Als Biedermeier wird die Zeitspanne von 1815 (Wiener Kongress) bis 1848 (Beginn der bürgerlichen Revolution) in den Ländern des Deutschen Bundes und in Österreich bezeichnet. Mit ihr verbunden ist der politische Begriff der Restauration, der sich auf die staatspolitische Entwicklung nach dem Ende der Napoleonischen Zeit und des Wiener Kongress bezieht.
Der Ausdruck Biedermeier bezieht sich zum einen auf die in dieser Zeit entstehende eigene Kultur und Kunst des Bürgertums (z.B. in der Hausmusik, der Innenarchitektur, auch in der Mode), zum anderen auf die Literatur der Zeit, die beide - häufig zu Unrecht - mit dem Etikett »hausbacken« und »konservativ« versehen werden. Als typisch gilt die Flucht ins Idyll und ins Private. Schon der Dichter Jean Paul hatte vom »Vollglück in der Beschränkung« gesprochen, Goethes Sekretär Johann Peter Eckermann »eine reine Wirklichkeit im Lichte milder Verklärung« zu erkennen geglaubt.
Allerdings hat der revolutionäre Dichter Ludwig Pfau bereits 1847 ein Gedicht mit dem Titel Herr Biedermeier verfasst, das Spießigkeit und Doppelmoral anprangert. Es beginnt mit den Zeilen:
Angeblich hat Eichrodt dieses Gedicht erst sehr viel später kennen gelernt, nachdem er seine eigene Biedermeier-Poesie längst veröffentlicht hatte. Nachprüfen lässt sich diese Behauptung Eichrodts freilich nicht.
Nach 1900 wurde der Begriff Biedermeier jedoch eher wertneutral aufgefasst, als Synonym für die neue bürgerliche Kultur der Häuslichkeit und der Betonung des Privaten, als gesellschaftliche Ruhephase vor der Umwälzung. Im erweiterten Sinne wurde er dann auch für Kunst, Literatur und Mode dieser Zeit benutzt.
Eine bedeutende politische Rolle spielte Fürst Metternich, ein gebürtiger Rheinländer, der im Dienst des österreichischen Kaisers stand. Er setzte die so genannten Karlsbader Beschlüsse von 1819 durch, die eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung bedeutete. Es wurde eine strenge Zensur für alle Veröffentlichungen eingeführt, inklusive der Musikwerke. Literaten wie Heinrich Heine und Georg Büchner emigrierten, ebenso Karl Marx, damals Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln.
Ohne die Karlsbader Beschlüsse ist die Biedermeierzeit nicht denkbar; außerhalb Deutschlands und Österreichs existiert daher auch der Begriff Biedermeier nicht, da die gesellschaftliche Entwicklung in anderen Ländern anders verlief.
In der Literaturwissenschaft ist "Biedermeier" wie auch "Vormärz" eine Kategorie zu Bezeichnung und Charakterisierung der damaligen Literatur (vgl. Biedermeier/Vormärz). Spitzweg_Gartenfreund.jpg
Karikiert wurde der Mensch des Biedermeier als entpolitisierter, von naiv-obrigkeitstreuen Bestrebungen und Harmoniesucht getriebener Kleinbürger. Diese und ähnliche Konnotationen haften der durchaus nicht unbedeutenden Literatur des »Biedermeier« bis heute an, so wie z. B. Franz Grillparzers »Der Traum ein Leben«, der heute kaum ohne Ironie gelesen werden kann:
Zutreffend ist sicherlich die Feststellung, dass etliche Autoren des Biedermeier von einer konservativen bis reaktionären Grundhaltung bestimmt waren und sich in einer zunehmend von der Industrialisierung und der hiermit einhergehenden Urbanisierung geprägten Welt nach einem einfachen, harmonischen Leben zurücksehnten. In diesem Sinne ist die Literatur der Biedermeierzeit also, wie es sich in mancher Hinsicht auch schon von der Romantik feststellen lässt, idyllisierend und dem Zeitgeschehen abgewandt und somit ein Reflex auf die gesellschaftliche Gegenwart, auf eine Entfremdung und Sinnentleerung, der in der Rückbesinnung auf elementares Erleben und Schaffen entgangen werden sollte. Die Literaten des Biedermeier waren, im Gegensatz zur Romantik, deren Schriftsteller sich noch vorwiegend aus dem Adel rekrutierten, Bürger, die oft aus eher einfachen Verhältnissen stammten.
Die Natur war den Dichtern des Biedermeiers nicht mehr Projektionsfläche sehnsüchtigen Welt- und Ichschmerzes, sondern Gut und Schöpfung und scharf zu beobachten. Dies geschah nicht nur in christlicher, sondern auch in pantheistischer Sichtweise. Aufkommende Forschungsreisen dienten der Würdigung aller einzelnen Elemente dieser Natur, von denen viele auch gern gesammelt, katalogisiert und zuhause dann ausgestellt wurden. Und auch, wenn gerade diese Wertschätzung dann auf den christlichen Gott als Schöpfer hinwies, so verschloss die Religiosität nicht, sondern förderte geradezu die zaghaften empirischen Interessen. Die Kritik an der wahrgenommenen Entfremdung schaffte aber auch einen Elitarismus, der sich gegen Leichtigkeit und Zügellosigkeit abgrenzte.
Stifter formuliert dies als »Sanftes Gesetz«: "So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, Feuer speiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. * das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, dass jeder geachtet, geehrt und ungefährdet neben dem andern bestehe, dass er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, dass er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen." (Vorrede zu Bunte Steine, 1853)
Den Abschluss der Zeit sieht man im Allgemeinen in Stifters Werk. Sein erster Roman Nachsommer (der von ihm selber »Erzählung« genannt wurde) erschien zwar erst 1857, galt aber dennoch als vorzüglichstes Werk der Biedermeierzeit. Stifter wirkte sowohl auf Rosegger und Ganghofer, auf Heyse, Freytag und Wildenbruch wie auch direkt in den folgenden Bürgerlichen Realismus hinein, auf Storm und Fontane und über diese auf Thomas Mann und Hesse.
Stifters Werk, das immer wieder für Kontroversen sorgte, zeigt aber auch selbst schon über das Biedermeierliche hinausreichende Elemente – so findet sich z.B. in der Novelle Brigitta neben Sophokleisch-Fatalistischem auch frauenrechtlich Emanzipatorisches.
Weitere dem Biedermeier mehr oder weniger zuzurechnende Schriftsteller sind Annette von Droste-Hülshoff, Franz Grillparzer, Wilhelm Hauff, Karl Leberecht Immermann, Nikolaus Lenau, Eduard Mörike, Wilhelm Müller (der "Griechen-Müller"), Johann Nepomuk Nestroy, Ferdinand Raimund, Friedrich Rückert und Leopold Schefer. Reine Biedermeier-Literatur findet sich aber viel eher im trivialen Bereich, in Literaturkalendern u.ä. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass sowohl Stifter als auch Raimund Selbstmord begingen. Es liegt auf der Hand, dass bei ihnen die biedermeierliche Mentalität reine Fassade war, die nichts mit der inneren Realität zu tun hatte.
Das Biedermeier ist auch die Zeit des Walzers, dessen Hochburg natürlich Wien war. Er entstand aus dem meist im Freien getanzten Ländler. Zu den Tanzveranstaltungen strömten die Massen, war hier doch ausgelassene Fröhlichkeit erlaubt. Komponisten und Kapellmeister wurden teilweise gefeiert wie Stars, allen voran Johann Strauß (Vater) und Joseph Lanner. Sehr beliebt war auch das Ballett, in Wien feierte die Balletttänzerin Fanny Elßler Triumphe. Die herausragenden weiblichen Gesangsstars waren Henriette Sontag und Jenny Lind.
Die bürgerliche Familienstruktur war patriarchalisch, der Mann das Oberhaupt der Familie; der Wirkungskreis der Frau war der Haushalt. Das wohlhabendere Bürgertum beschäftigte Personal, darunter eine Köchin, einen Kutscher, eine Kinderfrau, für Säuglinge auch eine Amme, mitunter ein Hauslehrer. Die wichtigsten weiblichen Freizeitbeschäftigungen waren Handarbeiten und das Klavierspiel, das jede Bürgerstochter zu lernen hatte. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit als vorher widmete man auch der Kindererziehung und dem Kinderzimmer. Es entstand erstmals eine eigene Kindermode, die nicht nur eine Kopie der Erwachsenenmode war. Die Spielzeugindustrie erlebte ihre erste Blüte. 1840 gründete Friedrich Fröbel in Bad Blankenburg den ersten Kindergarten.
In der Biedermeierzeit wurde auch das häusliche Weihnachtsfest in der Form ausgebildet, die uns heute allen bekannt ist, mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern und Bescherung.
Natürlich wurden auch Theaterstücke und Opern zensiert. In Österreich saßen die Zensoren sogar bei den Vorstellungen im Publikum. Die Theaterautoren gingen mit der Zensur unterschiedlich um: Viele passten sich an wie Raimund; Grillparzer, der auch Staatsbeamter war, schrieb einiges nur für die Schublade, während Nestroy mehrfach mit Geldbußen belegt wurde und sogar eine Gefängnisstrafe absitzen musste.
Die Biedermeier-Möbel folgen keinem einheitlichen Stil, zeichnen sich aber ebenfalls durch schlichte Eleganz aus. Sie hatten weniger repräsentativen Charakter, sondern sollten den Eindruck von Behaglichkeit verbreiten, vor allem auch zweckmäßig sein. Die ersten Möbel dieser Art entstanden in Wien, wobei englisches Mobiliar als Vorbild diente. Großer Wert wurde bei der Produktion auf die handwerkliche Qualität gelegt. Typisch für das Biedermeier sind Kleinmöbel wie Kommoden, Sekretäre oder Nähtischchen. In Wien prägte der Möbelfabrikant Joseph Danhauser senior die neue Wohnkultur. In diese Zeit fällt auch der Erfolg der Bugholzmöbel von Michael Thonet, der aus Boppard stammte und 1842 vom österreichischen Hof nach Wien geholt wurde. Er entwarf die Ausstattung des Palais Liechtenstein in Wien.
Auch die Herrenmode des Biedermeier war alles andere als bequem. Modevorbild von 1800 bis etwa 1830 war der Dandy, dessen Prototyp der Engländer George Bryan Brummell war. In dieser Zeit wurde auch die männliche Kleidung eng tailliert getragen, so dass viele Männer zu einem Schnürgürtel griffen. Die Hemden hatten einen so genannten Vatermörder-Kragen, der den Hals einschnürte. Dazu wurden seit 1815 erstmals lange Hosen (Pantalons) getragen, gestreifte oder geblümte Westen sowie ein Gehrock oder ein Frack. Kopfbedeckung war der Zylinder. Wichtig waren auch die kunstvoll geknotete Krawatte, ein Spazierstock, Handschuhe und eine Taschenuhr, evtl. noch ein Lorgnette. Nach 1820 galten auch Backen-, Oberlippen- oder Kinnbart nicht mehr als revolutionär, der Vollbart aber galt als Symbol des Liberalismus. Unerlässlich waren zu dieser Zeit lange Koteletten, genannt Favoris.
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