Das Bohr-Sommerfeldsche Atommodell, Sommerfeldsche Atommodell oder die Sommerfeld-Erweiterung ist eine physikalische Beschreibung der Elektronenbahnen in einem Atom. Es wurde 1915/16 von Arnold Sommerfeld vorgeschlagen und stellt eine Verfeinerung des Bohrschen Atommodells dar.
Überblick
Wie das Bohrsche ist auch das Bohr-Sommerfeldsche Modell eine
semiklassische Beschreibung. Es wird also angenommen, dass sich die Elektronen um den
Atomkern nach den Bewegungsgleichungen der
klassischen Mechanik bewegen. Quantentheoretische Prinzipien werden durch zusätzliche
Quantisierungsbedingungen (
Bohr-Sommerfeld-Quantisierung) eingeführt. Diese Quantisierungsbedingungen führen dazu, dass nur eine kleine Teilmenge der Bahnen, die nach der klassischen Mechanik möglich wären, erlaubt sind. Als Folge davon können auch die mit der Bahnbewegung verbundenen
Erhaltungsgrößen (
Energie,
Drehimpuls) nicht mehr beliebige, sondern nur noch bestimmte,
diskrete Werte annehmen. Diese sind also "gequantelt".
Obwohl die Vorstellung von definierten Teilchenbahnen in der Quantenmechanik um 1925 zugunsten von bloßen Wahrscheinlichkeitsverteilungen (Orbitalen) aufgegeben wurde, bleibt das Bohr-Sommerfeldsche Atommodell wegen seiner Anschaulichkeit von hohem didaktischem Wert; es reicht aus, um qualitativ den Aufbau des Periodensystems der chemischen Elemente zu erklären.
Geometrie der Elektronenbahnen
Während im Modell von
Bohr die möglichen Bahnen des Elektrons Kreise um den
Atomkern sind, führt Sommerfeld allgemeinere
Ellipsenbahnen ein, der Kreis kommt noch als Spezialfall der Ellipse vor. Der Kern befindet sich nach diesem Modell in einem der
Brennpunkte einer Bahnellipse, so dass sich eine geometrische Konfiguration wie bei den Planetenbahnen nach den
Keplerschen Gesetzen ergibt. Auf den Ellipsen bewegt sich das Elektron wie auf den Bohrschen Bahnen ohne Emission
elektromagnetischer Strahlung, wie sie nach der klassischen
Elektrodynamik auftreten müßte.
Das Bohr-Sommerfeldsche Modell stellt also ein Keplersches Planetensystem im Kleinen dar, während das Bohrsche der älteren Kopernikanischen Vorstellung entspricht. Die Analogie zur Planetenbewegung um die Sonne ist naheliegend, da die Kraftfelder der Coulombkraft des Atomkerns und der Gravitation der Sonne die gleiche Form haben: die Kraft F ist proportional zum reziproken Abstandsquadrat:
- .
Quantenzahlen
Eine Ellipse kann nicht mehr wie ein Kreis durch einen Parameter (
Radius) beschrieben werden, sondern dazu benötigt man zwei (z. B. große und kleine Halbachse). Deshalb sind bei Ellipsenbahnen auch zwei
Quantenzahlen notwendig, um den Bahnparameter und damit den Zustand des Atoms zu beschreiben.
- die Hauptquantenzahl n wird aus dem Bohrschen Modell übernommen, ist aber nicht mehr mit einem bestimmten Drehimpuls verbunden, sondern gibt nur noch das Energieniveau an.
- hinzu kommt die Neben- oder (Bahn-)Drehimpulsquantenzahl l, deren Wertebereich von der Hauptquantenzahl n abhängt, in dem sich das Atom befindet; l kann als Werte Natürliche Zahlen von 0 bis n-1 annehmen.
Diese beiden Quantenzahlen reichen, um eine Ellipse in der Ebene zu beschreiben. Um die Lage der Ellipsenebene im dreidimensionalen Raum zu kennzeichnen, führte Sommerfeld noch eine weitere Quantenzahl ein
- die magnetische Quantenzahl m. Der Wertebereich dieser Quantenzahl ist abhängig davon, welche Nebenquantenzahl l das Elektron gerade hat, m kann die Werte 0,-1,+1,...,-l,+l annehmen.
- Außerdem gibt es noch die Spinquantenzahl s, welche die Rotationsrichtung – rechts herum oder links herum - also den Spin angibt. Sie wird mit den Werten +½ oder -½ beziehungsweise den Symbolen ↑oder ↓ angegeben. Diese Quantenzahl resultiert nicht aus Sommerfelds Quantisierungsbedingungen, sondern wurde später aufgrund experimenteller Befunde (z.B. Stern-Gerlach-Versuch) ins Modell eingefügt.
Nebenquantenzahl
Bohr-sommerf.png im Bohr-Sommerfeldschen Atommodell für n=1,2,3; Skalenwerte in
m.]]
Während im Bohrschen Modell mit der Hauptquantenzahl n sowohl Bahndrehimpuls als auch Energieniveau eindeutig festgelegt sind, gilt dies im Bohr-Sommerfeld Modell nur für die Energie. Zu einer Hauptquantenzahl n gibt es hier n verscheidene Bahnen mit jeweils einem eigenen Bahndrehimpuls, der durch die Neben- oder Drehimpulsquantenzahl festgelegt ist.
In der geometrischen Betrachtung wird jede erlaubte Kreisbahn im Bohrschen Modell, welche
durch die Hauptquantenzahl n charakterisiert ist, durch ein System von Ellipsen ersetzt, wobei die Zahl der Ellipsen gleich n ist. Jede Ellipse entspricht genau einem Drehimpuls, mit der Drehimpulsquantenzahl l werden die Ellipsen des Systems in der Weise durchnummeriert, dass l=0 die am meisten gestreckte Ellipse (größte numerische Exzentrizität) und l=n-1 einem Kreis, welcher der Bohrschen Bahn entspricht, ist. Die große Halbachse einer Ellipse ist gleich dem Radius der Kreisbahn im Bohr-Modell.
Für den Betrag des Bahndrehimpulses L im Bohr-Sommerfeld-Modell gilt:
- .
Dieses Ergebnis weicht von den Ergebnissen der späteren Quantenmechanik ab. Dort lautet der Zusammenhang:
- .
Dabei ist
die
Plancksche Konstante geteilt durch
.
Magnetische Quantenzahl
Das sich um den Atomkern bewegende Elektron erzeugt ein statisches
Magnetfeld, dessen Richtung (Feldvektor) senkrecht zur Ellipse steht. Bringt man das Atom in ein äußeres Magnetfeld, dann richtet es sich so aus, dass sein Feldvektor mit dem des äußeren Feldes nur bestimmte diskrete Winkel einschließen, der durch die magnetischen Quantenzahl beschrieben ist.
Radiale und azimutale Quantenzahl
Statt n und l werden auch zwei andere Quantenzahlen verwendet, die radiale Quantenzahl n
r und die
azimutale Quantenzahl n
φ. Diese resultieren direkt aus der Bohr-Sommerfeld-Quantisierung. Die Quantenzahlen können nach folgenden Formeln ineinander umgerechnet werden:
n = n
r + n
φ
l = n
φ - 1
n
r = n - l - 1
n
φ = l + 1
Die Wertebereiche sind:
n
r = 0,..., n-1
n
φ = 1,..., n
Verbesserung gegenüber dem Bohrschen Atommodell
Der Fortschritt des Bohr-Sommerfeldschen Atommodells gegenüber seinem Vorgänger besteht vor allem darin, daß es die
Feinstruktur des
Wasserstoffspektrums erklären kann und berechenbar macht. Dies ist möglich, wenn man Effekte berücksichtigt, die aus der
Speziellen Relativitätstheorie folgen. Diese Effekte bewirken, dass die Bahnen keine geschlossenen Ellipsenbahnen mehr sind, sondern Rosettenbahnen (Analogie zur
Periheldrehung des
Merkur im Sonnensystem). Die Effekte sind um so stärker, je größer die numerische Exzentrizität der Ellipse ist. Dies führt weiterhin dazu, dass die Energie auch vom Bahndrehimpuls abhängt, also die unterschiedlichen Bahnen zu einer Hauptquantenzahl nun nicht mehr exakt das gleiche Energienivau haben. Dies ist die Ursache für die Feinstruktur der
Spektrallinien: untersucht man bestimmte Spektrallinien genauer, stellt man deshalb fest, dass diese in Wirklichkeit aus dicht beeinanderliegenden Linien besteht, die zu unterschiedlichen Werten der Drehimpulsqunatenzahl l bei gleicher Hauptquantenzahl n gehören.
Siehe auch
Atomphysik | Quantenphysik