Das Corps Hannovera Göttingen ist ein Corps (Studentenverbindung) im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV), dem ältesten Dachverband deutscher Studentenverbindungen. Das Corps ist pflichtschlagend und farbentragend. Es vereint Studenten und ehemalige Studenten der Georg-August-Universität Göttingen.
Die Corpsmitglieder werden "Göttinger Hannoveraner" genannt oder – unter Anspielung auf die Mützenfarbe - "Rote Hannoveraner".
Couleur Corps Hannovera Goettingen.png des Corps Hannovera Göttingen: Studentenmütze (oben), Corpsburschenband in rot-blau-gold (links) und Traditionsband des Seniors rot-blau-rot]]
Hannovera hat die Farben "rot-blau-gold" mit goldener Perkussion. Dazu wird eine kleine rote Mütze ("Hinterhauptcouleur") getragen.
Ursprünglich hatte das Corps Hannovera als "Landescorps" die Farben "rot-blau-rot", die vom hannöverschen Kernland Calenberg übernommen wurden. Ab 1820 trat das Gold, wohl abgeleitet aus der Perkussion, als dritte Farbe unter dem Einfluss der Trikolore hinzuStadtmüller: Hannovera S. 338 und die Constitution von 1832abgedruckt bei Assmann, Constitutionen der Corps III, S.61 ff gibt die Farben mit Scharlachroth-Kornblumenblau-Gold an. Der jeweils amtierende Senior der Hannovera trägt noch das alte rot-blau-rote Band als Traditionsband zusätzlich zum Hannoveranerband.
Wie bei allen Corps des Göttinger Seniorenconvents tragen auch die Füchse bei Hannovera kein Fuchsenband.
Der Wahlspruch lautet "Nunquam retrorsum, fortes adiuvat fortuna!" (deutsch: "Niemals zurück, dem Tapferen hilft das Glück!").
Das Corps Hannovera wurde am 18. Januar 1809 von Studenten der Universität Göttingen gestiftet, die zu der Zeit die Landesuniversität des Königreichs Hannover war. Es ist die älteste Göttinger Verbindung seiner Art.
Das Corps stand zunächst in der Tradition der 1737 mit Gründung der Universität entstandenen Hannöverschen Landsmannschaft und rekrutierte sich überwiegend aus den adligen und hübschen Familien Hannovers, die auch die Beamtenschaft des Kurfürstentums stellten. Die Angehörigen dieser Landsmannschaft trugen an der Universität in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rot-blaue Uniformen.
Im Zuge der nach den Karlsbader Beschlüssen einsetzenden Verfolgung der Verbindungen wurde das Corps mehrfach von den staatlichen Behörden des Königreichs verboten und bestand dann jeweils insgeheim und nach außen als Hannoveraner Clubb oder Kneipe der Hannoveraner auftretend kontinuierlich fort. Der Anteil der AusländerHerkunftsländer: Dänemark (ohne Schleswig-Holstein und Lauenburg), England, Niederlande, Russland, Schweden, USA am Mitgliederbestand belief sich nach den Wirren der Befreiungskriege und angesichts der behördlichen Verfolgungen in der Zeit von 1815-48 erstaunlicherweise auf fast 2 %. Etwa um 1827 wandelte sich das Corps von der Zusammensetzung seiner Mitglieder her zu einer Verbindung des Bürgertums. Die Rolle des Landescorps für die Familien des niedersächsischen Adels übernahm zu diesem Zeitpunkt das Corps Lunaburgia, das sich im wesentlichen aus den Absolventen der Ritter-Akademie in Lüneburg rekrutierteStadtmüller: Hannovera S.101 mit Fn.73. Im Jahr 1848 vereinigten sich die Hannoveraner mit dem Corps Hanseatia. Seither führt das Corps Hannovera im Wappen neben dem Sachsenross das Hamburger Tor zur Welt und den Lübecker Reichsadler. Das Prinzip der engen Cantonierung und Rekrutierung der Mitglieder überwiegend aus den welfischen Gebieten wurde endgültig aufgegeben und das Einzugsgebiet im wesentlichen auf ganz Nord- und Westdeutschland ausgeweitet. In der Zeit des Progress spaltete sich dann aus der Hannovera das spätere Corps Teutonia Göttingen als Progressverbindung ab.
Ab etwa 1850 verlief die Geschichte des Corps in Göttingen in ruhigen Bahnen. Bullerjahn und Ausflüge der Studenten in die Umgebung (Mariaspring) prägten das Leben der Korporationen mit der Unterbrechung des 1. Weltkrieges, bis die Göttinger Krawalle das Verbot der Studentenverbindungen im Dritten Reich auch in Göttingen ankündigten. Siehe auch den Hauptartikel Geschichte der Studentenverbindungen.
Der vom Dachverband und der Reichsstudentenführung geforderte "kollektive" Ariernachweis aller Corpsbrüder wurde am 12.10.1935 im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Studentenverbindungen dadurch vermieden, das der Altherrenverband des Corps Hannovera sich auflöste und alle Alten Herren aus dem Corps austraten. Kurz darauf mussten auch alle aktiven Corps in Göttingen am 31.10.1935 den Betrieb einstellen. Erst 1939 konnte als Tarnorganisation eine Kameradschaft gegründet werden, die die Tradition der Hannovera während des Krieges bis 1945 fortführte, verbotene Mensuren focht und deren Mitglieder größtenteils nach dem Ende des Krieges in das Corps übernommen wurden.
Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte unter starken Auflagen die Wiederzulassung als Lizenzverbindung Hannoverscher Club durch die Britische Militärregierung und erst 1949 die Rekonstitution als Corps. Angehörige des Corps Hannovera nahmen im Zusammenhang mit der Wiedereinführung der Mensur im Göttinger Mensurenprozess eine tragende Rolle ein.
Hannovera gehört zu den Unterzeichnern des ersten Göttinger SC-Comments vom 2. April 1813. Der Göttinger Senioren-Convent besteht heute aus sechs Kösener Corps. Im Convent der Consenioren sind auch die der zwei Göttinger Weinheimer Corps vertreten.
Das Corps ist seit Gründung des Verbandes im Jahre 1848 Mitglied im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV).
Durch die Kartellabschlüsse mit den Corps Lusatia Leipzig (1849) und Teutonia Marburg (1856) begründeten die drei Corps gemeinsam das Goldene Kartell.
Aufgrund der Struktur seiner Verhältnisse zu anderen Corps, insbesondere aufgrund der Zugehörigkeit zum ehemaligen Goldenen Kartell als dem Kernkartell des Blauen Kreises, wird das Corps Hannovera zum "Blauen Kreis" innerhalb des KSCV gezählt. Ältestes Kartell ist seit 1846 das Corps Palatia-Guestphalia in Freiburg.
des Corps Hannovera war Otto von Bismarck, der in Göttingen einige seiner wildesten Jugendjahre zugebracht hat und auch den Göttinger Karzer für 11 Tage näher kennen lernen durfte, wovon sein an der Tür hinterlassenes Graffiti noch heute zeugt. Die zweite Göttinger Studentenwohnung des Conseniors, das Bismarck-Häuschen am Leine-Kanal kann noch heute mit zeitgenössischer Einrichtung am Stadtwall besichtigt werden.
Als er als Reichskanzler und ehemaliger Reichskanzler sich der Verehrung ganz Deutschlands und besonders der deutschen Corpsstudenten erfreute, hat er sich auch immer wieder zu seinem Corps bekannt ("Kein Band hält so fest wie dieses."Am 27.4.1895 in Friedrichsruh, vgl. Stadtmüller: Hannovera S. 119 mwN). Diese Aussage wird durch den Briefwechsel mit seinen Coätanen eindrucksvoll bestätigtStadtmüller:Bismarck; auch: Otto v. Bismarck: Gedanken und Erinnerungen; Originale zum Teil im Besitz der Otto-von-Bismarck-Stiftung .
Die Kösener Corpsstudenten errichteten Bismarck zu seinem 80. Geburtstag 1895/1896 das so genannte Jung-Bismarck-Denkmal auf einem Gelände vor der Rudelsburg bei Bad Kösen, dem jährlichen Treffpunkt der Kösener Corps. Es war das einzige von ungezählten Bismarck-Denkmälern Deutschlands, das ihn nicht als gereiften Würdenträger in steifer Pose zeigte, sondern als jungen Mann in legerer, ja fast lümmelnder Haltung. Natürlich mit Corpsband um die Brust und einem studentischen Korbschläger in der Hand, zu seinen Füßen sein Hund Ariel. Der EntwurfEntwurf nach einer Zeichnung (1834) von Bismarcks Vetter Gustaf von Kessel. Vgl. Stadtmüller: Hannovera S.401 mwN des Bildhauers Prof. Norbert Pfretzschner war stark umstritten, aber von Bismarck selbst gut geheißen.
Bismarcks Göttinger Kommilitone John Lothrop Motley verarbeitet die Bekanntschaft in seinem Roman Morton's Hope, or the Memoirs of a Provincial (1839), in dem er Bismarck als Vorbild für die Romanfigur des Otto v. Rabenmark wählt.
Im Ergebnis einer bereits 1958 erstmals veröffentlichten vergleichenden Untersuchung zur SozialstrukturHirsch: Sozialstruktur zweier Corps als Anhang bei Assmann:Hannovera Göttingen - Rhenania Tübingen sind die Hauptberufsgruppen der Mitglieder des Corps wie folgt ermittelt worden (in Klammern die prozentuale Verteilung der bei Untersuchung lebenden Mitglieder): Verwaltungsjuristen 20% (12,8%), Ärzte 18,7 % (25%), Justiz 16% (25%), Landwirte 11 % (12,8%), Rechtsanwälte 10,6 % (11,3), Pfarrer 4,4 % (0,9 %), Naturwissenschaftler 3,8 % (8,9 %), Offiziere 3,5 % (0 %), kaufmännisch 4,7 % (8,3 %).
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