Bildwissenschaft (auch Bildmedienwissenschaft, Visualistik) ist eine Wissenschaft, die aus sehr unterschiedlichen Disziplinen hervorgegangen ist und sich mittlerweile fachübergreifend mit dem Bild in jedem Medium beschäftigt. Die Rolle des Faches Kunstgeschichte innerhalb der Bildwissenschaft wird derzeit kontrovers diskutiert. Während weite Teile der traditionellen Kunstgeschichte ihre Forschungsschwerpunkte nach wie vor in den Bereichen Kunst und Geschichte sehen, hat sich beispielsweise der bekannte Kunsthistoriker Hans Belting (2001) für eine interdisziplinäre Bildforschung ausgesprochen und der nicht minder bekannte Kunsthistoriker Horst Bredekamp (2003) dafür, die Kunstgeschichte als paradigmatische Bildwissenschaft aufzufassen und entsprechend zu betreiben. Im Unterschied zu diesem abgrenzenden Anspruch bemühen sich zahlreiche Forschungsansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften um eine stärkere Vernetzung ihrer Forschungsansätze in einer systematischen Bildwissenschaft, wie die Disziplinen Medienwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Filmwissenschaft, Philosophie, Semiotik und Politikwissenschaft, aber auch Informatik(insbesondere Computervisualistik), Kognitionswissenschaft, Psychologie u.a. (Sachs-Hombach 2005), zu deren Strukturierung inzwischen zudem philosophisch orientierte Ansätze einer allgemeinen Bildwissenschaft entwickelt wurden (Sachs-Hombach 2003).
Einig sind sich all diese Ansätze darin, daß die Bildwissenschaft sich allen Formen der Bildverwendung zu widmen habe. Sie versucht daher auch, die traditionelle Trennung von Kunst und Massenmedien aufzuheben und die "Trennungslinien zwischen Bildern der Kunst und den Bildern des Konsums" aufzulösen (Sauerländer 2004). Es geht ihr vielmehr um die allgemeine Frage nach dem Wesen des Bildhaften an sich, nicht nur um bestimmte Bilder. Die Grundfrage dieser noch recht jungen Wissenschaft könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt programmatisch lauten: "Was ist ein Bild?" (Gottfried Boehm 1994) oder „Was charakterisiert die Fähigkeit, Bilder verwenden zu können?“ (Schirra, Sachs-Hombach 2006).
Von Zeitgenossen wird die Bildwissenschaft häufig in gewisser Konkurrenz zur älteren Kunstgeschichte gesehen. Daher lohnt es sich, mit dem Verhältnis dieser beiden Fächer auch zu klären, womit sich die Bildwissenschaft überhaupt auseinandersetzt. Sehen wir davon ab, dass die traditionelle Kunstgeschichte in der Regel insbesondere Bilder und andere Artefakte in künstlerischem Zusammenhang, also in einer besonderen Verwendungsweise unter vielen, untersucht: Hiervon unabhängig ist wichtig, dass sie spezifische Eigenarten von konkreten Bildwerken analysiert – und zwar vor einem oft nur impliziten Hintergrund, was Bildsein im allgemeinen ausmacht. Damit ist durchaus eine indirekte Klärung des Allgemeinen durch die Untersuchung des Besonderen kompatibel, doch bleibt dieser Aspekt in der Kunstgeschichte ein Nebenaspekt. Kunsthistoriker kann man (sofern sie sich nicht mit Skulptur, Architektur oder anderen nicht im engeren Sinne bildhaften künstlerischen Artefakten befassen) durchaus auch charakterisieren als Forscher, die sich der wissenschaftlichen Betrachtung einzelner Bildwerke und ihrer Zusammenhänge vor allem (aber nicht nur) in historischer Entwicklung widmen.
Demgegenüber sollte von Bildwissenschaft im allgemeinen Sinne dann die Rede sein, wenn sich das wissenschaftliche Interesse der Frage zuwendet, was es grundsätzlich bedeutet, mit Bildern (als solchen) umgehen zu können. Wie soll man es sich, zum Beispiel, vorstellen, dass sich eine solche merkwürdige Fähigkeit – oder genauer, dass sich Wesen mit einer solchen Fähigkeit – entwickelt haben (vgl. Schirra 2006)? Und was folgt aus den so gewonnenen Charakterisierungen für die mit Bildern beschäftigten Einzelwissenschaften (insbesondere natürlich die Kunstgeschichte)? Die Bildwissenschaft versucht mithin zu klären, was Bildsein allgemein bedeutet. Damit klärt sie den von der Kunstgeschichte und anderen „Bildwissenschaften“ (im Plural) jeweils nur verwendeten und vor¬aus¬ge¬setz¬ten Hintergrund und wirkt so auch interdisziplinär als Vermittler. Das Untersuchen spezieller Einzelfälle ist dabei nicht unwichtig, dient aber vor allem der Verdeutlichung genereller Eigenschaften. Insbesondere gilt: Es stehen tatsächlich gar nicht einzelne Bilder im unmittelbaren Fokus des Interesses, sondern vielmehr die Fähigkeit, Bilder verwenden (erzeugen und rezipieren) zu können; und damit müssen von Bildwissenschaftlern, genau genommen, als Objekte ihrer Studien die Wesen, die über diese Eigenschaft verfügen, betrachtet werden. Noch präziser formuliert: Es geht nicht einmal darum, einzelne solcher Wesen empirisch zu untersuchen, sondern um das ihnen allen Charakteristische, d. h. um den Begriff, den wir uns von Wesen mit der erwähnten Fähigkeit auf sinnvolle und rational kontrollierte Weise bilden können (und sollten).
Horst Bredekamp, legt dar, dass sich die Kunstgeschichte seit ihrer Gründung keinesfalls auf Bereiche der "Hochkunst" beschränkt habe. Die um 1900 vor allem in Wien, München und Hamburg ausgebildeten Methoden hätten der Kunstgeschichte als einer umfassenden historischen Bildwissenschaft ein bis heute tragfähiges Fundament gegeben, wie es etwa in Berlin, Basel, Chicago, Krems, Karlsruhe oder Wien gelehrt werde.
Der Philosoph Klaus Sachs-Hombach beschreibt den Gegenstandsbereich der allgemeinen Bildwissenschaft als "eine Disziplin, in der Bilder und Bildverwendungen in allen relevanten Bereichen und Aspekten beschrieben und, soweit möglich, durch geeignete grundlegende Prinzipien erläutert werden". Er schlägt zu diesem Zweck eine Grobaufgliederung in die Bereiche Bildsyntax, Bildsemantik und Bildpragmatik vor - nach dem Vorbild der Sprachwissenschaft und Semiotik – nachdem er als ein Theorierahmen für die allgemeine Bildwissenschaft (d.h., als kleinsten gemeinsamen Nenner für alle betroffenen Disziplinen und gegenwärtigen Denkströmungen) Bilder als „wahrnehmungsnahe Zeichen“ charakterisiert. Neben der Kunstgeschichte und den schon erwähnten Bezugsdisziplinen Semiotik und Sprachwissenschaft sollen daher auch Psychologie und Philosophie eine zentrale Rolle für die Bildwissenschaft spielen.
Der Informatiker Peter Schreiber sieht Bildwissenschaft als "Teil der Informatik, an dem bildliche Information in irgendeiner Weise beteiligt ist". Schnittstellen sieht er u.a. zu Mathematik, Logik, Informatik, Physik, Physiologie, Psychologie, Druck-, Film- und Videotechnik, Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie. Neben der Computergraphik und der algorithmischen Bildanalyse spielen Bilder auch im Bereich der digitalen Bildverarbeitung in der Informatik eine wichtige Rolle Zudem beginnt dieser Fachbereich auch, sich zunehmend der Aufgabe der Informationsvisualisierung (grafische Repräsentation von Daten, insbesondere großer Mengen davon) zu widmen. Als informatisches Gegenstück der Bildwissenschaft werden all diese Bereiche seit neuerem unter der Bezeichnung „Computervisualistik“ zusammengefaßt (Schirra 2005). Insofern die Informatik die begrifflichen Bestimmungen ihrer Anwendungsgebiete in eine spezielle (nämlich algorithmische) Formalisierung zu bringen versucht, die es ermöglicht, die in dem Anwendungsgebiet verwendeten argumentativen Zusammenhänge an Beispielfällen automatisch von einem Computersystem durchspielen zu lassen, spiegelt die Computervisualistik viele wesentlichen Aspekte der allgemeinen Bildwissenschaft auf die ihr eigene Weise wider und kann auf diese Weise ebenfalls zur begrifflichen Klärung innerhalb der Bildwissenschaft beitragen.
Friedrich-Schiller Universität Jena (MA): gliedert sich in zwei Arbeitsfelder (Kommunikationswissenschaft sowie Kultur und Ästhetik der Medien)
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