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Descartes.jpg, 1648]] René Descartes *, latinisiert Renatus Cartesius, (* 31. März 1596 in La Haye/Touraine, Frankreich; † 11. Februar 1650 in Stockholm, Schweden) war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler.

Descartes begründete den Rationalismus, dafür - und aufgrund seiner neuen philosophischen Methoden - bezeichnen ihn manche als „Vater der neueren Philosophie“. Sein rationalistisches Denken wird auch Cartesianismus genannt.

Sein Ethos der Pflicht und der Selbstüberwindung hat die Literatur der französischen Klassik des 17. Jahrhunderts stark beeinflusst. Das berühmte Dictum cogito ergo sum („ich denke, also bin ich“), das seiner Erkenntnistheorie zugrundeliegt, ist bis heute geläufig. Als die dauerhafteste geistige Leistung Descartes' sollte sich allerdings sein Beitrag zur Mathematik erweisen: die Entwicklung der analytischen Geometrie.

Lebenslauf


Kindheit und Jugend

Descartes wurde als viertes Kind einer kleinadeligen Familie der Touraine geboren. Sein Vater war Gerichtsrat (Conseiller) am Obersten Gerichtshof der Bretagne in Rennes. Da seine Mutter gut ein Jahr nach seiner Geburt starb und der Vater rasch wieder heiratete, verlebte Descartes seine Kindheit bei einer Amme und einer Großmutter. Mit acht Jahren kam er als Internatsschüler auf das Jesuitenkolleg von La Flèche, das er acht Jahre später mit einer soliden klassischen sowie mathematischen Bildung und mit überwiegend positiven Erinnerungen an seine Lehrer und Mitschüler verließ, von denen einer, der spätere Pariser Mathematiker und Naturforscher Marin Mersenne (1588-1640) sein Freund blieb.

Studien-, Lehr- und Wanderjahre

DescartesJura.png Anschließend studierte Descartes Jura in Poitiers und legte dort 1616 ein juristisches Examen ab. Statt hiernach eine juristische Karriere einzuschlagen, absolvierte er an einer Pariser Académie für junge Adelige einen Lehrgang in Fechten, Reiten, Tanzen und gutem Benehmen und verdingte sich noch im gleichen Jahr 1616 bei dem berühmten Feldherrn Moritz von Nassau im holländischen Breda. Dort begegnete er dem 6 Jahre älteren Arzt und Naturforscher Isaac Beeckman, der ihn für die Physik begeisterte und dem er dankbar für diese "Erweckung" sein erstes naturwissenschaftliches Werk widmete, das mathematisch-physikalisch orientierte Musicae compendium (1618).

Nach Reisen durch Dänemark und Deutschland verdingte sich Descartes 1619 erneut als Soldat, nunmehr bei Herzog Maximilian von Bayern, unter dem er auf kaiserlich-katholischer Seite an der Eroberung Prags teilnahm, das heißt, den ersten Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges.

Im November 1619, kurz nachdem er in Prag die Arbeitsstätte der Astronomen Tycho Brahe (1546-1601) und Johannes Kepler (1571-1630) besichtigt hatte, hatte er laut seiner autobiographischen Selbststilisierung im Discours de la méthode eine Art Vision: Ihm kam die Idee, dass es "eine universale Methode zur Erforschung der Wahrheit" geben müsse und dass er berufen sei, sie zu finden, wobei er keine Erkenntnis akzeptieren dürfe außer der, die er in sich selbst oder dem "großen Buch der Welt" entdeckt und auf ihre Plausibilität und Logik hin überprüft habe. In der ersten Descartes-Biographie von Adrien Baillet (1691) wird von drei Träumen berichtet, die Descartes in einer Nacht gehabt haben soll. In den fragmentarischen Olympica aus Descartes' eigenem Notizbuch, deren Inhalt aufgrund von Exzerpten von Leibniz teilweise erhalten geblieben ist, findet man jedoch keine zusammenhängende Beschreibung dieser Träume. DescartesLichtbrechung.png 1620 hängte Descartes den Soldatenrock an den Nagel, machte die Pilgerfahrt nach Loretta, die er der Jungfrau Maria zum Dank für die "Vision" gewidmet hatte, und ging mehrere Jahre lang auf jeweils vielmonatige Reisen durch Deutschland, Holland, die Schweiz und Italien, wobei er Einblicke jeglicher Art zu gewinnen und mit den unterschiedlichsten Personen sowie Gelehrten ins Gespräch zu kommen suchte.

1625 ließ er sich in Paris nieder, nachdem er sein Erbe angetreten und so angelegt hatte, dass es ihm ein auskömmliches Leben erlaubte. Hier verkehrte er mit Intellektuellen und in der guten Gesellschaft (bestand auch siegreich ein Duell), er las viel und schrieb (z. B. den kleinen Traktat Regulae ad directionem ingenii, Regeln zur Leitung des Intellekts, 1628) und gewann zunehmendes Ansehen als scharfsinniger Kopf. Insbesondere beeindruckte er auf einer Abendgesellschaft den Präsidenten des Staatsrats und Gegenspieler von Kardinal Richelieu, den Kardinal Pierre de Bérulle so sehr, dass dieser ihn zu einer Privataudienz einlud und ihn danach aufforderte, seine Theorien ausführlicher darzustellen und damit die Philosophie zu reformieren.

Die Zeit der Reife und der philosophischen Werke

1629 zog Descartes nach Holland, wo ihn vielleicht die noch bestehende (aber bald in die Brüche gehende) Freundschaft mit Beeckmann sowie zweifellos das anregende geistige Klima reizte, das in diesem multireligiösen und wirtschaftlich blühenden Land mit großer Schul- und Hochschuldichte herrschte. Hier verbrachte er, zwar im Austausch mit Intellektuellen unterschiedlichster Ausrichtung und Herkunft, aber dennoch relativ zurückgezogen die nächsten 18 Jahre, wobei er seltsam unstet Wohnungen und Wohnorte wechselte (und mit einer seiner Dienstmägde ein Kind zeugte, ein Mädchen, dessen Tod mit fünf Jahren ihn erschütterte). Vor allem korrespondierte er intensiv mit seinem Pariser Freund Mersenne, der allein seine jeweilige Adresse kannte, mit Gelehrten aus ganz Europa sowie mit einigen geistig interessierten hochstehenden Damen.

Während seiner ersten Zeit in Holland arbeitete Descartes an einem Traktat zur Metaphysik, in dem er einen klaren und zwingenden Gottesbeweis zu führen hoffte. Er legte ihn jedoch beiseite zugunsten eines großangelegten naturwissenschaftlichen Werks, das in französischer Sprache verfasst werden sollte und nicht mehr, wie seine bisherigen Texte, im die wissenschaftliche Literatur der Zeit dominierenden Latein. Diesen Traité du Monde („Abhandlung über die Welt“), wie er heißen sollte, ließ er jedoch unvollendet, als er vom Schicksal Galileo Galileis erfuhr, der 1633 von der Inquisition zum Widerruf seiner die Forschungen von Kopernikus und Kepler bestätigenden Theorien gezwungen worden war. DescartesPrimaPhilosophia.png 1637 publizierte er im holländischen Leiden anonym seinen Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences, plus la Dioptrique, les Météores et la Géométrie qui sont des essais de cette méthode (dt. Titel: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung: wörtlich: „Abhandlung über die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen, dazu Die Lichtbrechung, Die Meteore und Die Geometrie als Versuchsanwendungen dieser Methode“). Der als populärwissenschaftliches Werk auf hohem Niveau angelegte Discours de la méthode, den auch Damen lesen können sollten, wurde Descartes' langfristig wirksamstes Buch. Nach Meinung vieler Franzosen hat es ihren Nationalcharakter im Sinne des esprit cartésien geprägt, d.h. einer auf Logik, Systematik und Ordnung bedachten analytischen und rationalen Intellektualität. Kernpunkte des Discours sind:

  • eine Erkenntnistheorie, die nur das als richtig akzeptiert, was durch die eigene schrittweise Analyse und logische Reflexion als plausibel verifiziert ist,
  • eine Ethik, gemäß der das Individuum sich im Sinne bewährter gesellschaftlicher Konventionen pflichtbewusst und moralisch zu verhalten hat,
  • eine Metaphysik, die zwar (durch logischen Beweis) die Existenz eines vollkommenen Schöpfer-Gottes annimmt, aber kirchenartigen Institutionen wenig Raum lässt,
  • eine Physik, die die Natur als durch zwar gottgegebene, aber allgemein gültige Gesetze geregelt betrachtet (Wunder also ausschließt) und dem Menschen ihre rationale Erklärung und damit letztlich ihre Beherrschung zur Aufgabe macht.

Langfristig weniger wirksam, aber in Fachkreisen intensive Diskussion auslösend waren die nächsten Werke von Descartes: die 1641 zunächst lateinisch gedruckten Méditations sur la philosophie première, dans laquelle sont démontrées l'existence de Dieu et l'immortalité de l'âme (so der Titel einer französischen Übersetzung von 1647; dt. „Meditationen über die Erste Philosophie, in der die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele bewiesen wird“) und die ebenfalls erst nachträglich ins Französische übersetzten Principia philosophiae („Grundlagen der Philosophie“, 1644). Sie veranlassten Utrechter und Leidener Theologen zu einer derart aggressiven Polemik, dass Descartes 1645 an einen Umzug nach England dachte und in den Folgejahren Holland mehrmals fluchtartig zu Reisen nach Frankreich verließ.

Seine Erfahrungen in dieser Lage waren vielleicht Anlass für seinen Traktat Les passions de l'âme („Die Leidenschaften der Seele“, 1649), den er für seine eifrigste Briefpartnerin, Elisabeth von Böhmen, verfasste. Hierin behandelt Descartes nicht nur die direkten emotionalen Reflexe, z.B. Angst, sondern auch die spontanen Gefühlsregungen, z.B. Liebe oder Hass. Er interpretiert sie als nur allzu natürliche, mentale Ausflüsse der kreatürlichen Körperlichkeit des Menschen, verpflichtet diesen aber - als ein zugleich mit einer Seele begabtes Wesen - zu ihrer Kontrolle durch den Willen und zu ihrer Überwindung durch vernunftgelenkte Regungen wie z.B. selbstlosen Verzicht oder großmütige Vergebung.

Tod

Ren%C3%A9_Descartes_i_samtal_med_Sveriges_drottning%2C_Kristina.jpg Im Herbst 1649 folgte Descartes einer Einladung Königin Christines von Schweden, einer langjährigen Briefpartnerin, nach Stockholm, wo er jedoch die erhoffte Ruhe nicht recht fand, u.a. weil er morgens um fünf am königlichen Frühstückstisch erscheinen musste. Auf einem seiner Wege dorthin erkältete er sich und erlag Anfang 1650 einer Lungenentzündung. Es gibt aber auch Theorien, die besagen, dass Descartes mittels Arsen vergiftet wurde.

Philosophie


Methode

Die im Discours de la méthode von Descartes vorgestellte Methode des philosophischen Denkens erschöpft sich in 4 Regeln (II.7-10):

  1. Nichts für wahr halten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann.
  2. Schwierige Probleme in Teilschritten erledigen.
  3. Vom Einfachen zum Schwierigen fortschreiten.
  4. Stets prüfen, ob bei der Untersuchung Vollständigkeit erreicht ist.
Dieser stark komprimierten und verkürzten Darstellung stehen die posthum veröffentlichten Regulae ad directionem ingenii gegenüber - ein Werk, das leider unvollendet blieb und daher lediglich 21 der ursprünglich geplanten 36 Regeln darlegt. Descartes' frühe Methodologie stützt sich mehrfach auf das Vermögen der Intuition; mit ihrer Hilfe, so Descartes, erfasst der Mensch augenblicklich die Wahrheit einfachster Aussagen (wie: ein Dreieck hat drei Seiten) - die Methode selbst besteht im Wesentlichen darin, komplexe Probleme derart zu zerlegen, dass ihre einzelnen Elemente qua Intuition als wahr erkannt werden können. Erst später erweitert Descartes seine Konzeption um eine metaphysische Dimension, indem er hinterfragt, wie die Intuition für die Wahrheit des Erkannten bürgen kann (man könnte ja, so Descartes, auch in den einfachsten Dingen stets irren). Die Suche nach einem metaphysischen Fixpunkt führt schließlich zum cogito ergo sum, widerspricht aber der frühen Methodologie in ihren Grundsätzen, sodass Descartes schließlich die Arbeit an den Regulae einstellte.

Erkenntnistheorie

Seine neue Erkenntnistheorie führt Descartes in seinen sechs Meditationes de prima philosophia von 1641 aus.

Entsprechend seiner Methode handelt der erste Abschnitt von "dem, woran man zweifeln kann". Die gängige Annahme, dass wissenschaftliche Erkenntnis aus sinnlicher Wahrnehmung und Denken entspringt, muss hinterfragt werden. Keiner der beiden Quellen darf man ungeprüft vertrauen. Unsere Sinne täuschen uns oft, da wir nicht einfach wahrnehmen, sondern frühere Wahrnehmungen, die unseren Körper konstituieren, unsere aktuellen Wahrnehmungen bedingen - wir projizieren. Aber auch dem Denken darf man nicht ungeprüft vertrauen, denn ein böser Dämon könnte so auf einen einwirken, dass man zu falschen Schlüssen kommt und sich täuscht. Deshalb ist zunächst einmal an allem zu zweifeln.

2. Meditation: Wenn ich aber zweifle, so kann ich selbst dann, wenn ich mich täusche, nicht daran zweifeln, dass ich zweifle und dass ich es bin, der zweifelt, d.h. ich bin als Denkender in jedem Fall existent. Doch woher weiß ich, ob das was mit mir geschieht, Zweifeln ist, ob ich mich täusche, dass ich "ich" bin und dass ich "bin"? Der erste unbezweifelbare Satz heißt also: "Ich denke, also bin ich". Er ist, so Descartes, "notwendig wahr, sooft ich ihn ausspreche oder denke". Descartes analysiert dann dieses zweifelnde Ich und bestimmt es als ein urteilendes, denkendes Ding: als res cogitans.

Aurelius Augustinus (354-430) hatte diese Argumentation schon ähnlich formuliert: "si enim fallor, sum. nam qui non est, utique nec falli potest" („selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen.“ Vom Gottesstaat 11,26). Dies jedoch kann in Frage gestellt werden, wenn man annimmt, dass man nicht ist, sondern immer schon wird, was man wiederum anzweifeln kann, indem man sagt, dass Werden immer schon ein Sein ist.

Zur Gewinnung weiterer Erkenntnisse geht Descartes davon aus, dass alles das wahr ist, was klar und deutlich erkannt werden kann. Dazu muss aber sicher sein, d.h. bewiesen werden, dass es keinen betrügenden Gott gibt, der den Denkenden willentlich täuscht. Darauf wendet Descartes folgende Argumentation an:

  1. Die Idee Gottes als vollkommenes Wesen impliziert die Existenz Gottes, denn wäre Gott nicht existent, wäre er nicht vollkommen. (Hier folgt Descartes dem anselmschen Gottesbeweis)
  2. Eine Ursache kann nicht weniger vollkommen sein als ihre Wirkung. Da meine Vorstellung von Gott weit vollkommener ist als meine eigene Vollkommenheit und Realität, kann ich daraus schließen, dass Gott existiert.

Anti-Aristotelismus

DeHomine.png Das auch eine Teleologie einschließende Weltbild des Aristoteles wird ersetzt durch ein kausalistisches, in dem sich innerhalb der Objektwelt (der Welt der res extensa also) alles notwendig durch Druck und Stoß ergibt. Diese Annahme ist im weiteren Voraussetzung für die Theoriebildung in vielen Erfahrungswissenschaften geworden und allgemein Kennzeichen mechanistischen Denkens.

Die aristotelische Hervorhebung des Organischen negiert Descartes. Selbst der menschliche Körper wird einmal als bloße „Gliedermaschine“, dann wieder als „Leichnam“ beschrieben. Diese Betrachtung hat eine Fortsetzung in der Denkweise, den Menschen körperlich als mechanischen Apparat, also als Maschine zu betrachten und sein Denken heute beispielsweise mit dem Funktionieren von Computern zu vergleichen, wenn nicht gleichzusetzen.

Kurioserweise erklärt Descartes in der zweiten Meditation indirekt – ganz aristotelisch – die Seele als das, was den Unterschied zwischen einem Leichnam und einem lebenden Menschen ausmacht. Descartes hat Aristoteles selbst allerdings kaum rezipiert, sehr wohl aber die Schriften der Scholastik, in denen man sich vielfach auf Aristoteles bezog.

Physiologie: Der Mensch als Maschine

MechanischeEnteDescartes.png Für Descartes waren physiologische Modellvorstellungen integraler Bestandteil seiner Philosophie. Er reduzierte den lebenden Organismus des Menschen auf dessen Mechanik und wurde damit zum Begründer der neuzeitlichen Iatrophysik, in der Menschenmodelle und (versuchte oder gedachte) Konstruktionen von Menschenautomaten eine wichtige Rolle spielten. Aus Furcht vor der Inquisition veröffentlichte Descartes seine Schrift Traité de l'homme („Abhandlung über den Menschen“, 1632) zeitlebens nicht; sie erschien erst 1662 unter dem Titel De homine.

Mathematik


LaGeometrieDescartes.png In der Mathematik ist er vor allem für seine Beiträge zur Geometrie bekannt: Er verknüpfte Geometrie und Algebra und gehört damit zu den Wegbereitern der analytischen Geometrie, die die rechnerische Lösung geometrischer Probleme ermöglicht. Allerdings taucht nirgendwo in seinem Werk das heute nach ihm benannte, rechtwinklige kartesische Koordinatensystem auf, als dessen Erfinder mit größerem Recht Apollonios von Perge, Oresme, Fermat und de Witt gelten können z. B. C. Boyer, A History of Mathematics, New York 1968. Der Begriff kartesisch oder kartesianisch bedeutet allgemein von Cartesius eingeführt und tritt an verschiedenen Stellen der Mathematik auf, neben dem Koordinatensystem beispielsweise beim kartesischen Produkt.

Um 1640 leistete er einen Beitrag zur Lösung des Tangentenproblems der Differentialrechnung. Descartes wählte einen algebraischen Zugang, indem er an eine Kurve einen Kreis anlegte. Dieser schneidet die Kurve in zwei Punkten, es sei denn, der Kreis berührt die Kurve. Damit war es ihm für spezielle Kurven möglich, die Steigung der Tangente zu bestimmen. Dieser Ansatz fand unter seinen Zeitgenossen große Beachtung, trug allerdings kaum zur tatsächlichen Lösung des Problems bei, da man auf diese Weise dem Ableitungsbegriff nicht näherkam.

Der nach Descartes benannte Vier-Kreise-Satz aus dem Jahre 1643 löst ein schon in der Antike betrachtetes Berührkreisproblem.

In der Physik gehen der erste Erhaltungssatz und das Brechungsgesetz auf Descartes zurück.

Wirkungsgeschichte


Descartes hat die Philosophie bis in die Gegenwart hinein stark beeinflusst. Vorwiegend dadurch, dass er Klarheit und Differenziertheit des Denkens zur Maxime erhob. Auch die Geisteshaltung des Szientismus geht zum Teil auf ihn zurück.

Arnold Geulincx
Arnold Geulincx entwickelt Descartes Thesen fort und begründete den Occasionalismus. Danach sind für Geulincx Körper und Geist getrennte Bereiche, zwischen denen Gott vermittelt.

Blaise Pascal
Blaise Pascal lehnt die Gottesbeweise als rational unentscheidbar ab und kritisiert, dass Gott bei Descartes zum bloßen "Lückenbüßer" verkommt, der die Verbindung zwischen res cogitans und res extensa herstellen müsse: "Der Gott Abrahams ist nicht der Gott der Philosophen", schreibt Pascal in seinen Pensées. Pascal wandelt Descartes' Dualismus in eine dreiteilige Systematik ab: An die Seite von res extensa (Körperliches) und res cogitans (Gedankliches) stellt er das "Herz" oder den "Geist des Feinsinnes".

Immanuel Kant
Kant widerlegt den Gottesbeweis Descartes' in der "Kritik der reinen Vernunft". Dort zeigt Kant in der "Widerlegung des Idealismus" weiterhin einen Selbstwiderspruch des Descartschen Aussenweltskeptizismus auf.

G.W.F. Hegel
In seinen Geschichtsvorlesungen lobt Hegel Descartes ausdrücklich für seine philosophische Innovationskraft: Bei Descartes fange das neuzeitliche Denken überhaupt erst an, seine Wirkung könne nicht breit genug dargestellt werden. Hegel kritisiert allerdings, dass Descartes die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft noch nicht mache.
In Descartes' archimedischem Denkpunkt des "cogito ergo sum" sieht Hegel einen Beleg dafür, dass Denken und Sein eine "unzertrennliche Einheit" bilden (vgl. Parmenides), weil an diesem Punkt Verschiedenheit und Identität zusammenfallen. Hegel übernimmt dieses „Anfangen im reinen Denken“ für seine idealistische Systematik.
Descartes’ Gottesbeweis suchte er in Kritik der Überlegungen Kants dagegen weiter zu entwickeln (1831).

Friedrich Nietzsche
Auch Nietzsche findet zunächst lobende Worte für Descartes, weil dessen Hinwendung zum Subjekt ein "Attentat auf den alten Seelenbegriff" und somit ein "Attentat auf das Christentum" sei. Descartes und die Philosophie nach ihm seien also "antichristlich, keineswegs aber antireligiös". Er nennt Descartes den "Großvater der Revolution, welche der Vernunft allein die Autorität zuerkannte". (Jenseits von Gut und Böse)
Andererseits lehnt Nietzsche aber Descartes' Dualismus ab und stellt ihm seine eigene Theorie vom "Willen zur Macht" gegenüber. Er wehrt sich darüber hinaus gegen die "dogmatische Leichtfertigkeit des Zweifelns", und deutet damit an, dass der radikale Zweifel nicht voraussetzungsfrei stattfinden kann. (Siehe weiter unten die Einwände von Peirce und Wittgenstein)

Martin Heidegger
Heidegger sieht in Descartes den Schlüssel zur Wissenschaftsgenese der Neuzeit. Durch die (anti-aristotelische) Einklammerung der Qualitäten des Organischen und durch Fixierung auf die Quantifizierung der Objektwelt stelle seine Philosophie den Beginn der unheilvollen technischen Beherrschung der Welt dar. Für Heidegger ist der Zweifelsansatz nur scheinbar neu, denn Descartes sei noch fest in der Scholastik verankert.
Im "cogito ergo sum" sieht Heidegger die "Pflanzung eines verhängnisvollen Vorurteils", denn Descartes erkunde zwar die cogitatio, nicht aber die "Ontologie des sum".

Bertrand Russell
Der frühanalytische Philosoph Bertrand Russell nennt Descartes in seiner History of Western Philosophy den "Begründer der modernen Philosophie ", wendet aber wie Heidegger ein, dass er noch vielen scholastischen Ideen (z.B. Anselms Gottesbeweis) verschrieben sei. Russell schätzt allerdings seinen zugänglichen Schreibstil und würdigt, dass Descartes als erster Philosoph seit Aristoteles ein völlig neues Denksystem errichtet habe. Er hebt dabei v.a. seinen radikalen Zweifelsansatz hervor.
Russell hält Descartes' Erkenntnis für wesentlich, dass alle Objekte bzw. überhaupt jede Art von Gewissheit gedanklich vermittelt seien. Dieser Gedanke werde eine zentrales Stellung bei den Rationalisten einnehmen. Während die Idealisten diese Einsicht "triumphalistisch" übernähmen, würden die britischen Empiristen sie bedauernd zur Kenntnis nehmen.
Russell kritisiert auch, dass das "Ich denke" als Prämisse ungültig sei. In Wirklichkeit müsste Descartes sagen: "There are thoughts." („Da sind Gedanken“). Schließlich sei das „Ich“ ja nicht gegeben.

Charles Sanders Peirce
Charles Peirce hält Descartes' radikalen Zweifelsansatz in einem Punkt für übertrieben: Jeder formulierte Zweifel setze nämlich eine "hinlänglich funktionierende Alltagssprache" voraus. Auch Schelling schlägt in diese Kerbe: Sprache lasse sich nicht aus einer ersten vorsprachlichen Gewissheit heraus erst neu konstruieren, denn "wo würden wir beginnen?"

Ludwig Wittgenstein
Auch Ludwig Wittgenstein wendet ein, dass ein absolut sicher gewusstes (vorsprachliches) Fundament gedanklich nicht vollständig einholbar sei, denn alles geschehe immer schon innerhalb eines präsupponierten (vorausgesetzten) Systems.

Wilhelm Kamlah
Von dem Historiker und Philosophen Wilhelm Kamlah wurde Descartes als erster herausragender Repräsentant der in der oberitalienischen Werkstättentradition der Renaissance entwickelten neuen Wissenschaft(sauffassung) mit ihrer spezifischen methodisch durchgeklärten Verbindung von mathematischer Theorie und technischer Empirie herausgearbeitet, die zur Grundlage des modernen Szientismus wurde.

Thomas Buchheim
Thomas Buchheim hat in einer "perspektivischen Einführung in das 'Leib-Seele-Problem" auf das Selbstmissverständnis von Descartes und damit auf die Grundlage seines ihm unterstellten oder tatsächlichen Substanzdualismus aufgedeckt: er weist darauf hin, dass Descartes sein Cogito mit der Bedeutung von "Ich denke" trotz eindeutigen Selbstbezugs inkonsequenterweise nicht als Ausdruck eigenen Denkens und damit als spezifische menschliche Tätigkeit auffasst (die umgangssprachlich 'geistig' und fachpsychologisch 'kognitiv' genannt wird), sondern in religiös bestimmter Tradition von der Aktivität eines metaphysisch vorausgesetzten "Geistes" ausgeht.

Franz Xaver Benedikt von Baader
Franz Xaver Benedikt von Baader formte das Cogito ergo sum um in Cogitor ergo sum ("Ich werde gedacht (vom Absoluten), also bin ich."), Weiterbildung: Ich liebe, also bin ich (J. Ratzinger).

Michel Foucault
Für Foucault zeigt sich bei Descartes Bild der Maschine "Mensch" die erste neuzeitlich-philosophische Grundlage für die Herausbildung der technokratischen und disziplinierenden Prozesse, die im 18. Jahrhundert eine neue Politik des Körpers und einer neuen Ökonomie der Macht (Biomacht) einläuteten.

Werke


  • Musicae compendium (1618)
  • Regulae ad directionem ingenii (ca. 1628)
  • Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences. 1637 (deutsch: "Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung") http://bdsweb.tripod.com/de/106.htm
    • Anhänge: Dioptrique ("Lichtbrechungslehre")
    • Les Météores
    • La Géométrie (die Grundlegung der neuzeitlichen Geometrie)
  • Meditationes de prima philosophia (1641) ("Meditationen über die Grundlagen der Philosophie" - eines der Hauptwerke des Rationalismus.)
  • Principia philosophiae. 1644 ("Die Prinzipien der Philosophie")
  • Inquisitio veritatis per lumen naturale (ca. 1647)
  • Les Passions de l'âme (1649) ("Die Leidenschaften der Seele")
  • De homine (posth. 1662) ("Über den Menschen")

Literatur


  • Dominik Perler: Rene Descartes. Beck, München 1998, ISBN 3-406-41942-9 (Sehr empfehlenswert als Überblick über Descartes' Werk und seine Voraussetzungen und zur Einführung)
  • Rainer Specht: René Descartes. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 9. Aufl. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, ISBN 3-499-50117-1 (Behandelt vor allem die Biographie und die Zeithintergründe, weniger das Werk)
  • Peter Prechtl: Descartes zur Einführung. 2. Aufl. Junius, Hamburg 2004, ISBN 3-88506-926-1
  • Hans Poser: René Descartes. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018286-7
  • Wolfgang Röd: Die Genese des Cartesianischen Rationalismus. 3. Aufl. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39342-X
  • Uwe Schultz: Descartes. Biographie. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2001, ISBN 3-434-50506-7
  • Bernard Williams (1996). Descartes: Das Vorhaben der reinen philosophischen Untersuchung. 3. Aufl. Beltz Athenäum, Weinheim 1996, ISBN 3-89547-103-8
  • Karl Jaspers: Three Essays. Leonardo, Descartes, Max Weber. New York 1964

Siehe auch


Leib-Seele-Problem, Gottesbeweis, Skeptizismus, Szientismus, logistica speciosa, Genius malignus; Franciscus Vieta, Ikone (Medien)

Nach Descartes benannt ist der Cartesische Taucher, ein Objekt, welches auftauchen, abtauchen oder im Wasser schweben kann.

Weblinks


Texte von Descartes

Mann | Franzose | Mathematiker (17. Jh.) | Philosoph der Frühen Neuzeit | Philosophie des Geistes (Vertreter) | Universalgelehrter | Erkenntnistheoretiker | Moralphilosoph | Geboren 1596 | Gestorben 1650

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