrgänge, die nun folgen) die Zahl der Gesamtbevölkerung in Deutschland auf absehbare Zeit sinken und der prozentuale Anteil älterer Menschen steigen. Allein die Größenordnungen sind - wie bei jeder Prognose - fraglich. Höhere Geburtenzahlen haben erst mittelfristig einen maßgeblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung.
Bereits seit 1972 verzeichnet Deutschland einen Sterbeüberschuss, der sich durch den Geburtenrückgang begründet. So bleiben heutzutage über 1/3 aller Männer und Frauen ihr Leben lang ohne Nachwuchs (vgl. Kinderlosigkeit).
Die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen prognostiziert einen langfristigen Anstieg der deutschen Geburtenziffer auf 1,85 im Jahre 2050. Dies ist jedoch umstritten. Derzeit zeichnet sich eher ein Trend zu weiter sinkenden Geburtenzahlen ab.
Hätten sich die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre konstant fortgesetzt, so wären in Deutschland zusätzlich etwa 20 Millionen mehr Kinder geboren worden. Wesentliche Determinanten des heutigen Geburtenverhaltens - etwa der hohe Anteil gut ausgebildeter Frauen und die allgemeine Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln - setzten dann Ende der 60er Jahre ein. Seither, das heißt seit 35 Jahren, liegt die Geburtenrate ziemlich konstant auf dem heutigen, niedrigen Nieveau. Das Beispiel zeigt jedoch, ebenso wie die Erfahrungen in anderen Ländern sowie aus der Geschichte, dass das Geburtenverhalten entscheidend von den äußeren Bedingungen, Voraussetzungen und Möglichkeiten abhängt, denen sich potentielle Eltern gegenübersehen. Durch Änderung dieser Bedingungen, wie es etwa Skandinavien und Frankreich in der Vergangenheit praktizierten, lässt sich das Geburtenverhalten durchaus beeinflussen. Bislang ist allerdings kein hinreichender politischer Wille für durchgreifende (d.h. auch: teure) Maßnahmen dieser Art erkennbar.
Die niedrige Geburtenrate in Deutschland (und anderswo) lässt sich weiter ausdifferenzieren, wenngleich das vorhandene Datenmaterial nicht immer ausreichend ist, um sichere Aussagen zuzulassen - zumal die Jahrgänge ab 1960 ihren Gebärzyklus noch nicht abgeschlossen haben.
Von der Tendenz her außer Zweifel steht ein negativer Zusammenhang zwischen Bildung und sozialem Status der Eltern und Kinderzahl: Personen mit Abitur und insbes. mit Hochschulbildung bleiben besonders häufig kinderlos, bekommen ansonsten weniger Kinder und diese später als etwa Hauptschüler. Schätzungen sehen die mittlere Geburtenrate bei Akademikerinnen um die 0,9, bei Frauen ohne Schulabschluss hingegen bei 1,8, das heißt doppelt so hoch. Das mittlere Geburtsalter liegt für Akademikerinnen um die 34 Jahre, bei Ungebildeten um die 23.
Damit verbunden ist auch die höhere Geburtenrate in der zugewanderten Bevölkerung. Obwohl im Durchschnitt in Migrationsfamilien das Ausbildungs-und Einkommensniveau niedriger ist, kann diese Tendenz nur teilweise mit dem letztgenannten Zusammenhang erklärt werden. Hinzu treten kulturelle Unterschiede insbes. in bestimmten Migrantengruppen. Schätzungen zufolge liegt die Geburtenrate bei der einheimischen Bevölkerung bei etwa 1,1 Kindern pro Frau, bei der zugewanderten hingegen um die 1,8. Hier wiederum heben sich (von den großen Gruppen) insbes. die Türkischstämmigen mit Geburtenraten deutlich über 2.0 hervor, wobei auch dort die Kinderzahl mit abnehmender Bildung insbes. der Mutter zunimmt.
Hätte man vor 50 Jahren die heutige Bevölkerungszahl Deutschlands prognostizieren wollen, so wäre es nicht möglich gewesen, entscheidende Einflussfaktoren wie beispielsweise die Vermarktung der Antibabypille im Vorhinein zu berücksichtigen. Dennoch wird häufig, z. B. im Zusammenhang mit der sogenannten Rentenreform, mit sehr langfristigen und daher wissenschaftlich fragwürdigen Prognosen argumentiert.
Dem Mainstream der Demographen wird auch eine unkritische Haltung zur Geschichte ihrer eigenen Disziplin vorgeworfen:
Zu den demografisch, nämlich mit Hinweis auf die angeblich drohende „Überbevölkerung“ begründeten Zwangsmaßnahmen gehören auch die Zwangssterilisationen, wie sie in Bolivien, Indien und anderen Ländern der dritten Welt angewendet wurden.
Leider sind die Annahmen der Bevölkerungswissenschaft nicht beliebig, sondern für sie spricht eine hohe Wahrscheinlichkeit. Natürlich liegen - wie bei jeder Prognose - Annahmen zugrunde, und seriöse Wissenschaftler machen daraus auch kein Hehl. Die Annahmen werden benannt und häufig in verschiedenen Szenarien berücksichtigt.
Wie oben beschrieben, verändern sich jedoch die Determinanten einer Bevölkerungsentwicklung nicht von heute auf morgen wie das Wetter. Ein großer Teil der Bevölkerung von übermorgen - die Rentner, die potentiellen Eltern - sind heute bereits geboren. Die Lebenserwartung steigt seit Jahrzehnten sehr gleichmäßig. Und die niedrige Geburtenrate ist in Deutschland seit mehr 35 Jahren praktisch stabil! Schon in den 70ern gab es daher Bevölkerungswissenschaftler, die die heutige demografische Entwicklung in (West-) Deutschland sehr genau vorausgesehen haben (und als Rufer in der Wüste von niemand ernstgenommen wurden).
Natürlich: wenn es einschneidende Veränderungen der relevanten Rahmenbedingungen gibt, kann sich auch die Geburtenrate ändern -- z.B. durch einen Weltkrieg, die Erfindung der Pille, die Emanzipation der Frau, den Untergang der DDR. Nur sind Veränderungen dieses Ausmaßes selten, und wenn es sie gab, dann führten im letzten Jahrhundert fast immer zu einem Absinken der Geburtenrate. Steigende Geburtenraten waren hingegen in Gesellschaften, die mit unserer vergleichbar sind (insbes. in Europa), bislang immer das Resultat gezielter und vor allem umfassender nachwuchspolitischer Maßnahmen. Paradebeispiel dafür ist Frankreich. Ohne solche Maßnahmen gibt es derzeit keinerlei Anzeichen für eine Trendwende in Deutschland. Im Gegenteil: die vorhandenen Trends gehen in Richtung weiter sinkender Gebährfreudigkeit . So sind zunehmende ökonomische Unsicherheit, starke Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands (große Teilen der neuen Bundesländer veröden derzeit) und von Deutschland weg (Schätzungen zufolge verlieren wir pro Jahr 100.000 junge Akademiker), steigende Abgabenlasten etc. allesamt nicht gerade geburtenförderlich.
Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Demographie als statistische Wissenschaft zwar lediglich die Bevölkerungsentwicklung unter Annahme bestehender und sich abzeichnender Trends beschreiben und weitergehende Veränderungen der Entwicklung nicht berücksichtigen kann. Sie kann allerdings Hilfestellung bei der Beurteilung solcher Trends liefern und darstellen, welche Gegenentwicklungen in welchem Ausmaße zukünftig nötig wären, um bestehende Trends zu brechen. Dabei erleichtert sie wiederum eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeiten solcher Gegenentwicklungen anhand bestehender Erfahrungswerte.
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