Bleiweiß 2PbCO3•Pb(OH)2 ist ein basisches Bleicarbonat und seit dem Altertum ein bedeutendes Weißpigment. Seine Hauptverwendung war in der Öltechnik, wo es für Weißtöne bis ca. 1835 fast ausschließlich verwendet worden ist. Aber es wurde auch in Aquarellen, in Pastellen und anderen Kunsttechniken verwandt; vereinzelt sogar in der Wandmalerei. Heute ist Verwendung von Bleiweiß - aufgrund seiner Giftigkeit - außer für Restaurierungszwecke verboten.
Es hat verglichen mit anderen weißen Pigmenten eine sehr hohe Deckkraft und einen schöneren Glanz. Da seit Jahrhunderten bekannt ist, dass Bleiweiß giftig ist, wurde es seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend abgelöst, zunächst durch Zinkweiß und Barytweiß, wobei Barytweiß für die Ölmalerei völlig ungeeignet ist.
Bleiweiß ist gut lichtbeständig, kann aber vor allem bei wäßriger Bindung (wie in Aquarellen) verschwärzen; es bildet sich Bleisulfid in Gegenwart von Schwefelwasserstoff. Es ist daher auch ungeeignet für schwefelhaltige Bindemittel und unverträglich mit allen sulfidhaltigen Pigmenten (z.B. Ultramarin, Zinnober, Auripigment).
Heutzutage wird Bleiweiß weitgehend durch Titanweiß ersetzt, was allerdings - vor allem für bildende Künstler - durch signifikante Unterschiede in den chemischen Eigenschaften entscheidende Nachteile mit sich gebracht hat, die im folgenden aufgeführt sind.
Als Farbmittel wurde Bleiweiß schon in der Antike verwendet und in der Funktion bereits von Theophrast im 4. Jahrhundert erwähnt. Auch Gaius Plinius Secundus (23-79 n. Chr.) erwähnt dieses Pigment. Es taucht ebenso in den mittelalterlichen Rezeptsammlungen des Lucca-Manuskriptes, der wenig veränderten Mappae Clavicula, bei Theophilus' und Heraclius' Schriften auf, in denen jeweils metallisches Blei und Essig als Ausgangsmaterial zur Herstellung von Bleiweiß dienten.
In der Antike bis ins Mittelalter wurde Bleiweiß außerdem als Schminke gebraucht. Aber spätestens im 18. Jahrhundert war bekannt, dass diese Verwendung Gesundheitsprobleme (Zahnschmerzen, schlechter Atem) verursacht. Aufgrund seiner Giftigkeit war Bleiweiß auch ein hervorragender Holzanstrich.
Das Bleiweiß kam unter verschiedenen Bezeichnungen in den Handel, teilweise auch in unterschiedlichen Qualitäten. Die Qualitäten unterschieden sich hauptsächlich in der Zusammensetzung, beispielsweise wurde es mit Barytweiß gestreckt. Namen für Bleiweiß sind: Kremser Weiß, Schieferweiß, Holländer Weiß, Venezianer Weiß, Hamburger Weiß, Perlweiß, Schneeweiß, Silberweiß, Kremnitzer Weiß und Deckweiß.
In den antiken und mittelalterlichen Schriften wird die Herstellung wie folgt beschrieben: In ein Gefäß werden Bleiplatten oder Bleistücke zusammen mit einer Schale Essig gelegt und dann unter einem Misthaufen eingegraben. Das Blei ist somit den Essigdämpfen und Kohlendioxid ausgesetzt, und werden dank dem Mist und seines Fäulnisprozesses auf einer konstanten Temperatur gehalten. Nach einigen Wochen bildet sich dann auf den Bleiplatten eine weiße Substanz, das Bleiweiß.
In weiteren historischen Verfahren wird metallisches Blei ebenso der Einwirkung von Essigdämpfen und Kohlendioxid ausgesetzt, ein Beispiel ist das holländische Loogenverfahren. Die Loogen sind Oxidationsräume, in denen bis zu zehn Tonnen Bleiplatten, eingepackt in Steinzeugtöpfe, die umgeben von Pferdemist und Lohe sind, für ca. 4 Wochen der Einwirkung von Wärme, Essigsäure und Luft ausgesetzt worden sind. Das Bleiweiß wurde aus den Töpfen geschlämmt, getrocknet und gemahlen. In dem Klagenfurter Verfahren treten Weintrester, Bierhefe oder gärungsfähige Obstsäfte an die Stelle von Essig. Diese Herstellungsmethode verläuft langsamer, soll aber zu einem reiner weißen und besonders lockeren Produkt führen. Auf diese Weise ist das erste so genannte Kremserweiß hergestellt worden. Im Jahr 1839 wurde von Gustav Dietel in Eisench zum ersten Mal das deutsche Kammerverfahren praktiziert. Dabei werden ca. 1mm dünne lange Bleilappen in großen gemauerten Räumen auf Holzgestelle gehängt und einer Atmosphäre von Luft, Kohlendioxid, Wasser- und Essigdämpfen in bestimmter Dosierung ausgesetzt. Das Blei wird zuerst chemisch in basisch-essigsaures Blei und später dann in basisches Bleicarbonat umgewandelt. Der Bleiweißschlamm wird dann gewaschen, gesiebt, getrocknet und gemahlen.
Heute wird Bleiweiß in einem Fällungsverfahren hergestellt, in dem in der Wärme eine Pb(II)-Salzlösung mit CO32- umgesetzt wird. Die Verfahren ¨können im Meyers (erster Weblink) nachgelesen werden.
Während das Bleiweiß, das Maler der niederländischen Gemälde des 17. Jahrhunderts (beispielsweise Johannes Vermeer) gebrauchten, aus Blei-Lagerstätten im europäischen Mittelgebirge gewonnen wurde, kam das Bleiweiß, das in süddeutschen Gemälden des 17. Jahrhunderts eingesetzt wurde, aus Blei-Lagerstätten in den europäischen Alpen. Seit dem 19. Jahrhundert werden Bleierze aus Amerika und Australien eingeführt. Das moderne Bleiweiß unterscheidet sich deshalb vom alten Bleiweiß, und zwar erstens im Gehalt von Spurenelementen, zweitens in der Isotopenzusammensetzung des Bleis.
Niederländisches Bleiweiß zeichnete sich durch hohe Silber- und Antimongehalte aus (siehe R. Strauß), während modernes Bleiweiß, das der Vermeer-Fälscher Han van Meegeren verwendete, weder Silber noch Kupfer enthält, da diese Elemente bei der Verhüttung von modernem Blei abgetrennt werden (siehe Fälschung und Forschung p. 195-196).
Moderne Fälschungen, zu denen modernes Blei oder moderne Bleiverbindungen wie die Bleipigmente verwendet wurden, können mit Hilfe der Blei-210-Methode erkannt werden (siehe B. Keisch: Discriminating...). Das Blei-210 ist ein Blei-Isotop der Uran-238-Zerfallsreihe, in der es aus Radium-226 entsteht und mit einer Halbwertszeit von 22 Jahren weiter zerfällt. Diese kurze Halbwertszeit kann man zur Erkennung von Fälschungen aus jüngster Zeit verwenden (siehe Fälschung und Forschung p.191).
Die Werte des Bildes Christus und die Jünger in Emmaus des Vermeer-Fälschers Han van Meegeren (Polonium-210: 8.5 +- 1.4, Radium-226: 0.8 +- 0.3) entsprechen nicht den Werten, die in den Gemälden der Niederländer der Jahre 1600/1660 (Polonium-210: 0.23 +- 0.27, Radium-226: 0.40 +- 0.47) vorkommen (siehe B. Keisch: Dating...).
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