Das Daodejing (
Ungeachtet weiterer Übersetzungen bedeuten Dao (Tao) „Weg, Prinzip“ oder „Sinn“, und De (Te) „Kraft, Leben“ oder „Tugend, Güte“. Jing (Ging, King) bezeichnet einen Leitfaden bzw. einen klassischen Text. Die beiden namengebenden Begriffe werden wie algebraische Zeichen für etwas Unaussprechliches verwendet, auf deren eigentliche Bedeutung das Buch hindeuten möchte. Es offenbart eine vielschichtige Naturanschauung und Lehre, die sich an Verständige, insbesondere an regierende Personen richtet, Güte dadurch zu erreichen, dass man sie nicht durchsetzen will. Das Werk gilt als die Gründungsschrift des Daoismus. Obwohl dieser verschiedene Strömungen umfasst, die sich von der Lehre des Daodejing erheblich unterscheiden können, wird es von den Anhängern aller daoistischen Schulen als heiliger Text angesehen.
Pinyin: Dàodéjīng (dao4 de2 jing1)
Wade-Giles: Tao Te Ching
Wilhelm: Tao-Te-King
Chinesisch (vereinfacht): 道德经
Chinesisch (traditionell): 道德經
Der Name Laozi heißt sinngemäß „der Alte“ und bezeichnet den Autor des Daodejing. Außer dem "überzeitlichen" Büchlein selbst, liegen uns nur eine winzige Legende und einige Erwähnungen späterer Geschichtsschreiber (Sima Qian), sowie ein paar fiktive Gespräche (geschrieben von Schülern Konfutses und Zhuangzis) von ihm vor, weshalb er historisch nicht greifbar ist. Ob es den "Beamten" Li Erl, Gelehrtenname Be Yang (Graf Sonne), später Lao Dan (alter Lehrer), wirklich gegeben hat, wird heute daher stark angezweifelt. "Und doch spricht uns aus den vorliegenden Aphorismen eine originale und unnachahmliche Persönlichkeit an, unseres Erachtens der beste Beweis für ihre Geschichtlichkeit." (R.Wilhelm)
Der chinesischen Tradition zufolge soll Laozi zur Zeit der Streitenden Reiche im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, die von Unruhen und Kriegen geprägt war. Es war eine Blütezeit der chinesischen Philosophie, weil viele Gelehrte sich Gedanken machten, wie wieder Frieden und Stabilität erreicht werden könnten. Der Legende nach war Laozi ein kaiserlicher Archivar und Bibliothekar. So wird erzählt, dass Konfuzius ihn aufsuchte, um von ihm zu lernen. Um den Wirren der Zeit zu entfliehen, soll Laozi sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen haben. Der Grenzwächter des Bergpasses forderte ihn jedoch auf, der Welt seine Weisheit nicht vorzuenthalten, woraufhin Laozi das Daodejing schrieb und dem Grenzwächter überreichte. Diese Legende fußt allerdings wahrscheinlich ebensowenig auf Tatsachen wie die anderen Teile der Biographie des "alten Meisters".
Form: Den Titel Daodejing bekam das Werk erst von dem Han-Kaiser Jing (157–141 v. Chr.). Auch die heutige Einteilung in 81 Abschnitte erhielt der Text erst im 3. Jahrhundert. Man vermutet, dass der Text die schriftliche Fassung einer älteren mündlichen Überlieferung ist und er weitere Überlieferungen aufgegriffen und integriert hat. Die überlieferte Form des Textes ist nicht die einzige, die je existierte. In einem Grab in Mawangdui wurde eine Textfassung gefunden, die aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammt und teilweise vom tradierten Text abweicht. Auch gibt es den vor kurzem entdeckten, sogenannten Guodian-Text, der aber noch nicht genügend in der Fachliteratur Beachtung gefunden hat, um daraus Schlüsse ziehen zu können.
Merkmale: Das Daodejing stellt sowohl eine Art Leitfaden zur Persönlichkeitsentwicklung als auch einen politischen Leitfaden zur Haltung des Herrschers und zur Entwicklung des Staates dar. Sein Stil und Wortschatz sind typisch für das klassische Chinesisch. Die durch die linguistische Struktur des klassischen Chinesisch bereits vorhandene Informationsdichte wird durch die Form des Textes als Gedicht noch verstärkt. Es besteht eine extreme Kontextabhängigkeit zur Interpretation des Textes. Diese dichte Struktur wird durch rätselhafte Textstellen, die schwierig oder gar nicht zu verstehen sind, noch erhöht.
Den folgenden Ausführungen liegen diese Übersetzungen zugrunde:
1) Laotse: Tao te king, übersetzt von Richard Wilhelm, Jena 1910 (W)
Der heutige Titel des Werks – „Das Buch vom Dao und vom De“ – verweist auf die beiden zentralen Begriffe der Weltanschauung Laozis. Es gibt verschiedene Übersetzungen dieser beiden Worte; relativ sprachgenau sind „Weg“ (Debon, Stuttgart 1961) oder „Sinn“ (Wilhelm) für Dao und „Tugend“ (chin. Definition: "was die Wesen erhalten, um zu entstehen") für De. De kann aber auch mit Charisma oder im weiteren Sinne "Leben" übersetzt werden. Die Begriffe finden in allen Richtungen chinesischer Philosophie Verwendung, erhalten im Daodejing aber eine besondere Bedeutung, wo sie erstmals im Sinne einer höchsten/tiefsten Wahrheit/Wirklichkeit und eines umfassenden Prinzips gebraucht wurden.
Anders als andere chinesische philosophische Texte geht das Daodejing bei diesen Begriffen weder definitorisch noch anschaulich erklärend vor, sondern beschränkt sich auf dunkle, nicht selten scheinbar widersprüchliche Andeutungen und Bezugnahmen. Etwa behauptet der erste Satz des Textes gleich, dass das Dao, von dem man sprechen kann, nicht das ewige Dao sei. Das Daodejing will natürlich auch vom ewigen Dao sprechen – aber das kann nur sehr indirekt geschehen.
Auf diese Art und Weise muss der Leser um unbestimmte, leere Worte kreisen, um zu verstehen: Es geht um ein Nichts, ein Unaussprechliches, das den Ursprung und Wandel der Welt bildet, das Dao. Indem ein Mensch sein Leben nach dem Dao ausrichtet, erhält er sein De. Das De geht in der Sprache des klassischen Chinesisch ursprünglich wahrscheinlich auf Vorstellungen einer Kraft zurück, wie sie im China der Shang-Dynastie mit der Gestalt der Schamanen assoziiert war, die eine magische Kraft besaßen, die heute und in älteren Zeiten mit dem Begriff des Qi (Ch'i) verbunden ist.
Das Werk versucht, sich diesem Unnennbaren sprachlich anzunähern. Wiederholt weist es jedoch darauf hin, wie unzulänglich dieser Versuch bleiben muss ("viele Worte erschöpfen sich daran", W5). Als Ursprung und Ziel allen Seins durchzieht das Dao alle Erscheinungen der Welt, es durchdringt als Naturprinzip alles, was es gibt und was geschieht. Doch im Gegensatz zu allen Dingen und Vorstellungen ist es ewig, ist, als wäre es nicht. Es ist das Eigentliche und doch wie nichts, leer. Diese paradoxe Aussage veranschaulicht Laozi anhand von Gleichnissen. (11)
Der Mensch, so Laozi, kann die Wirkung des Dao auf zweierlei Weise erkennen: Zum einen, indem er die Erscheinungen der Welt beobachtet und das Dao am Werke sieht; zum anderen, indem er seine Sinne verschließt und sich von allen Erscheinungen der Welt abkehrt. Auf diese Weise kann er das Dao unmittelbar erleben.
Yin yang.svg, das Symbol für „individuelles“ Yin und Yang]]
Von der ersten Weise zeugen die bei Laozi zahlreichen Gleichnisse aus Natur und menschlicher Gesellschaft: Das Wasser bahnt sich seinen Weg, indem es nachgibt und unten bleibt. Ein Mensch, der viel besitzt, zieht Räuber und Feinde an (Kap. 8 u. 9). Wer die Welt beobachtet, so vermittelt es Laozi, wird feststellen, dass sie sich unentwegt verändert, also stetem Wechsel unterworfen ist. In diesem Wechsel aber wird ein grundlegendes und unveränderliches Gesetz wirksam. Es ist das Gesetz vom Ausgleich der Gegensätze. (Schwer und leicht vollenden einander, lang und kurz gestalten einander, hoch und tief verkehren einander, Kap. 2). Hier greift Laozi eindeutig auf eine ältere Tradition zurück, wie sie im Yijing (I Ging), dem „Buch der Wandlungen“ festgehalten worden ist. Im Yijing wird das Treiben der Welt aus der Wechselwirkung von Yin und Yang erklärt, d.h. zweier gegensätzlicher, jedoch komplementärer Prinzipien, wovon das eine männlich, aktiv, hell etc. ist (Yang) und das andere weiblich, passiv, dunkel etc. (Yin).
Weithin bekannt ist das Symbol Taiji, welches symbolisch Yin und Yang in einem Kreis vereinigt. Der Kreis selbst symbolisiert die Ureinheit dieser beiden Kräfte, welche bei Laozi das Dao ist. Wer die Wechselwirkungen der äußeren Welt studiert und das dahinterliegende Prinzip erkannt hat, kann dieses Prinzip wiederum auf die Welt anwenden. (Was du vernichten willst, das musst du erst richtig aufblühen lassen. Wem du nehmen willst, dem musst du erst richtig geben. W36).
Wessen Regierung still und unaufdringlich ist, dessen Volk ist aufrichtig und ehrlich. Wessen Regierung scharfsinnig und stramm ist, dessen Volk ist hinterlistig und unzuverlässig. Das Unglück ist´s, worauf das Glück beruht, das Glück ist es, worauf das Unglück lauert. Wer erkennt aber, dass es das Höchste ist, wenn nicht geordnet wird? Denn sonst verkehrt die Ordnung sich in Wunderlichkeiten, und das Gute verkehrt sich in Aberglaube. Und die Tage der Verblendung des Volkes dauern wahrlich lange. W58
Indem der Mensch tut, was spontan den natürlichen Gegebenheiten entspricht, greift er nicht in das Wirken des Dao ein und wählt damit den segensreichen Weg.
Ein Mensch, so Laozi, der von gewolltem Tun ablässt, wird nachgiebig und weich. Er stellt sich an die unterste Stelle und erlangt dadurch den ersten Platz. Weil er weich und biegsam ist wie ein junger Baum, überlebt er die Stürme der Zeit. Weil er nicht streitet, kann niemand mit ihm streiten. (66) Auf diesem Wege lebt ein Mensch in Übereinstimmung mit dem Ursprung des Lebens. Doch das Leben schließt auch den Tod in sich ein. Und doch heißt es bei Laozi, wer gut das Leben zu führen weiß habe keine sterbliche Stelle (W50).
Hiermit steht Laozi in starkem Gegensatz zu der einflussreichen Sittenlehre des Konfutse. Während jener Sitte und Gesetz als Ausformungen der letzten Wahrheit hochhielt und pflegte, verwarf Laozi alle Sitten als Verfallserscheinungen. Erst wenn das Dao verloren sei, erfänden die Menschen Sitten und Gebote. Das Festhalten an den Sitten entferne den Menschen aber noch weiter vom natürlichen Tun (38).
Desgleichen spricht Konfutse davon, bei der Regierungskunst seien zunächst die "Namen" (Worte) richtigzustellen, von denen Laozi wiederum sagt, sie seien nicht zu entbehren, um zu überschauen alle Dinge (W21), aber sie träfen nicht deren ewiges Wesen (1). Er empfiehlt den Verzicht: Macht selten die Worte, dann geht alles von selbst. (W23) Der SINN als Ewiger ist namenlose Einfalt. (W32) Aber viele Worte erschöpfen sich daran. Besser ist es, das Innere zu bewahren. (W5)
Dazu das Kapitel 62:
Gemäß Laozi sollte ein Mensch das Dao erfahren. Er beobachtet (mittels Meditation) nicht die Welt in ihrem Wandel, sondern das Wirken des Dao in seiner Ewigkeit. (Darum führt die Richtung auf das Nicht-Sein zum Schauen des wunderbaren Wesens W1) Hier wird jener Aspekt des Dao gesucht, der über das irdische Sein hinausweist und vom Tod und Vergehen des Einzelnen unberührt bleibt. Zu diesem Zweck verschließt der Suchende seine Sinne vor den Eindrücken der Außenwelt und dringt zum Innersten seiner selbst vor:
Diese Wendung nach innen, die Suche nach dem, was von der äußeren Welt unbeeinflusst bleibt und diese übersteigt, entspricht dem mystischen Weg anderer Religionen. Angestrebt wird eine Vereinigung mit dem Höchsten, ein Einswerden mit dem Ursprung, wodurch der Mensch allen irdischen Bedrängnissen entrückt und Teil der Ewigkeit wird. Darum misst ein Mensch, der zum unmittelbaren Erlebnis des Dao vorgedrungen ist, seinem irdischen Tod keine Bedeutung mehr zu. Er ist tatsächlich unsterblich in dem Sinne, dass er schon zu Lebzeiten in der Ewigkeit des Dao wandelt.
Leer und nachgiebig wie das Dao selbst, übt der „Berufene“ natürlicherweise „De“. Diese hohe Tugend wirkt in der irdischen Welt aber nicht besonders prächtig. Im Gegenteil, der Heilige erscheint wie ein Bettler, ein Dummer, ein Verrückter, ein Stummer (W20,45). Auch ist sein Leben nicht frei von Traurigkeit. Er leidet darunter, dass er unter den „Weltmenschen“ nicht mehr heimisch ist, im Vergleich zu ihnen kommt er sich trübe und unnütz vor (W20). Trost findet er bei der „Mutter“, dem nährenden Ursprung aller Dinge, der ebenso wirr und trübe ist wie er (W20/21). Der Ursprung wird bei Laozi häufig als weiblich oder mütterlich umschrieben. Der Religionswissenschaftler Friedrich Heiler vermutet, dass Laozi aus einem mutterrechtlichen Kulturgebiet stammte (F. Heiler: „Die Religion der Chinesen“, in: F.H.: „Die Religionen der Menschheit“, 1991, 5. ).
Ein Mensch, der über De verfügt, leuchtet dem Daodejing zufolge zwar nicht in den Augen seiner Mitmenschen, doch wirkt er auf diese überaus wohltuend. Er fügt niemandem Schaden zu, er übt Güte gegenüber Freunden und Feinden, er verlangt nichts für sich, sondern fördert durch sein Nicht-Tun den segensreichen Lauf aller Dinge. Dem Suchenden ist er ein Vorbild, dem weltlichen Menschen kein Hindernis.
Aus Laozis zahlreichen Ratschlägen, wie ein Staat nach innen und nach außen zu führen (bzw. nicht zu führen) sei, geht hervor, dass die Suche eines Menschen nach De nicht in die strikte Abgeschiedenheit führen muss. Zwar können Laozis Empfehlungen für den „Herrscher“ auch mystisch interpretiert werden, d.h. als Anweisungen, wie der unruhige Geist gesammelt werden könne, doch Laozis eindringliche Warnungen vor Krieg, ausbeuterischer Herrschaft, übertrieben grausamen Gesetzen und pompösem Hofleben sind auch konkret gemeint und belegen das Interesse des Mystikers für die gesellschaftliche Realität. Darum bringt der Berufene nach Laozi das Tao in und durch alle menschlichen Aufgabenbereiche zur Vollendung: Als Individuum, Familienoberhaupt, Bauer, Lehrer oder politische Persönlichkeit dient er dem Dao und damit dem Wohl der Allgemeinheit.
Die Religion, die heute als Daoismus bekannt ist und Laozi als Gott verehrt (siehe:Drei Reine), ist keine direkte Umsetzung des Daodejing, obgleich sie mit diesem Berührungspunkte hat und den Text als mystische Anweisung zur Erlangung des Dao versteht. Sie rührt jedoch auch aus den alten schamanistischen religiösen Traditionen (siehe Fangshi) Chinas und dem Bereich der chinesischen Naturphilosophie her, deren Weisheiten und Vokabular wahrscheinlich auch im Daodejing zitiert werden. Es gibt also traditionell mehrere Lesarten des Textes. Weiter wurde der Text als Anleitung für den Heiligen oder Weisen verstanden, womit man den Herrscher meinte, der durch seine Verwirklichung des Dao und die Strahlkraft seines De zum Wohl der Welt beiträgt. Der Text stellt in dieser Lesart eine Staats- und Gesellschaftslehre dar.
Des Weiteren wurde durch chinesische Kommentatoren wie Heshang Gong, Xiang Er und Jiejie um 200 bis 400 n. Chr. systematisch eine andere Sicht formuliert, die den Text als mystische Lehre zur Erlangung von Weisheit, Zauberkräften und Unsterblichkeit auffasst, und eng verbunden ist mit den alchimistischen Versuchen, ein Lebenselixier zu finden.
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