Eine Biografie (Biographie) (griechisch βιογραφία, von βíος - das Leben und γραφή - die Schrift) ist die Lebensbeschreibung einer Person.
Die Biographie ist die mündliche oder schriftliche Präsentation des Lebenslaufes eines anderen Menschen; ein sonderfall der Biographie ist die Autobiographie: Eine Autobiographie liegt vor, wenn sie von dem betreffenden Menschen (großteils) selber geschrieben wurde oder er zumindest als Autor gilt. Im Buchhandel gibt es viele Autobiographien von Prominenten, deren Wahrheitsgehalt in weiteren Büchern angezweifelt wird. Im Familienverbund werden Autobiographien manchmal dem Testament beigefügt. Es soll vom Leben eine Spur übrig bleiben - die Nachkommen sollen wissen, was war.
Den Lebenslauf zu beschreiben ist auch Sinnkonstruktion. Dies führt weiter zur Frage nach dem subjektiv gemeinten und dem objektiv stattgefundenen Leben Jeder Mensch entwirft seine eigene Biographie in unterschiedlichen Lebenssituationen (beim Bewerbungsgespräch, bei der Aufnahme persönlicher Beziehungen, bei der eigenen Lebensrückschau), und Biographien bilden auch ein wichtiges Instrument der Erinnerung an andere Personen.
Biographien sind Gegenstand der Literatur- und Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Pädagogik, der Psychologie, der Medizin und der Theologie. Die einzelnen Arbeitsfelder und Arbeitsgegenstände der Biographieforschung sind sehr heterogen und haben eigene Forschungstraditionen entwickelt.
= Literaturgattung = Als Literaturgattung behandelt die Biografie meist Personen des öffentlichen Lebens wie Politiker, Wissenschaftler, Sportler, Schriftsteller oder Menschen, die durch ihr Wirken einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag geleistet haben. Wichtige Biographen deutscher Sprache waren und sind etwa: Karl August Varnhagen von Ense, Stefan Zweig, Emil Ludwig, Golo Mann. Viele biographische Texte vermischen die historischen Fakten mit freien Erfindungen (biographischer Roman, historischer Roman).
Ein frühes Beispiel für eine heroisierende Lebensbeschreibung eines politischen Herrschers aus der Antike sind etwa die Res Gestae. Aber auch die Biografien mancher (bis dahin) unbekannter Personen sind verbreitet (z. B. Anna Wimschneider, Herbstmilch).
Lebensbilder sind Kurz-Biografien von derartigen Personen ohne historischen Rang. Sie werden oft von Genealogen, Familien- und Heimatforschern verfasst; Biografien dagegen von Biografen. Die beschriebenen Personen sind je nach Anspruch, historischer Bedeutung oder Auslegung Verwandte, einfache Mitmenschen oder historische, kulturelle oder bedeutende Persönlichkeiten. Umgangssprachlich wird manchmal auch der (stichwortartige) Lebenslauf eines Menschen als dessen Biografie (auch „Vita“) bezeichnet.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie - dem eigenen Lebenslauf - ist u. a. Thema und Inhalt der eher psychoanalytisch ausgerichteten Biografiearbeit.
=Geschichte=
Nach Friedrich Leo: chronologische Darstellung von Geburt bis zum Tod, Gruppierung der Geschehnisse um die Hauptperson, Erfassung des Lebens nach Rubrike, moralisch-didaktische Ausrichtung.
Dies sind moderne Erfassungen der antiken Biographie, aber keine eigene in der Antike gefasste Literaturtheorie.
Nach Leo gibt es zwei Formen, von denen die erste, literarisch wenig anspruchsvolle, für Personen des Geisteslebens gedacht sei, die zweite, deutlich qualitätsvollere Form, für Politiker, Könige und Feldherren gedacht sei (Schule des Peripatos). Dies wurde jedoch mit dem Fund von Satyros’ Biographie des Euripides (Dialogform) erschüttert.
In der demokratischen Polis herrschte das Ideal vor, dass sie nicht eine Summe von Individuen war, sondern eine wirkliche Gemeinschaft. Die nach dem peloponnesischen Krieg eingeleitete und durch Philipp II. von Makedonien und Alexander d. Großen betriebene Entwicklung führte bei den Griechen zu einer stärkeren Herausstellung des Individuums. Kennzeichnend für die Polis-Ära ist die Historiographie, während die Biographie für die hellenistische Ära kennzeichnend ist.
Es keimten auch die Dichter- und Gelehrtenbiographien auf, da auch hier die Individualisierung Einzug hielt. Es genügte nicht mehr die Werke der Dichter zu haben, sondern man wollte auch die Viten lesen.
Als Prototyp für die Dichter- und Gelehrtenbiographien gilt Platons Apologie, die zahlreiche biographische Anmerkungen über das Leben des Sokrates enthält. Sie ist nur ein Teil einer ausgeprägten Sokrates-Literatur.
Die Biographie als Literaturgattung kann aufgrund der genannten Punkte als Indiz für bestimmte politisch-soziale Prozesse gewertet werden.
Etwas ganz anderes ist der Lebenslauf oder der Tabellarische Lebenslauf (die vita) in einer schriftlichen Stellenbewerbung. Ein ritualisiertes Schreiben, um sich in ein positives Licht zu stellen. Soweit noch ganz ähnlich zur Autobiographie. Aber dieser "Lebenslauf" dient in seiner Strukturierung besonders der Herausstellung ganz bestimmter beruflicher Merkmale. Dieser wird hier nicht behandelt.
Herodot beschreibt in seinen Historien das Leben des Kyros in den bereits bekannten Kategorien (I, 107-130: Abstammung, Geburt, Kindheit und Jugend; I, 177-188: ausgewählte Taten und Leistungen; I, 201-214: letzter Feldzug und Tod) und des Kambyses (III, 1-66). Diese beiden Viten sind geprägt von Exkursen und vielen Erzählungen nebenbei. Diese für die Poliszeit außergewöhnlichen Biographien dürften zwei Gründe haben: zum einen sind beide porträtiert worden, gerade weil sie keine Griechen, sondern Exponenten eines monarchistischen Regimes waren, welches auch schon in Aischylos’ Persern eindrucksvoll skizziert wurde, zum anderen gab es durch die zahlreichen Quellen aus Inschriften über die Könige viel zu berichten. Der aus Kleinasien stammende Herodot vereinte die Eigenheiten der Kulturkreise, die sich hier berührten.
Thukydides beschreibt in der Pentekontaetie im ersten Buch seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges in den Kapiteln 135-138 das Leben des Themistokles zwischen Verbannung und Tod und zuvor in den Kapiteln 128-134 das Schicksal des Spartaners Pausanias. Beide Episoden erzählen die Geschichte von verbannten Politikern, die sich um ihre Poleis verdient gemacht haben. Unter Berücksichtigung des Schicksals von Thukydides, der selbst verbannt wurde, darf man diese Passagen nicht als Charakterstudie und Betrachtung beider Personen betrachten, sondern als Kritik im Umgang mit verdienstreichen Persönlichkeiten in der Polis.
Als einzig komplette Biographie jener Zeit gilt das Werk des Skylax von Karyanda, der das Leben des Herakleides von Mylassa erzählt. Hier ist aber auch wieder der bei Herodot relevante Punkt interessant, dass es sich wieder um das Scharnier zwischen den Kulturkreisen handelt. Herakleides war Karer und dies war ein Volk in Kleinasien.
Xenophon verfasste die Biographie des Agesilaos und die Kyrupaideia. In der Agesilaos-Biographie, die deutlich kürzer ist als Isokrates’ Euagoras, lobt er den spartanischen König Agesilaos; Xenophon hatte sich nach dem Feldzug des Kyros gegen seinen Bruder, den Perserkönig Artaxerxes, welchen er in der Anabasis verarbeitete, in Sparta niedergelassen und mit Agesilaos angefreundet. Diese Biographie schönt deutlich das Leben des Agesilaos und lässt Details weg. Beweis hierfür ist Xenophons Hellenika, die Details aus dem Leben des Agesilaos berichtet, welche nicht in die enkomiastische Stimmung der Biographie passen. Gliederung: cap. 1,1-5: Einleitung, Lobes-Intention, Herkunft; 1,6-2,31: lobende Darstellung der Taten (unter Weglassung und Schönung!); 3,1-10,4: Katalog der Aretai des Agesilaos; 11: Zusammenfassung. Besonderheit: Vergleichsmöglichkeit zwischen dem Biographen Xenophon und dem Historiographen Xenophon.
Nicht eindeutig der Biographie zuzuordnen ist die Kyrupaideia, welche mehrere Gattungen vereint (Geschichtsdarstellung, historischer Roman, didaktischer Roman, Erziehungsschrift, Militärhandbuch, Enkomion). Vieles ist Phantasie, Abschweifungen dienen als Zeugnis guter persönlicher Gestalt. Am Ende vergleicht Xenophon das aktuelle Persien mit dem Persien des Kyros und stellt ein vernichtendes Urteil über das Persien seiner Zeit auf.
Theophrasts Charaktere sind keine Biographien im eigentlichen Sinn, sondern stellen Verhaltensmuster dar. Sie können als empirische Studien für ein größeres Werk gedient haben. Theophrast gehörte dem Peripatos an, der einer biographischen Richtung immerhin den Namen gab. Die Charaktere lenken den Focus ganz stark auf das Individuum und auf den individuellen Charakter. Dies wird für die weitere hellenistische Biographie prägend.
Aristoxenos aus Tarent (geb. 370 v. Chr.; Tod unklar) hat zahlreiche Werke verfasst (insgesamt 453 Bücher), war Konkurrent des Theophrast für die Nachfolge des Aristoteles als Scholarch des Peripatos. Im Gegensatz zu anderen Peripatetikern war er nicht allgemein versiert, sondern auf Musik und Biographie spezialisiert. Er schrieb hauptsächlich Philosophen-Biographien, vielleicht auch eine Alexander-Biographie, da bei Plutarch auf eine Beschreibung Alexanders durch Aristoxenos hingewiesen wird.
Hermippos aus Smyrna (geb. zw. 289 und 277 v. Chr.; gest. nach dem Tod des Chrysippos, welcher zwischen 208 und 204 v. Chr. gestorben ist) entwickelte die Biographie der Peripatetiker weiter. Er selbst gehörte dieser Schule nicht an, sondern lebte in Alexandria. Plutarch beruft sich an mehreren Stellen auf Hermippos. Er scheint zahlreiche Biographien verfasst zu haben. Sueton wird aus zwei Gründen eine Ähnlichkeit zu Hermippos nachgesagt: zum einen lassen beide Gerede und Anekdoten einfließen, zum anderen haben beide zahlreiches Quellenmaterial, denn Hermippos konnte auf die Bibliothek in Alexandria zugreifen, während Sueton das kaiserliche Archiv unter sich hatte.
Satyros wurde am Schwarzen Meer geboren. Seine Lebensdaten sind nicht näher zu bestimmen, sein Leben muss aber vor der Regierungszeit des Ptolemaios VI. Philometor (180-145 v. Chr.) gelegen haben oder in die Regierungszeit hineingereicht haben. Die Zeugnisse von Satyros sind nur spärlich. 1912 fand man in Oxyrhynchos einen Papyrus mit einem längeren Ausschnitt aus einer Euripides-Biographie. Historiker sehen hierin einen Beweis für das ungebrochene Interesse des Hellenismus für die großen Klassiker. Es gibt aber zwei Merkmale dieser Biographie: Satyros hat keine Quellenforschung betrieben, sondern die Fakten aus den Tragödien des Euripides selbst und aus den Komödien des Aristophanes, der Euripides sogar als Frauenfeind skizziert. Außerdem hat Satyros diese Biographie als Dialog verfasst, in dem der Autor selbst Gesprächspartner des Euripides ist. Belegt sind Biographien von Pythagors, Empedokles, Platon, Diogenes, Alkibiades, Dionysios II. von Syrakus und Philipp II. von Makedonien, außerdem über die Sieben Weisen. Er schrieb auch ein Werk mit dem Titel "Über Charaktere".
Antigonos von Karystos (2. Hälfte des 3. Jahrhunderts) schrieb ausschließlich Philosophenbiographien. Er schrieb nicht chronologisch oder nach System, sondern versuchte Charakterbilder zu zeichnen. Meist beschreiben seine Biographien den Weg zur Philosophie und den Tod, sind also nicht das Leben umfassend. Auf ihn bezog sich später im 3. Jahrhundert n. Chr. Diogenes Laertios.
Alkidamas (um 400 v. Chr.) verfasste das berühmte Certamen Homeri et Hesiodi, in dem Homer und Hesiod miteinander wettkämpfen. Es ist in Hexametern verfasst und enthält auch Biographisches.
Die wohl berühmtesten Biographien unseres Kulturkreises finden sich jedoch im Neuen Testament und sind den Auswüchsen der hellenistischen Literatur zuzuordnen, da die kanonischen Evangelisten als hellenistische Gebildete gelten, festzustehen scheint dies bei Lukas.
Die Evangelien weisen biographische Merkmale auf, enthalten die Geburt (außer Mk), die Genealogie (Mt, Lk), die Taten Jesu, seinen Prozess und letztendlich den Tod, sowie als Zusatz und Novum die Wiederauferstehung.
Am deutlichsten tritt dies bei Lukas hervor: Prooimion, Ankündigungen der Geburten Johannes d. Täufers und Jesu, Geburten, Taufe, Stammbaum, Predigten/ Gleichnisse/ Wunder, Abendmahl, Verrat, Prozess, Tod, Wiederauferstehung, Himmelfahrt. Mit der Himmelfahrt endet die personalisierte Darstellung der Geschichte des Kerns des Kerns des Christentums. Nun spielt für die weitere Geschichte nicht mehr die Person Jesus die große Rolle, sondern die Gemeinschaft der Jünger, was dazu führt, dass Lukas nach der Himmelfahrt auf die Historiographie umschwenkt. Dies ist geradezu der Prozess der Individualisierung, nur eben umgekehrt.
Plutarch schrieb Biographien für die Kaiser von Augustus bis Vitellius. Die Biographien von Otho und Galba sind erhalten, bei Tiberius und Nero hat man noch Fragmente, der Rest ist verloren. Die Kaiserviten schildern fortlaufend die Geschichte und sind nicht als Einzelviten gearbeitet.
Die Parallelbiographien des Plutarch zeigen jeweils einen Griechen und einen Römer, die durch besondere Leistungen, Eigenschaften oder Qualitäten verbunden waren. Die Parallelbiographien sind also nicht als Bezeichnung für Biographien gedacht, die die Viten parallel lebender Menschen beschreibt. Die Reihenfolge, in der Plutarch geschrieben hat, ist unbekannt, in den heutigen Editionen sind die Biographien nach den Daten der jeweils griechischen Person geordnet. In der Perikles-Vita erhalten wir den Hinweis, dass Plutarch die Viten nicht als Gesamtwerk geplant hat, sondern sie schrittweise geschrieben und herausgegeben hat. Bis auf ein Paar sind die Parallelbiographien erhalten: Epaminondas und Scipio Africanus sind verloren. Der Vermutung nach bildeten sie den Auftakt der Parallelbiographien. Die Paare: Theseus/ Romulus: Stadtgründer; Lykurg/ Numa Pompilius: Gesetzgeber; Solon/ Poplica: Reformer; Aristeides/ Cato der Ältere: herausragende sittenstrenge Politiker; Themistokles/ Camillus: herausragende militärische und strategische Leistungen; Kimon/ Lucullus: militärische Qualität; Perikles/ Fabius Maximus: zuerst verkannt, dann bestätigt und beide Zögerer; Nikias/ Crassus: große militärische Niederlage mit eigenem Tod; Alkibiades/ Coriolan: wechselten in Auseinandersetzungen die Seiten; Lysandros/ Sulla: militärische Verdienste; Agesilaos/ Pompeius: militärisches Talent; Pelopidas/ Marcellus: militärische Fähigkeiten; Dion/ Brutus: Kampf gegen Tyrannen; Timoleon/ Aemilius Paullus: „politische Organisatoren“; Demosthenes/ Cicero: herausragende Redner, stellten Fähigkeiten in den Dienst des Kampfes für die Freiheit; Phokion/ Cato der Jüngere: Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung; Alexander/ Caesar: Feldherren; Eumenes/ Sertorius: als Ausländer Heerführer; Demetrios/ Antonius: Mischung positiver und negativer Eigenschaften; Pyrrhos/ Marius: militärische Qualitäten; Agis und Kleomenos/ Tiberius und Gaius Gracchus: Sozialreformer; Philopoimen/ Flaminius: Wohltäter der Griechen, Besonderheit: beide Zeitgenossen des Plutarch und hatten im Gegensatz zu allen anderen etwas miteinander zu tun.
Man fragt sich sicher, was Plutarch zum Schreiben solcher Biographien bewogen hat. Es mag das Streben gewesen sein, die großen Persönlichkeiten Griechenlandes mit Römern zu vergleichen, um die Gleichwertigkeit von Römern und Griechen zu zeigen. Ferner herrschte in der Zeit, in der er die Parallelbiographien schrieb (1. Hälfte des 2. Jahrhunderts), eine ausgeprägte Griechenfreundlichkeit im kulturellen Bereich.
= Autobiografie = Eine Autobiografie („Selbstbeschreibung“) liegt vor, wenn die Biografie von der betreffenden Person selbst verfasst ist oder sie wenigstens als Verfasser gilt. Vielen Prominenten stand auch ein professioneller Ghostwriter hilfreich zur Seite.
Viel Autobiografisches entnimmt sich bereits der ersten der Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Mark Aurel. Als erste Autobiografie im eigentlichen Sinne gelten die „Confessiones“ („Bekenntnisse“) des Aurelius Augustinus; er schrieb sie in den Jahren 397 und 398.
Zu den autobiografischen Texten gehören auch die Memoiren („Erinnerungen“). Bei ihnen liegt die Gewichtung oft mehr auf den herausragenden, für eine breite Öffentlichkeit interessanten Ereignissen und der Autor wirft einen erweiterten Blick auf alle daran beteiligten Personen.
siehe Hauptartikel: Autobiografie
= Das Leben als Abfolge unterschiedlicher Ereignisse =
Andere Ereignisse haben einen zeitgeschichtlichen Charakter. Alle Lebenden in diesem Land haben davon gehört, es miterlebt. Die Bedeutung ist jedoch je nach Betroffenheit und Lebensalter sehr verschieden. (Beispiele: der zweite Weltkrieg, der Fall der Mauer, der 11. September 2001)
Kritische Lebensereignisse können einem Lebenslauf eine Wende in eine unerwartete Richtung geben, dabei kann diese Lebenskrise später durchaus positive Folgen haben. Diese positive oder negative Wendung ist nicht sicher vorherzusehen (wird eher befürchtet).
Mit "brüchigen" Lebensläufen sind Biographien gemeint, die vom Verlauf der meisten Personenen in vergleichbarer sozialer Position mehrfach abweichen. Sie sind normalerweise in der Familiensaga selten vertreten. Es ist z. B. die Rolle des schwarzen Schafs.
Auch die Einteilung der Lebensabschnitte in den Biographien kann variieren - Beispiel Jugend und Kindheit haben heute eine andere Bedeutung als zur Zeit der Industriellen Revolution.
=Die biographische Methode in den Sozialwissenschaften = Die Biografieforschung ist in der Soziologie ein Forschungsansatz der Qualitativen Sozialforschung und befasst sich mit der Rekonstruktion von Lebensverläufen und zugrunde liegender individuell vermittelter, gesellschaftlicher Sinnkonstruktionen auf der Basis biografischer Erzählungen oder persönlicher Dokumente. Das Textmaterial besteht in der Regel aus verschriftlichten Interviewprotokollen, die nach bestimmten Regeln ausgewertet und interpretiert werden.
Die Biografieforschung bedient sich bei der Datenauswertung nicht einer einzelnen Methode, sondern ist als Forschungsansatz zu verstehen, in dem verschiedene Methoden angewendet werden. Dabei ist die am häufigsten verwendete Methode der Datenerhebung bei Lebenden das narrative Interview ("erzählen" lassen) und/oder das offene Leitfadeninterview (Befragung), sonst überwiegt die klassischen (sozio)historische Quellenerschließung bis hin zur modernen Inhaltsanalyse.
In der Gerontologie wird "biographische Methode" die systematische Erkundung des Lebenslaufs einer Person im Rahmen eines größeren Forschungsvorhabens genannt. Dabei müssen die zur Unterstützung der Erinnerung gestellten Fragen auf ihre Offen- bzw. Geschlossenheit hin überprüft werden, damit die erzählende Person nicht von vorneherein durch die Interviewer auf eine Blickrichtung hin eingeengt wird. Dazu ist ein Leitfaden zu erstellen und auf verschieden Anforderungen zu überprüfen.
Lebenserfahrung kann aber kaum nur als Durchschreiten einer Normalbiographie betrachtet werden. Das Wort Wahlbiographie trifft die Lage besser, weil gesellschaftliche Modernisierung heute vor allem in der Ausdifferenzierung von Lebens- und Familienformen liegt.
Dies ermöglicht Vergleiche zwischen mehreren Biographien, z. B. ob sie Aussagen zum Forschungsthema enthalten. Zwei Analysten vergleichen danach ihre jeweilige Einschätzung, wie sehr ausgeprägt in der Biographie diese Ordnungskategorien in Erscheinung treten. (H. Thomae)
Als zehn Dimensionen der Altersbiographie nach Hans Thomae sind zu berücksichtigen: genetische und Ernährungslage zu Beginn des Alternsprozeß, stattgefundene Veränderungen im biologischen System, Veränderungen im sozialen System, sozioökonomischer Status und ökologische, und Veränderung in den des kognitiven Systems, Konstanz und Veränderung in der Persönlichkeit , individueller Lebensraum(subjektiv erlebter), Lebenszufriedenheit oder Grad der Balance zwischen Bedürfnissen und Situation, Fähigkeit diese Balance herzustellen., Soziale Kompetenz (Fähigkeit selbständig, verantwortungs- und aufgabenbezogen zu leben).
Während früher von den vier Abschnitten Kindheit, Junger Erwachsener, Erwachsener, Großeltern (mit nahtlosem Übergang in die Phase eines hochaltrigen Menschen/Greis) relativ klare Vorstellungen herrschten, kann heute bereits von 7 deutlich verschiedenen Lebensabschnitten gesprochen werden. Sie haben jeweils eigene Rollendefinitionen und Verhaltensmuster. Es sind die eigenen Abschnitte Jugend, RentnerIn, Hochaltriger Mensch hinzugekommen.
Die Phase des Großelterndaseins beginnt gegenwärtig etwas später als zum Beginn des 20. Jhdt.´s und entspricht zeitlich etwa im Erwerbsleben dem Begriff „Ältere Arbeitnehmer“. Die Gerontologie weist auf eine zunehmende Ausdifferrenzierung der Alternsphase hin. Der frühere stufenlose Übergang von hier ins Greisenalter ist durch die Lebensverlängerung entfallen. Hundertjährige sind zwar eine Besonderheit aber sicher keine Ausnahmeerscheinung mehr. Neunzig- und Hundertjährige können sehr verschiedene Lebenswelten um sich herum errichtet haben.
=Gerontologie und Biographie= In der professionellen Altenpflege bringt die Biographie Vorteile in einer "Persönlich-Machung" der bis dahin relativ anonymen PatienIn/KundIn im Heim. Denn viele PatientInnen/KundInnen ziehen dort ein, ohne dass ihre Lebensgeschichte bekannt wäre. Sie erscheinen zunächst als eine Ansammlung von Problemlagen und nicht unbedingt als eine über Jahrzehnte gereifte Persönlichkeit. Angehörige, die dazu befragt werden könnten, sind manchmal auch nicht bekannt. Die Biographie ist dort also zunächst wie ein Puzzle mit vielen Leer-Stellen, die erst allmählich mit den Ereignissen des individuellen Lebens ausgefüllt werden können.
= Literatur =
Biografische Artikel in Wikipedia finden sich alphabetisch und nach Themen sortiert unter Biografien und Liste der Biografien.
Der einfachen Erstellung einer Biografie auf Wikipedia dient die Formatvorlage Biografie.
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