Ein Carillon ist ein großes Turm-Glockenspiel, d.h. es besteht aus chromatisch oder diatonisch gestimmten Glocken, die mittels einer Klaviatur oder/und mechanisch (z.B. mittels einer Walze) gespielt werden können.
Aufbau
Die
Klöppel der Glocken sind mittels Zugdrähten und Kipphebel mit den Tasten des Spieltisches verbunden und werden mechanisch von dem
Carilloneur gespielt. Der
Spieltisch eines Carillons ist dem einer
Orgel ähnlich. Er besteht aus einem Rahmenwerk, in dem die Stöcke für das
Manual und die
Tasten des
Pedals eingebaut sind. Die Stöcke des Manuals sind wie
Klaviertasten angeordnet, die Abstände zwischen den einzelnen Stöcken sind jedoch wesentlich größer als bei einem Klavier.
Spielweise
Da für das Anschlagen der Glocken eine große Kraft erforderlich ist, wird das Manual eines Carillons mit der Faust gespielt, die größeren Glocken können zudem nicht nur per Manual, sondern zusätzlich mit den Füßen per Pedal gespielt werden. Manchmal gibt es jedoch auch größere Glocken, die nur über das Pedal, nicht über das Manual erreicht werden können.
Differenzierung der Spielweise
Aufgrund der Spielweise können pro Hand nur ein bis maximal 2 Töne mit geringem Intervall gespielt werden. Um zwei Töne gleichzeitig mit einer Hand zu spielen unterscheidet sich die Spielweise von der oben genannten, indem die Hand geöffnet wird und die Stöcke mit Daumen und Zeigefinger herunter gedrückt werden.
Die Glocken beim Carillon sind nicht mit einer Dämpfung versehen, so dass vor allem die tiefen Glocken sehr lange nachklingen. Somit ist es auch nicht mehr möglich, den Klang einer einmal angeschlagenen Glocke noch zu beeinflussen bis diese ausgeklungen ist. Des weiteren klingen die großen Glocken wesentlich lauter und länger als die kleineren Glocken. Zudem ist der Teilton der kleinen Terz deutlich hörbar, was bei lang nachschwingenden Tönen schnell zu Dissonanzen führen kann. Somit erfordert das Carillonspiel eine sehr stark wechselnde Dynamik, die durch die Anschlagstärke der Stöcke reguliert wird, um Dissonanzen zu minimieren.
Etymologie
Der Name Carillon ist von "quatrillionem" abgeleitet, dem rhythmischen Anschlag von vier Glocken, wie er im 14. Jahrhundert vom Turmwächter angewandt wurde. In den
Niederlanden gibt es den größten Bestand an Glockenspielen weltweit (insgesamt 806 Glockenspiele, davon 158 mit mindestens 23 Glocken und einem Stockspieltisch), in Deutschland sind es insgesamt 41.
Standardisierung durch den WCF
Ein Carillon ist, grob gesagt, ein Musikinstrument, das mindestens 23 gegossene Bronzeglocken besitzt, die mit Hilfe eines genormten Spieltisches über ein mechanisches Traktursystem angeschlagen werden. Solche Festlegungen werden durch die
World Carillon Federation (kurz: WCF) getroffen. Das Carillon wird im Deutschen häufig auch Glockenspiel genannt. Jedoch ist dieser Begriff unscharf, bezeichnet er doch jedes Musikinstrument, das mit Hilfe von irgendwelchen Glocken Klänge erzeugt. Ein Carillon hingegen muss oben genannte Bedingungen erfüllen.Der geeignete Ausdruck ist Turmglockenspiel.
Bekannte Carillon-Komponisten
Ausgewählte Carillons
- Das einzige transportable Glockenspiel Deutschlands von Olaf Sandkuhl
- Glockenspiel des Roten Turmes in Halle (Saale), 76 Glocken (54.980 kg), 1993
- Carillon in Loughborough * (England), 47 Glocken, 1923
- New York, Riverside Kirche: 74 Glocken (18.500 Kg) 1925-1930, Basisglockenton c
- Chicago, Universitätskapelle: 72 Glocken (17.300 Kg) 1932, Basisglockenton cis
- Washington, D.C.: Peter-Pauls-Kathedrale: 53 Glocken (10.900 Kg) 1963, Basisglockenton es
- Ottawa, Parlament, Friedensturm: 53 Glocken (10.150 Kg) 1927, Basisglockenton e
- Glockenspiel der Kunstuhr im Straßburger Münster, 1382
- Das Salzburger Glockenspiel in Salzburg, 35 Glocken, 1702
- Glockenspiel am Innsbrucker Dom, 48 Glocken
- Glockenspiel am Magdeburger Rathaus, 47 Glocken
- Glockenspiel am Fünfgiebelhaus am Universitätsplatz in Rostock
- Glockenspiel aus Keramik in den Rathausloggien in Gmunden
- Glockenspiel im frei stehenden Turm in Lügumkloster, 49 Glocken, 1973
- Carillon in Schloss Johannisburg (Aschaffenburg), 48 Glocken, 1969
- Glockenspiel im Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz, 37 Glocken, 1982
- Carillon in der Wiesbadener Marktkirche, 49 Glocken (2,2 Tonnen - 13kg), 31. Oktober 1986
- Carillon im Tiergarten in Berlin, 68 Glocken, 1987
- Carillon im Kieler Kloster, 45 Glocken, 1999
- Carillon in Kassel, Karlskirche 47 Glocken 1957 /1989
- Carillon Krankenhaus Henriettenstiftung Hannover, 49 Glocken
- Glockenspiel der Nikolaikirche in Flensburg, 1885
- Carillon auf der Stadtpfarrkirche in Geisa, 48 Glocken, 2002
- Carillon im Olympiapark München, 50 Glocken, 1972
- Carillon in der Stabkirche von Hahnenklee (bei Goslar), 49 Glocken, 2002 / 2005
- mobiles Carillon in Rostock, 37 Glocken, 2004
- Glockenspiel des Tower of the Apostles Kirk in Bloomfield Hills, Michigan, USA, 77 Glocken
- Glockenspiel der Christianskirche in Hamburg-Ottensen, 42 Glocken
- Das Carillon im Turm des Neuen Rathauses der Stadt Chemnitz (Sachsen), 48 Glocken, 1978
- Glockenspiel im Turm des Freiburger Rathauses, 24 Glocken, 1901, von Causard in Colmar. Rollen- und Walzenspielapparat von M. Welte & Söhne
- Glockenspiel im Turm der St. Johannis-Kirche in Lössnitz im Erzgebirge, 23 Glocken, 1939, von Schilling in Apolda. Rollenspielapparat von M. Welte & Söhne
- Carillon im Turm der St-Martins-Kirche in Illertissen, 49 Glocken, 2006
- Carillon im Glockenturm der Stabkirche Hahnenklee-Bockswiese, 49 Glocken, 2005
Literatur
- Buchner, Alexander: Vom Glockenspiel zum Pianola. Prag 1959
- Ellerhorst, Winfred: Das Glockenspiel. Kassel *
- Price, Frank Percival: The Carillon. London 1933
- Schilling, Margarete: Glocken und Glockenspiele. Rudolstadt 1985
- Schilling, Margarete: Das Magdeburger Glockenspiel. Magdeburg 1979
Weblinks
- http://www.konzertglocken.de / Deutschlands einziges transportables Glockenspiel befindet sich in Rostock
- http://www.carillon.org/ World Carillon Federation
- http://www.carillon-museum.nl/ www.carillon-museum.nl
- http://www.glocken.konzertglocken.de/technisches.htm Glockenspiel - Carillon
- http://www.deutscheglocken.de klicksensitive Deutschlandkarte mit mehreren Glockenspielen
- http://www.glockenspielvereinigung.de/ Deutsche Glockenspielvereinigung
- http://www.glockenspiel-geisa.de/ Das Carillon der Stadtpfarrkirche Geisa
- http://www.duschledv.de/carillon/ Das Carillon im Olympiapark München
- http://www.marktkirche-wiesbaden.de/marktkirche/cms/front_content.php?idcat=31&client=1&lang=1 Carillon Marktkirche Wiesbaden
- Glockenläuten und Totenglocken in der traditionellen Musik der Grafschaft von Nizza, Frankreich.
- http://www.henriettenstiftung.de/stiftung/carillon/car_unser.php Das Carillon der Henriettenstiftung Hannover
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