Prof. Dr. Christoph Butterwegge (* 26. Januar 1951 in Albersloh (Westfalen)) leitet die Abteilung für Politikwissenschaft und ist stellvertretender geschäftsführender Direktor des Seminars für Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln.
Ab dem Sommersemester 1981 übernahm er dort sowie an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen in Duisburg, Fulda, Hamburg und Münster Lehraufträge für Soziologie, Sozial- bzw. Politikwissenschaft. Von 1987 bis 1989 war er in Bremen auch für den Studiengang „Weiterbildung" als wissenschaftlicher Angestellter am Fachbereich Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften beschäftigt. Außerdem übte er Dozententätigkeiten an der Akademie für Arbeit und Politik sowie an der Forschungs- und Bildungsstätte für die Geschichte der Arbeiterbewegung im Land Bremen aus.
1990 habilitierte sich Butterwegge an der Universität Bremen im Fach Politikwissenschaft mit einer Untersuchung zur Theorie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie (Austromarxismus). Vom 1. Februar 1991 bis zum 31. Juli 1994 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bremischen Stiftung für Rüstungskonversion und Friedensforschung tätig. Von 1994 bis 1997 vertrat er eine C-3-Professur für Sozialpolitik am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam, wo ihn der Ruf an die Universität Köln auf eine C-4-Professur für Politikwissenschaft erreichte.
Ab 1990 wandte sich Butterwegge dann vor allem den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, (Jugend-)Gewalt, Gewaltprävention und Migrationspolitik zu. Weitere Arbeitsfelder sind Globalisierung, Neoliberalismus, Sozialstaat, demografischer Wandel, Armut - besonders von Kindern - und Generationengerechtigkeit.
In seinen zahlreichen Schriften prägte Butterwegge z.B. den Begriff „Paternostereffekt" für die soziale Polarisierung bzw. Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich: ''Die einen fahren nach oben, die anderen nach unten. Dabei grenzte er sich vom Fahrstuhleffekt nach Ulrich Beck ab, bei dem alle Bevölkerungsschichten gemeinsam nach oben oder nach unten fahren. Er diagnostizierte eine „Dualisierung der Armut“, womit die Doppelstruktur des Problems bezeichnet wird, das seiner Ansicht nach heute aus einer totalen Verelendung bestimmter Menschen („underclass“) und einer subtilen Unterversorgung anderer Menschen („Working Poor“) besteht. In diesem Zusammenhang nannte er es ein „Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom“, dass Menschen ohne Wohnung keine Arbeit und Menschen ohne Arbeit keine Wohnung finden, sowie einen „Aschenputtel-Effekt“, wenn arme Frauen ihre soziale Situation durch einen reichen Mann als Partner zu verbessern versuchten.
Von der Globalisierung und dem demografischen Wandel spricht Butterwegge als den „zwei großen Erzählungen unserer Zeit“: Beide realen Prozesse werden seiner Ansicht nach missbraucht, um tiefgreifende marktbedingte Gesellschaftsveränderungen wie den Abbau des Sozialstaats und eine für ihn größtenteils unsoziale Reformpolitik zu rechtfertigen. Vermutlich als erster deutscher Rechtsextremismusforscher sprach er von „Standortnationalismus", womit er im Unterschied zum bekannten völkischen Nationalismus der extremen Rechten eine Überidentifikation mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland meint.
Weil sein Wissenschaftsverständnis ausschließt, dass ein Politikwissenschaftler unpolitisch ist, stand und steht Butterwegges wissenschaftliche Publikations- und Vortragstätigkeit stets in engem Zusammenhang mit seinem politischen Engagement. Bereits in die Wahl des Themas, mit dem sich ein Forscher befasst, fließen laut Butterwegge weltanschauliche und gesellschaftspolitische Überzeugungen ein, deren Bedeutung für die Analyse zu leugnen er als eine „blauäugige" „Ideologie der Ideologielosigkeit“ kritisiert. Zugleich legt er viel Wert darauf, dass ein Sozialwissenschaftler sich seiner Parteilichkeit bewusst sein müsse, immer seinen Standpunkt offen legen und niemandem seine eigene Sichtweise aufdrängen solle. Dies gelte gerade dann, wenn er nicht dem Mainstream folge, sondern eine Minderheitsmeinung im offiziellen Wissenschaftsbetrieb vertrete.
Dies veranlasste den zuständigen SPD-Vorstand am Folgetag, ein Parteiordnungsverfahren gegen ihn einzuleiten. Er warf Butterwegge parteischädigendes Verhalten vor und begründete dies mit dessen Artikel für die Blätter für deutsche und internationale Politikm unter dem Titel Die rechte Herausforderung: Darin hatte er dem neugewählten Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Politik gegen die Interessen der Arbeitnehmer vorgeworfen. Diese werde einer Regierungsübernahme der CDU/CSU den Boden bereiten. 1975 schloss die Schiedskommission Butterwegge aus der SPD aus. Er selbst dokumentiert und kommentierte den Vorgang wie auch die Motive für sein Juso-Engagement ausführlich in seinem Buch Parteiordnungsverfahren in der SPD (1975 erschienen).
Als Parteiloser bewegte sich Butterwegge danach im außerparlamentarischen Raum und im Umfeld der Neuen sozialen Bewegungen, dort teilweise in orthodox-kommunistisch beeinflussten Gruppen, ohne jedoch einer dieser Organisationen beizutreten. Er arbeitete beim DKP-nahen Institut für Marxistische Studien und Forschung (IMSF) mit und ebenso, wie auch heute noch, bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. 1982 schloss er sich kurz dem Parteiprojekt Demokratische Sozialisten (DS) von enttäuschten SPD-Linken an und wurde dort in den Bundeskoordinationsausschuss gewählt. Doch schon vor dem Gründungsparteitag trat er wegen nach seiner Auffassung „linkssektiererischer Tendenzen“ wieder aus.
1983 kurz nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler beantragte Butterwegge die Wiederaufnahme in die SPD. Damit tat sich die Partei schwer. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder, der mit Butterwegge früher gemeinsam Juso-Politik auf Bundesebene gemacht hatte, setzte sich für seine Wiederaufnahme ein, die am 1. Januar 1987 erfolgte.
In der SPD-Landesorganisation Bremen übernahm Butterwegge wiederholt Funktionen und war bis 1994 ununterbrochen Delegierter des Landesparteitages. Zugleich blieb er in außerparlamentarischen Bewegungen, vor allem der Friedensbewegung, aktiv. Er war Mitbegründer des Bremer Friedensforums und gehörte von 1983 bis 1993/94 dessen Arbeitsausschuss an.
Butterwegge kritisierte die CDU/CSU/FDP-Koalitionsregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Politik von 1982 bis 1998 besonders scharf. Vor allem sei der Sozialstaat in seiner Kernsubstanz beschädigt worden, indem man ihn Schritt für Schritt demontierte. Butterwegges Hoffnung, dass der Regierungswechsel im Herbst 1998 auf eine SPD/Bündnis 90/Die Grünen-Koalition auch einen Politikwechsel nach sich ziehen werde, erfüllte sich nach Meinung Butterwegges nicht. Je länger Gerhard Schröder in Bonn/Berlin regierte, umso klarer grenzte sich Butterwegge auch von dessen Kurs ab. Dies galt für die Außen-, Militär- und Sicherheitspolitik (Beteiligung der Bundesrepublik am Kosovo-Krieg) genauso wie für die Sozial-, Familien- und Bildungspolitik. Besonders die Teilprivatisierung der Altersvorsorge (Einführung der „Riester-Rente“), die „Agenda 2010“, die sog. Hartz-Gesetze und die Gesundheitsreform der rot-grünen Koalition erregten Butterwegges Widerspruch. Die von Rot-Grün beschlossenen Leistungskürzungen trafen seiner Meinung nach besonders die Schwächsten: Arme, Alte, (Langzeit-)Arbeitslose, (psychisch) Kranke und Menschen mit Behinderungen. Da die rot-grüne Koalition kein Alternativkonzept zum Neoliberalismus besaß, habe man sich diesem in der Praxis angepasst, monierte Butterwegge, zumal die Wirtschaftslobby sehr viel Druck machte, dem SPD und Bündnis 90/Die Grünen nachgaben.
Weil er fürchtete, die Große Koalition unter der neuen Bundeskanzlerin Angela Merkel werde die Reformpolitik gegen die „kleinen Leute“ und den Sozialstaat verschärft fortsetzen, trat Butterwegge am 18. November 2005, als CDU, CSU und SPD in Berlin den Koalitionsvertrag schlossen, aus der SPD aus. Am selben Tag begründete er diesen Schritt zusammen mit anderen Ausgetretenen bei einer Pressekonferenz in Köln und sagte auf Nachfrage, WASG und Linkspartei seien jetzt diejenigen, "auf denen die Hoffnungen der linken Sozialdemokraten am ehesten ruhen". Allerdings wolle er im Unterschied zu seinen Mitstreitern wenigstens auf absehbare Zeit parteilos bleiben.
Butterwegge gehört den Wissenschaftlichen Beiräten der renommierten Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) in Hannover und von Attac Deutschland an. Seit langem ist er Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) sowie der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW). Auch gehört Butterwegge den Beiräten der Zeitschriften "SozialExtra" sowie "Wissenschaft und Frieden" an.
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