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Die Belagerung ist eine militärische Taktik, die angewendet wird, um befestigte Anlagen zu erobern, deren Kampfkraft abzunutzen oder zumindest zeitweise zu neutralisieren. Hierbei wird der Ort dergestalt von eigenen Truppen umschlossen, dass möglichst jeder Verkehr zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Belagerungsrings unterbunden wird. Insbesondere soll der Nachschub an Soldaten, Waffen und Nahrung unterbunden werden. Belagerungen sind zumeist mit dem Einsatz von Belagerungsgerät, Artillerie und Sappeuren verbunden.

Während der Renaissance und der frühen Neuzeit stellte die Belagerung eine der Haupttaktiken der europäischen Kriegsführung dar. Der Einsatz dieser Taktik setzte sich durch das Mittelalter hindurch fort, wo beispielsweise Leonardo da Vinci neben seiner Kunst auch für den Entwurf von Festungsanlagen bekannt war. Der Ursprung der Belagerungen wird in der Antike vermutet, da bereits antike Städte des nahen Ostens archäologische Spuren von befestigten Stadtmauern aufweisen. Erst während der Napoleonischen Ära nahm der taktische Wert der Belagerungen durch die verstärkte Verwendung der Kanone zunehmend ab.

In der heutigen Zeit wurden die Wälle und Burgen früherer Zeiten durch Gräben und Bunker ersetzt, die jedoch durch die zunehmende Mobilität des Kriegsgeräts immer weiter an Bedeutung verlieren. Zwar kommen Belagerungen auch in den Kriegen des 20. Jahrhunderts noch immer vor, die Leichtigkeit, mit der in der modernen Kriegsführung verheerender Schaden an statischen Zielen angerichtet werden kann, lässt dies jedoch zur Ausnahme werden.

Allgemein


Erstuermung 15JHDT OEnatBIB.png Das klassische Ziel einer Belagerung ist die Schwächung einer Befestigungsanlage, welche zu starke Gegenwehr leistet, um sie mit einem direkten Sturmangriff zu bezwingen. Dies geschieht vor allem durch Einsatz von Belagerungsgerät, Artillerie oder Sappeuren. Durch die Schwächung der Befestigung, die neben strukturellen Schäden an den Anlagen selbst auch durch Nahrungsmittelengpässe und die psychologische Wirkung auf die Moral der Belagerten eintritt, soll ein Sturmangriff ermöglicht oder eine Kapitulation erreicht werden.

Historisch wurde vor einer Belagerung zunächst häufig ein Sturmangriff oder „Handstreich“ durchgeführt. Dieser nutzt das Überraschungsmoment einer schnellen Annäherung aus und erfolgt seitens des Angreifers oft mit einem kleinen Truppenkontingent, das entweder Schlüsselelemente einer Festung in Besitz nimmt (z. B. ein Tor) oder Schlüsselpersonal (z. B. den König) ausschaltet.

Der Handstreich gilt als außerordentlich riskant und endete häufig als Fehlschlag. In diesem Sinne ist der deutsche Überfall auf den Festungsring Lüttich zu Beginn des ersten Weltkrieges zu bewerten, während im Zweiten Weltkrieg der ebenfalls als Handstreich ausgeführte Angriff auf Fort Eben-Emael sehr erfolgreich war.

Eine Belagerung ist jedoch wesentlich aufwändiger, zeitraubender und für den Angreifer zermürbender als ein Handstreich, so dass dieser trotz der damit verbundenen Risiken häufig versucht wurde.

Verlässt ein Teil der Belagerten die Festung, um die Belagerer anzugreifen, bzw um Belagerungsgerät zu zerstören, nennt man das einen „Ausfall“. Kommen den Belagerten befreundete Truppen von außen zu Hilfe, spricht man von „Entsatz“.

Belagerungen der Frühgeschichte und Antike


Städte werden schon seit frühester geschichtlich bekannter Zeit mit Mauern umgeben, um möglichen Feinden die Eroberung zu erschweren. Dagegen bildete sich ebenso früh eine Technik der Belagerung aus. Die Aufzeichnungen für erste Belagerungen reichen hierbei bis zum Belagerung von Jericho im Alten Testatment und der Belagerung von Troja zurück, wie sie Homer in „Illiad“ beschrieb.

Auch die mazedonische Armee Alexanders des Großen führte viele Belagerungen durch. Hierbei sind insbesondere die Belagerungen von Tyros und des Sogdischen Felsens erwähnenswert. Tyros war eine phönizische Inselstadt, die einen Kilometer vom Festland entfernt war und für uneinnehmbar gehalten wurde. Die Mazedonier errichteten einen Damm zur Insel, der Überlieferungen zufolge zumindest 60 m breit war. Sobald dieser Damm in den Artilleriebereich hineinreichte, ließ Alexander die Stadtmauern mit Steinschleudern und leichten Katapulten beschießen. Nach einer 7 Monate andauernden Belagerung fiel die Stadt unter die Kontrolle der Mazedonier. Im Gegensatz hierzu wurde die hoch auf den Klippen stehende Festung des Sogdischen Felsens durch List eingenommen. Alexander befahl seinen Truppen, die Klippen zu erklimmen und die hochgelegenen Flächen einzunehmen. Daraufhin gaben die demoralisierten Verteidiger auf.

Der Belagerungskrieg war in der Antike von zentraler Bedeutung. Insbesondere die römischen Armeen waren für ihre erfolgreichen Belagerungen berüchtigt. Julius Caesars Kampagne zur Einnahme Galliens beispielsweise basierte im Kern auf einer großen Zahl verschiedener Belagerungen. Während des Gallischen Kriegs beschrieb Caesar die römischen Legionen in der Schlacht bei Alesia zwei befestigte Wälle um die Stadt errichteten. Die innere Circumvallation hielt mit einem Durchmesser von 10 Meilen die Kräfte Vercingetorix im Belagerungsbereich, während die äußere Contravallation verhinderte, dass diese von Nachschub erreicht werden konnte. Nachdem die Entsatztruppen der Gallier den römischen Kavallerie-Hilfstruppen unterlagen, gaben die Gallier im Angesicht des Hungertodes auf.

Die einfachste Form der Belagerung besteht darin, den Feind einfach einzuschließen und abzuwarten, bis ihm die Nahrung oder das Wasser ausgeht. Die Länge einer Belagerung führt aber sowohl bei den belagernden Truppen als auch bei den Belagerten häufig zu Seuchen wegen der mangelnden Hygiene.

Eine ganz spezielle Form der Belagerungstechnik war die so genannte Menschenpyramide. Hierfür war überhaupt kein Belagerungsgerät notwendig, vielmehr bildete eine Gruppe entschlossener Angreifer selbst die Belagerungsmaschine. Das Ziel war, einen oder einige wenige Angreifer auf die Höhe der Festungswälle zu bringen. Dazu bildeten die Angreifergruppe eine Art Räuberleiter, in dem sie sich pyramidenförmig an der gegnerischen Mauer aufstellte. Diese Pyramide konnte allerdings nur in den Bereichen aufgestellt werden, in denen die Geschütze der Verteidiger nicht wirken konnten - dem so genannte Toten Winkel. Das Verfahren war nur bei relativ niedrigen Mauerhöhen erfolgreich und erhielt erst wieder eine Bedeutung, als die Festungsmauern immer niedriger ausgeführt wurden, um der Bedrohung durch die neuzeitliche Artillerie begegnen zu können.

Vor allem die Römer perfektionierten die Belagerungstechnik. Wenn der praktisch obligatorische erste Sturmangriff zur Erprobung der Verteidigungsbereitschaft und des Verteidigungswillens gescheitert war, wurde die Festung von den angreifenden Truppen eingeschlossen. Danach wurden befestigte Lager für die Angriffstruppen errichtet. Als nächstes wurde eine Gegenbefestigung angelegt, die die Eingeschlossenen hindern sollte Ausfälle durchzuführen oder Boten auszuschicken. Wenn die Möglichkeit von Angriffen durch Entsatztruppen gegeben war, wurde noch eine Aussenbefestung errichtet. Dann erst begann die eigentliche Belagerung.

Zuerst musste die Annäherung an die Festung geschafft werden. Dazu mussten gegebenenfalls Hindernisse wie Wolfsgruben oder Abatis beseitigt und Gräben zugeschüttet werden. Hierbei kamen fahrbare oder tragbare Wände und Dächer verschiedener Typen zum Einsatz.

Die Römer setzten auch Rampen ein, um geographisch geschützte Stellungen zu stürmen (z.B. das auf einer Insel gelegene Tyros und die auf einem Plateau gelegene hebräische Festung Massada).

Danach mussten die Wälle oder Mauern der Festung überwunden werden. Dazu gab es prinzipiell vier Möglichkeiten:

  1. Man benutzt eine Sturmleiter oder einen Belagerungsturm, um die Mauer zu übersteigen/besteigen.
  2. Man benutzt einen Rammbock oder einen Mauerbohrer, um eine Bresche in die Mauer zu schlagen oder das Tor einzureißen. Beide Geräte wurden üblicherweise in fahrbare Schutzgestelle eingebaut.
  3. Man benutzt ein Katapult, entweder um eine Bresche in die Mauer schießen, oder um in die Ummauerung hinein zu schießen. Zum Beschuss der Mauer wurden meist massive Steingeschosse benutzt. Bei Holzwällen teilweise auch Brandgeschosse. In die Ummauerung wurde mit massiven oder Brand-Geschossen gefeuert, um demoralisierende Zerstörungen zu verursachen. Leichen oder Köpfe von Angehörigen der Verteidiger zur psychologischen Kriegsführung. Leichen und Unrat zur Biologischen Kriegsführung, um Krankheiten auszulösen.
  4. Man unterminiert Mauer, das heißt man gräbt einen Gang unter die Mauer. Entweder um durch Anlegen einer Minenkammer, in der nach der Fertigstellung die Stützelemente weggebrannt werden, überraschend die Mauer an dieser Stelle zum Einsturz zu bringen. Oder um heimlich einen kleinen Trupp Soldaten in die Festung zu bringen, die dann einen Handstreich durchführen.

Belagerung von frühneuzeitlichen Festungen


Belagerung Holzschnitt 1502.png Mit der Erfindung des Spreng- und Schießpulvers und von Kanonen (siehe auch Steinbüchse) ergaben sich zum Teil neue Möglichkeiten für beide Seiten.

Der Angriff auf eine mit massiven Winkelbasteien versehene Festung war stets eine riskante Angelegenheit, so dass auf Seiten der Angreifer oftmals ein so genanntes Sturmgeld ausgelobt wurde. Um eine Bresche in die Festungsmauern zu schlagen, hoben die Belagerer Gräben aus, in der Regel parallel zu einer der vorderen Seiten einer Bastion. Danach wurden in diesem Graben Geschütze postiert, die sofort ein Deckungsfeuer eröffneten. Nun wurde ein Annäherungsgraben in Richtung der Bastion angelegt, und nach einigen Metern wiederum ein Parallelgraben in dem die Kanonen Schutz fanden. Die Belagerer mussten beim Ausheben von Annäherungsgräben damit rechnen, das die Verteidiger der Festung einen Ausfall unternehmen, um die Arbeit der Sappeure zu unterbrechen. Deshalb legten sie oftmals in regelmäßigen Abständen zwischen den Gräben Festungen im Kleinstformat an, in denen man Truppen zur schnellen Abwehr eines Ausfalls stationierte. Bei vielen frühneuzeitlichen Belagerungen entstanden komplexe Grabensysteme mit zahlreichen Befestigungsanlagen.

Hatten sich die Belagerer mit Hilfe von Annäherungsgräben nahe genug an eine Bastion herangearbeitet, konnten die Kanonen so viel Feuerkraft entfalten, um eine Bresche in die Bastion zu schießen. Doch die Verteidiger bildeten in solch einem Fall meist eine dichte Schützenlinie hinter der Bresche, und sie hielten Körbe mit Schutt, Erde und Holz bereit, um eine Bresche provisorisch schließen zu können. Zudem konnten Angreifer beim Sturm auf eine Bresche von angrenzenden Bastionen unter Beschuss genommen werden, insbesondere aus zurückgezogenen Flanken. Wenn sich das Schlagen einer Bresche anbahnte, legten die Verteidiger der Festung oftmals eine Retirata hinter der betreffenden Mauerstelle an, wenn eine derartige zweite Front nicht bereits von Anfang an in der Festung vorhanden war.

Auch die alte Taktik des Unterminierens kam bei Belagerungen zum Einsatz. Dabei legten die Belagerer vom Gegner möglichst unbemerkt einen Stollen an, der bis unter die Befestigung gegraben wurde. Anfangs wurde das Fundament so lange unterhöhlt bis das Bauwerk unter eigenem Gewicht einstürzte, jedoch war das für die Belagerer selbst sehr gefährlich, weil der Zeitpunkt des Einsturzes ungewiss war. Man ging dazu über die Mauern mit Holzpfeilern abzustützen. Als der freigelegte Abschnitt ausreichend schien, brachte man zusätzlich brennbares Material das in Brand gesetzt wurde und die Pfeiler zerstörte, wodurch die Mauern zum Einsturz gebracht wurden. Bei frühneuzeitlichen Belagerungen bevorzugte man die Verwendung von Schießpulverladungen, wodurch der Begriff "Mine" von einem Stollen auf eine ausgelegte Sprengladung überging. Bestand bei den Belagerten der Verdacht, dass eine Unterminierung im Gang ist, wurden Horchposten eingerichtet die in Feuerpausen auf grabungstypische Geräusche achteten. Andere Mittel waren aufgestellte leere Fässer, auf deren Oberseite etwas Wasser eingefüllt wurde oder erbsenbestreute Trommeln, um die von den Erdarbeiten ausgehenden Erschütterungen festzustellen und zu lokalisieren. War ein Gang lokalisiert gruben die Verteidiger ihrerseits Stollen, um das Vorhaben des Gegners durch eine eigene Sprengladung zu vereiteln.

Bereits im späten 16. Jahrhundert wurde es üblich, das die Belagerer ihrerseits einen Ring aus Befestigungsanlagen um die belagerte Stadt oder Festung anlegten. Somit sicherten sich die Belagerer vor dem etwaigen Angriff eines Entsatzheeres, schnitten die belagerte Festung komplett von der Außenwelt ab und schützten sich vor möglichen Ausfallangriffen der Verteidiger. Ein derartiger Befestigungsring bestand aus unzähligen Gräben und Werken, die teilweise so nahe wie möglich an die belagerte Festung getrieben wurden. Ein besonders komplexer Ring aus Feldbefestigungen wurde zum Beispiel bei der Belagerung der niederländischen Stadt 's Hertogenbosch im Jahre 1629 angelegt.

Moderner Grabenkrieg


In gewisser Weise ist der Grabenkrieg des Ersten Weltkrieges eine Erweiterung der Belagerung auf die gesamte Front. Mit weitreichender Artillerie und Flugzeugen wurde es fast unmöglich, Städte gegen eine Belagerung zu schützen. Dennoch kam es im Zweiten Weltkrieg mit der Belagerung von Leningrad zumindest zu einer langwierigen Belagerung einer Stadt. Auch die Eroberung der Festung Brest gestaltete sich äußerst schwierig.

Die letzte Belagerung im klassischen Sinne war der Kampf um die französische Festung Dien Bien Phu in Vietnam im Jahre 1954. In neuerer Zeit wurde von der Belagerung von Sarajewo im Bosnienkrieg gesprochen.

Siehe auch


Kriegs- und Gefechtsführung | Befestigungsanlage

Siege | Asedio | Siège (militaire) | מצור | 攻城戦 | 공성전 | Beleg | Beleiring | Опсада | Belägring

 

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