Die Brüderbewegung ist eine im 19. Jahrhundert entstandene freikirchliche Bewegung, deren örtliche Gemeinden zwar selbstständig, aber in Lehre und Praxis eng miteinander verbunden sind. In Deutschland hat sich ein Teil der Gemeinden 1942 mit den Baptisten zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden vereinigt. Weltweit gehörten den verschiedenen Richtungen der Brüderbewegung Ende der 1990er Jahre etwa eine Million Menschen an.
Ursprünglich lehnte es die Brüderbewegung ab, sich einen offiziellen Namen zu geben, da sie sich nicht als besondere Konfession verstand, sondern als "neutraler Boden" außerhalb aller bestehenden Kirchen und Freikirchen, als bloße "Darstellung" der Gemeinde Gottes an einem Ort. Jeder Name hätte sie nach ihrem Selbstverständnis zu einer Gruppe unter vielen gemacht und sie so von den Angehörigen anderer Gruppen getrennt, was sie – wie alle Merkmale einer spezifischen Gruppenidentität – unbedingt zu vermeiden suchte. Da sich die Bewegung jedoch nach außen hin kaum von anderen Freikirchen unterschied und zudem sehr wohl gruppentypische Besonderheiten aufwies, wurde sie bald mit verschiedenen Fremdbezeichnungen belegt. Hinzu kam, dass sich die Bewegung im Laufe der Zeit in mehrere Gruppen spaltete, die sich z.T. gegenseitig ihre Rechtmäßigkeit absprachen. Insofern wurden weitere Bezeichnungen notwendig, um zum Beispiel die "offenen Brüdergemeinden" von den "geschlossenen" zu unterscheiden. Folgende Bezeichnungen für die Brüderbewegung bzw. einzelne ihrer Teile finden heute Verwendung:
Keimzellen der Brüderbewegung waren mehrere kleine Kreise von Christen in Dublin, Irland, die sich regelmäßig zum Bibelstudium versammelten. Zentrum der Lehren war, dass Jünger Christi frei und unabhängig von Denominationen zusammenkommen, das Wort Gottes verkündigen, sich von der Welt absondern und gleichzeitig die Wiederkunft Jesu erwarten sollten. Die Zersplitterung der Christenheit in viele verschiedene Kirchen und Gemeinschaften lehnte man ab und hatte den Wunsch, der Einheit der Gläubigen, die vor Gott trotzdem bestehe (Epheser 4,4a), Ausdruck zu verleihen, indem man verwaltende Organisation so viel wie möglich aufgab und einfach als "lebendiger Organismus" zusammenkam. Jeder überzeugte Christ war willkommen, von welcher Konfession er auch kam. 1829 wagte man es in einem dieser Kreise, zu dem auch der Zahnarzt und spätere Missionar Anthony Norris Groves (1795-1853) gehörte, erstmals auch das Abendmahl zu feiern, da es nicht an eine Institution gebunden sei. Groves war der Überzeugung, "dass Gläubige, die sich als Jünger Christi versammeln, frei seien, das Brot miteinander zu brechen, wie ihr Herr es ihnen anvertraut hat". Bald fand auch der anglikanische Geistliche John Nelson Darby durch den Juristen John Gifford Bellett Kontakt zu diesem Kreis, der der Ursprung der Brüderbewegung werden sollte.
Innerhalb weniger Jahre entstanden auch in Großbritannien ähnliche Kleingemeinden. Durch Benjamin Wills Newton kam Darby zusammen mit George Vicesimus Wigram, dem späteren Herausgeber von Konkordanzen zum biblischen Grundtext, nach Plymouth. Dort gab es einen evangelistisch tätigen ehemaligen Marineoffizier namens Percy Francis Hall, mit dem sie sich zusammenschlossen und im Januar 1832 ebenfalls eine Gemeinde gründeten. Plymouth wurde bald das Zentrum der Bewegung, weshalb die Brüderbewegung lange auch unter dem Namen "Plymouth Brethren" bekannt war. Verschiedentlich gab es Anfeindungen von Seiten der kirchlichen Kreise.
Im Laufe der Zeit erlangte Darby großen Einfluss und wurde der informelle Führer der vor allem auf Heiligung und Absonderung bedachten Richtung der Brüderbewegung. Demgegenüber betonten Georg Müller (1805-1898) und Henry Craik (1805-1866), die sich seit 1832 in der Bethesda-Kapelle im englischen Bristol versammelten, mehr die Aspekte Einheit, Mission und Diakonie. Während Darby die "philadelphische" Gemeinde (vgl. Offenbarung 3,7-13) jenseits aller christlichen Denominationen um den einen Tisch sammeln wollte, legten Müller und seine Gemeinde mehr Wert auf Begegnung und Zusammenarbeit mit aktiven Christen aus anderen Konfessionen. Ursprünglich waren beide Strömungen der Brüderbewegung jedoch noch miteinander verbunden und tauschten sich im Verkündigungsdienst aus.
Zum Bruch kam es im Jahr 1848 über die Frage der überörtlichen Verbindlichkeit von Gemeindeausschlüssen und um Newton und seine Lehren über die Leiden Christi. Die Brüder um Darby entwickelten ein sehr enges Gemeinschafts- und Gemeindeverständnis und verlangten von allen mit ihnen Verbundenen, Gemeindeausschlüsse untereinander anzuerkennen und zu beachten. Die Gemeinde in Bristol und in ihrem Gefolge auch viele andere schlossen sich diesem Weg Darbys jedoch nicht an und nannten sich deshalb später "offene Brüder", während Darbys Gemeinden als "geschlossene" oder "exklusive Brüder" bekannt wurden. (Die Bezeichnung "exklusiv" von lat. excludere entstand, weil dieser Zweig das Mahl des Herrn "ausschließend" feiert im Bewusstsein der kollektiven Verantwortung der örtlichen Versammlung (s.u., gemäß 1. Korinther 10) und nicht nur in persönlicher Verantwortung (1. Korinther 11). Er kommt also nicht daher, dass diese Christen sich für etwas Besseres halten würden oder angesehener wären.)
Kurz vor und nach dem Tod Darbys (1882) wurden mehrere führende Männer der Brüderbewegung (unter anderem William Kelly, Frederick William Grant und Clarence Esme Stuart) aus der Bewegung ausgeschlossen und gründeten eigene Gemeinden, die zum Teil heute noch bestehen. Große Teile konnten aber auch wieder zueinander finden. Die Trennung "offen – geschlossen" existiert dagegen grundsätzlich bis heute.
Sowohl die "geschlossene" als auch die "offene" Brüderbewegung fand den Weg nach Deutschland.
Von Elberfeld aus verbreitete sich die Brüderbewegung schnell, zunächst im Bergischen Land, im Siegerland, im Dillkreis und im Wittgensteiner Land. Brockhaus reiste jedoch auch darüber hinaus lehrend durch Deutschland, die Niederlande und die Schweiz, sodass an vielen Orten neue Gemeinden entstanden (z.T. unter Anfeindungen durch kirchliche Kreise). Um 1900 wurden in den "geschlossenen" Versammlungen 20.000 Anhänger geschätzt.
Mit Darby und anderen Mitarbeitern gab Brockhaus die Elberfelder Bibel heraus, eine wortgetreue Übersetzung der Heiligen Schrift (NT 1855, AT 1871; ab 1960 durchgreifend revidiert und seither nicht mehr so konkordant wie das ursprüngliche Werk). Vom Gedankengut der Brüderbewegung beeinflusst ist auch die von Cyrus I. Scofield bearbeitete Scofield-Bibel, die das dispensationalistische Modell der Heilsgeschichte einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.
Die Geschichte der deutschen "offenen Brüder" beginnt in gewisser Weise bereits 1843 mit einem Besuch Georg Müllers in Stuttgart; später wurde auch eine Gemeinde in Tübingen gegründet. Größere Zahlen von "offenen" Brüdergemeinden entstanden jedoch erst ab Ende des 19. Jahrhunderts. Die "offenen Brüder" standen in Beziehung zu dem Evangelisten Friedrich Wilhelm Baedeker, der durch seine zahlreichen Missionsreisen, die ihn bis zur russischen Strafkolonie Sachalin führten, zum entscheidenden Gemeindegründer der "offenen" Brüderbewegung in West- und Osteuropa wurde. Die "offenen Brüder" suchten auch in Deutschland die Begegnung und Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Sie nahmen an Veranstaltungen der Evangelischen Allianz teil, waren engagiert im "Verband gläubiger Offiziere" und waren Mitbegründer der Allianz-Bibelschule Berlin, der heutigen Bibelschule Wiedenest im Oberbergischen.
Zwischen 5 und 12 % vor allem der "geschlossenen Brüder" verweigerten sich sowohl dem BfC als auch dem BEFG und versammelten sich während der NS-Zeit im Untergrund.
Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus konnten sich die "geschlossenen Brüder" wieder frei versammeln, und viele Mitglieder des BEFG (bald auch ganze Gemeinden) kehrten zu ihnen zurück (diese Richtung wird bis heute als "alte Versammlung" – umgangssprachlich "AV" – bezeichnet). Andere, die dem Bund ebenfalls ohne innere Überzeugung beigetreten waren, wollten jedoch nicht wieder in die "Enge" des "geschlossenen" Brüdertums zurück und formierten sich zu einer dritten Gruppe, die als "bundesfreie Brüder" oder "Freier Brüderkreis" bekannt wurde. Dadurch schrumpften die Brüdergemeinden im BEFG zur kleinsten "Brüder"-Gruppe zusammen: Mitte der 1980er Jahre machten sie nur noch 18 % der Brüderbewegung in der damaligen BRD aus, während 45 % den "geschlossenen Brüdern" und 37 % dem "Freien Brüderkreis" zuzurechnen waren (vgl. Jordy, Die Brüderbewegung in Deutschland, Bd. 3, S. 316).
Seit den 1990er Jahren trennen sich immer mehr "geschlossene" Gemeinden – teils freiwillig, teils gezwungenermaßen – von ihrer Gruppe und nehmen eine "offenere" Position ein. Hintergrund sind v.a. Streitigkeiten über Ausschlussverfahren und über Fragen der Gastzulassung zum Abendmahl. So sind eine Reihe von sog. "blockfreien Brüdergemeinden" entstanden.
Damit gibt es heute (wenn man von der zahlenmäßig unbedeutenden Raven-Gruppe absieht, die nur noch wenig mit den ursprünglichen "Brüder"-Grundsätzen zu tun hat) vier Gruppen von Brüdergemeinden in Deutschland:
Seit ca. 1980 kommt es zunehmend zu Gemeindeneugründungen, die sich allgemein brüdergemeindlich orientieren. Diese Gemeinden haben meist keinen Bezug zur Geschichte der Brüderbewegung, stimmen aber in einem Großteil der Lehren mit den Brüdergemeinden überein und suchen in Konferenzen und Werken die Gemeinschaft mit ihnen. Zu den Werken, die solche Gemeindegründungen fördern, gehören die Deutsche Inland-Mission (DIM) und indirekt die Konferenz für Gemeindegründung (KfG). Gemeinden dieser Art gibt es inzwischen etwa 50 mit ca. 3000 Gliedern.
Die Brüdergemeinden verstehen sich als christliche Gemeinden, die im gemeindlichen Leben wie auch im Lehrverständnis mit anderen freikirchlichen Gruppierungen in weiten Teilen konform gehen. Im Folgenden sollen daher nur die wesentlichen Unterschiede dargestellt werden.
Einige Brüdergemeinden außerhalb des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden lehnen festgeschriebene Organisationsstrukturen ab. Die Zeit der biblischen Gemeindeämter (Hirten, Lehrer, Älteste und Diakone) ist entsprechend ihrer dispensationalistischen heilsgeschichtlichen Schau der Kirchengeschichte unwiederbringlich vorbei. Einer der Gründe: Es gibt keine Apostel mehr; nur sie konnten – so die Sicht einiger Brüdergemeinden – in die genannten Ämter berufen. Für die Gegenwart gilt allein das Wort Jesu: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte" (Matthäus 18,20). Über die Fragen des Gemeindelebens wird in so genannten "Brüderstunden" gesprochen, zu denen Brüder eingeladen sind, die der Gemeinde durch ihren Dienst vorstehen. Bei den Beschlüssen wird Einmütigkeit angestrebt. "Bewährte" und begabte Brüder werden von der Brüderversammlung mit der Durchführung der Gesprächsergebnisse beauftragt.
Da im Bereich der Vermögens- und Immobilienverwaltung ein gewisses Maß an Organisation von staatlicher Seite vorgeschrieben ist, hat man innerhalb vieler Brüdergemeinden einen kleinen Trägerverein gegründet, der die genannten Aufgaben übernimmt. Dieser Verein ist meist als gemeinnützig anerkannt und kann auch die erforderlichen Spendenquittungen ausstellen.
Die überregionale Verbindung zwischen den einzelnen Ortsgemeinden wird vor allem durch mehrmals jährlich stattfindende Bibelkonferenzen gefördert. Bekannte Konferenzen der BEFG-Gemeinden waren/sind u.a. die Berlin-Hamburger und die Köln-Elberfelder Konferenz; beim "Freien Brüderkreis" ist es die Dillenburger Konferenz, bei den "geschlossenen Brüdern" die Hückeswagener und die Dillenburger Konferenz. Im Jugendbereich erfreut sich die Wiedenester Konferenz zu Pfingsten großer Beliebtheit. Von mehreren Brüdergemeinden fest angestellte Reiseprediger tragen ebenfalls zur Vernetzung der Gemeinden bei.
Zu einem großen Teil wird in den Brüdergemeinden die Gläubigentaufe – fälschlicherweise oft als Erwachsenentaufe bezeichnet – praktiziert. Hier entscheidet sich der Einzelne bewusst für den Glauben an Jesus Christus und meldet sich bei Brüdern seines Vertrauens, um getauft zu werden. Eine Ausnahme bilden hier die Raven-Brüder, die auch Säuglinge taufen, sofern sie einer Gemeindefamilie entstammen und ihre christliche Erziehung gewährleistet ist. Diese auf John Nelson Darby zurückgehende Taufpraxis (auch Haustaufe genannt) wird in Frankreich und in der französischen Schweiz auch von den "geschlossenen Brüdern" geübt, während sie sich unter den deutschen "geschlossenen Brüdern" nicht durchsetzen konnte.
Die Taufe findet in einem größeren Becken (Baptisterium) statt, in dem der Täufling ganz untergetaucht wird (entsprechend der biblischen Taufpraxis). Diese Becken befinden sich häufig im Versammlungsraum der Gemeinde; die Taufe kann aber zum Beispiel auch im Schwimmbad, in einem offenen Gewässer oder in der Badewanne einer Privatwohnung vollzogen werden.
Das sonntägliche Abendmahl – die Brüdergemeinden bezeichnen es als "Brotbrechen" – bildet das geistliche Zentrum des gemeindlichen Lebens. Die Gestaltung der Feier unterliegt keiner festgeschriebenen Liturgie, hat jedoch oft folgende Elemente: Die Gemeinde versammelt sich in aller Stille um den Abendmahlstisch, auf dem sich Brot und Wein befinden. Die beiden Substanzen des Abendmahls werden als Zeichen des Todes Jesu Christi, aber auch als "Zeichen der Liebe Gottes" verstanden. Nicht Menschen, sondern der Heilige Geist soll die Feier gestalten. Er bewegt nach Auffassung der "Brüder" verschiedene Männer der Gemeinde, zur Gestaltung der Feier beizutragen. So werden in nicht festgelegter Reihenfolge freie Gebete gesprochen, gemeinsam zu singende Lieder vorgeschlagen und Bibeltexte gelesen, mitunter auch kurze Ausführungen dazu. In den meisten Brüdergemeinden schweigen die Frauen – abgesehen vom gemeinsamen Gesang – im Gottesdienst; in konservativen Gemeinden insbesondere der "geschlossenen" Richtung sitzen sie auch von den Männern getrennt.
Am Abendmahl teilnehmen kann in der Regel nur, wer dazu zugelassen wurde. Dies setzt den persönlichen Glauben an Jesus Christus, die Gläubigentaufe und ein Gespräch mit den Brüdern voraus, die den Betreffenden der Gemeinde vorschlagen. Erfolgen keine Bedenken, darf derjenige mit am Brotbrechen teilnehmen. In einigen Gemeinden müssen auswärtige Abendmahlsteilnehmer ein Empfehlungsschreiben ihrer Heimatgemeinde vorlegen oder zumindest glaubhaft versichern, dass sie auch dort "in Gemeinschaft sind".
Brüdergemeinden haben in der Regel keinen Pastor oder fest angestellten Prediger. Die Predigt halten Mitglieder der Gemeinde, die sich dazu in der Lage fühlen, ebenso wie Gastprediger. Es kommt selten vor, dass ein und derselbe Prediger an zwei aufeinander folgenden Sonntagen den Verkündigungsdienst versieht (sehr kleine Gemeinden ausgenommen). Man möchte so dem biblischen Grundsatz des "Priestertums aller Gläubigen" entsprechen. Außerdem verhindere die wechselnde Predigtverantwortung die Verengung der Verkündigung auf eine einseitige Lehre.
In den Brüderversammlungen nahm man das Schweigegebot für Frauen (1. Korintherbrief 14,33) früher ernst, interpretiert es heute jedoch unterschiedlich. Früher beteiligten sich Frauen nur am gemeinsamen Gesang; in den meisten Gemeinden beteiligen sie sich heute aber auch am Gebet, an der Schriftlesung, Bibelauslegung und dem Bibelgespräch. Frauen führen aber keine "Wortverkündigung" (Predigt) durch und leiten die Gemeinde nicht (1. Timotheusbrief 2,12). In vielen Gemeinden (vor allem des BEFG) ist eine immer stärker werdende Beteiligung von Frauen in den Zusammenkünften zu bemerken.
Brüderbewegung | Endzeitgemeinde
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