Christdemokratie ist ein politischer Begriff, der verschiedene inhaltliche Ausprägungen hat. Im engeren Sinne wird unter Christdemokratie heute eine politische Philosophie verstanden, die ihre Wurzeln in der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik hat. Zugrunde liegt ein Menschenbild, das dem Menschen als Geschöpf Gottes Würde, Verschiedenartigkeit, Gleichwertigkeit und Unvollkomnmenheit zuspricht und daraus Grundwerte wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit ableitet.
Besondere Bedeutung erlangte die Christdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg durch Parteien, die sich vor allem in Europa und Lateinamerika gründeten und in einigen Staaten zumindest zeitweise die Politik bestimmten. Im deutschsprachigen Raum verstehen sich unter anderem die CDU/CSU aus Deutschland, die ÖVP aus Österreich und die CVP aus der Schweiz als christdemokratisch. Aus internationaler Ebene sind christdemokratische Parteien in der Christlich Demokratischen Internationale CDI zusammengeschlossen, in Europa in der Europäischen Volkspartei (EVP).
Als Gründungsschrift der politischen Christdemokratie wird allgemein die päpstliche Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 angesehen, in welcher sich der Vatikan als Reaktion auf die Industrialisierung erstmals mit der Lage der Arbeiter auseinandersetzte. Mit der Enzyklika Quadragesimo anno aus dem Jahr 1931 von Papst Pius XI. konkretisierte die Römisch-katholische Kirche angesichts der Herausforderung totalitärer Ideologien ihre Position der Freiheit des Einzelnen. In diesen Enzykliken wird das für die christdemokratische Philosophie grundlegende Subsidiaritätsprinzip beschrieben. Es folgt den Grundsätzen "Privat vor Staat", also dem Vorrang der Verantwortung des Einzelnen vor der staatlichen Intervention und "Klein vor Groß", wo der Staat handelt. Daraus ergibt sich das Prinzip sich, dass der Staat möglichst dezentral organisiert sein soll.
In Deutschland war hier u.a. der Jesuit Oswald von Nell-Breuning einflussreicher Autor. Daneben werden auch die Schriften des Philosophen Jacques Maritain für bedeutende Träger christdemokratischen Gedankenguts erachtet.
Auch das Prinzip der Solidarität wird propagiert. Die Wirtschaft soll sich in den Dienst der Menschen stellen. Daraus ergibt sich die Bändigung des Kapitalismus in der Sozialen Marktwirtschaft. Ein bedeutender Einfluss bei der Formulierung christdemokratischer Politik wurde in der Vergangenheit den Stellungnahmen der Kirchen zu Fragen der öffentlichen Moral zugeschrieben. So kommt im christdemokratischen Denken der Stellung der Familie eine besondere Bedeutung zu. Von einigen Wissenschaftlern wird der Christdemokratie zudem eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten (beispielsweise zwischen Arbeitern und Unternehmern) und eine im Vergleich zu anderen politischen Strömungen größere Bereitschaft zum politischen Kompromiss zugeschrieben.
Die Christdemokratie hat sich im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Organisationen manifestiert. Neben dem Entstehen christdemokratischer Parteien brachte die Bewegung auch Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und andere Organisationen hervor. Die Christlichen Gewerkschaften grenzten sich von den aus der sozialistischen Arbeiterschaft heraus entstandenen Gewerkschaften dabei stark ab. Teilweise wird in der Forschung sogar eine typisch christdemokratische Art des Wohlfahrtsstaates behauptet.
Siehe auch: Konservatismus, Liste christdemokratischer und konservativer Parteien
Christdemokratie | Politischer Begriff
Democràcia cristiana | Christian Democracy | Democracia cristiana | Démocratie chrétienne | キリスト教民主主義 | Christendemocratie | Chrześcijańska demokracja | Kristdemokrati | 基督教民主主義
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