Citizen Kane (zu deutsch etwa „Bürger Kane“) von 1941 ist der bekannteste wie bedeutendste Film des US-amerikanischen Regisseurs Orson Welles. Die Fachzeitschrift Sight & Sound des British Film Institute führt alle zehn Jahre eine Umfrage unter berühmten Regisseuren und Kritikern nach „dem besten Film aller Zeiten“ durch. Seit 1962 wird die Liste durchgängig von Citizen Kane angeführt. Häufig wird der Film auch als das filmische Gegenstück zu James Joyces Roman Ulysses dargestellt.
Die Handlung des Films zeichnet das Leben eines fiktiven, gleichwohl am realen Vorbild des US-amerikanischen Medienmagnaten und Präsidentschaftskandidaten William Randolph Hearst angelehnten Mannes nach. Der Film beginnt mit dem Tod von Charles Foster Kane. Im Verlauf des Filmes werden sodann in Rückblenden die Lebensstationen Kanes dargestellt. Eingebettet sind diese in eine Rahmenhandlung, in der ein Journalist, der für einen Nachruf recherchiert, der Herkunft von Kanes letztem Wort „Rosebud“ (Rosenknospe) auf den Grund zu gehen versucht. Innerhalb dieser Rahmenhandlung besucht er Archive, Bekannte und Weggefährten des Verstorbenen.
Jedoch kann ihm niemand über „Rosebud“ Auskunft erteilen. Für den Journalisten bleibt das Rätsel ungelöst, im Gegensatz zum Zuschauer, denn die letzte Einstellung des Filmes zeigt, wie der Kinderschlitten des achtjährigen Kane, der früh von seinen Eltern weggebracht und unter einem Vormund einer „guten Erziehung“ zugeführt wurde, zusammen mit anderen Hinterlassenschaften auf einem Haufen verbrannt wird. Der aufgemalte Name des Schlittens, ein Symbol für die unbeschwerte und unschuldige Kindheit, ist „Rosebud“.
Welles reizte für den Film jedes existierende Stilmittel des Filmemachens in perfekter Weise aus und erfand einige neue hinzu, beispielsweise zusammen mit seinem Kameramann Gregg Toland die Verwendung der Schärfentiefe, die durch den Einsatz spezieller Kameraobjektive verbunden mit entsprechender Lichtführung Gegenstände in unterschiedlicher Entfernung gleichermaßen scharf zeichnete. Verschiedene Szenen wurden zudem in extremer Untersicht (von unten nach oben) gefilmt. Welles reizte auch die Möglichkeiten der Technik aus, um lange, ungeschnittene Szenen zu erreichen. Hierbei zeigt sich seine Vergangenheit als Theaterregisseur.
Nicht minder revolutionär war die Erzähltechnik des Films. Welles stellte sich und dem Zuschauer nicht mehr durch lineares Erzählen die Frage „Wie wird die Geschichte enden?“, sondern verriet bereits zu Beginn des Films ihr Ende, um im Anschluss daran die Frage „Wie ist es dazu gekommen?“ zu stellen. In der Folgezeit hat diese Technik auch im Mainstream-Kino Einzug gehalten, beispielsweise in James Camerons Film Titanic.
Welles machte es dem Zuschauer äußerst schwer. Neben der bis heute unglaublich fortschrittlichen Bildsprache, der ungewohnten Erzähltechnik und dem massiven Einsatz neuester technischer Mittel entzog Welles dem Film das identifikatorische Moment, das dem Zuschauer erlaubt, sich mit mindestens einem der Charaktere quasi zu verbünden. Durch die fast teilnahmslose Erörterung der Geschichte, die kaum direkte emotionale Teilnahme erlaubt, erhöht Welles die Distanz zwischen Werk und Zuschauer.
Ein Mensch jedoch konnte sich in der Gestalt des Protagonisten Charles Foster Kane berechtigt wiedererkennen, nämlich der amerikanische Medienmogul William Randolph Hearst. Er versuchte den Film bereits während der Produktion zu verhindern oder zumindest zu beeinflussen. Welles aber war für den Film von seinem Studio RKO Pictures völlige kreative Freiheit garantiert worden und alle Versuche Hearsts, den Film zu verhindern, scheiterten. Hearst führte daraufhin in seinem Zeitungsimperium eine Kampagne, die Werbung für den Film verhinderte und Filmtheater sanktionierte, die den Film zeigten. Daraufhin blieb der Film einem weiten Publikum unzugänglich. Die Wut Hearsts ist nicht unverständlich, denn der Film ist durchaus keine wohlwollende Hommage – im Gegenteil, Kane wird als ein Mensch porträtiert, der im Laufe seines Lebens alle Ideale verrät und als machtversessener, kaltherziger Mann endet. Der Regisseur Kenneth Anger und der Schriftsteller Gore Vidal, ein Freund Hearsts, berichten darüber hinaus, dass Kanes letztes Wort auf dem Sterbebett „Rosebud“ (deutsch „Rosenknospe“) Hearst zur Raserei brachte, da es sein Kosename für die Klitoris seiner großen Liebe Marion Davies war, mit welcher der Citizen-Kane-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz befreundet war.
Interessanterweise enthält der Film auch einige Elemente aus der Biographie Orson Welles’: Genau wie Kane wuchs auch Welles ohne seine Eltern auf, und genau wie Kane erlebte Welles auch früh eine strahlende Karriere. Tragischerweise sollte auch das Ende des Films autobiographische Züge zeigen; nach der Auseinandersetzung mit Hearst verebbte Welles’ Karriere als Regisseur. Er wurde nach einer Verleumdungskampagne in Hearsts Zeitungen als Kommunist vom FBI verdächtigt und bekam nie wieder so viel künstlerische Freiheit, wie in diesem Film. Im Alter war auch Welles ein verbitterter Mensch.
Obwohl der Film 1941 für neun Oscars nominiert war und zumindest einen für das Originaldrehbuch erhielt, dauerte es nach diesem Flop ein paar Jahre, bevor sein Rang vor allem durch einige europäische Regisseure erkannt und er entsprechend gewürdigt wurde.
2003 erstellte die Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit zahlreichen Filmschaffenden einen Filmkanon für die Arbeit an Schulen und nahm diesen Film in ihre Liste mit auf.
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