Aventicum_avenches.jpg Aventicum war der Hauptort der römischen Civitas Helvetiorum im Schweizer Mittelland und politisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrum der Helvetier. Die römische Stadt befand sich an der Stelle des heutigen Avenches. Es war zu seiner Blütezeit im 1. bis 3. Jahrhundert nach Christus die grösste Stadt auf Schweizer Boden und zählte zeitweise mehr als 20'000 Einwohner. Fundstücke von den zahlreichen Ausgrabungen können im Musée Romain im Turm über dem Haupteingang des Amphitheaters besichtigt werden.
Auch die eigentliche Gründung von Aventicum konnte bisher nicht genau datiert werden. Verschiedene Quellen legen sie auf die Zeit wenige Jahre nach Christi Geburt. Bei En Chaplix wurde jedoch kürzlich ein Grabmal gefunden, das auf das Jahr 15 vor Christus datiert wird, weshalb die Gründung der Stadt eventuell fast zwei Jahrzehnte vor der Zeitenwende erfolgt sein könnte. Der Name Aventicum ist von der helvetischen Quellgöttin Aventia abgeleitet. Aus der Zeit bis 70 nach Christus ist nur wenig über die Stadt bekannt. Sie entwickelte sich allmählich zum Zentrum der Helvetier, die das Schweizer Mittelland zwischen dem Genfersee und dem Bodensee bewohnten. Die Civitas der Helvetier war damals Teil der Provinz Gallia Belgica. Nicht gesichert ist auch der damalige Name der Stadt; sie könnte Forum Tiberii geheissen haben.
Unter den Römern wurde Aventicum von zwei Magistraten (Duoviri), zwei Ädilen und zwei Präfekten regiert. Die Duoviri übten dabei einerseits das Amt des Priesters, andererseits aber auch das Amt des Stadtvorstehers und Richters aus. Um 89 nach Christus wurde Aventicum in die Provinz Germania Superior eingegliedert. In diese Zeit fällt auch eine rege Bautätigkeit. Die Stadt wurde mit einer grossen Ringmauer umgeben und neben den Wohn- und Gewerbehäusern entstanden grosse Repräsentationsbauten, darunter das Amphitheater, das römische Theater sowie die Tempelanlagen Granges-des-Dîmes und Cigognier. Ihr Wasser bezog die Stadt aus Brunnen und von einem Aquädukt, der Quellwasser von der Arbogne nach Aventicum leitete.
Aventicum wuchs rasch zu einem bedeutenden politischen, administrativen, religiösen und wirtschaftlichen Zentrum heran. Die Stadt zählte über 20'000 Einwohner und war damit fast zehn Mal so gross wie das heutige Avenches. Vermutlich seit dem Beginn des 3. Jahrhunderts war die Stadt auch Sitz eines Bischofs. Zwei frühchristliche Kirchen, Saint-Martin und Saint-Symphorien, sind belegt, deren Überreste erst im Spätmittelalter vollends abgetragen wurden. Daneben gab es wahrscheinlich noch zwei weitere Kirchen.
Ein zweiter Einfall der Alamannen im Jahr 354 führte zu einer weitgehenden Zerstörung der Römerstadt. Die restlichen Bewohner suchten in der Folge auf dem Hügel Zuflucht, wo sich das heutige Städtchen befindet. Eine neue befestigte Siedlung wurde im 5. Jahrhundert wieder auf dem Gelände der römischen Stadt gegründet. Aventicum blieb auch während dieser unruhigen Zeiten und der andauernden Bedrohung durch die Alamannen Bischofssitz.
Der endgültige Niedergang folgte erst in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts, als Bischof Marius seinen Sitz nach Lausanne verlegte. Aventicum sank zur Bedeutungslosigkeit ab und verlor seinen Status als Hauptort, nachdem es in das Grenzgebiet zwischen dem Burgunderreich und dem Reich der Alemannen zu liegen kam. Über die nachfolgende Zeit schweigen sich die Geschichtsbücher aus. Wahrscheinlich war die Siedlung dauerhaft bewohnt. Die Überreste von Aventicum dienten fortan als Steinbruch. Erst mit der Neugründung von Avenches im 11. Jahrhundert und der Verlegung der Siedlung auf den Stadthügel begann eine neue Zeit der Prosperität.
Mit der Leitung und Förderung der zahlreichen Ausgrabungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde der 1885 gegründete Verein Pro Aventico (heute eine Stiftung) beauftragt. Bemerkenswert ist der Fund einer Goldbüste des Kaisers Marcus Aurelius (gefunden 1939, Höhe 33.5 cm, Gewicht: 1.589 kg) in der Kanalisation am Fuss des Cigognier-Tempels. Sie wurde dort wahrscheinlich vor den plündernden Alamannen verborgen. Ein weiterer wichtiger Fund war der Kopf einer Minervastatue.
Die eigentliche Stadt wurde im typischen schachbrettartigen Grundriss angelegt, wobei die Hauptstrasse eine Breite von 9 m aufwies; auch die zentrale Nord-Süd-Achse hatte eine ähnliche Breite. Durch das Strassensystem wurde Aventicum in 48 sogenannte insulae (Wohnquartiere) mit einer Ausdehnung von 70 x 110 m aufgeteilt. Am Schnittpunkt der beiden Hauptachsen befand sich das Forum, daneben die Forumsthermen und südlich des Platzes die Basilika und die Kurie. Westlich der Nord-Süd-Achse und an den erhöhten Lagen wurden die Villen der reicheren Bürger gebaut. Die handwerklichen Quartiere, vor allem diejenigen Betriebe, welche die Stadt durch Lärm und Gestank beeinträchtigten (Töpfer, Ziegler, Gerber, Glasbläser, Schmiede, Giesser), sind eher im nördlichen und nordöstlichen Stadtteil anzusiedeln.
Im Südwesten der antiken Stadt befanden sich die grossen Repräsentationsbauten. Dazu gehörte der Tempel Granges-des-Dîmes, der im frühen 2. Jahrhundert an der Stelle eines noch in keltischer Tradition gehaltenen Heiligtums errichtet wurde. Er stand auf einem Podium mit Freitreppe und einer von einem Säulenportikus umgebenen cella (Kern des Heiligtums). Nahebei befand sich die monumentale Tempelanlage Cigognier, ebenfalls auf einem Podium und mit einem grossen Vorhof ausgestattet, der auf drei Seiten von Kolonnaden umgeben war. Der Tempel war vermutlich Jupiter und anderen einheimischen Gottheiten geweiht. Auf den Cigognier-Tempel war das etwa 140 m weiter im Südosten stehende römische Theater ausgerichtet, das Platz für ungefähr 8000 Zuschauer bot.
Etwas abgesetzt von der Stadt am Osthang des Hügels von Avenches wurde Ende des 1. Jahrhunderts das Amphitheater erbaut. Nach einer Vergrösserung zu Beginn des 2. Jahrhunderts hatte es mit 33 Rängen ein Fassungsvermögen von 10'000 bis 12'000 Personen. Der Haupteingang im Osten (an der Stelle des heutigen Turms) war mit einer monumentalen Fassade mit drei Bögen bestückt.
Aventicum besass auch zwei Hafenanlagen, mit denen die Stadt Verbindung über den Neuenburger- und den Bielersee nach Nordosten zur Aare und damit zum Rhein hatte. Der eine Hafen lag am Südufer des Murtensees, der andere nur wenig nördlich der Stadt am Ende eines Kanals, der ebenfalls zum See führte. Diese Anlagen lassen den Schluss zu, dass Aventicum ein bedeutendes Umschlagszentrum im Warenhandel war. Im Nordosten vor der Stadt befanden sich die Grabmäler, darunter auch mehrere monumentale Mausoleen im Gebiet von En Chaplix.
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