Benno Ohnesorg (* 15. Oktober 1940 in Hannover; † 2. Juni 1967 in Berlin) war in Berlin Student der Romanistik und Germanistik. Er war als Pazifist Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde und wollte Gymnasiallehrer werden. Durch die Umstände seines Todes wurde Ohnesorg bundesweit bekannt: Am 2. Juni 1967 wurde er in Westberlin bei einer Demonstration von einem Polizisten erschossen.
Die genauen Hintergründe und Zusammenhänge seines Todes lassen sich heute nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren.
Seine Frau Christa Ohnesorg, die 1999 starb, war 1967 schwanger und gebar das gemeinsame Kind am Jahresende. Sie wurde eine gute Freundin von Gretchen Dutschke-Klotz. Auf deren Mann Rudi Dutschke wurde am 11. April 1968 in Westberlin ein Mordanschlag verübt, an dessen Spätfolgen er am 24. Dezember 1979 verstarb.
Als der Schah sich in die Oper begab, wurde er von mehreren tausend Demonstranten mit Sprechchören, Farbbeuteln, Mehltüten und Tomaten empfangen. Sie riefen z.B. „Schah, Schah, Scharlatan“, „Mo, Mo, Mossadegh" (der vom Schah gestürzte ehemalige Regierungschef), „SA-SS-Schah", um gegen die täglichen schweren Menschenrechtsverletzungen in Persien zu protestieren. Nachdem das Schah-Ehepaar die Oper betreten hatte, wollten die Demonstranten den Platz verlassen. Doch die Polizei hatte sogenannte Jubelperser - vom Staat bestellte und bezahlte Schahanhänger - zwischen Oper und Protestierern postiert. Hinter dem Opernvorplatz befand sich ein hoher Bauzaun. So waren die Demonstranten auf engem Raum eingezwängt. Nun begannen die Schah-Anhänger, mit Dachlatten, Holzknüppeln, Schlagringen und Eisenstangen auf sie einzuschlagen. Da Flucht nicht möglich war, brach Panik aus. Viele Teilnehmer wurden verletzt, einige schwer. Die Polizei sah dabei zu und griff nicht ein, ließ nach einer Weile aber die Schläger durch eine nahegelegene U-Bahnstation abziehen, ohne jemanden festzunehmen. Danach blockierte die Polizei diesen Ausgang für die Demonstranten und begann nun ihrerseits, auf diese einzuschlagen.
Keiner der Anwesenden konnte bestätigen, dass es vorher eine Aufforderung zum Verlassen des Platzes gegeben habe, wie die Polizei später behauptete. Dies war auch nicht möglich, weil die Polizei die Menge eingekesselt hatte und nun vom Zentrum her auseinandertrieb, um die Fliehenden außen mit Wasserwerfern und Prügeln in Empfang zu nehmen. Polizeipräsident Erich Duensing, der diesen Einsatz vorbereitet hatte, beschrieb dies später als „Leberwurst-Methode: in der Mitte drücken, damit die Wurst an den Enden platzt". Erst 22 Minuten nach Beginn der Übergriffe durch die Polizei wurde befohlen, den Platz zu räumen. Die Demonstranten, die aus dem Kessel entkamen, wurden von Polizeigruppen bis in Nebenstraßen und Häusereingänge hinein verfolgt. Dort fanden weitere gewalttätige Übergriffe durch Polizisten statt.
Ein Demonstrant warf einen Taschenschirm auf einen Beamten, um ihn vom Prügeln auf einen am Boden Liegenden abzulenken. Als der Beamte den Schirm nahm und damit drohte, löste sich Ohnesorg etwas aus der Gruppe und trat einen Schritt auf den Polizisten zu. In diesem Moment kam von hinten her ein Schuss, der ihn in den Kopf traf. Ein Augenzeuge sah das Mündungsfeuer in Kopfhöhe des Getroffenen. Andere hörten einen weiteren Polizisten brüllen:
Verschiedene Zeitungen sammelten Zeugenaussagen zum Verlauf des Geschehens vor und nach dem tödlichen Schuss auf Ohnesorg. Die Zeitschrift konkret, die sich als „einzige linke Publikumszeitschrift Deutschlands" sieht, gab unter der Überschrift „Bitte, bitte, nicht schießen!" einen Sonderbericht heraus (Juli 1967, Nr. 7), der Eindrücke von etwa einem Dutzend Zeugen schilderte. Diese Aussagen hatte der damalige Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler gesammelt, der die Witwe Ohnesorgs vertrat. Sie bestätigten übereinstimmend einen anderen Ablauf als die Polizeiberichte:
Dr. med. Alfred Alexander Mentschel, der mit seiner Arzttasche in der Nähe war und dem Verletzten erste Hilfe leisten wollte, berichtete: Ich ging bis zu einer Garage in der Krummen Straße, wo ein mir unbekannter Mann von ca. 25 Jahren in der Toreinfahrt lag, der aus dem Kopf blutete. Die dort oben erwähnten Polizeibeamten verweigerten mir aber jegliche erste Hilfe, trotzdem ich mich als Mediziner auswies.
Auch ein Journalist hatte die Szene beobachtet und forderte die Polizisten auf, einen Krankenwagen zu holen. Er bekam zur Antwort: Nee, wieso? Das hat Zeit. Die Krankenschwester, die sich im Krankenwagen um Ohnesorgs Leben bemühte, war selbst von Polizeiknüppeln blutig geschlagen worden. Nach ihrer Aussage starb Ohnesorg in ihrem Beisein auf dem Transport ins Moabiter Krankenhaus. Nach der Krankenhausakte dagegen starb er gegen 23:00 Uhr im Krankenhaus. Seine Kopfverletzung wurde genäht. Beides deuteten Beobachter als Versuch, die Todesursache zu vertuschen.
Für Ohnesorgs Tod gaben die Behörden zuerst „Schädelbasisbruch" als Todesursache an. Der Versuch eines Arztes im Moabiter Krankenhaus, das Einschussloch zusammenzunähen, sollte offenbar diese Lüge stützen. Dann hieß es, der „Querschläger" eines Warnschusses habe Ohnesorg getroffen. Als Augenzeugen auch dies widerlegten, behauptete Kurras, er habe am Boden gelegen und in Notwehr gehandelt, weil er mit Messern angegriffen worden sei. Auch dies hatte sonst niemand von den Augenzeugen gesehen. Messer oder andere Waffen wurden bei keinem der Festgenommenen gefunden.
Alle verletzten Polizeibeamten konnten das Krankenhaus am selben Abend wieder verlassen. Über die schwerverletzten Studenten dagegen wurde eine tagelange Nachrichtensperre verhängt. Angehörige erfuhren zunächst nichts über den Aufenthaltsort und die Schwere der Verletzungen.
Am 3. Juni berichtete die Berliner Bildzeitung nur, es habe einen Toten gegeben. Abgebildet wurde daneben ein blutender Polizist. Von einem Messerangriff war nichts zu lesen, ebensowenig von einem Todesschuss. Der Kommentar lautete:
Der Berliner Senat verbot alle weiteren Demonstrationen. Die Polizei riegelte auch den Campus der Freien Universität ab. Bürgermeister Heinrich Albertz sagte: Die Geduld der Stadt ist am Ende. Auch er gab den Demonstranten selbst die Schuld an der Erschießung Ohnesorgs und fand kein Wort für die Angehörigen des Toten. - Erst unter dem Eindruck der unabhängigen Untersuchungsergebnisse traten er und der Polizeipräsident im September zurück. Nun gaben beide zu, dass sie den Polizeieinsatz in dieser Form geplant und befohlen hatten.
Der Todesschütze Kurras blieb zunächst im Amt. Er wurde in einem ersten Prozess am 21. November 1967 von der Anklage des Totschlags freigesprochen. Gleichzeitig wurde der angebliche Steinewerfer Fritz Teufel bis zu seinem Prozessbeginn am 27. November inhaftiert. Die Anklage hatte versucht, ihn in die Psychiatrie einzuweisen. Nun sollte er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt werden. Doch sein Anwalt - das damalige SDS-Mitglied Horst Mahler - konnte nachweisen, dass die Festnahme Teufels fünf Minuten vor dem angeblichen Steinwurf stattfand. Am 22. Dezember 1967 wurde Teufel freigesprochen.
In einem zweiten Prozess 1970 wurde Kurras zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits nach vier Monaten Haft wieder freigelassen. 1975 trat er erneut in den Polizeidienst und wurde 1987 pensioniert.
Die Überführung von Benno Ohnesorg nach Westdeutschland am 8. Juni und seine Beerdigung am Folgetag waren von bundesweiten Demonstrationen begleitet. Der Berliner Theologe Helmut Gollwitzer, ein enger Freund Rudi Dutschkes, sagte an der DDR-Grenze:
Die Erschießung Benno Ohnesorgs markierte eine deutliche Zäsur in der politischen Auseinandersetzung im Westdeutschland der 1960er Jahre. In den folgenden anderthalb Jahren schwoll die internationale studentische Protestwelle enorm an. In der Bundesrepublik kam es nun häufiger zu teils gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Zugleich nahmen die Aufklärungs- und Reformversuche an den Hochschulen zu. Erstmals gerieten auch die Polizeiausbildung und die von ihr angewandten Methoden in die öffentliche Kritik.
Andererseits begünstigte die Debatte über die Lehren aus Ohnesorgs Tod auch den Zerfall des SDS in viele dogmatisch verfeindete sogenannte K-Gruppen. Sie wurde auch der Auftakt des deutschen Terrorismus der 1970er Jahre. So bezog sich die Bewegung 2. Juni um Till Meyer und Bommi Baumann, aber auch die RAF um Andreas Baader und Ulrike Meinhof ausdrücklich auf das Todesdatum Ohnesorgs und leitete daraus ihre prinzipielle Staatsfeindschaft ab.
Die Studentenbewegung, die eine ganze Generation nachhaltig prägte und politisierte, erzeugte also ambivalente Tendenzen: Einer gewissen Liberalisierung des innenpolitischen Meinungsklimas und Reformbereitschaft im Bildungssektor, die den Wahlsieg der sozialliberalen Koalition 1969 begünstigten, standen ab 1973 die Berufsverbote und eine Eskalation des RAF-Terrors gegenüber: es kam zu Anschlägen auf Einrichtungen, Vertreter des politischen Systems wurden ermordet. Der Staat erließ Sondergesetze, Bürgerrechte wurden abgebaut und die Polizei aufgerüstet.
An den Tod des Studenten Benno Ohnesorg erinnert vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße seit 1971 eine Gedenktafel, sowie das Relief „Der Tod des Demonstranten" des Bildhauers Alfred Hrdlicka. In seiner Heimatstadt Hannover ist seit 1992 eine Brücke über die Ihme nach ihm benannt. Der Schriftsteller Uwe Timm hat Benno Ohnesorg mit der Erzählung Der Freund und der Fremde (2005) ein literarisches Denkmal gesetzt.
Mann | Deutscher | Politische Affäre | Geboren 1940 | Gestorben 1967
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