Grimm.jpg (links) und Jacob Grimm von Elisabeth Maria Anna Jerichau-Baumann, 1855]] Gebrueder_Grimm.jpg ]]
Die Brüder Grimm, oft auch Gebrüder Grimm genannt Jacob (* 4. Januar 1785 in Hanau, † 20. September 1863 in Berlin) und Wilhelm Grimm (* 24. Februar 1786 in Hanau, † 16. Dezember 1859 in Berlin), sind als Sprachwissenschaftler und Sammler von Märchen (Grimms Märchen) bekannt. Sie gelten gemeinsam mit Karl Lachmann und Georg Friedrich Benecke als 'Gründungsväter' der Deutschen Philologie bzw. Germanistik.
In diesem Artikel wird insbesondere das Gemeinsame in Leben und Arbeit der beiden Brüder dargestellt. Zu den einzelnen Lebensläufen siehe die Einzelartikel Jacob Grimm und Wilhelm Grimm.
„Die Gemeinsamkeit und gegenseitige Ergänzung der beiden Brüder in Hinsicht auf deutsche Wissenschaft und Politik, Überzeugungstreue, Arbeitskraft und Richtung ihres Wirkens steht als ein seltenes Beispiel da...“ (Meyers Konversationslexikon von 1888). Diese vereinheitlichende Sicht auf die gemeinsame Leistung der Brüder mag der Grund dafür sein, dass sie meistens im Doppelporträt dargestellt werden.
Nach dem Tod der Mutter musste Jacob Grimm mit 21 Jahren als Ältester der Familie für deren Unterhalt sorgen. Seit 1807 hatten Jacob und Wilhelm Aufsätze über Minnesang in Fachzeitschriften veröffentlicht. Nach dem Kuraufenthalt Wilhelms in Halle waren die Brüder wieder gemeinsam in Kassel, und 1811 veröffentlichten sie ihre ersten selbständigen Bücher: Jacob über „Altdeutschen Meistersang" und Wilhelm Grimm „Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen". 1812 folgten das erste gemeinsame Buch der Brüder (eine Ausgabe des althochdeutschen Hildebrandlieds und des Wessobrunner Gebets) und zu Weihnachten der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen". Zu dieser Zeit versuchten sich die Brüder auch an einer deutschen Ausgabe der „Edda" sowie des „Reineke Fuchs". Von der Edda erschien 1815 nur ein erster Band, der keine Fortsetzung fand, da die Brüder Grimm auf diesem Gebiet von anderen Forschern überholt wurden. Den „Reinhart Fuchs" in mehreren mittelalterlichen Versionen gab Jacob erst 1834 - dann allerdings mit einer umfangreichen Einleitung über das Wesen des Tierepos heraus. Von 1813 bis 1816 brachten die Brüder darüber hinaus drei Bände der Zeitschrift „Altdeutsche Wälder" heraus, die altdeutsche Literatur zum Inhalt hatte und dann wieder eingestellt wurde.
1814 bezogen die Geschwister Grimm eine Wohnung im Wilhelmshöher Tor. Bereits 1815 veröffentlichte Jacob neben einem Buch zur mythologischen Deutung von Götterbildern und -säulen („Irmenstraße und Irmensäule") auch „Silva de romances viejos", eine kritische Auswahl altspanischer Romanzen.
1815 konnten die Brüder den zweiten Band der „Kinder- und Hausmärchen" vorlegen, im Jahr 1819 wurde der erste Band stark überarbeitet neu aufgelegt: Es kamen weitere Märchen hinzu, etwa ein Viertel der Geschichten wurde gestrichen und fast die Hälfte der verbliebenen Märchen überarbeitet, häufig um die als anstößig empfundenen erotischen Anspielungen zu beseitigen. Die Anmerkungen zu den Märchen beider Bände wurden 1822 als dritter Band veröffentlicht. Im Jahr 1825 erfolgte die Herausgabe einer „Kleinen Ausgabe" der Kinder- und Hausmärchen in einem Band, die maßgeblich zur Popularität des Stoffes beitrug. Für diese Aufgabe konnten die Brüder ihren Bruder Ludwig Emil als Illustrator gewinnen. Ab 1823 wurde eine illustrierte englische Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Bereits zu Lebzeiten der Brüder erschienen sieben Auflagen der großen deutschen Ausgabe der Märchen und zehn Auflagen der kleinen Ausgabe.
In den Jahren 1816 und 1818 erschienen die beiden Bände einer Sagensammlung („Deutsche Sagen“), die allerdings nicht den breiten Erfolg hatte wie ihre Märchensammlung. Die Brüder hatten zuvor gleichermaßen Märchen und Sagen gesammelt. Eine gattungsmäßige Abgrenzung kann nur schwer erfolgen und wurde auch durch die Brüder nicht konsequent durchgeführt. Definitionsversuche beziehen sich beispielsweise darauf, ob die Sagen von Erzählern und Publikum im allgemeinen geglaubt wurden, die Märchen hingegen nicht, oder dass Sagen an konkrete historische oder örtliche Bezugspunkte gebunden sind, während die Märchen zeitlich und lokal nicht näher fixiert sind. Beide Gattungen sind Erzählformen aus der mündlichen Überlieferung, wobei die Brüder Grimm sie für ihre Sammlungen zu großen Teilen nur über schriftliche Zwischenstufen gewannen. Die Sagensammlung wurde zu Lebzeiten der Brüder nicht neu aufgelegt.
Eine weitere herausragende Leistung von Wilhelm ist „Die deutsche Heldensage“, eine Schrift, die nicht nur eine Sammlung von Sagen vom 6. bis zum 16. Jahrhundert darstellt, sondern wertvolle Aufsätze zu Stoffen, ihrer Geschichte und der künstlerischen Verarbeitung enthält. Im Verlauf der Arbeiten an den Sagen und Volksmärchen entwickelten die Brüder die „indogermanische Hypothese“.
Im Alter von 30 Jahren hatten sich Jacob und Wilhelm Grimm bis ins zweite Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts durch ihre zahlreichen Publikationen bereits eine herausragende Stellung erarbeitet. Sie lebten gemeinsam in Kassel, bis 1814 nur von Jacobs Gehalt und aus dem ererbten Familienvermögen. Neben der formellen offiziellen Tätigkeit als Bibliothekar (Jacob) bzw. Sekretär der Bibliothek (Wilhelm) konnten sie vor Ort ihre eigenen Forschungen vorantreiben, die im Jahr 1819 von der Universität in Marburg mit einer Ehrendoktorwürde honoriert wurden.
Ohne Förderer und Gönner hätten die Brüder Grimm über Jahre nicht in diesem Maße publizieren können. Aus der frühen Zeit sei hier Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen genannt. Nach deren Tod 1820 bzw. dem Tod des Kurfürsten 1821 mussten die Brüder das Haus in der Wilhelmshöher Straße räumen und gemeinsam mit ihrer Schwester Lotte eine schlechtere Wohnung beziehen. Lotte, die den Brüdern bislang den Haushalt geführt hatte, heiratete wenig später und verließ die Brüder, die fortan mehrfach die Wohnungen wechselten und über mehrere Jahre einen gemeinsamen Junggesellenhaushalt führten.
In diesem bahnbrechenden Werk verfolgte Jacob als Erster die Entwicklung der (heute „indoeuropäisch“ genannten) Sprachen und die Gesetze des Lautwechsels bei Vokalen und Konsonanten. Damit legte er das Fundament für die moderne Etymologie, die Forschung zum Bedeutungswandel in verschiedenen (verwandten) Sprachen. Jacob schrieb hierzu selbst: „Wissenschaftliche Wortforschung konnte weder bei Griechen und Römern, geschweige in unserem Mittelalter gedeihen... Solchem ratlosen und unbehaglichen Schweifen auf dem wogenden Meer der Wörter wurde endlich gesteuert durch den Vortritt der bisher noch unerforschten Sanskritsprache sowie den Zutritt der deutschen, slawischen, litauischen und der übrigen europäischen Idiome in den wissenschaftlichen Kreis der Untersuchungen.“ Ihm war auch klar, dass die Vertreter der klassischen Philologie (Latein, Griechisch und Hebräisch) kein Interesse daran hatten, weitere Sprachen näher zu untersuchen, da sie diese als barbarisch ansahen.
Jacob Grimm hatte jedoch Vorläufer: 1787 hatte William Jones in Bengalen auf Grund des Aufbaues und der Wortwurzeln das Sanskrit mit den altpersischen, griechischen, lateinischen, gotischen und keltischen Sprachen verglichen - dies jedoch noch nicht systematisch. Der junge Däne Rasmus Christian Rask hatte - einer Forderung Wilhelm von Humboldts folgend - ebendies in Angriff genommen. Jacob Grimm kannte (und besprach) dessen Schrift und begann, Wortbildung und Lautentwicklung im Altnordischen mit denen im Slawischen bzw. Griechischen zu vergleichen. In der Deutschen Grammatik wurden erstmals die frühesten, dann die späteren und schließlich die jüngsten Entwicklungsstufen der betrachteten Sprachen vergleichend behandelt. In der zweiten Auflage konnte er die Erkenntnis darlegen, dass die von Rask aufgedeckten lautlichen Entsprechungen nicht (zufällige) Einzelerscheinungen waren, sondern einer Gesetzmäßigkeit folgten. Diese Regel wird von angelsächsischen Forschern bis heute Grimm’s law genannt. Er erkannte auch, dass es nicht nur eine, sondern zwei derartige Verschiebungsphasen gegeben hatte.
Erst als Wilhelm im Mai 1825 Henrietta Dorothea Wild geheirate hatte, festigten sich die Lebensumstände der Brüder wieder, die weiterhin, nun zu dritt, zusammenlebten. Wilhelm und „Dortchen" wurden alsbald Kinder geboren (1828 Herman Grimm) und von häufigen Reisen der Grimm-Brüder wird berichtet.
Wie bereits früher schon widmete Jacob sich auch in dieser Zeit der Namenkunde: er schrieb über die germanischen Göttinnen Tanfana und Freia, die thrakische Göttin Bendis und ihre Namen, über hessische Ortsnamen, den Namen des Landes Westfalen, und untersuchte Gesetzmäßigkeiten bei der Bildung von Eigennamen. Er wies darauf hin, dass in Namen frühe Wortformen bewahrt sein können, die in der Umgangssprache untergegangen sind.
In politischer Hinsicht arbeiteten die Brüder Grimm mit darauf hin, die damaligen deutschen Kleinstaaten zu vereinen, sowohl indirekt durch die Erforschung der deutschen Kulturgeschichte als auch durch politische Aktivitäten, von politischer Publizistik bis zu Jacob Grimms Tätigkeit als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung 1848. Jacob und Wilhelm halfen mit, die Menschenrechte in Deutschland zu formulieren. Für eine Streitschrift gegen einen Verfassungsbruch des Königs von Hannover, König Ernst August II., wurden sie, und mit ihnen fünf andere Professoren, entlassen und Jacob des Landes verwiesen (Göttinger Sieben).
In dieser Situation unterbreiteten die Leipziger Verleger Karl Reimer und Salomon Hirzel ihnen den Vorschlag für das „Deutsche Wörterbuch", „den Grimm", der ohne diese Göttinger Entlassung so nicht entstanden wäre. Sie selbst arbeiteten das Wörterbuch bis zum Buchstaben D (Wilhelm) bzw. F (Jacob) aus.
Es war dies bei weitem das anspruchsvollste Vorhaben, das die Brüder sich vornahmen: diese Sammlung sämtlicher Wörter aus der Zeit „von Luther bis Goethe“ sollte eine Anleitung für Schreibende und Leser sein, aber vornehmlich eine universale Referenz für gelehrte Untersuchungen. Historische Varianten der Schreibweise, der Bedeutung, ihre Herkunft aus untergegangenen Sprachen wurden ebenso dargestellt wie die Verwendung im zeitgenössischen Sprachgebrauch oder in Fachsprachen; dies wurde nicht nur anhand einer Fülle von Quellenangaben dargestellt sondern auch mit einer Vielzahl an Zitaten.
Rund 20 Jahre lang lebten sie in Berlin, nunmehr unbelastet von finanziellen Ungewissheiten. In den „Kleineren Schriften", die sie in dieser Zeitspanne verfassten, ist vieles Lesenswertes über ihre Forschungen, ihre Interessen und ihre liberalen politischen Ansichten zu finden. Auch die „Geschichte der deutschen Sprache" entstand in dieser Zeit, ein erster Versuch, Sprachgeschichte mit Sozialgeschichte zu verknüpfen.
Wilhelm Grimm verstarb 1859, sein Bruder Jacob 1863. Viele Institutionen in ganz Europa waren stolz, dass sie sie zu ihren (Ehren-)Mitgliedern zählen konnten. Auch im Tod sind sie beisammen: sie liegen auf dem Matthäikirchhof in Berlin. Grabstätte Grimm.jpg
Georg Curtius schrieb 1871 über Jacob Grimm, sein ungestümes Schaffen habe dringend des Korrektivs kritischerer Geister bedurft: „…Auch traf es sich glücklich, dass Wilhelm Grimm, weniger kühn und umfassend, aber auf beschränkteren Feldern fein und sorgfältig, dem verwegenen Jacob zur Seite stand.“ So ergänzten sich der Wegweiser und der Moderator und eröffneten den Geschichts- und Sprachforschern ungeahnte, weite Arbeitsgebiete.
Personengruppe | Autor | Literatur (19. Jh.) | Literatur (Deutsch) | Erzählforschung | Märchenforschung | Sachliteratur | Kassel | Hanau
الأخوان غريم | Братя Грим | Bratři Grimmové | Brødrene Grimm | Brothers Grimm | Fratoj Grimm | Hermanos Grimm | Grimmin veljekset | Jacob et Wilhelm Grimm | האחים גרים | Braća Grimm | Grimm fivérek | Fratelli Grimm | グリム兄弟 | 그림 형제 | Bridder Grimm | Gebroeders Grimm | Brødrene Grimm | Bracia Grimm | Irmãos Grimm | Fraţii Grimm | Братья Гримм | Bröderna Grimm | 格林兄弟
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Brüder Grimm".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world