Ein in dreifacher Hinsicht historisches Konstrukt der Germanistik des 19. und 20 Jahrhunderts: Problematisch ist erstens der Literaturbegriff, der an dieser Stelle als historisch authentischer des 17. Jahrhunderts konstruiert wird – ihm entspricht kein vergleichbarer Begriff des 17. Jahrhunderts. Problematisch ist zweitens die epochale Zuordnung, die hier versucht wird – sie negiert epochale Selbsteinschätzungen des 17. Jahrhunderts. Problematisch ist drittens die Anschlussfähigkeit der Forschung, die hier geschieht – das deutsche Barock wird zu einem nationalen Sonderweg, ihm steht kein vergleichbares englisches oder niederländisches Barock gegenüber. Eine Forschung, die in Anbetracht des intellektuellen Austauschs, der Europa im 17. Jahrhundert beherrschte, Anschlußfähigkeit sucht, wird die neutralere Option wählen und der deutschen Literatur, Poesie- und Romanproduktion des 17. Jahrhunderts gelten.
Siehe Deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts
Die zentralen Autoren der Literatur des Barock waren für die Germanistik Opitz, Lohenstein, Gryphius, Grimmelshausen, Ziegler . An dieser Stelle zeigt sich die Konstruiertheit der "Epoche", die von wenigen "großen" Autoren ausgeht, besonders deutlich: Der Dichter Grimmelshausen war zu seiner Zeit ein relativ unbekannter Autor, entdeckt wurde er erst in den 1920er Jahren. Der zu seiner Zeit berühmte Nürnberger Dichter Sigmund von Birken hingegen ist heute weithin unbekannt. Die Poetiken des 17. Jahrhunderts bereiteten der Germanistik an dieser Stelle Schwierigkeiten, weil sie vergleichsweise "unliterarische" Gattungen wie die Oper, die Cantate und das Ballett diskutieren. Dies liegt an dem aus der Ästhetik des 19. Jahrhunderts stammenden Literaturbegriff, für den es nur Epos, Drama und Lyrik gibt. Im Barock so wichtige Gattungen wie die Schäferdichtung und die Gelegenheitsdichtung können auf dieser Grundlage weder eingeordnet noch verstanden werden.
Das Wort Barock pflegt für "schwülstig" zu stehen, eine Kunst zu kennzeichnen, die von den Höfen und von der Gegenreformation der katholischen Kirche geprägt ist, für eine Öffentlichkeit zu stehen, die drittens dem einfachen Volk ein kritischeres Nachdenken absprach. Unter allen drei polemischen Aspekten dient der Begriff dazu, Gleichzeitiges auseinanderzudividieren und die kulturelle Produktion des 17. und 18. Jahrhunderts in eine historisch unterlegene und eine siegreiche aufzuteilen: Philosophie der 1640er gehört, wenn sie ein kritisches Raisonnement trägt, zur Aufklärung, die Opern Händels bleiben auf der anderen Seite Barockopern, auch wenn sie erst in den 1720ern in London komponiert werden und dort als aktuelle Mode gehandelt werden. In historischen Darlegungen kommen die Barockkapitel zuerst. Sie enden mit einer Produktion, die ins 18. Jahrhundert hinein auslief. Siegreich folgen den Kapiteln zum Barock die Kapitel zur Aufklärung. Sie beginnen im 17. Jahrhundert bei der "fortschrittlichen", "frühaufklärerischen" Philosophie. Mit der These von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wird die Teilung in das, was angeblich seiner Zeit schon im 17. Jahrhundert voraus war und das, was angeblich im 18. Jahrhundert nur noch überholt auf den Markt kam, gedeckt.
Der Anfangspunkt der deutschen Literatur des Barock wird sich letzten Endes forschungsgeschichtlich präzise fixieren lassen: er liegt in Gottscheds Vorrede zum Sterbenden Cato (1731). Sahen Gottscheds Zeitgenossen (wie etwa Gottlieb Stolle) noch, daß um 1600 die Oper das Erbe des griechischen Dramans mit seinen Chören antrat, so behauptet Gottsched in seiner Vorrede zum Sterbenden Cato (auf einem an der Poetik des Aristoteles geschulten Poeisiebegriff insistierend), daß es in Deutschland seit vierzig Jahren kein Drama mehr gegeben habe. Die Produktion sei mit den Tragödien Lohensteins mitten im 17. Jahrhundert ausgestorben, übrig geblieben sei nichts als das Wandertruppentheater. Die Oper erwähnt Gottsched nur nebenbei als nicht in das Feld gehörige Produktion. Sein eigenes Drama stellt er dem der Wandertruppen entgegen. Gottscheds Sicht gewann Einfluß, als Lessing sie aufnahm; was er im Moment der Distanzierung tat: Gottsched mochte ein neues Drama geschaffen haben – das moderne Drama komme jedoch viel mehr von England, es sei bürgerlich (und schule sich am modernen Roman Richardsons). Im Bruch mit Gottsched bestätigt Lessing indes eben dessen Sicht auf das 17. Jahrhundert. Ein Jahrzehnt später, in den 1760ern, beginnt die Rekonstruktion der deutschen Dichtung des 17. Jahrhunderts unter den gewiesenen Prämissen. Lohenstein und Gryphius werden die zentralen dramatischen Autoren des 17. Jahrhunderts. Der Roman, der im Bruch mit Gottsched hinzugewonnen wird, findet mit Grimmelshausen und abermals Lohenstein zwei Autoren, die demonstrieren, daß der er wie das Drama aufgeteilt war in einen hohen heroischen und einen niederen komisch satirischen. Es beginnt wenig später die Konstruktion jener Ästhetik, die auf dem Weg ins 20. Jahrhundert die Ästhetik des Barock wird.
Die Literaturgeschichten, die ab den 1830ern das 17. Jahrhundert auf Gottsched und Lessing aufbauend behandeln, schaffen ein Profil der deutschen Literatur, in dem das Barock isoliert im 17. Jahrhundert steht. Die moderne Literatur beginnt in den 1730ern. Mit Bereitschaft, die Opern ins Spektrum der Barockliteratur aufzunehmen, erscheint es im 20. Jahrhundert möglich, die Lücken zu füllen. Kritisch betrachtet wird hier eine Ersatzliteratur geschaffen, die unserer eigenen eine überwundene und exotische Vergangenheit gibt.
Konstruktiv sollte es nach dem Gesagten sein, für das 17. und 18. Jahrhundert die Felder Literatur (im Sinne von Gelehrsamkeit), Poesie (unter Einschuß der Oper) und Roman (samt der aktuellen chronique scandaleuse) zu erfassen und in allen drei Feldern die deutsche Produktion in den europäischen intellektuellen Austausch des 17. und 18. Jahrhunderts eingebettet zu sehen.
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