Carboanhydrase (CA, EC 4.2.1.1.) ist ein Enzym, das die physiologisch bedeutsame Gleichgewichtsreaktionreaktion katalysiert.
Allgemeines
Die Carboanhydrase ist eines der schnellsten bekannten Enzyme: sie kann jeweils bis zu
Moleküle
Kohlenstoffdioxid pro Sekunde
hydratisieren und beschleunigt die Reaktion damit um das
-fache.
(Siehe auch: Wechselzahl.) Sie ist nicht im Plasma, sondern intrazellulär zu finden. Sie ist ubiquitär, d.h. sie findet sich in allen bekannten Organismen. Genaugenommen versteht man unter CA nicht nur ein einziges
Enzym, sondern eine ganze Klasse von Isoenzymen mit leicht unterschiedlichem Aufbau ihres Proteins. Man unterscheidet die in der Natur vorkommenden Isoenzyme in 3 genetisch unterschiedliche Klassen (CA alpha - gamma). Diese besitzen fundamentale Unterschiede um Aufbau des
Apoenzyms, haben aber die gleiche Funktion. Sie können als Beispiele konvergenter
Evolution angesehen werden. CA besitzt auch sonst eine große Strukturvielfalt - allein im Menschen existieren 7 verschiedene
Isoenzyme, HCA I bis HCA VII (HCA =
Human
Carbonic
Anhydrase), von denen die HCA II das bestuntersuchte ist.
Aufbau
CA besteht aus einem Protein und enthält als
Cofaktor ein
Zink-
Ion (
), welches die eigentliche katalytische Aktivität des Enzyms bedingt. (CA war übrigens nicht nur das erste bekannte Zinkenzym, sondern auch das erste Enzym überhaupt, von dem bekannt war, daß es ein Metall als Cofaktor benötigt.) Das Aktive Zentrum besteht aus dem Zinkion, welches an 3
Imidazolreste gebunden ist, die je von einer im Protein enthaltenen
Aminosäure Histidin stammen. Die vierte
Koordinationsstelle ist von einem
Hydroxid-
Liganden besetzt. Das Zink ist also
tetrakoordiniert, der
Koordinationspolyeder ist ein
Tetraeder.
Funktionen im Organismus
Atmung
Der Austausch von
Kohlendioxid, also die Abgabe des Stoffwechselendproduktes
und, im Falle von Pflanzen, die Aufnahme desselben als "Nahrung" ist von entscheidender Bedeutung für alle Organismen. Ob
aufgenommen oder abgegeben wird, hängt vom
pH-Wert des Zellplasmas ab.
Im tierischen Organismus ist CA in
Erythrozyten (roten Blutzellen) zu finden, wo sie am Kohlendioxid-Transport beteiligt ist. Kohlendioxid diffundiert in den
Kapillaren in die Erythrozyten, wird dort mit Wasser zu Kohlensäure und schließlich zu Bikarbonat und Protonen. Das Bikarbonat wird im sogenannten "Chlorid-Shift" gegen
Chlorid aus dem Plasma ausgetauscht (um die
Elektroneutralität zu wahren).
Nierenfunktion
CA ist unter Anderem entscheidend für die Regulation des
Säure-
Base-Haushaltes durch die
Niere. Für diese Regulation ist wichtig, dass im
Primärharn filtriertes Bikarbonat (Hydrogencarbonat,
) zu etwa 90 Prozent rückresorbiert wird. Andernfalls entstünde eine
Azidose. Ohne die CA würde die Bikarbonat-Rückresorption aus dem Primärharn nicht funktionieren. Der Mechanismus: Aus den Tubuluszellen der Niere werden von intrazellulär nach extrazellulär (in das Lumen des Nierentubulus)
Protonen (
) im Austausch gegen
ausgeschieden. Durch die Wirkung der CA wird aus filtriertem Bikarbonat und den Protonen
Kohlensäure und anschließend Wasser und Kohlendioxid. Das Kohlendioxid kann (im Unterschied zum Bikarbonat) leicht durch die Zellmembran vom Tubuluslumen (Primärharn) in die Tubuluszelle gelangen. Dort katalysiert die intrazelluläre CA die umgekehrte Reaktion. Aus dem Kohlendioxid werden so in der Tubuluszelle Protonen und Bikarbonat gebildet. Das Bikarbonat wird aus der Zelle ins Blut abgegeben, das Proton steht erneut für die gleiche Reaktion zur Verfügung.
Gehemmt werden kann die Carboanhydrase durch das Medikament
Acetazolamid. Die Hemmung führt zu Bikarbonatverlust über den
Harn und somit zu einer
Azidose. Dies kann zur Behandlung von metabolischen
Alkalosen eingesetzt werden.
Weitere Funktionen
In der Magenschleimhaut ist die Carboanhydrase an der Salzsäure-Produktion beteiligt.
In der Bauchspeicheldrüse dient die Carboanhydrase der Bikarbonat-Sekretion
Im Ziliarkörper des Auges ist die Carboanhydrase an der Produktion des Kammerwassers beteiligt. Hemmung durch Azetazolamid kann eine übermäßige Produktion (relativ im Vergleich zum Abtransport aus dem Auge) des Kammerwassers reduzieren und so helfen, einen überhöhten Augeninnendruck Glaukom zu reduzieren.
Die heute selten verwendeten Sulfonamide hemmen ebenfalls die Carboanhydrase.
Enzym