Braunschweig Brunswick Karte Novemberrevolution in BS.jpg Das Residenzschloss der Braunschweiger Herzöge befand sich bis zu seinem umstrittenen Abriss im Jahre 1960 auf dem Bohlweg in Braunschweigs Zentrum, an dem Ort, wo vom Mittelalter bis 1718 der sogenannte „Graue Hof“ war.
Bis zum Jahre 1671 diente er als Quartier für die Welfen-Herzöge, wenn diese zu Besuch in Braunschweig waren („zu Besuch“ deshalb, weil ihre Residenz in Wolfenbüttel lag).
Erste Planungen für den Neubau einer innerstädtischen Residenz der Herzöge begannen auf Weisung von Herzog Anton Ulrichs unter Landbaumeister Hermann Korb um das Jahr 1715
Der Mittelbau (Corps de Logis) verfügte über zwei Geschosse mit Mezzanin, das Erdgeschoss hatte die für Korb typischen Arkaden, innere Seitenflügel (Cour d’Honneur) um den rechteckigen Hof angeordnet, äußere Flügel waren trapezartig nach außen erweitert.
Während der Regierungszeit Herzog August Wilhelms wurden 1724 die inneren Flügel mit der Kapelle fertig gestellt. In den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts begann man mit dem Mittelbau und die Arbeiten am inneren Südflügel wurden beendet. Der Mittelbau war selbst um 1730 immer noch nicht fertig gestellt und musste deshalb durch ein Notdach geschützt werden.
Unter dem neuen Bauleiter Martin Peltier de Belfort wurde 1752/54 der äußere Nordflügel nach den Plänen des bereits 1735 verstorbenen Korbs ausgeführt.
Obwohl der Gesamtkomplex 1753 immer noch nicht fertig gestellt war, wurde die Residenz nun in die Innenstadt verlegt. Erst 1790 während der Regentschaft Herzog Karl Wilhelm Ferdinands wurde sie mit dem massiven Mittelbau unter Leitung von Hofbaumeister Christian Gottlob Langwagen, nunmehr im reineren Klassizismus, vollendet.
Während der Besetzung Braunschweigs (1807 – 1813) durch die Truppen Napoléons gestaltete Carl Theodor Ottmer schließlich das Gebäude für Jérôme Bonaparte, dem Bruder Napoléons und König des neu geschaffenen Königreiches Westfalen, zu dem Braunschweig zeitweise gehörte, im Empire-Stil um.
Sowohl seine Blütezeit als auch seinen Untergang erlebte das Schloss unter Herzog Karl II.
Der Braunschweigische Hofbaumeister und Schinkelschüler Carl Theodor Ottmer erhielt daraufhin den Auftrag ein neues Schloss zu planen und zu bauen. Am 26. März 1833 wurde der Grundstein für den Neubau gelegt. Der dreiflüglige, U-förmige Bau wurde fand im Dezember 1837 einen ersten Abschluss mit der Vollendung der herzoglichen Privatgemächer im Nordflügel. Zwischen 1838 und 1840 wurden die Repräsentationsräume im Haupt- und Südflügel fertig gestellt, sodass das Gesamtgebäude am 21. März 1841 vollendet wurde. Im Gedenken an seinen Erbauer, der 1843 verstarb, wird das Braunschweiger Schloss auch „Ottmer-Bau“ genannt.
Ein erneuter Brand am 23./24. Februar 1865 aufgrund eines technischen Defektes zerstörte den Nordtrakt und beschädigte den nördlicher Teil des Hautgebäudes schwer (auch die Quadriga wurde dabei in Mitleidenschaft gezogen). Bis 1868 rekonstruierte Baumeister Carl Wolff das Gebäude, wobei die Quadriga in etwas verkleinerter Form wieder an ihren angestammten Platz kam.
Die Braunschweiger Quadriga ist die einzige deutsche Quadriga, die den Zweiten Weltkrieg relativ unversehrt überstanden hatte. Sie wurde erst nach dem Krieg zerstört. Die letzten Reste wurden 1960 bei Abriss des Schlosses entfernt und bis auf Kopf und Finger verschrottet.
Erst durch die Hochzeit des Welfen-Herzogs Ernst August III. mit Prinzessin Viktoria Luise von Preußen (einzige Tochter des Deutschen Kaisers Wilhelm II.) und der damit erreichten Aussöhnung zwischen den Hohenzollern und den Welfen, bestieg ein letztes Mal ein Welfe den Braunschweiger Thron und zog am 1. November 1913 wieder in das Braunschweiger Schloss ein.
Um das Gebäude und v.a. auch dessen (historisch) wertvolles Inventar zu retten, wandelte man das Schloss um; so enthielt es u. a. das Kleine Haus des Braunschweigischen Staatstheaters, das Naturhistorische Museum, Institute der Technischen Hochschule Braunschweig, eine Öffentliche Bücherei und die Landessteuerstelle.
Während des 2. Weltkrieges wurde das Schloss mehrfach bei Bombenangriffen beschädigt, Ende 1944 sogar schwer, stand aber bei Kriegsende noch in seinen wesentlichen Bestandteilen.
Eine überwältigende Mehrheit der Braunschweiger Bevölkerung war für den Wiederaufbau. Es gab bereits Pläne, das Schloss zu einer Stadthalle mit Kinos und Restaurants umzubauen. Eine Bürgerinitiative sammelte Unterschriften, Proteste des Braunschweigischen Landesvereins, der Fakultät für Bauwesen, der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft aus Hannover und zahlreicher Anderer (so auch Herzogin Viktoria Luise, blieben jedoch erfolglos.
Der Streit zog sich fünf Jahre hin, da das Land Niedersachsen keine Verlängerung der Frist zuließ. Aufgrund der Situation im Nachkriegs-Braunschweig: Trümmerräumung noch nicht abgeschlossen, fehlende Wohnungen und die Verlegung und Neubau des Hauptbahnhofes wurden die lediglichen Sicherungsmaßnahmen an der Bausubstanz des Schlosses mit Geldmangel begründet; bis es schließlich der in Braunschweig mit absoluter Mehrheit regierenden SPD unter Führung der damaligen Oberbürgermeisterin Martha Fuchs am 21. Dezember 1959 gelang, mit einer Mehrheit von zwei Stimmen die Entscheidung des Rates der Stadt Braunschweig für den Abriss des Braunschweiger Schlosses herbeizuführen. Aus Sicht der SPD symbolisierte die Residenz sowohl monarchistische Herrschaft als auch verbrecherische NS-Diktatur.
Die Abrissarbeiten wurden trotz fortdauernder Proteste seitens der Braunschweiger Bevölkerung eingeleitet, begannen am 18. März 1960 und fanden zügig ihren Abschluss.
Bei den Abrissarbeiten ließ man beim Portikus, im Gegensatz zu den meisten anderen Teilen, Rücksicht walten: er wurde vorsichtig zerlegt, nummeriert und in einer Grube am Madamenweg eingelagert. Herausragende Teile wie Reste von Figuren wurden auf dem städtischen Bauhof an der Ludwigsstraße verwahrt, Säulenkapitelle wurden in einem Wasserbecken im späteren Schlosspark aufgestellt. Der Rest wanderte auf das Gelände des Kleingartenvereins Holzenkamp am Madamenweg, wo sie eine Grube mit 45 x 30 Metern füllen.
Nachdem das Stadtbild Braunschweigs, der Stadt Heinrichs des Löwen, mehr als 240 Jahre lang durch ein Residenzschloss bestimmt und geprägt war, einem Schloss, das schließlich auch zu einem nicht unwesentlichen Teil Braunschweiger Identität symbolisierte, hatte ein umstrittenes politisches Ränkespiel in Friedenszeiten vollbracht, was mehr als vierzig schwere und schwerste Luftangriffe im Kriege nicht vermochten: Braunschweig und seine Bürger verloren "unwiederbringlich" einen großen Teil ihrer Geschichte und Identität.
Für die Generationen, die in der 2.Hälfte der 1970er bis in die 1990er Jahre aufgewachsen sind, war der Schlosspark -gerade im Sommer- ein gern angenommener Treffpunkt. Er bot neben Kinderspielplätzen auch Außenschach, sowie die Möglichkeit mitten in der Innenstadt auf einer Wiese auf einer Decke ein Buch zu lesen oder ein Picknick zu machen.
In den letzten 10 Jahren (vor der Rodung) entstand in einigen Teilen des Parks zunehmend eine Drogenszene, die den Ruf des Schloßparks in der Öffentlichkeit eintrübte.
Die Proteste gegen den Abriss des Schlosses sind seit nunmehr 45 Jahren nie ganz verstummt. Bis heute gibt es Stimmen die, ähnlich der Wiedererrichtung des Berliner Schlosses oder der Dresdner Frauenkirche, einen Wiederaufbau des Schlosses fordern.
Die Einweihung der Westfassade am 26. August 2006 ist eine der wenigen Bedingungen, die die Stadt an den Neubau durch das ECE-Konsortium knüpfte, da die Rekonstruktion des Schlosses das Vorzeigeprojekt in der Amtszeit des regierenden Oberbürgermeisters Dr. Gert Hoffmann ist und der Fertigstellung der Schloßfassade in Richtung Bohlweg ein erheblicher Einfluß auf die Kommunalwahlen im Herbst 2006 zugesprochen wird.
Ein Teil des Neubaus soll mit einer Rekonstruktion von drei Seiten der ehemaligen Schloss-Fassade versehen werden. Die Fassaden werden 116 m breit, mit der Quadriga 40 m hoch und an den Seitenflügeln 60 m tief, allerdings nur etwa 18 cm dick, sein. Ein Teil der Rekonstruktion wird aus erhaltenen Originalbauelementen des Ottmer-Baus bestehen, die nach dem Abriss eingelagert oder anderorts (z. B. als Dekoration) verwendet wurden. Diese Schlossfassaden-Rekonstruktion bildet den Haupteingang des Einkaufszentrums. Ein Teil des Einkaufszentrums wird für kulturelle Zwecke genutzt werden, u. a. sollen die Öffentliche Bücherei, das Standesamt und Abteilungen der Braunschweiger Museen aufgenommen werden. Auch die neue, in der polnischen Stadt Posen gefertigte und von dem Braunschweiger Industriellen Richard Borek finanzierte Quadriga soll wieder den Mittelbau krönen.
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