Nishikawa-Sukenobu.jpg Als Bisexualität (eigentlich "Ambisexualität", nach der altgriech. Vorsilbe bi- für "zwei") bezeichnet man die Neigung, sich zu Menschen (beziehungsweise Artgenossen) unabhängig ihres Geschlechts sexuell hingezogen zu fühlen. Als Kurzform ist das Adjektiv bi gebräuchlich.
Obwohl es keine Voraussetzung für die Bisexualität ist, seine Neigung auszuleben, werden in der Regel Menschen als bisexuell bezeichnet, die mit Personen unabhängig ihres Geschlechts sexuelle Beziehungen und/oder Partnerschaften eingehen.
Als Bisexualität wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gelegentlich auch das Vorhandensein von beiderlei Geschlechtsmerkmalen an einem Individuum bezeichnet.
Wie hoch der Anteil der Bisexualität in der Bevölkerung ist, lässt sich nur schwer einschätzen, weil gleichgeschlechtliche Empfindungen häufig verschwiegen oder von den jeweiligen Personen nicht bewusst wahrgenommen werden. Aussagen in der Literatur bewegen sich daher sehr weit auseinander. Die obere Grenze bildet der Kinsey-Report, welcher 1948 zwischen 90 und 95 Prozent der Bevölkerung als "bis zu einem gewissen Grad bisexuell" einstufte. Tatsächliches bisexuelles Verhalten ist in den meisten Industrieländern aber laut jüngeren Umfragen zur Angelegenheit einer relativ kleinen Minderheit von häufig nicht mehr als 10 Prozent der Bevölkerung geworden. Einige Sexualwissenschaftler erklären dies aus der Durchsetzung einer "monosexuellen" Norm in unserer KulturSiehe http://www.lsbk.ch/articles/gunter_schmidt.asp.
Nach der Selbsteinschätzung der Befragten in repräsentativen Studien zu urteilen, ist Bisexualität unter Frauen in westlichen Industriestaaten weiter verbreitet als unter Männern. Darüber hinaus geben Menschen mittleren Alters bisexuelle Neigungen häufiger an als Personen jüngeren Alters. Hierbei könnte es sich um einen Generationeneffekt handeln, da die Prävalenz homosexueller Handlungen unter männlichen Jugendlichen laut einer bekannten Studie des Instituts für Sexualforschung an der Universität Hamburg in den letzten 30 Jahren von etwa 18 Prozent auf zwei Prozent abgenommen hat. Erklärt wird dies unter anderem mit der Angst, womöglich als "Schwuler" zu geltenSiehe http://www.bvvp.de/artikel/jugendsex.html.
Sigmund Freud stellte die These auf, dass im Grunde jeder Mensch bisexuell sei. Gesellschaftliche Zwänge und Tabus führten aber häufig zur Verdrängung des homosexuellen Anteils ins Unbewusste. Die These ist umstritten.
Bisexualität ist auch relativ häufig im Tierreich beobachtbar. So gelten etwa die Zwergschimpansen als eine vollständig bisexuelle Tierart, die vor allem für ihren ausgeprägten "Lesbianismus" bekannt ist. Angenommen wird hier eine über die Vermehrung hinausgehende Multifunktionalität sexuellen Verhaltens.
In manchen Gesellschaften, wie der griechisch-römischen Antike oder der islamischen WeltSiehe http://gigi.x-berg.de/texte/boswell, galt die erotische Anziehung zu beiden Geschlechtern als nahezu universelle Norm. Die ausschließliche Fixierung auf ein Geschlecht, wie wir sie heute unter den Begriffen "Homosexualität" und "Heterosexualität" kennen, mag es zwar gegeben haben, wurde aber nur selten zum Thema gemacht. Dort wo dies geschah, wie etwa in Pseudo-Lukians Die Arten zu lieben, ist die ironische Intention des Autors unverkennbar. So wird der eine von zwei Diskutanten in diesem fiktiven Dialog aus dem beginnenden vierten Jahrhundert n. Chr. mit dem Stigma der Effeminiertheit bedacht, weil sich sein erotisches Interesse ausschließlich auf Frauen richtet, während der andere als Kauz erscheint, da er aufgrund seiner sexuellen Neigungen einen rein männlichen Haushalt führt.
Auch viele islamische Geistliche des Mittelalters sahen, obwohl sie den gleichgeschlechtlichen Verkehr gemäß ihrer Religion als schwere Sünde bewerteten, die erotische Anziehung gegenüber beiden Geschlechtern als eine Grundgegebenheit des menschlichen Daseins an. So schreibt der im Jahr 1200 nach christlicher Zeitrechnung verstorbene hanbalitische Rechtsgelehrte Ibn al-Gauzi: "Derjenige, der behauptet, dass er keine Begierde empfindet er schöne Knaben erblickt, ist ein Lügner, und wenn wir ihm glauben könnten, wäre er ein Tier, nicht ein menschliches Wesen."
Wegen der patriarchalen Verfasstheit vieler vormoderner Gesellschaften bleiben verlässliche historische Aussagen oft auf die Sexualität von Männern beschränkt. Eine literarische Bewegung, die weibliche Interessen widerspiegelte, entstand erst im Europa des 18. Jahrhunderts. Die Liebe zwischen zwei Freundinnen bildete dabei eines der populärsten Themen. Manifeste sexuelle Beziehungen blieben aber wegen ihrer gesellschaftlichen Anstößigkeit grundsätzlich ausgespart. Stattdessen war romantisierend von der Freundschaft oder "Seelenverwandtschaft" zwischen zwei Frauen die Rede, die auch durch die Heirat mit einem Mann nicht unterbrochen werden konnte.
Etwas anders verhielt es sich in der arabischen Welt, wenn die Lebenswelt von Frauen ausnahmsweise einmal in den Fokus der Literatur geriet. Sexuelle Beziehungen wurden hier relativ offen bei ihrem Namen genannt. Gebräuchlich war vor allem der Begriffe sihaq (dt. "Reiben") als Bezeichnung für die sexuelle Praktik der TribadieSiehe taz vom 14.3.1996 (http://www.taz.de/pt/1996/03/14/a0129.nf/text). Die Liebe zwischen zwei Frauen wurde dabei literarisch nicht als Widerspruch zur Ehe konstruiert, obwohl manche Juristen die Tribadie als strafbare außereheliche Aktivität ansahen. Deren Nachweis durch die von der Schari'a verlangten vier Augenzeugen war aber praktisch unmöglich, so dass dieses Verbot rein theoretischer Natur bliebSiehe http://www.well.com/user/queerjhd/fm_marriage.htm.
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