Blickbewegung, engl. eye movement, bezeichnet die Bewegungen des menschlichen Auges. Der Begriff wird im Deutschen nur auf solche Augenbewegungen angewandt, die in Verbindung mit dem Wahrnehmungsprozess stehen, ansonsten spricht man von Augenbewegungen. Letztere werden im Unterabschnitt Augenbewegungen ohne Wahrnehmung erläutert.
Der Begriff wird oft synonym verwendet mit Blickbewegungsforschung. Diese erforscht die Zusammenhänge zwischen Augenbewegungen und Verarbeitungsprozessen im Gehirn und verbindet als Teil der Psychologie nicht nur Wahrnehmungs-, Kognitions- und Werbepsychologie, sondern unterstützt auch Disziplinen wie die Linguistik, die Sicherheitstechnik oder die Erforschung von Benutzerfreundlichkeit. Dabei werden mittels Blickbewegungsregistrierung, engl. eye tracking, der maschinellen Messung und Aufzeichnung der Augenbewegungen, zunächst Daten gewonnen, die dann anschließend durch die Blickbewegungsanalyse wissenschaftlich ausgewertet werden.
Die Bewegungen der Augen beim Menschen lassen sich in sieben verschiedene Formen untergliedern. Betrachtet man ein Objekt ohne die Augen zu bewegen, so spricht man von einer Fixation, während die fokussierte Stelle im Raum Fixationspunkt genannt wird. Doch schon während dieser vermeintlichen Ruhephasen treten drei sogenannte kleine oder auch unbewusste Augenbewegungen auf: Der Nystagmus ist eine beständige leichte Zitterbewegung ("Tremor") des gesamten Auges. Er dient dazu, die Funktion der visuellen Rezeptoren der Netzhaut aufrecht zu erhalten, da er das einfallende Bild ständig leicht variiert. Durch ungenügende Kontrolle des Okulomotors, des aus Muskeln bestehenden Bewegungsapparates des Auges, kommt es gelegentlich zur Drift, d.h. das Auge verliert ungewollt seinen Fixationspunkt. Diese Drift wird durch Microsaccaden wieder ausgeglichen: sobald das Abdriften bemerkt wird, wird das Auge durch eine kurze, ruckhafte Bewegung wieder auf den Fixationspunkt eingestellt. Besonders Kinder müssen erst lernen, ihre Augenbewegungen genau zu kontrollieren und weisen daher eine höhere Rate von Drifts und Microsaccaden auf als Erwachsene.
Neben diesen kleinen Bewegungen unterscheidet man noch die vier großen oder auch bewussten Augenbewegungen: Die Vergenz bezeichnet das Gegeneinanderneigen der Blickachsen um Objekte unterschiedlicher Entfernung zu fixieren; im Volksmund ist eine besonders starke Vergenz besser als "Schielen" bekannt. Vestibuläre Augenbewegungen dienen dazu, einen Fixationspunkt zu halten, obwohl sich der Kopf oder auch der ganze Körper davon wegdrehen. Als Saccade oder auch Saccadensprung bezeichnet man die schnelle und ruckhafte Bewegung, mit der ein Auge bewusst von einem Fixationspunkt zum nächsten bewegt wird. Saccaden weisen eine ganze Reihe von Besonderheiten auf und werden daher weiter unten eingehender erläutert. Eine ganze Kette von Fixationen und Saccaden bildet die als Verfolgung bezeichnete Bewegung. Bei dieser folgt der Blick einem beweglichen Objekt, indem sich Fixationen und Saccaden abwechseln. Diese Verfolgungsbewegungen bestimmen das menschliche Sehverhalten sehr stark; so ist es z.B. nicht möglich auf einen Fluss zu sehen, ohne dass der Blick "mittreibt".
Fixationen und Saccaden machen den größten Teil der bewussten Augenbewegungen aus. Während einer Fixation nimmt das Auge über die Netzhaut Informationen aus der Umgebung auf und leitet diese nach einer Vorverarbeitung an das Gehirn weiter. Während einer Saccade hingegen nimmt das Auge keine visuellen Informationen auf. Man ist in dieser Phase tatsächlich blind und sieht darin eine der Mitursachen der Unaufmerksamkeitsblindheit, also der Unempfänglichkeit für visuelle Reize durch mangelnde Aufmerksamkeit. Allerdings konnte experimentell bestätigt werden, dass während dieses Wahrnehmungsausfalls die Verarbeitung der zuletzt empfangenen Daten sehr wohl fortgesetzt wird.
Augenbewegungen sind sehr individuell und können selbst bei der selben Person unter verschiedenen Bedingungen sehr unterschiedlich ausfallen. Die Dauer der Fixationen und das Muster und die Längen der Saccaden sind nicht nur abhängig von allgemeinen Eigenschaften wie Geschlecht und Alter, sondern richten sich auch stark nach Gewohnheiten, Fähigkeiten, Interesse und Absichten des Betrachters. Auch biologische Faktoren wie etwa Drogen- oder Koffeinkonsum können die Augenbewegungen sehr stark beeinflussen. Die für die Forschung wichtigste Eigenschaft ist jedoch die starke Veränderung der Augenbewegungen aufgrund der dargebotenen visuellen Reize, z.B. der Schwierigkeit eines Textes oder der Komplexität eines Bildes. Erst diese Abhängigkeit legt die Eye-Mind Hypothese nahe, nämlich dass das Sehen und die kognitive Verarbeitung des Gesehenen sich gegenseitig beeinflussen und experimentell begründbare Rückschlüsse aufeinander zulassen. Den Vorgang des Sehens selbst bezeichnet man deshalb heute auch als Intentionales Sehen, also einer aktiven, bewusst gesteuerten Handlung durch den Sehenden.
Um einen Überblick über die Bedeutung und die Fähigkeiten der Blickbewegungsforschung zu geben, werden hier stellvertretend einige aktuelle Forschungsgebiete dargestellt. Es gibt jedoch noch zahlreiche weitere Fragestellungen, mit der sich die Blickbewegungsforschung beschäftigt. Im Allgemeinen wird die Blickbewegungsanalyse jedoch eingesetzt, um Theorien zu falsifizieren oder zwischen zwei konkurrierenden Modellen das wahrscheinlichere herauszufinden.
Durch seine spezielle Funktionsweise nimmt das Auge kein kontinuierliches Bild der Umgebung auf, sondern viele nicht direkt aneinanderreihbare Einzelbilder. Das Zusammenfügen dieser Bilder, auch Integration genannt, ist nach wie vor Untersuchungsobjekt der Forschung. Ein bloßes Aneinanderfügen der Bilddaten, wie es etwa in der Erzeugung von Panoramabildern in der Bildverarbeitung praktiziert wird, ist jedoch heute experimentell widerlegt. Stattdessen legen die bisherigen Untersuchungsergebnisse nahe, dass die Daten durch höherwertige, abstraktere Informationseinheiten zusammengeführt werden. Beim Lesen dient vermutlich der Klang eines Wortes (seine phonetischen Eigenschaften) als Grundlage der Integration, beim Betrachten realer Szenen scheinen verbale Beschreibungen der gesehenen Objekte die Ausgangsbasis zu bilden.
Durch die Blickbewegungsregistrierung sind heute die typischen Blickbewegungen beim Lesen bekannt. Im westlichen Raum verlaufen dabei die Saccaden von links nach rechts und oben nach unten - sie folgen also einer imaginären Diagonale, die durch die Leserichtung vorgegeben ist. Daneben kommt es aber auch zu Regressionen, Saccaden die der Leserichtung entgegengesetzt sind und zu bereits gelesenen Textstellen zurückführen. Diese Regressionen werden oft gezielt provoziert und untersucht, denn sie geben Auskunft darüber, wie Sätze in ihrer Struktur analysiert und ihr Bedeutungsinhalt ermittelt wird.
Je nach Erfahrung des Wahrnehmenden, Schwierigkeit des Textes und dem Kontext der Informationsaufnahme variieren die messbaren Attribute in der folgenden Weise: Mit zunehmendem Anspruch und sinkender Vorhersagbarkeit der visuellen Information werden die Saccaden kürzer und die Fixationsphasen länger. Bei mehrdeutigen und missverständlichen Textinhalten nimmt der Anteil der Regressionen zu.
Es gibt zwei konkurrierende Modelle, die versuchen zu erklären, wie Leser ihre Augenbewegungen festlegen. Das cognitive process model behauptet, dass der Blick erst dann zum nächsten Wort springe, wenn eine bestimmte Auslösebedingung erfüllt sei. Diese Bedingung solle der "lexikalische Zugriff" sein, also der Moment indem ein Wort eindeutig identifiziert ist. Die Bedeutung des Wortes und Einordnung in den Text müssten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht klar sein. Das oculomotor model hingegen besagt, dass die Blickbewegungen hauptsächlich durch einfache Regeln gesteuert seien, die dem Auge vorgegeben würden. So bestimme ein Leser aufgrund seiner Absicht zunächst eine textweite Strategie (z.B. "möglichst aufmerksam lesen") und arbeite sich innerhalb eines Satzes mithilfe einer angepassten Taktik (z.B. "Satz ist kompliziert, langsam machen") voran. Die Forschungsergebnisse scheinen dem cognitive process model eher Recht zu geben als dem oculomotor model, allerdings konnte bisher keine der zahlreichen Abwandlungen dieser Basismodelle eindeutig bestätigt werden.
Schnellleser bezeichnet man Menschen, die mit 600 bis 700 Wörtern pro Minute etwa doppelt bis dreimal so schnell lesen wie der durchschnittliche Leser und trotzdem den wesentlichen Teil des Textes erfassen. Experimentelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass ein durchschnittlicher Leser, der die Anweisung erhält, einen Text "zu überfliegen", eine vergleichbare Geschwindigkeit und Aufnahmefähigkeit erreicht. In beiden Fällen wurde außerdem aus Textteilen, die nicht fixiert wurden, keine Detailinformation gewonnen. Demnach ist Schnelllesen nichts anderes als das gewöhnliche Überfliegen eines Textes.
Weitere Untersuchungsobjekte sind das Lesen von Spezialschriften wie Notenschrift oder mathematischen Formeln. In beiden Gebieten richten sich die Blickbewegungen äußerst stark nach dem Inhalt der dargebotenen Information. Notensätze mit vielen Akkorden zeichnen sich z.B. durch zahlreiche vertikale Blickbewegungen aus, während bei Stücken mit kontrapunktischer Melodieführung horizontale Saccaden überwiegen.
Die Untersuchung der Art und Weise, wie Personen reale Szenen bzw. deren bildliche Projektionen betrachten, bildet die Basis für die praktische Anwendung der Blickbewegungsanalyse. Welche Punkte in einem Bild oder Foto zuerst und welche am längsten betrachtet werden, gibt Hinweise auf die Beantwortung von Fragen wie: "Welche Merkmale müssen betrachtet werden um ein Gesicht zu erkennen?", "Wo muss ich Verkehrsschilder anbringen, damit sie gesehen werden?", "Wie sollten die Bedienelemente einer grafischen Benutzeroberfläche gestaltet werden?".
Praktische Erkenntnisse der Blickbewegungsanalyse werden verwendet um Schnittstellen und Medien in ihrer Funktionsweise zu verbessern. Dies umfasst z.B. die Untersuchung der Lesbarkeit und Wahrnehmung von Texten in der Werbung. In der Informatik kann sie als Untersuchungsmethode der Software-Ergonomie zum Thema Benutzerfreundlichkeit eingesetzt werden und dient dann der Qualitätsanalyse von Schnittstellen der Mensch-Computer-Interaktion, wie etwa Grafischen Benutzeroberflächen.
Dienen die Bewegungen des Auges nicht der Aufnahme von visuellen Daten aus der Umgebung, bezeichnet man sie nicht als Blickbewegung sondern als Augenbewegungen. Diese Bewegungen werden in den folgenden Zusammenhängen untersucht:
In der Schlafforschung sind schnelle und heftige Augenbewegungen ein Indikator für den REM-Schlaf, eine Phase des Schlafes, während der die Augenaktivität zunimmt und die Pupillen zittern. Die Funktion der REM-Phase (benannt nach Rapid Eye Movement ) ist ebenso ungeklärt wie die Frage, warum oder wozu während dieser Zeit Augenbewegungen stattfinden. Da beim Schlafen die Augenlider meist geschlossen sind, findet keine Wahrnehmung statt.
In der Neurolinguistischen Programmierung (NLP), dienen Augenbewegungen als Indikator für Zugriffe auf verschiedene Bereiche des Gedächtnisses. Nach Aussage dieses umstrittenen Gebietes gibt die Richtung, in die eine Person sieht während sie sich etwas aus dem Gedächtnis ins Bewusstsein ruft, Auskunft über die Art dieser Erinnerung. Das folgende Modell von Bandler und Grinder, das keine universale Gültigkeit beansprucht und nicht experimentell bestätigt ist, unterscheidet zwischen den folgenden sechs Abstufungen, die aus Sicht der sich erinnernden Person angegeben werden:
In der Behandlungsmethode EMDR ( Eye Movement Desensitization and Reprocessing ) der Psychotherapie werden Traumata durch den bewussten Einsatz von Augenbewegungen behandelt. Ähnlich zu oben dargestelltem Modell werden hier die Augenbewegungen als mit dem Zugriff auf verschiedenen Erinnerungszentren des Gehirns verbunden angesehen. Durch die Bewegungen sollen diese Zentren gezielt angesprochen werden und so ein Informationsfluss zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte eingeleitet werden. Die Therapie ist umstritten, da sie nicht durch experimentelle Untersuchungen bestätigt ist. Bei diesen Augenbewegungen steht die reine Bewegung im Vordergrund, eine bewusste Wahrnehmung findet nicht statt.
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