BönLR.JPG Bön (tibetisch transliteriert: Bon) war die vorherrschende Religion in Tibet, als im 8. Jahrhundert der Buddhismus ins Land gelangte. Sie war von schamanistischen und animistischen Glaubensvorstellungen geprägt. Für die Anhänger bedeutet das Wort "Bön" soviel wie "Wahrheit", "Wirklichkeit" und "Wahre Lehre", also dasselbe wie für tibetische Buddhisten der Ausdruck "Chö". Mit dem Vordringen des Buddhismus in Tibet kam es zu einer starken gegenseitigen Beeinflussung der beiden Religionen, wobei aus dem Bön vorwiegend schamanistische Elemente in den Buddhismus gelangten, umgekehrt der Buddhismus die Philosophie des Bön so weitgehend überformte, dass vielfach die Unterschiede nur mehr in der Terminologie und Ikonographie feststellbar sind. Die Bön-Religion konnte sich dessen ungeachtet — trotz ihrer in den letzten Jahrhunderten gegenüber der buddhistischen Staatsreligion Tibets stets benachteiligten Position — aufrecht erhalten und wurde 1977 als spirituelle Schule von der tibetischen Exil-Regierung förmlich anerkannt.
Ab dem 11. Jahrhundert reformierten sich Teile der Bön-Religion. Anhänger des Bön schufen nun ein systematisches Lehrgebäude und führten eine Ordination für Mönche und Nonnen ähnlich denen der buddhistischen Schulen ein. Die Schule des "Yungdrung Bön" beruft sich auf den Meister Shenrab Miwoche (bzw. Shenrab Mibo) (geb. 1856 v. Chr.) als Ausgangspunkt ihrer Überlieferung. Durch ihn sollen auch die früher in Tibet verbreiteten blutigen Tieropfer durch symbolische Opferungen abgelöst worden sein.
Im Jahre 1405 wurde das Kloster Menri von dem Bön-Lama Nyamed Sherab Gyaltsen gegründet. Dieses Kloster wurde zusammen mit dem Kloster Yungdrung Ling zu den bedeutendsten Klöstern der Bön. Die Bön-Tradition, wie auch die buddhistischen Traditionen Tibets, litt im 20. Jahrhundert stark unter der chinesischen Kulturrevolution (1966-76). Kein einziges Kloster hat die Wirren dieser Zeit unbeschädigt überstanden. Das bedeutendste Kloster Menri musste nach Dolanji ins indische Exil verlegt werden.
1977 erkannte der Dalai Lama den Bön als fünfte spirituelle Schule Tibets an, und ein Vertreter wurde in die Exiltibetische Regierung berufen.
Unter den Lehren der Bön finden sich auch die Belehrungen des "Zhang Zhung Nyan Gyud", den ältesten Überlieferungen eines Dzogchen-Meditationssystems der Bön.
Bekannte gegenwärtige Lehrer der Tradition des Yungdrung-Bön sind der ehrwürdige Yongdzin Tenzin Namdak Rinpoche und Tenzin Wangyal Rinpoche, einer seiner Schüler. Beide Meister lehren auch im Westen. Der vielleicht berühmteste Bön-Meister der jüngeren Vergangenheit, der im Kontext der Rime-Bewegung auch viele buddhistische Schüler hatte, war Shardza Tashi Gyaltsen. Bei seinem Tod trat nach der Überlieferung das Phänomen des Regenbogenkörpers auf, demnach soll sich sein Körper in Licht (d.h. seine energetischen Bestandteile) aufgelöst haben.
Die Mitteilung der höheren Bön-Lehren an die Tibeter erfolgte nach Bön-Überlieferung durch Shenrab Miwo (auch Shenrab Miwoche oder Shenrab Mibo), der lange vor Buddha lebte (dieser sei vielmehr eine spätere Inkarnation von Shenrap Miwo, der die Menschheit die Weisheit gelehrt hätte). Shenrab stieg demnach aus himmlischen Reichen herab, manifestierte sich am Fuß des Berges Meru und wurde als königlicher Prinz geboren. Nachdem er in früher Jugend geheiratet und viele Kinder gezeugt hatte, entsagte er mit 31 Jahren dem weltlichen Leben und begann die Bön-Lehre zu verkünden bis zu seinem Tod mit 82 Jahren.
Se wird als machtvoller Krieger dargestellt, er ist das Haupt der neun Götter, die die Welt geschaffen haben. Die übrigen acht sind Se's Boten (Dégyés). Se und die Dégyés werden ikonographisch stets durch das Per, ein knöchellanges kimonoartiges Gewand mit dreieckigen Ärmeln dargestellt. Se trägt ein weißes Per, eine Kristallrüstung, ebensolchen Helm und reitet auf einem Schimmel mit türkisfarbenen Flügeln.
Lu ist die Göttin des Wassers und die einzige weibliche Gottheit unter den neun Dégyés. Sie bringt Regen und Fruchtbarkeit und ist die Schutzgöttin der Frauen, ihr sind an Seen und Quellen Schreine geweiht. Erzürnt man sie, straft sie mit Rheumatismus, Lepra und anderen Hautkrankheiten. Ihre Tiere sind die Schlangen, die grauen Pferde und die Esel. Sie wird in einem Per aus Federn und Wasserseide dargestellt und reitet ein blaues Pferd mit weißen Streifen, die Wasser darstellen sollen, und hält eine mit Edelsteinen gefüllte Kristallvase.
Tsen ist der Gott des Feuers und der Zerstörung, der Schutzgott der Banditen und Räuber. Er straft durch Herzversagen und Unfalltod. Als Tiere sind ihm der Schakal und braune Pferde zugeordnet. Er wird in kupferner Rüstung unter einem roten Per dargestellt, hält einen Krummsäbel und ein Lasso und reitet einen Rotschimmel.
Therang ist der Schutzgott der Kinder und Schmiede, er bringt Glück im Spiel, lenkt die Bahn von Geschoßen. Ihm sind Felsbrocken heilig. Dargestellt wird er auf einer schwarzen Ziege reitend mit einem schwarzen Per, in den Händen Blasbalg und Hammer.
Dü ist der Dégyé der Dunkelheit und des Unglücks, wenn man ihn nicht durch Opfer versöhnlich stimmt. Krähen und schwarze Schweine sind seine Tiere. Er reitet einen Rappen mit einer Blesse, Rüstung, Helm und Schwert sind aus Eisen, sein Per ist schwarz, in der Hand hält er einen Speer mit schwarzem Banner.
Chugla ist der Gott des Reichtums. Er belohnt Sparsamkeit und bestraft Verschwendung mit Armut und allen Krankheiten, die mit Schwellungen einhergehen, wie z.B. Geschwüre. Er ist der Schutzgott der Kaufleute und des Haushaltes, seine Tiere sind Schafe, Yaks und Pferde. Er reitet auf einem gelben Pferd oder einem Löwen und trügt über seiner goldenen Rüstung ein ebensolches Per, sowie einen goldenen Hut in Form einer Blüte mit vier Blättern. In seiner Rechten trägt er ein vielfarbiges Siegesbanner, in seiner Linken eine Schriftrolle, aus seinem Mund ergießt sich ein Strom von Juwelen.
Nyen ist der Gott des tibetischen Volkes, der Beschützer seiner Herrscher und ihrer Untertanen und der Sitten und Gebräuche des Landes. Man erzürnt ihn durch das Fällen von Bäumen, die lokalen Schutzgöttern als Behausung dienen, oder wenn man heiligen Grund aufgräbt. Er straft durch Verschlimmerung bestehender Krankheiten oder häusliches Chaos. Der (Moschus-)Hirsch und die Vögel sind seine Tiere. Pferd, Rüstung und Per sind von Ort zu Ort in verschiedenen Farben dargestellt, meist jedoch weiß. Er hält ein weißes Wimpelbanner und eine Vase mit Juwelen.
Za ist der Gott der psychischen Energie, des Blitzes und Hagels, neuerdings der Elektrizität. Er straft mit Epilepsie und Wahnsinn, wenn man irgend etwas Zusammenhängendes unterbricht, z.B. ein Seil durchtrennt. Er ist der Schutzgott der Magier, sein Tier ist der Drache. Dargestellt wird er mit 18 Köpfen und sechs Armen, auf einem zornigen Krokodil reitend. Er hält ein Siegesbanner, ein Schlangenlasso, einen Beutel mit vergiftetem Wasser, einen Bogen und ein Bündel Pfeile.
Drala ist der Kriegsgott und Beschützer der Soldaten und Heerführer. Ihm unterstehen auch Sturm und Wolken. Er straft mit Demütigung und Skandal, Schlaflosigkeit und Alpdruck. Die weißen Yaks, Pferde, Adler und Raben sind seine heiligen Tiere. Drala reitet ein rotes Pferd und trägt über seiner rot lackierten Rüstung ein rotes Per. an seinem Helm flattern 18 Wimpel, 18 Bänder flattern an seinem Banner.
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