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Unter baltischer Mythologie wird im allgemeinen die Mythologie der Letten, Litauer und Pruzzen zusammengefasst. Angesichts beachtlicher Unterschiede zwischen lettischer und litauischer Mythologie - über die Mythen der Pruzzen weiß man fast nichts - ist dies eine sehr radikale Verallgemeinerung, treffender wäre daher von baltischen Mythologien zu reden, wie man auch von baltischen Sprachen in der Mehrzahl redet. Oder aber man spricht von baltischer Mythologie nur in Bezug auf ein historisches Stadium, in dem die Urbalten noch als ein relativ homogenes Volk angesehen werden können, für das man auch eine (ur)baltische Sprache rekonstruiert. Sie steht in enger Beziehung zu den Mythen anderer Völker der indogermanischen Sprachfamilie, insbesondere der Slawen und Germanen, aber auch der Kelten. Hervorstechendes gemeinsames Merkmal ist der Polytheismus mit einer Vielzahl mythischer Wesen verschiedenen Ranges und einer starken Präsenz der Verstorbenen.

Quellen und Methoden


Quellen der Baltischen Mythologie sind verschiedene Folkloretexte, im Lettischen besonders die sogenannten dainas. Die Dainas bestehen meistens aus vierzeiligen Strophen, wobei jede Zeile höchstens acht Silben aufweist. Die umfassendste und bedeutendste Sammlung solcher Dainas sind „Latvju dainas“ von Krišjānis Barons. Schon aufgrund der Kürze dieser Lieder ist der mythologische Gehalt nicht entwickelt und interpretationsbedürftig. Anders aufgebaut sind die litauischen Dainos, die deutlich länger sind und auch balladenhafte Elemente aufweisen. Weitere Quellen sind Märchen, Sagen und Legenden, gleichfalls Ortsnamen und religiöse Begriffe, die einer etymologischen Analyse zugänglich sind. Schriftliche Überlieferungen setzen mit einer kurzen Bemerkung über Aestirum gentes spätestens mit Tacitus (Germania 45) ein - bei älteren Quellen ist man sich nicht sicher, ob es sich tatsächlich um baltische Stämme handelt. Schließlich kann man aus archäologischen Funden, z.B. Grabbeigaben, Haltung und Ausrichtung bei Bestattung, Art der Bestattung auf mythische Vorstellungen schließen.

Die voneinander isolierte Forschung im Westen und Osten hat zur Herausbildung zweier verschiedener Schulen zur baltischen Mythologie geführt. Im deutsch- und englischsprachigen Raum ist die westliche Schule der Emigranten (noch) besser bekannt und in Standardwerken vertreten. Zu nennen wäre hier vor allem Biezais Beschreibungen der Baltischen Religion, die sich nur auf lettisches Material stützen und daher auch nur lettische Religion genannt werden dürften.

Man muss sich bei der Rekonstruktion und Beschreibung wesentlicher Züge baltischer Mythologien bewußt sein, dass eine Periode von mindestens Dreitausend Jahren betroffen ist, die schwerlich ohne weitreichende Änderungen blieb. Zudem wird darauf verwiesen, dass Angehörige verschiedener Schichten andere Schwerpunkte in den Mythen setzten. Gintaras Beresnevičius betont den Unterschied zwischen der offiziellen Religion und Mythen der staatstragenden Priester und Krieger, die durchaus zu einem rekonstruierbaren System entwickelt war, gegenüber den weniger systematischen Vorstellungen der Bauern.

Wesensheiten der baltischen Mythologie


Ahnen, Seelen, Geister

Im Gegensatz zum dogmatischen christlichen Leib-und-Seele-Dualismus gibt es bei den Balten hierzu variierende Vorstellungen. Die Seele ist befähigt, den Körper im Schlaf zu verlassen, etwa in Gestalt einer Biene oder Maus. Die Geister der Verstorbenen, litauisch vėlės, lettisch veļi, können nach dem Tode zunächst weiter in der Nähe ihrer Sippe existieren. Daneben oder in chronologischer Abfolge wurde an Reinkarnation in Bäumen, besonders in heiligen Hainen geglaubt. Mit verstorbenen Frauen werden i.A. Linden verbunden, während Männer meist als Eichen erscheinen. Weiterhin wurde an Reinkarnation in Neugeborenen geglaubt, ggf. nach dem Aufenthalt in Tieren und Pflanzen. Storch und Wasservögel können als Seelentiere angesehen werden, Spuren davon sind fast nur noch im Märchen erhalten. Verstorbene können sich aktiv in die Träume der Hinterbliebenen einbringen, wenn sie Bedürfnisse haben oder nach einem Unfall unbestattet sind. Die Seelen Verstorbener sind bei der Bestattung präsent, nehmen den neuen Toten in Empfang. Kontakt mit den Toten wird zu bestimmten Fristen nach dem Ableben aufgenommen, sowie zu bestimmten Kalenderfesten. Es gibt viele Sagen über Geisterseher, die die Toten sehen können. Weiterhin gibt es Möglichkeiten, diese Fähigkeit zeitweilig zu erwerben, indem man zwischen den Ohren von Hunden hindurchblickt oder durch ein Astloch im Brett.

Jenseitsvorstellungen

Es gibt verschiedene, konkurrierende Jenseitsvorstellungen:

  • der Wald bzw. ein heiliger Hain als Aufenthaltsort der Toten in Bäumen - unter christlichem Einfluss wurden hieraus Vorstellungen, die dem Purgatorium nahe kamen.
  • eine Weide hinter einer Wasserbarriere, in der Tote als Vieh gedacht waren. Diese Vorstellung lässt sich in vielen indogermanischen Zweigen erschließen und dürfte indogermanischen Ursprungs sein.
  • ein Jenseits im Land der Zugvögel, lit. dausos, in das man entlang der Milchstraße, lit. paukščių takas 'Vogelpfad', gelangt.
Die Sterne sind darüber hinaus mit dem Leben verknüpft, eine Sternschnuppe erscheint, wenn ein Mensch stirbt, mit der Geburt erleuchtet ein neuer Stern.

Abweichende Vorstellungen gibt es auch zu dem Herrscher der Totenwelt. Zumeist tritt hier lit. velnias, lett. velns, der spätere Teufel des Christentums in Erscheinung. Die Lokalisierung des Jenseits im Himmel unter der Herrschaft des Himmelsgottes lit. dievas, lett. dievs, apr. deiwas dürfte später erfolgt sein und war geeignet aus dieser Figur den Gott der Christen zu machen.

Die Götter und Göttinnen der baltischen Mythologie

  • lit. Dievas, lett. dievs, apr. deiwas - Himmelsgott verwandt mit Zeus, Jupiter
  • lit. Perkūnas, lett. Pērkons - baltische Entsprechung des germanischen Donner- und Wettergottes Donar, slawisch Perun
  • altlitauisch Velinas, lit. velnias, lett. velns - ursprünglich Totengott, ähnlich Wodan, sonst Teufel
  • lit. Saulė, lett. Saule - mitunter als göttlich vorgestellt, entspricht etwa Sunna
  • Patrimpas
  • Pikulas
  • lit. Žemyna, lett. Zemes mate - die baltische Mutter Erde vergleichbar der germanischen Erda/Jörd
  • lit. Gabija - Göttin des Herdfeuers
  • Laima oder Laimė - baltische Schicksalsgöttin, treten teils zu zweit oder dritt auf, mit Ähnlichkeiten zu den griechischen Moiren, den römischen Parzen oder den germanischen Nornen
  • Austėja - Bienengöttin

Die Liste lässt sich deutlich erweitern um Figuren, die einmalig genannt wurden, deren Funktion und Name unsicher sind. Im Lettischen treten weiterhin Dutzende Mates auf, Mütter von Wald, Wasser, Tieren usw.

Weitere Wesensheiten der baltischen Mythologie

Als lit. Laumė, lett. lauma werden im Baltikum weibliche Feenwesen, oft in Gestalt langhaariger nackter Frauen, die in der Nähe von Gewässern und Wäldern leben, bezeichnet. Diese Gestalt ist mit der Schicksalsgöttin Laima und den Hexen lit./lett. Ragana vermischt wurden.

Als Fortsetzer der Traditionen der baltischen Mythologie und Religion sehen sich in Lettland die Dievturi und in Litauen die Romuva, staatlich anerkannt als traditionelle Glaubensgemeinschaft.

Bücher zum Thema

  • Norbertas Vėlius, Baltų religijos ir mitologijos šaltiniai, Vilnius 1996-. (Bisher vier Bände, die sämtliche bekannten historischen Quellen zur baltischen Religion und Mythologie in Originalsprache und litauischer Übersetzung bringen - zumeist im Auszug und kommentiert). ISBN 5-420-01579-X
  • Nikolai Mikhailov, Baltische und slawische Mythologie, Madrid 1998. ISBN 84-87863-63-9
  • Marija Gimbutas, Die Balten - Volk im Ostseeraum, Herbig 1963, ISBN 3-7766-1266-5
  • Haralds Biezais, Baltische Religion. In: Germanische und baltische Religion. Stuttgart 1975.

Siehe auch


Baltische Mythologie

Baltic mythology | Baltų mitologija

 

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