Caspar Friedrich Wolff (* 18. Januar 1734 in Berlin; † 22. Februar 1794 in Sankt Petersburg) war ein deutscher Physiologe und einer der Begründer der modernen Embryologie. Er konnte anhand mikroskopischer Untersuchungen bei Pflanzen und Tieren die Auffassung der Präformationslehre der Embryonen widerlegen und zeigen, wie diese sich während der Embryogenese entwickeln. Caspar Friedrich Wolff.jpg
Da seinerzeit allerdings Preußen und Russland im Krieg standen, wurde Wolff zu diesem Zeitpunkt noch nicht nach Sankt Petersburg berufen. Stattdessen diente er von 1761 bis 1763, bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges, als Militärarzt im Feldlazarett in Breslau für das Preußische Heer. Hier wurde er vom obersten Feldarzt Christian Andreas Cothenius aufgrund seiner Kenntnisse vom Felddienst befreit und sollte den Feldwundärzten Vorlesungen über Anatomie geben. 1763 wurde das Feldlazarett aufgelöst. Aus dieser Zeit stammt die erste biographische Darstellung seiner Arbeit durch Christian Ludwig Mursinna, den er hier ausbildete und der später sein Assistent wurde. Mursinna, der ab 1787 Professor am Collegium medico-chirurgicum und Chirurg an der Charité wurde, stellte Wolff als sehr guten Lehrer dar:
Wolff hatte sich bereits 1762 am Collegium medico-chirurgicum in Berlin darum beworben, Vorlesungen geben zu dürfen. Das Collegium lehnte den Antrag ab, da es eine Sonderregelung gegen die Prämisse dargestellt hätte, dass nur ordentliche Mitglieder der Akademie Vorträge halten durften. Cothenius, der zu diesem Zeitpunkt Dekan am Obercollegium medicum war, erteilte Wolff in der Folge die Erlaubnis, private Vorlesungen zu halten. Dies tat Wolff für vier Jahre sehr erfolgreich, obwohl er anders als die Professoren des Collegium die Kosten für seine Demonstrationsobjekte sowie die Raummieten selbst tragen musste. Dieser Erfolg war einigen Professoren ein Dorn im Auge, sie und ihre Studenten wurden zu scharfen Kritikern der Lehrmethoden Wolffs. Albrecht_von_Haller_Ausschnitt.jpeg Die Forschungsarbeit Wolffs konzentrierte sich auch während dieser Zeit sehr stark auf die Beobachtung der Embryonalentwicklung, die er an Hühnerembryonen durchführte. Dabei gelang es ihm immer besser, die Prozesse darzustellen, die später in seiner Veröffentlichung „Über die Bildung des Darmkanals in bebrüteten Hühnchen“ führte. Er stand für diese Arbeiten in ständigem Kontakt mit Albrecht von Haller, der die Epigenesis-Theorie zwar ablehnte, jedoch großes Interesse an Wolffs Arbeiten zeigte. Das Wohlwollen änderte sich nach einer Publikation Wolffs 1766, die sich sehr polemisch gegen die Präformationslehre und vor allem gegen eine Veröffentlichung von Charles Bonnet gegen die Epigenesis richtete. Albrecht von Haller stellte seine Meinung zu Wolffs Theorien mit einem deutlichen Satz in seinem Lehrbuch „Elementa physiologiae corporis humani“ dar: „nulla est epigenesis“ (auf Deutsch: „Es gibt keine Epigenese“). Er begründete diese Festlegung damit, dass nichts aus der Natur heraus, also durch Epigenese, entstehen könne, da es doch von Gott geschaffen werde. Wolff reagierte darauf mit Verwirrung, da er auf der einen Seite seine Epigenesis-Theorie für richtig hielt, auf der anderen die Argumente der Worte von Hallers als gewichtig ansah. Er schrieb:
Zur gleichen Zeit erhielt Wolff den Ruf auf einen Lehrstuhl als Professor für Anatomie und Physiologie nach Sankt Petersburg sowie die Einladung, zum Mitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften zu werden. Wolff nahm dieses Angebot an und traf am 15. Mai 1767 in Sankt Petersburg ein. Seine embryologischen Arbeiten führte er in Sankt Petersburg nicht weiter, veröffentlichte dort allerdings seine Ergebnisse zur Entstehung des Darmkanals 1769 erstmalig.
Caspar Friedrich Wolff hatte als Anatom unter anderem die Aufgabe, Leichen zu sezieren, die von der Polizei aufgefunden wurden, und sollte die Todesumstände aufzeigen. Er nutzte diese Arbeiten für anatomische Studien und verglich die Ergebnisse mit denen, die er beim Sezieren von gestorbenen Löwen und Tigern des höfischen Tiergartens machte. Des Weiteren untersuchte er anatomische Fehlbildungen (Missgeburten, zu seiner Zeit „Monstra“), die in der anatomischen Sammlung als Alkoholpräparate vorhanden waren und die ihm außerdem als Frischpräparate auf kaiserliche Weisung von den Ärzten des Landes für die Sammlung zur Verfügung gestellt wurden. Wolff arbeitete nicht nur wissenschaftlich an den Präparaten, er versuchte auch, die Ästhetik der Anatomie zu erfassen. Er schrieb:
Über die Forschung an den Missbildungen wurde auch wieder ein bereits von Maupertuis angesprochener Konflikt zwischen den Präformisten und den Vertretern der Epigenese angeschnitten, den auch Wolff bereits in seiner Dissertation erwähnt hatte: Die Ausbildungen der Monstra konnten nicht dem Willen des Schöpfergottes entsprechen. Wolff hatte in St. Petersburg die einmalige Gelegenheit, eine Sammlung von 42 Monstra zu untersuchen und schrieb dazu umfassende Manuskripte. In seinem Nachlass fand man etwa 1.000 handgeschriebene Seiten zu diesem Thema, gemeinsam mit 52 von ihm gezeichneten Tafeln. Auf etwa 100 Seiten stellte Wolff seine Theorien zur Bildung der Monstra dar:
Die Arbeiten von Caspar Friedrich Wolff in Sankt Petersburg wurden in Europa kaum wahrgenommen, andererseits verfolgte Wolff mit Interesse die Diskussion um die Epigenese und vor allem die Arbeiten von Johann Friedrich Blumenbach, der als Nachfolger von Albrecht von Haller ab 1777 in Göttingen wirkte. Blumenbach war ebenso wie Wolff von der Epigenesis überzeugt und gilt heute als derjenige, der den Durchbruch der Epigenesis gegenüber der Präformationslehre in der Forschung bewirkte.
Caspar Friedrich Wolff starb am 22. Februar 1794 an einem Schlaganfall in Sankt Petersburg.
Wolff beschreibt im ersten Teil dieser Arbeit detailliert die Entwicklung von Pflanzenkeimlingen aus einfachen Keimgeweben und „Bläschen“ (Zellen) zu komplexeren Pflanzen. Dabei entwickeln sich nach seiner Beschreibung durch die Aufnahme von Flüssigkeiten („Ernährungskräfte“) größere Strukturen, Kanälchen und Gefäße, nachfolgend durch Verdunstung feste Strukturen wie Wände, Stängel und Blattrippen. Er beschreibt weiterhin detailliert die Entstehung und Ausbildung von Blütenteilen und Blättern sowie die Bildung von Früchten und Samen. Als Objekte dienten ihm die Stängel der Ackerbohne (Vicia faba) sowie das Fruchtfleisch von Äpfeln und Birnen, in denen er sowohl saftgefüllte Zellen als auch Kanäle ausmachen konnte. Das Wachstum beschrieb er an Stängeln, Blättern und Blüten von Kohl und Kastanie und er konnte bei seinen Untersuchungen keinerlei vorgefertigte und eingerollte Strukturen entdecken, wie sie die Präformisten forderten. Stattdessen fand er Vegetationspunkte, die er als punctum sive superficies vegetationis beschrieb, und aus denen sich die neu wachsenden Strukturen entwickelten. Auch die Befruchtung durch den Pollen konnte er beobachten und beschrieb diese als „Lieferung eines vollkommenen Nahrungsmittels“, welches neues Wachstum und die Bildung eines Embryos bewirkt. Im zweiten Teil dieser Arbeit beschreibt er ebenso detailliert die Embryonalentwicklung des Hühnerembryos, der sich aus einer einfachen Keimscheibe auf dem Dotter zu einem voll ausgebildeten Küken entwickelt. Dabei entstehen nach seiner Beobachtung alle sichtbaren Organe von den Blutgefäßen über das Herz und die Nieren bis zum Darm, dem er später noch eine weitere, detailliertere Arbeit widmete. In seinen Beobachtungen erkannte er Parallelen zwischen der Entwicklung der Pflanze und des Tieres, die er über seine Prinzipien der „Zeugung“ zu erklären versuchte. Er formulierte entsprechend im dritten Teil der Arbeit die allgemeinen Bildungsgesetze für die Entwicklung der Organismen durch die „Ernährungskraft“ („wesentliche Kraft“) für das Wachstum und die „Erstarrungsfähigkeit“ für die Organbildung, durch die auch Missbildungen entstehen können.
Besonders Albrecht von Haller bezeichnete die Theoria generationis als ein wichtiges Werk, obwohl er die Epigenesis-Theorie ablehnte, und es wird davon ausgegangen, dass sich bereits zu Lebzeiten Wolffs viele Wissenschaftler mit ihm auseinandersetzten. 1774 ließ der Berliner Mediziner Philipp Friedrich Theodor Meckel das Werk nachdrucken und auch Johann Friedrich Blumenbach zitierte es in seinen Werken.
In einem einführenden Teil erklärte Wolff die Begriffe „Anatomie“, „Physiologie“ sowie insbesondere sein Verständnis von dem Begriff „Generation“, wobei er einen geschichtlichen Abriss von Aristoteles bis in seine eigene Zeit vorlegte. Den wichtigsten Abschnitt des Werkes bildet allerdings eine Rechtfertigung seiner Epigenesis-Theorie gegenüber den Vertretern der Präformationslehre und er antwortete detailliert, teilweise deutlich polemisch, auf die Kritikpunkte, die Albrecht von Haller und Charles Bonnet an der Epigenesis äußerten. Im Zentrum dieser Abhandlung steht der Gedanke, dass die Natur aus sich heraus in der Lage ist, eine Fülle von Veränderungen zu bewirken.
Im zweiten Teil der Theorie der Generationen wiederholt er die Ergebnisse seiner Dissertation, wobei er an den hinterfragten Stellen deutlicher wurde und vor allem bei der Entwicklung der tierlichen Organe sowie bei dem, was er als „Conception“ benennt, deutlicher und klarer wurde. Er stellte in diesem Teil regelmäßig Parallelen zwischen der Entwicklung der Pflanzen und der Tiere dar und stellte deren Gemeinsamkeiten heraus. Außerdem beschrieb er den Aufbau sowohl der Pflanzen als auch der Tiere auf der Basis von drei Organisationsstufen: den „Bläschen“ oder Zellen, die die einfachen Teile bilden, den aus Geweben zusammengesetzten Strukturen wie das Mark der Pflanzen oder die Muskulatur der Tiere, sowie die komplexeren Organe. Nach Wolffs Theorie entstehen die Strukturen auseinander, entweder durch „Excernierung“ (Strukturen werden von anderen Strukturen gebildet) oder durch „Deponierung“ (Strukturen werden mit anderen Strukturen zu neuen verbunden). Dabei glaubte er (im Gegensatz zu der im 19. Jahrhundert aufkommenden Theorie der Vermehrung von Zellen), dass sich alle Strukturen aus einer bis dahin unorganisierten Keimmasse entwickeln, in der noch keine Strukturen vorhanden sind. Die „Conception“, also der Plan für die Differenzierung der Lebewesen, entsteht nach seiner Ansicht durch die Zuführung einer neuen Nährsubstanz, dem Pollen bei der Pflanze oder dem Spermium beim Tier.
Eine noch größere Verbreitung des Werkes erfolgte 1812, als es von Johann Friedrich Meckel dem Jüngeren in deutscher Sprache nachgedruckt wurde.
Als besondere Entdeckung gelten die unveröffentlichten Dokumente Wolffs über die Missbildungen, die Ernst von Baer in seinem Nachlass fand und 1847 erstmalig der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentierte. In diesen Schriften wird deutlich, dass Wolff sich zum einen über die Individualentwicklung und die Entstehung der Missbildungen Gedanken gemacht hatte, zum anderen werden in den Schriften die Grundzüge einer Vererbungslehre erkennbar. So erklärte er etwa die Sechsfingerigkeit als eine „plötzlich zum Vorschein gekommene Organisation“, die auf die Nachkommen weitergegeben wird. Außerdem nahm er eine Merkmalskonstanz an, die er als materia qualificata bezeichnete, und die sich vor einer Veränderung des Individuums ändern müsse (entspricht der heutigen Mutation). Diese Schriften sind allerdings bis heute nur unvollständig erschlossen.
Eine literarische Würdigung erfuhr Wolff 1817 durch den Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe, der Texte von Wolff über die Pflanzenentwicklung gemeinsam mit seiner eigenen Abhandlung Metamorphose der Pflanzen in der ersten Ausgabe seiner Morphologischen Hefte abdruckte. Im zweiten Heft erfolgte dann der Abdruck von Caspar Friedrich Wolffs erneuertes Andenken von Mursinna.
Eine breitere Bekanntschaft der Schriften Wolffs erfolgte vor allem durch den Druck seines Werks Über die Bildung des Darmkanals in bebrüteten Hühnchen in deutscher Sprache, zumal gemeinsam mit den Veröffentlichungen Goethes 1817 die Erforschung der Embryonalentwicklung durch die Beiträge von Pander und Baer erneut in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses gerückt wurden. 1840 wurden Wolffs Theorien schließlich in das Handbuch der Physiologie des Menschen von Johannes Müller aufgenommen und wurden dadurch international bekannt. Nach Caspar Friedrich Wolff wurden in diesem Werk verschiedene Strukturen benannt, die er während seiner Arbeit erstmalig beschrieb und deren Benennung bis heute gilt. Die bekannteste dieser Entdeckungen stellt dabei der Wolffsche Gang dar, außerdem wird der Mesonephros als Wolffscher Körper benannt.
Zoologe | Physiologe | Deutscher | Mann | Geboren 1734 | Gestorben 1794
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