Die Chronologiekritik beschäftigt sich kritisch mit der Chronologie. So werden neben dem Hinweisen auf Lücken und Fehler in der tradierte Geschichtsschreibung bzw. deren Grundlagen auch alternative Thesen zum geschichtlichen Ablauf aufgestellt. Es gibt daher eine Vielzahl von Autoren und Thesen, die behaupten, dass bestimmte Abschnitte der Zeitrechnung aufgrund von Irrtümern und Fehlern, aber auch Fälschungen, fehlerhaft seien.
Im Fokus der Chronologiekritik steht die Datierung des Endes der letzten Eiszeit und insbesondere auch die tradierte Geschichtsschreibung des Alten Ägyptens und des frühen Mittelalters.
Das Feld der Chronologiekritiker ist breit gestreut, sowohl in Bezug auf die Aussagen ihrer Thesen, als auch auf ihre (berufliche) Herkunft. Viele der aufgestellten Thesen werden als nicht wissenschaftlich abgelehnt bzw. gelten als widerlegt. Wegen des zum Teil unwissenschaftlichen Arbeitsstils einiger Kritiker wird der Begriff inzwischen oftmals mit Pseudowissenschaft verbunden.
Die Thesen der verschiedenen Autoren
Nachfolgend sind die bekanntesten Kritiker der tradierte Geschichtsschreibung aufgeführt. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Immanuel Velikovsky
Immanuel Velikovsky beschäftigte sich mit der Geschichte des alten
Ägypten. Er rekonstruierte diese unter der Annahme einer zeitlichen Übereinstimmung des
Exodus mit der u. a. im
Ipuwer-Papyrus beschriebenen
Katastrophe. Daneben verfolgte er den Ansatz, dass "
dunkle Jahrhunderte" ein Fehler der
Geschichtsschreibung seien und als
Fiktion zu betrachten sind. Folgend verkürzte er den Zeitablauf um das
Mittlere Reich. Da sich alle antiken Chronologien an der ägyptischen orientieren, führe die Verkürzung zur Streichung von ca. 550 Jahren aus der herkömmlichen Chronologie. Seine Arbeiten sind in der
Zeitalter im Chaos -Reihe zusammengefasst.
Wilhelm Kammeier
Wilhelm Kammeier (3.Oktober 1889 - 23.Mai 1959) kann wohl als Erfinder der These vom erfundenen Mittelalter gelten, die später von Heribert Illig und Uwe Topper weitergeführt wurde. Dass Wilhelm Kammeier heute nicht mehr entsprechend gewürdigt wird, mag mit seiner deutschnationalen Haltung, die als dem Nationalsozialisten nahestehend verdächtigt wird, zusammenhängen. Tatsächlich hat Kammeier seine These bereits Anfang der 20er Jahre entwickelt. (Wilhelm Kammeier:
„Neue Beweise für die Fälschung der Deutschen Geschichte“, Adolf Klein Verlag, Leipzig 1936)
Heribert Illig
Heribert Illigs These des
Erfundenen Mittelalter (Phantomzeitthese) postuliert, dass die Zeit zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert n. Chr. durch Fälschungen der
ottonischen Geschichtsschreiber in die Chronologie eingefügt wurde und dass
Karl der Große nie existiert hat.
Daneben forscht(e) Illig zusammen mit Heinsohn ebenfalls zur ägyptischen Chronologie. Dabei folgten sie ursprünglich Velikovsky in seinem chronologiekritischem Ansatz, erweiterten diesen aber, indem sie sich nicht primär nur auf biblische Quellen stützen.
Gunnar Heinsohn
Gunnar Heinsohn versuchte Illigs These im Blick auf die
Carolus- und
Pippin-Münzen zu überprüfen und kam zu dem Ergebnis, dass vermutlich alle Carolus-Münzen von
Karl dem Einfältigen stammen und die karolingische Münzreform auf
Pippin den Älteren zurückgeht.
Hans-Ulrich Niemitz
Hans-Ulrich Niemitz unterstützt wie Heribert Illig die Theorie einer erfundenen Zeitspanne im frühen Mittelalter (Phantomzeit) und zweifelt die Korrektheit der
Radiocarbonmethode an.
Anatoli Fomenko
Anatoli Fomenko meint durch statistische Auswertung des Quellenmaterials - u. a. der
Almagest von
Claudius Ptolemäus - herausgefunden zu haben, dass dieses Werk um das Jahr 1000 entstand und damit die Zeit
Jesu nur etwa 1000 Jahre zurückliege.
[Anatoli T. Fomenko Empirico-Statistical Analysis of Narrative Material and its Applications to Historical Dating, Dordrecht 1994, ISBN 0792326040] Unterstützung fand Fomenko unter anderem bei Dr.
Eugen Gabowitsch und
Garri Kasparow.
Den Ansatz Fomenkos fortgeführt haben Davidenco und Kesler.[Igor Davidenko und Yaroslav Kesler Book of Civilization (with preface by Garry Kasparov), Moskau 2001] Ebenso Uwe Topper und Christoph Marx haben sich in ihren Rekonstruktionsversuchen auf Fomenkos Kritik und seine Methode der statistischen Textanalyse bezogen.
Gerard Serrade
Gerard Serrade gilt als der radikalste Chronolgiekritiker. Seine These
[Gerard Serrade Leere Zeiten, Logos-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3897220164]: Alle Datierungen vor 1582 (
gregorianische Kalenderreform) sind falsch. Unsere Geschichte ist nur ein abstraktes Gebilde der Historiker.
Uwe Topper
Uwe Topper erweiterte Illigs These dahingehend, dass
Mohammed um die 297 Jahre früher gelebt habe und damit die Gründung des
Islam (
622) mit der Verurteilung des
Arius auf dem
Konzil von Nicäa im Jahr
325 zusammenfällt.
Später neigten Toppers Veröffentlichungen eher der 1000-Jahres-Theorie Fomenkos zu. Wie Fomenko behauptet er, dass alle außereuropäische Geschichtsschreibung, zum Beispiel aus
Indien und
China, relativ
rezente Fälschungen sind.
Christoph Marx
Christoph Marx wirkte als Übersetzer der Bücher Immanuel Velikovskys und unterstützte deren Herausgabe in deutscher Sprache. In der Folge gründete er die „
Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte“. Insbesondere in der Annahme von Katastrophen in historischer Zeit, deren Verdrängung und der damit verbundenen falschen Geschichtsschreibung folgte Marx Velikovsky. Dem
Katastrophismus weiter verbunden entwickelte er folglich die These eines „Letzten großen Rucks“ (LGR) im
Trecento. Mit einer dadurch erfolgten Verschiebung der Erdachse erklärt er die Fehler im
Julianischen Kalender. Damit entwickelte er einen völlig anderen Erklärungsansatz, der mit Heribert Illigs These der Phantomzeit unvereinbar ist.
Gernot Geise
Gernot Geise
Hans-Joachim Zillmer
Hans-Joachim Zillmer versucht ähnlich wie
Anatoli Fomenko und
Uwe Topper zu belegen, dass das uns bekannte und niedergeschriebene Altertum erst vor gut 1000 Jahren begann und durch gefälschte Geschichtsschreibung weit in die Vergangenheit projiziert und mittels gleichartiger Wiederholungen vermehrt wurde. Zillmer kommt so zu dem Schluss, dass das
Römische Reich in
Rom nie existierte, sondern die wahren Römer einerseits
Etrusker waren, die Rom gründeten, und andererseits antike Griechen darstellten, die südlich der Etrusker auch in Süditalien und Sizilien (Gracia Magna) herrschten. Als Grund für den Bruch in der Geschichte versucht Zillmer eine große Naturkatstrophe (
Katastrophismus) im 6. Jahrhundert und unter Streichung von 3 Jahrhunderten analog der These von
Heribert Illig im 9. Jahrhundert zu belegen.
Einordnung
Die Chronologiekritik wird in akademisch-wissenschaftlichen Kreisen kaum behandelt. Meist wird sie dem Bereich der
Pseudowissenschaft, manchmal sogar der
Esoterik zugeordnet. Professorale Vertreter wie
Gunnar Heinsohn und
Hans-Ulrich Niemitz forschen zwar zur
Geschichte und
Chronologie, haben ihre
venia legendi aber in Fachgebieten, die nicht Gegenstand der Chronologiekritik sind.
Siehe auch
Quellen
Literatur
- Heribert Illig (1994): Hat Karl der Große je gelebt?, ISBN 3-548-36429-2
- Georg Menting (2002): Die kurze Geschichte des Waldes - Plädoyer für eine drastische Kürzung der nacheiszeitlichen Waldgeschichte; ISBN 3-928852-23-X
- Uwe Topper (1999): Erfundene Geschichte, ISBN 3-7766-2085-4
- Hans-Joachim Zillmer (2004): Kolumbus kam als Letzter. Als Grönland grün war: Wie Kelten und Wikinger Amerika besiedelten, ISBN 3-7844-2952-1
Weblinks
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