Biedermann und die Brandstifter ist eine Burleske des schweizerischen Schriftstellers Max Frisch, die zwischen 1948 und 1957 entstand. Das Stück wurde 1953 als Hörspiel gesendet und fünf Jahre später, am 29. März 1958, als Drama am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.
Herr Biedermann, der 46 Jahre alt ist und eine Glatze hat, ist ein ehrgeiziger Geschäftsmann, der nach mehr Ansehen und Beliebtheit strebt. Er denkt bei den meisten Katastrophen zuerst daran, wie er sich selbst damit einen Vorteil verschaffen könnte, später will er nichts mehr damit zu tun haben. Auf der einen Seite ist Herr Biedermann eine willensschwache Person, die sich mit stärkeren und mächtigeren Parteien verbündet. Er macht einen ängstlichen Eindruck und kann Objektives nicht wahrnehmen. Andererseits verkörpert er einen korrekten Menschen, der großen Wert darauf legt, von anderen Menschen als mitfühlend und barmherzig angesehen zu werden. Er ändert seine Meinungen je nach Situation und ist somit ein Mitläufer. Wie der Name es jedoch bereits verrät, ist er in Wahrheit ein profitgieriger, egoistischer Kapitalist, der nur dort stark ist, wo er weiß, dass seine Anweisungen ohne Widerworte akzeptiert und ausgeführt werden: nämlich dort, wo er es mit Schwächeren zu tun hat. Seine Menschlichkeit gibt er im ganzem Buch nur den Obdachlosen (Schmitz und Eisenring) zu erkennen, dies jedoch durch Angst, dass sie sein Haus niederbrennen könnten. Gerade bei seinem Mitarbeiter, Knechtling, ist er unmenschlich, unsozial und will ihn weg haben.
Babette ist die herzkranke Ehefrau von Herrn Biedermann und eine pflichtbewusste Hausfrau. Sie wirkt ängstlich und schüchtern und wagt es nicht, ihre eigene Meinung richtig zu präsentieren und energisch zu vertreten, erscheint jedoch sympathischer als Herr Biedermann. Der Charakter ist bei ihr jedoch genauso schwach wie bei Herrn Biedermann selbst. Sie ist nicht so verlogen wie Biedermann und gibt ihre Ängste offen zu erkennen.
Josef Schmitz ist ein großer, stämmiger Mann, der arbeitslos sowie obdachlos ist. Er gibt sich Herrn Biedermann gegenüber sentimental, um Mitleid zu erwecken. Er war früher ein Ringer in der Schwergewichtskategorie, was man an seinem Körperbau sehr gut erkennen kann. Immer wieder betont er, dass man sich seinetwegen bloß keine Umstände machen solle, und gibt sich als unschuldigster Mensch auf Erden aus. Trotzdem ziert er sich nicht, verschiedenste Wünsche zu äußern. Sein Benehmen ist schlecht, was er selbst damit rechtfertigt, dass er als Sohn eines Köhlers in Armut aufgewachsen sei. Als Herr Biedermann später jedoch durch Dr. phil erfährt, dass Herr Schmitz früher aus purer Lust und Laune Brände gelegt hat und dafür auch eine gewisse Zeit im Gefängnis verbrachte, jagt ihm das Angst ein, denn diese Information zerstört seinen Vertrauensvorschuss gegenüber Herrn Schmitz.
Willi Eisenring gibt sich als vornehmer Herr, der immer einen Frack trägt, gehört aber auch zu den Brandstiftern. Er war früher einmal Kellner, daher hat er wahrscheinlich sein vornehmes Benehmen, ist nun jedoch, genau wie Herr Schmitz, auch arbeits- und obdachlos. Auch Herr Eisenring war bereits im Gefängnis, wo er Herrn Schmitz, den er schon aus Schulzeiten kennt, wiedergesehen hat. Bei Streitigkeiten zwischen ihm und Herrn Schmitz hört sich es genau so an, als ob der Vater mit seinem Sohn spräche. Herr Eisenring hat ein scheinbar sehr gutes Benehmen, was auf Herrn Biedermann einen beruhigenden Einfluss hat. Aus diesem Grund verdrängt Herr Biedermann auch den Gedanken, dass er und sein Kollege Schmitz gefährliche Brandstifter sein könnten. Herr Eisenring vertritt auch nie die gleiche Meinung wie sein Kollege, Herr Schmitz, er hält sich lieber an Herrn Biedermann, damit er keinen schlechten Eindruck von ihm bekommt.Er redet ihm nach dem Munde und macht Sepp für die schiefgelaufenen Sachen verantwortlich. Er unterstützt Schmitz bei der Aktion die ´Stadt anzuzünden.
Dr. phil ist Akademiker aus gutem Haus. Er ist auch ein Brandstifter, jedoch nicht, weil er Spaß am Brandstiften hat wie Schmitz und Eisenring, sondern aus gesellschaftskritischen Gründen, aus ideologischen Motiven. Eisenring nennt ihn "Weltverbesserer". Dr. phil weiß, dass das, was er macht, falsch ist, und entschließt sich, seine Kollegen zu verraten, bevor es zu spät ist . Als er es dann tut, macht er es aber auf komplizierte Weise in einem langen Text, den er verliest. Besonders auffällig ist die Brille des Akademikers. Brillen sind oft ein Zeichen von Intellektualität. Der Dr. phil putzt sich seine Brille oft, um "Weitsicht" zu haben.
Der Chor der Feuerwehr hat in der Art des antiken Chors eine wichtige beschreibende, kommentierende und mahnende Funktion. Er begleitet distanziert, aufmerksam und interessiert den Gang der Ereignisse. Er symbolisiert das Weltwissen und das Weltgewissen, vielleicht auch die bessere Einsicht des Herrn Biedermann. Der Chor wirkt mit seinen Kommentaren verfremdend; er schafft Distanz und gibt damit dem Zuschauer die Möglichkeit, das vergangene, das aktuelle oder das bevorstehende Geschehen zu überdenken.
Eine erste Fassung des Stoffes zu Biedermann und die Brandstifter findet sich in Max Frischs Tagebuch aus dem Jahr 1948. Ein Burleske betitelter erzählerischer Text enthält bereits alle wichtigen Motive des späteren Dramas, so z. B. die Aufnahme eines Unbekannten aus dem Wunsch heraus, nicht wie ein Unmensch zu wirken, den später dazukommenden zweiten Gast, den Verdacht der geplanten Brandstiftung, das Ignorieren der Fässer voll Benzin auf dem Dachboden, die versuchte Verbrüderung bei einem Abendessen aus Angst vor den Brandstiftern und schließlich den tödlichen Ausgang.
Als historischer Hintergrund für diesen Entwurf können einerseits der im Februar 1948 vollzogene Umsturz in der Tschechoslowakischen Republik, aus dem die ČSR als kommunistische Volksrepublik hervorging, andererseits die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bis 1945 gesehen werden.
1952 erhielt Frisch vom Bayerischen Rundfunk den Auftrag für ein Hörspiel. Unter Rückgriff auf den Stoff in seinem Tagebuch verfasste er daraufhin das Hörspiel Herr Biedermann und die Brandstifter, das 1953 gesendet wurde.
Erst 1957 arbeitete Frisch das Hörspiel in ein Drama um und gab ihm den etwas veränderten Titel Biedermann und die Brandstifter. Am 29. März 1958 wurde das Bühnenstück am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Oskar Wälterlin uraufgeführt.
1966 verfasste Max Frisch eine Neufassung des Stückes für eine Fernsehproduktion von Radio Bremen, die im Jahr darauf unter der Regie von Rainer Wolffhardt gedreht wurde.
Max Frisch äußerte sich später über den großen Erfolg seines Dramas:
Erschöpft von Homo faber, der eben fertig war, fühlte ich mich nicht fähig, sogleich an das große Stück vom andorranischen Juden zu gehen. Auch hatte ich lange nicht für die Bühne geschrieben, Fingerübung war vonnöten. So nahm ich das Hörspiel, um zwei Monate lang meine Fingerübung zu machen, die dann über 70 deutsche und viele fremdsprachige Bühnen ging; ich habe nicht damit gerechnet, dass ich von diesem Haarölschwindler leben werde.
(nach Manfred Durzack: Dürrenmatt, Frisch, Weiss. Deutsches Drama der Gegenwart zwischen Kritik und Utopie, S. 208)
Biedermann und die Brandstifter ist ein typisches Werk der Nachkriegsliteratur. Max Frisch ist neben Friedrich Dürrenmatt der wichtigste Vertreter der schweizerischen Literatur dieser Epoche. Die zentralen Themen seines literarischen Gesamtwerks sind vor allem die Selbstentfremdung und das Ringen um die persönliche Identität.
Das Stück Biedermann ist eine Mischung aus komischen und makabren Elementen mit düsterem Thema und Ende (eine Burleske). Allerdings ist es kein tragisches Stück, denn der Protagonist Biedermann geht nicht bewußt und zwingend um eines erhabenen Wertes willen in eine Katastrophe, sondern er erleidet aus Feigheit, Dummheit und Verblendung ein vermeidbares Schicksal. Es ist die dichterische Gestaltung eines prototypischen Geschehens mit Personen in ihren unverkennbaren, typischen Rollen. Die Dialoge enthalten eine große Spannung, die vor allem in der Diskrepanz besteht zwischen dem, was man eigentlich erwarten sollte, und dem, was tatsächlich gesagt wird.
Von all den verschiedenen Frisch-Dramen ist Biedermann und die Brandstifter das knappste und konsequenteste. Das Drama kennt keine Abschweifungen und Exkurse. Die Biedermanns werden während der ganzen Geschichte als feige Mitläufer dargestellt, die weder Fantasie noch Standhaftigkeit besitzen. Erst ihr bourgeoiser Opportunismus macht es überhaupt möglich, dass die Brandstifter ohne große Mühe ihre Arbeit verrichten und ihr Ziel erreichen können.
Da es im Stück keinen konkreten Zeit- und Ortsbezug gibt, kann das Drama vor unterschiedlichem historischem Hintergrund interpretiert werden.
Max Frisch stellt einen durchschnittlichen Bürger dar, der ein schlechtes Gewissen hat. Er möchte jedoch ein gutes haben, ohne dabei irgendetwas zu verändern. In diesem Dilemma ist Biedermann die ganze Zeit gefangen. Max Frisch nennt sein Buch "Ein Lehrstück ohne Lehre". Er deckt in ihm Missstände auf und weist auf die Notwendigkeit einer Änderung hin, zeigt aber nicht selbst eine konkrete Lösung auf. Er überlässt diese den Lesern und fordert sie somit zum Nachdenken auf.
In diesem Sinn kann in Biedermann ein Beispiel für die Gutgläubigkeit, die Bequemlichkeit, die Feigheit und/oder die mangelnde Weitsicht vieler Deutscher gesehen werden, die aktiv oder passiv den Nationalsozialismus unterstützten. In der Tat lässt sich somit folgendes Zitat bestätigen: "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand." (Aus Biedermann und die Brandstifter)
Literarisches Werk | Hörspiel (Titel) | Literatur (20. Jh.) | Literatur (Deutsch) | Drama | 1958
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