Die Radiokohlenstoffdatierung oder 14C-Datierung oder Radiokarbonmethode ist eine Methode zur Altersbestimmung kohlenstoffhaltiger organischer Materialien mit einem Alter bis etwa 50.000 Jahre. Sie basiert auf dem radioaktiven Zerfall des Kohlenstoff-Isotops 14C und wird insbesondere in der Archäologie, Archäobotanik und Quartärforschung angewandt.
Entwickelt wurde die Radiokohlenstoffdatierung 1949 von Willard Frank Libby (1908–1980), wofür dieser 1960 den Nobelpreis für Chemie erhielt.
Wird Kohlenstoff aus diesem Kreislauf herausgenommen (das heißt: wird er fossil), dann ändert sich das Verhältnis zwischen 14C und 12C, weil die zerfallenden 14C-Kerne nicht durch neue ersetzt werden und es gilt das Zerfallsgesetz:
Der hierfür entscheidende Zeitpunkt ist das Ende des Stoffaustauschs mit der Atmosphäre, also der Tod des Lebewesens. So ist das Verhältnis zwischen 14C und 12C eines organischen Materials ein Maß für die Zeit, die seit dem Tod eines Lebewesens – beispielsweise dem Fällen eines Baums und Verwendung dessen Holzes – vergangen ist. Mithin ist es ein Maß für das Alter des Materials. Auch in nicht-organische Stoffe kann biogener Kohlenstoff und damit Radiokohlenstoff gelangen, beispielsweise in geschmolzene Metalle oder mit anderen thermischen Verfahren gewonnene Werkstoffe. Das 14C-Alter zeigt dann den Zeitpunkt der Herstellung an, evtl. zuzüglich des Alters des verwendeten organischen Kohlenstoffs.
Die Radiokarbonmethode ist somit die Messung des Verhältnisses der Mengen der Kohlenstoff-Isotope 14C zu 12C einer Probe sowie eines Standards, der das Verhältnis zu Beginn des Alterungsprozesses repräsentiert. Der 14C-Gehalt einer Probe kann entweder durch Zählung der zerfallenden 14C-Kerne im Zählrohr, im Flüssigkeits-Szintillations-Spektrometer oder durch Zählung der noch vorhandenen 14C-Kerne mit der Beschleuniger-Massenspektrometrie bestimmt werden. Letztere Methode benötigt weniger Material als die ersten beiden, ist dafür aber aufwändiger und teurer.
Die Nachweisgrenze von 14C liegt bei 1 Teil pro Billiarde (ppq), entsprechend einer Konzentration von etwa einem Tausendstel der Menge an 14C in einer frischen Probe und wird bestimmt durch Beschränkungen der Messgeräte sowie in sehr geringen Mengen vorhandenes "Untergrund 14C" aus anderen Quellen. Durch den radioaktiven Zerfall nimmt die Menge von 14C mit der Zeit ab. Nach 10 Halbwertszeiten, das sind ca. 55.000 Jahre, liegt der Anteil unterhalb der Nachweisgrenze. Die Radiokarbonmethode ist daher nur für jüngere Proben anwendbar. Für die Altersbestimmung erdgeschichtlicher Fossilien z. B. in Bernstein, Braunkohle, Steinkohle oder Diamanten, ist sie unbrauchbar.
Radiokarbon-Kalibrationskurve.png bestimmtes Alter – für die vergangenen zwölf Jahrtausende nach Stuiver et al. (1998)]]
Radiocarbon-Jahre entsprechen jedoch nicht den Kalenderjahren (tropischen Jahren), da die Produktion von 14C-Isotopen im Verlauf der erdgeschichtlichen Zeiten langfristigen und auch kurzfristigen Schwankungen unterworfen ist. Daher gibt es eine Kalibrierungskurve (*), mit deren Hilfe das aus dem 14C-Gehalt berechnete Radiokarbonalter, welches sich unter der Annahme einer konstanten 14C Entstehungsrate ergibt, in ein Kalenderalter umgerechnet werden kann. Diese Kalibrierungskurve wird mittels anderer Datierungsmethoden (beispielsweise Baumringe, Dendrochronologie) ermittelt.
Bei der Angabe eines Radiokarbon-Alters ist es daher wichtig zu wissen, ob es sich um das radiologische oder das korrigierte „kalibrierte“ Alter handelt. Das konventionelle 14C-Alter wird in B.P. (before present, Jahre vor 1950), das kalibrierte Kalenderalter wird in cal B.P. oder nach christlicher Zeitrechnung als Datum cal AD / cal BC angegeben, wobei die Abkürzungen AD für Anno Domini und BC für Before Christ stehen.
Die Schwankungen des 14C Gehaltes der Atmosphäre gehen vor allem auf Sonnenflecken zurück und folgen daher kurzfristigen und langfristigen Zyklen. Verläuft die Kalibrierungskurve über einen längeren Abschnitt flach (man spricht dann von einem Plateau), kann das dazu führen, dass Knochen oder Holzkohle, deren Entstehung mehrere hundert Jahre auseinander liegen, das selbe radiometrische Alter zeigen. Das ist zum Beispiel bei dem Bandkeramischen Plateau zwischen 5500 und 5200 BC cal der Fall, dann wieder zwischen 3100–2900, 2850–2650 und 2600–2480 BC (Endneolithisches Plateau).
Inzwischen werden die Schwankungen der Kalibrationskurve jedoch auch verwendet, um 14C-Datierungen zu präzisieren, z. B. durch das von Bernhard Weninger von der Universität Köln entwickelte 'Wiggle-matching'. Das ist möglich, wenn präzise Daten vorliegen, deren relative Abfolge durch unabhängige Quellen, etwa der Stratigraphie eines archäologischen Fundortes belegt sind. Damit kann entschieden werden, in welchen Abschnitt der Kalibrationskurve diese Daten am besten hinein passen.
Dazu ist vor der eigentlichen Untersuchung eine Vielzahl von chemischen Schritten notwendig. Im folgenden wird dies am Beispiel der chem. Vorbereitung von Holz dargestellt, wie sie an vielen Labors gebräuchlich ist.
Zu erst wird die Probe mit 1%iger Salzsäure (chem. Summenformel: HCl), anschließend mit Natronlauge (NaOH), dann wieder mit Salzsäure gereinigt. Dies geschieht jeweils vier Stunden lang bei 60°C.
Das übriggebliebene reine Zellulosematerial wird mit Kupferoxid und Silber (Ag) in einer evakuierten Quarzampulle eingeschlossen und in einem Ofen erhitzt. Dabei verbrennen die organischen Bestandteile, so dass nur CO2, Stickstoffoxid, Schwefeloxid und Halogenverbindungen verbleiben. Das hinzugegebene Silber bindet das Schwefeloxid und die Halogenverbindungen.
Das verbleibende CO2 kann nun entweder zur Befüllung eines Zählrohres verwendet werden, es kann für die Flüssigszintillationsspektrometrie zu Benzol umgewandelt werden oder es wird mit Eisen (Fe) und Wasserstoff (H2) zu reinem Graphit, der nur aus Kohlenstoff besteht, reduziert, um eine 14C-Bestimmung mithilfe der Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) durchzuführen.
Als Maß für die Messgenauigkeit wird meist der einfache Standardfehler des Messwertes angegeben, welcher sich aus der Standardabweichung errechnet. Grob gesprochen bedeutet dies, dass bei sehr häufig wiederholter Messung derselben Probe etwa zwei von drei Ergebnissen innerhalb dieser Spanne, des sogenannten Vertrauensbereichs, liegen werden und einer außerhalb.
Dieser Fehler, der vom Labor in der leicht lesbaren Form +/- nn Jahre angegeben wird, beschreibt also tatsächlich nur die Unsicherheit in der Bestimmung des Isotopenverhältnisses. Für die Unsicherheit der Altersbestimmung müssen die in den nächsten Abschnitten beschriebenen Fehlerquellen zusätzlich berücksichtigt werden. Insbesondere sind dies:
Natürliche zeitliche Schwankungen des 14C/12C Verhältnisses wurden erstmals 1958 durch Hessel DeVries (De Vries, Hl., Variation in concentration of radiocarbon with time and location on earth. Proc. Koninkl. Nederl. Akad. Wetenschappen, 1958, B61, 1-9) nachgewiesen, indem er zeigte, dass 14C/12C Verhältnisses sich zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert um ca. 2 % änderte. Hauptsächlich drei Faktoren spielen für die natürlichen Schwankungen eine bedeutende Rolle.
Weiter werden manchmal singluäre Ereignisse wie etwa nahe Supernovaexplosionen diskutiert.
Durch Messungen, die zur Aufstellung der INTCAL98 Kalibrierkurve führten, aber auch durch einige zeitlich weiter zurückführende Messungen, welche beispielsweise auf maritimen Sediment-Bohrkernen aus dem Cariaco-Basin beruhen, konnte inzwischen die Abweichung des 14C/12C Verhältnisses vom heutigen Wert bis zu 50 kaBP (kaBP = ka Before Present, Tausend Jahre vor 1950) zurückverfolgt werden. Dabei zeigt sich, dass neben den kurzfristigeren Schwankungen, ein genereller Anstieg des ?14C (=Abweichung vom heutigen 14C/12C Verhältnis in Promille) auf Werte bis zu über 800 Promille (Cariaco-Daten K. Hughen, S. Lehman, J. Southon, J. Overpeck, O. Marchal, C. Herring, J. Turnbull: 14C Activity and Global Carbon Cycle Changes over the Past 50,000 Years. Science, 2004, 303, 202-207. zu einer Zeit um etwa 40 kaBP erreicht werden (entspricht einer Abweichung zwischen Radiokarbonalter und Kalenderalter von etwa 5000 Jahren). Zwischen 40 kaBP und 42 kaBP fällt das ?14C abrupt auf heutige Werte ab, und schwankt zwischen etwa 0 und -200 Promille im Zeitraum zwischen 42 kaBP und 50 kaBP. Neben dem Peak bei 40kaBP gibt es noch kleinere Peaks bei 34 kaBP, 29 kaBP und 17 kaBP. Andere Datensätze (Lake Suigetsu Sedimente, Bahama speleotherm) zeigen gleiche Strukturen, weisen aber für Zeiten vor 25 kaBP Offsets im Vergleich zu den Daten aus dem Cariaco-Bohrkern auf, welche umgerechnet in Radiokarbonjahren etwa in der Grössenordnung von etwa 1000 Jahren liegen.
Der Vergleich dieser Daten mit berechneten Produktionsraten, in welchen publizierte Änderungen des geomagnetischen Feldes über den entsprechende Zeitraum eingingen, zeigen, dass die langfristigen Änderungen und die gefundenen Peaks sich im Allgemeinen gut durch Änderungen des Erdmagnetfeldes erklären lassen, wobei auch reduzierte Kohlenstoffsenken während Vereisungszeiten und andere Änderungen des Kohlenstoffzykluses eine Rolle zu spielen scheinen. Die Peaks bei 34 kaBP und 40 kaBP stimmen zeitlich gut mit Peaks der Radionuklide 36Cl und 10Be überein, welche in Eisbohrkernen nachgewiesen wurden. Für kurzeitige Schwankungen konnte eine Korrelation mit der Sonnenaktivität und der Temperatur der nördlichen Hemisphäre nachgewiesen werden P.E. Damon, J.C. Lerman, A. Long: Temporal Fluctuations of Atmospheric 14C: Causal Factors and Implications. Annual Review of Earth and Planetary Sciences, 1978, 6, 457-494. Die 14C-Produktionsraten sind dabei niedriger, wenn die Sonnenaktivität (Sonnenflecken) hoch ist.
Die durch die Kernwaffenversuche verursachte massive lokale Erzeugung von 14C in der Atmosphäre konnte auch benutzt werden, um das zeitliche Verhalten und vor allem den räumlichen Transportprozess von 14C genauestens zu untersuchen. Damit konnte bestätigt werden, dass 14C sich in der Atmosphäre innerhalb kurzer Zeit weltweit homogenisiert. Damit wurde ein früheres Forschungresultat von E.C. Anderson E.C. Anderson, W.F. Libby: Worldwide distribution of natural radiocarbon. Physical Review, 1951, 8164-69. über die räumliche Homogenität des 14C in der Atmosphäre bestätigt. Diese Homogenität ist eine wichtige Voraussetzung für die Kalibrierung und Anwendung der 14C-Methode. Siehe auch: Kernwaffen-Effekt
Inzwischen konnten die damals vorhandenen Dendrochronologien zeitlich erweitert werden und neue Dendrochronologien erstellt werden. So existiert heute eine Reihe gut belegter und durchgehender Dendro-Kurven aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Die bereits erwähnte Bristlecone-Pines-Chronologie reicht inzwischen über 9.000 Jahre zurück. Der Hohenheimer Kurve reicht inzwischen (2004) bis ins Jahr 10.461 v. Chr., also ins jüngere Dryas. Die ostmediterrane Kurve immerhin bis 1.800 v. Chr. Daneben werden heute auch andere Methoden zur Aufstellung von Kalibrationskurven benutzt, so z.B. U-Th datierte Korallen und Seesedimente.
Damit konnten Probleme der frühen Kalibrationskurve ausgeglichen werden und neue Hochpräzisionskalibrierkurven aufgestellt werden. Die heute aktuelle INTCAL98-Kalibrierkurve reicht bis 24000BP zurück. Der Hochpräzisionsteil dieser Kalibrierkurve reicht bis 11850BP zurück und wurde durch dendrochronologisch datierte Holzproben bestimmt. Verwendet wurden dabei Holzproben von deutschen Eichen und Fichten, von irischen Eichen und der amerikanischen Douglas-Fir, welche mit dem Hohenheimer Jahrringkalender, der Irischen Eichenchronologie und der Douglas-Fir-Chronolgie datiert werden konnten. Der weiter zurückreichende Teil von INTCAL98 wurde durch Seesedimente und U-Th datierte Korallen bestimmt.
Ein wichtiger Unterschied in der Isotopenfraktionierung besteht zum Beispiel zwischen C3-Pflanzen und C4-Pflanzen. Das Verhältnis 13C / 12C kann so auch anhand von Knochen beispielsweise wichtige Hinweise über die Ernährung liefern.
Besteht der Verdacht einer Kontamination ohne den genauen Umfang zu kennen, so kann eine Probe in mehrere Teilproben aufgeteilt und an jeder Teilprobe unterschiedliche chemischer Reinigungsprozeduren durchgeführt werden. Dies führt in der Regel dazu, dass eigentliches Probenmaterial und eventuell vorhandenen Kontamination unterschiedlich stark angegriffen werden und sich das Verhältnis der beiden in den einzelnen Teilproben unterschiedlich ändert. Eine Kontamination, welche das Alter merklich verfälscht, macht sich dann in stark voneinander abweichenden Datierungen der Teilproben bemerkbar. Dies kann als Kriterium dienen, um auf die Zuverlässigekeit eines Radiokarbonalters zu schließen.
Die Möglichkeit, durch Messung von 14C zu datieren, wurde erstmals 1949 durch die von J.R.Arnold and W.F.Libby publizierte "Curve of Knowns" gezeigt, in der anhand von verschiedenen Proben bekannten Alters die inverse Abhängigkeit des 14C Gehalts vom Alter der jeweiligen Probe gezeigt wurde J. R. Arnold and W. F. Libby: Age Determinations by Radiocarbon Content: Checks with Samples of Known Age. Scinece, 23.Dez.1949, Bd.110. . Bis dahin standen vor allem messtechnische Probleme im Vordergrund, insbesondere die Unterscheidung des relativen schwachen Signals aus dem radioaktiven Zerfall des 14C von Hintergrund-Signal der Umgebungsradioaktivität.
In der Folgezeit wurden einige Voraussetzungen für die zuverlässige Datierung mittels Radiokarbonmethode überprüft. So konnte die Annahme bestätigt werden, dass das 14C/12C Verhältnis in der globalen Atmosphäre räumlich hinreichend homogen ist bzw. schlimmstenfalls zu lokalen Fehleren führen, welche in der Größenordnung der sonstigen Messgenauigkeit der Radiokarbonmethode liegen. Spätestens mit den Arbeiten von Suess H.E. Suess: Radiocarbon concentration in modern wood. Science 122, 1955, 415. und deVries Hl. De Vries: Variation in concentration of radiocarbon with time and location on earth. Proc. Koninkl. Nederl. Akad. Wetenschappen, 1958, B61, 1-9. wurde jedoch klar, dass das 14C/12C Verhältnis zeitlichen Schwankungen unterliegt, welche für eine genaue Datierung durch die Radiokarbonmethode berücksichtigt werden müssen.
Diese Entdeckung führte seit Beginn der 1960er zur Entwicklung von Kalibrationskurven, welche sich zunächst auf Dendrochronologien von langlebigen Riesenmammutbäumen und Bristlecone Pines stützten E.K. Ralph, H. N. Michael: Twenty-five years of radiocarbon dating. American Scientist, 1974, 62, 553-560. . Spätere Präzisions-Kalibrationskurven wurden mit Hilfe von Dendrochronologien von kurzlebigeren Bäumen wie dem Hohenheimer Jahrringkalender aufgestellt. Neben Dendrochronolien wurden später zunehmend auch andere unabhängige Methoden (Messungen an Korallen, Eisbohrkernen, Sedimentschichten, Stalagmite) verwendet, um die auf der Dendrochronologie basierenden Kalibrationskurven zu überprüfen und zu verlängern. Dies führte zu der 1998 veröffentlichten und heute meist verwendeten INTCAL98-Kalibrationskurve, welche insgesamt etwa 24000 Jahre zurückreicht M. Stuiver, P.J. Reimer and T.F. Braziunas: High-Precision radiocarbon age calibration for terrestrial and marine samples. Radiocarbon, 1998, 40, No.3, 1127. .
Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Radiokarbonmethode war die Anwendung der Beschleunigsmassenspektrometrie für die Radiokarbondatierung durch Harry Gove im Jahr 1977 Harry E. Gove: From Hiroshima to the Iceman. The Development and Applications of Accelerator Mass Spectrometry. Institute of Physics Publishing, Bristol, 1999.. Damit wurde es möglich die Radiokarbondatierung an viel kleineren Proben durchzuführen als es vorher mit der Zählrohrmethode möglich war.
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