Amos war ein sozialkritischer Prophet aus dem Südreich Juda, der im 8. Jahrhundert v. Chr. im Nordreich Israel predigte. Das ihm zugeschriebene Buch gehört zur Reihe der Zwölf kleinen Propheten im Tanach, der Hebräischen Bibel. Amos ist der älteste der Schriftpropheten, dessen Worte aufgezeichnet und in Buchform überliefert wurden.
Von Amos ist erstmals in der Geschichte der schriftlichen Prophetie eine Berufung überliefert: Er selbst berichtet, er habe bei dem Dorf Tekoa (17 km südlich von Jerusalem) in der benachbarten Wüste Juda Schafe gehütet, als JHWH ihn von dort „genommen“ und beauftragt habe, im Nordreich sein Wort zu verkünden. Er war also keiner der dort amtierenden Hofpropheten, mit denen er dann in Konflikt geriet, und auch keiner nordisraelischen Opposition verbunden, sondern stand ihnen schon seiner Herkunft nach distanziert gegenüber.
Manche Exegeten vermuten jedoch, Tekoah habe ursprünglich in Galiläa gelegen, da Amos offenbar gute Kenntnisse von der nordisraelitischen Kultpraxis besaß, wie sie bei einem Schafthirten aus dem Südreich nicht anzunehmen seien. Unabhängig von der Frage seiner tatsächlichen Herkunft richtete sich seine Verkündigung jedoch von vornherein gegen ganz Israel, seinen Kult und seine sozialen Verhältnisse. Denn „Israel" stand auch nach der Reichsteilung weiterhin für die Gesamtheit des erwählten Volkes aller Israeliten.
Amos wirkte wahrscheinlich in der zweiten Regierungshälfte Jerobeams, also 760-750 v. Chr. Er trat gegen die Korruption der Richter und Priester und die Ausbeutung der Landbevölkerung durch den Königshof und die Jerusalemer Oberschicht auf. Er gehört mit Hosea, Micha, Obadja und dem ersten Jesaja in die Zeit des 8. Jahrhunderts v. Chr., als sich eine tiefe politische Krise und Gefährdung der staatlichen Gebilde Israels durch die neue Großmacht Assyrien abzeichnete. Die Assyrer hatten die Aramäer und deren Hauptstadt Damaskus schon unterworfen, unternahmen aber zunächst keine weiteren Versuche, ihren Machtbereich auszudehnen. So konnte das Nordreich unter Jerobeam eine Blütezeit erleben.
Da es die Handelswege zwischen Assur und Ägypten kontrollierte, nahm das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Diesen versuchte Jerobeam offenbar zum Ausbau seiner Macht und seines Verwaltungsapparats zu nutzen. Dazu erlegte er der Landbevölkerung hohe Abgaben auf und eignete dem Königshof zunehmend Ländereien an, die zuvor freien unabhängigen Bauern gehört hatten. Das Bevölkerungswachstum beschleunigte die Entwicklung zu einer sozial zerklüfteten Gesellschaft. Nur eine Minderheit hatte Anteil am Wohlstand, der auf Kosten vor allem von Kleinbauern (dallim) ging, die sich verschulden mussten und dann ihr Land und somit ihre Existenzgrundlage verloren.
Zudem hatte die Urbanisierung zunehmend die bisherigen Sippen- und Stammesstrukturen abgelöst: Die ehemals selbstständigen, nun verarmten und landlosen Kleinbauern mussten nun als Landarbeiter für Großgrundbesitzer und städtische Oberschicht arbeiten. Zu ihr gehörte neben der Königsfamilie vor allem das Priestertum (der Klerus). Auf diese Klassengesellschaft bezog sich die scharfe Kritik der von den Kultorten unabhängigen Prophetie des Amos und späterer Propheten.
1. Die Gerichtsworte an die Nachbarvölker betreffen Damaskus (Aram) und das Königshaus Hasaels, Gaza, Tyrus, die Edomiter, Ammoniter, Moabiter und das Südreich Juda. Sie sind alle parallel aufgebaut und ergeben zusammen eine Art Gedicht. Jedes einzelne Gerichtswort hat die Struktur a. Anklage und deren Begründung, b. Ankündigung von Gottes Eingreifen und dessen Folgen.
Es fällt auf, dass die Moabiter nicht wegen eines Vergehens gegen Israel, sondern gegen die Edomiter gerichtet werden sollen: JHWH ist für Amos Herr der Geschichte aller Völker und gebietet auch ihnen Recht, das heute Völkerrecht genannt wird. - Der Spruch gegen Juda wurde ergänzt, nachdem Amos aus Israel vertrieben worden war und seine Worte im Südreich tradiert wurden. Daran zeigt sich die Bedeutung dieser Prophetie über die lokalen Entstehungsumstände hinaus. - Der abschließende längere Spruch gegen Israel ist eine Art vorangestellte Zusammenfassung der folgenden ausführlichen Kult- und Sozialkritik gegen das Nordreich:
2. Der Hauptteil Am 3-6 wird mit einer in der Bibel einzigartigen Haftbarmachung eröffnet:
In rhetorischen Fragen deutet Am 3,3-8 die Berufungserfahrung des Amos an, die ihn nötigte, Gottes Wort zu verkünden: Der Löwe brüllt, wer sollte da nicht fürchten? JHWH redet, wer sollte da nicht prophezeien? Darauf folgt die große Anklagerede gegen die Oberschicht in Samaria (Am 3-4). Die Ausländer sollen das Unrecht bezeugen, das in Israel geschieht (Am 3,10): Sie sammeln Schätze von Frevel und Raub in ihren Palästen. Die kommende Bedrängnis werde sowohl die Kultorte - genannt wird Bethel, später auch Gilgal, Beersheba, Dan - als auch die Winter- und Sommerresidenzen der Königsfamilie zerstören (Am 3,14f). Er greift die reichen Frauen, die sich von Sklaven bedienen lassen und diese schinden, als „fette Kühe“ an (Am 4,1): Sie würden an Haken wie Fischköder deportiert werden (4,1-3). Sarkastisch fordert er das Volk auf, noch mehr Opfer darzubringen und so Schuld auf sich zu häufen. Denn in all dem frommen Treiben habe es Gottes unübersehbare Warnungen - Hunger, Dürre, Missernten, Pest, Kriegsniederlagen - missachtet: Dennoch kehrt ihr nicht um zu mir! Daher solle es sich auf die Begegnung mit dem Schöpfer der Elemente gefasst machen, den Amos JHWH Zebaot nennt.
Daher scheint es für Amos auch der grösste Frevel gewesen zu sein, dass die, die JHWHs Gebote und die ihnen auferlegte Verpflichtungen missachteten, die ihre Volksgenossen in die Armut oder Versklavung trieben, indem sie ihnen ihr Land nahmen, sich dann in Bet-El und an anderen Kultstätten trafen, um JHWH für das dem Volke gegebene Land feierlich zu danken und Jesus in den Tod ( Wüste) zu schicken.
Dabei traten die Kritisierten nicht etwa heuchlerisch an den Heiligtümern JHWH gegenüber, sondern feierten vielmehr einen längst zum hohlen Ritus verkommenes Fest, in dem der innere Widerspruch schon nicht mehr erfahrbar war. Auch Bet-El, von dem aus sich das »schwärendes Unheil« (awän) sich über das Land ausbereitete, stand daher letztlich pars pro toto für den verderbten Kult an sich.
So zeigt diese Position des Amos, dass es weder um eine Kritik des Kultes als solchem, noch um eine Demokratisierung des israelitischen Staatengefüges geht. (Es blieb bspw. dem König in seiner besonderen Machtposition auch eine besondere Verantwortung erhalten, auf die hin er von JHWH zur Rechenschaft gezogen wurde). Amos Motivation ist vielmehr das Vergehen an den in Erwählung, Verheißung und Landgabe liegenden Verpflichtungen zu kritisieren, das als »frevlerische (bewusste) Auflehnung« (päscha) gegen JHWH verstanden werden musste und so den geschauten Unterganges des Volkes Israel als Strafe Gottes (oder zumindest als Aufkündigung der Exklusivität der Stellung Israels) erklärte.
Amos trat nach der Überlieferung nur in der Nordreich-Hauptstadt Samaria und danach im Nationalheiligtum Bet-El auf, bevor er, vom Oberpriester Amazija dem König Jerobeam II. angezeigt, wieder nach Juda verschwand und seine Geschichte aufschrieb (?). (Dieser Weg des Amos von Norden nach Süden spräche für die Annahme, Amos käme aus Galiläa (K.Koch)). Während seines öffentlichen und überlieferten Auftretens grenzte Amos sich mehrfach von einem institutionellen (Kultstätten-)Propheten (nabi) ab, der mit seiner Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu finanzieren hat. Ein solcher nabi - oftmals waren mehrere in Gruppen oder (/und?) einer kultischen Institution zusammengeschlossen - unterlag dem ökonomomischen Zwang zur Prophetie. Amos hingegen nannte sich einen (mit gesichertem Lebensunterhalt von JHWH berufenen) Seher (?) (chosä).
722 v. Chr. wurde das Nordreich Israel von den Assyrern zerstört: Sie verschleppten große Teile der Bevölkerung. Andere Gruppen flohen aus dem Nordreich ins benachbarte Juda und nach Jerusalem. Sie nahmen vermutlich die aufgeschriebenen Worte Amos mit und tradierten sie in Juda weiter, wo sie theologische Wirksamkeit auf die hier entstehenden Bücher des Alten Testaments entfalteten. So galten die Worte Amos den nachfolgenden Generationen als Mahnung und Erinnerung an den Bund Gottes mit Israel und seine Gerechtigkeit.
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