article

In der Zeit des Nationalsozialismus, vom 10. Mai bis 21. Juni 1933, wurden an vielen Orten in Deutschland öffentlich Bücher verbrannt.

Mit Duldung der Behörden, von der Polizei und Feuerwehr sogar begleitet und betreut, verbrannten nationalsozialistische Studenten, SA, SS und ihre Anhänger auf dem Opernplatz in Berlin und vielen anderen deutschen Universitätsstädten rund 20.000 Bücher als "undeutsch" bezeichneter Autoren wie Karl Marx, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Erich Kästner oder Sigmund Freud (siehe: Liste der verbrannten Bücher 1933). Diese Aktion erfolgte unter Berufung auf die Bücherverbrennung während des ersten Wartburgfestes von 1817.

Organisiert wurde die im Umfeld des Reichspropagandaministeriums erdachte Aktion durch den NSDStB und die Deutsche Studentenschaft, den damaligen Dachverband der Allgemeinen Studentenausschüsse (AStA). Da den Führungen beider Verbände klar war, dass im künftigen nationalsozialistischen Staat nur einer von ihnen fortbestehen würde, bemühten sich beide nach Kräften, mit dieser spektakulären Aktion ihre Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. So kam es im Vorfeld zwischen beiden Organisationen und ihren Führern Oskar Stäbel (NSDStB) und Gerhard Krüger (DSt) zu einem regelrechten Wettlauf in vorauseilendem Gehorsam. An den Bücherverbrennungen waren aber nicht nur organisierte Nationalsozialisten beteiligt, sondern auch andere Studenten, insbesondere auch Verbindungsstudenten, die teilweise im "vollen Wichs" teilnahmen.

Die Bücherverbrennung war also nicht von offizieller Seite organisiert worden, sondern wurde von den Studenten selbstständig durchgeführt. Allerdings hielt in Berlin der Minister Joseph Goebbels eine Rede und gab dem Ereignisse damit eine offizielle Note.

Verbrannt wurden oft Bücher aus den Universitätsbibliotheken, die man als "undeutsch" entfernen wollte.

Zu den lebenden und später auch verfolgten Autoren gehörten u.a. Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich Eduard Jacob, Erich Kästner (der unerkannt in der Menschenmenge zusah), Alfred Kerr, Heinrich Mann, Thomas Mann, Robert Musil, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Nelly Sachs, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Franz Werfel. Viele Schriftsteller, andere Künstler und auch Wissenschaftler erhielten in der Folge Arbeitsverbot oder entzogen sich weiterer Verfolgungen durch Emigration.

Nachträglich forderte Oskar Maria Graf die Verbrennung seiner Bücher, da zu seinem Entsetzen sein Werk nicht verboten, sondern von den Nazis empfohlen wurde. Seinen Aufruf "Verbrennt mich!" veröffentlichte er 1933 in der "Wiener Arbeiterzeitung". 1934 wurden schließlich auch seine Bücher verboten.

Für nicht wenige der betroffenen Autoren wirkt die Verfolgung ihrer Werke durch die Nazis in der Weise fort, dass sie ihre vorherige Bekanntheit in Deutschland nahezu vollständig eingebüßt haben.

Gedenken, Missbrauch der Erinnerung


Auf dem Berliner Bebelplatz erinnert heute eine ins Pflaster eingelassene Glasplatte an die Bücherverbrennung. Sie gibt den Blick auf das aus leeren Bücherregalen bestehende Mahnmal „Bibliothek“ des israelischen Künstlers Micha Ullmann frei.

In Göttingen erinnert eine Gedenktafel am Albanikirchhof (seinerzeit Adolf-Hitler-Platz) mit dem bekannten Zitat Heines „Dies war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." (aus: „Almansor“, 1821, Vers 243f)?-siehe Diskussion an die dortige Bücherverbrennung.

siehe: Liste der verbrannten Bücher 1933 und Liste verbotener Bücher.

Dokumentation


Während der Verbrennung der Bücher auf dem damaligen Opernplatz am 10. Mai 1933 spielten SA- und SS-Kapellen vaterländische Weisen und Marschlieder. Dann übergaben neun ausgewählte Vertreter der Studentenschaft, denen die Werke nach einzelnen Gebieten zugeteilt waren, mit markanten Worten die Bücher des „undeutschen Geistes“ den Flammen:

  • 4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.

  • 5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.

  • 7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

  • 8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.

  • 9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!

Quelle: „Neuköllner Tageblatt“, Freitag, den 12. Mai 1933, Nr. 111

Archiv der verbrannten Bücher


In den vergangenen Jahrzehnten hat der Münchner Finanzkaufmann Georg Salzmann ein Archiv der 1933 durch die Bücherverbrennung vernichteten Titel aufgebaut.

Neben sehr vielen Erstdrucken umfassen die etwa 10.000 Bände auch Neuauflagen und Biografien von 80 verfolgten Autoren.

Georg Salzmann möchte jetzt diese Sammlung einem öffentlichen Träger übergeben, der sie als Präsenzbibliothek allen zugänglich hält.

Die Stadt München hat einen Ankauf abgelehnt, da ihr das Geld fehle und man an eigenen Geschichtsprojekten arbeite. Die Bürgerschaft von Greifswald stimmte 2006 einer Ansiedlung des Archivs zu, hat ebenfalls nicht die erforderlichen Finanzen, könnte jedoch ein Gebäude zum Umbau zu Verfügung stellen.

Ein gemeinnütziger Verein wirbt für Buchpatenschaften, um die Sammlung erwerben zu können und sucht darüber hinaus eine öffentliche Trägerschaft, die die Intention Salzmanns verwirklichen kann.

Siehe auch


Deutsche Geschichte (20. Jh.) | Nationalsozialismus | Buch | Zensur | 1933

Weblinks


 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Bücherverbrennung 1933 in Deutschland".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld