Avenches * ist eine politische Gemeinde und Hauptort des gleichnamigen Bezirks im Kanton Waadt in der Schweiz.
Der frühere deutsche Name lautet Wiflisburg. Dieser Name ist in den letzten zwei Jahrhunderten trotz der Nähe zur Sprachgrenze allmählich in Vergessenheit geraten und wird heute nicht mehr verwendet. Zur Römerzeit war das damalige Aventicum die bedeutendste Stadt auf Schweizer Boden.
Mit Wirkung auf den 1. Juli 2006 wurde die früher selbständige Gemeinde Donatyre nach Avenches eingemeindet.
Die Fläche des 17.5 km² grossen Gemeindegebiets umfasst einen Abschnitt der Broyeebene und des angrenzenden Hügellandes. Der gesamte nördliche Gemeindeteil wird von der intensiv genutzten Ebene der unteren Broye (435 m ü. M.) eingenommen, durch die auch die Arbogne fliesst. Ganz im Nordwesten, im Bereich des Nationalgestüts, reicht das Gebiet bis an die kanalisierte Broye. Im Norden besitzt Avenches einen rund 1.5 km langen Streifen am flachen Südufer des Murtensees, wobei die Mündung des Chandon die östliche Begrenzung bildet. Nach Süden erstreckt sich der Gemeindeboden in das eiszeitlich überformte freiburgische Molassehügelland auf die Plateaus von Donatyre und Chafeirou (510 m ü. M.). Auch der bewaldete Hügelzug des Bois de Châtel, auf dem mit 630 m ü. M. der höchste Punkt der Gemeinde erreicht wird, gehört zu Avenches. Die westliche Abgrenzung bildet streckenweise der Bach Ruisseau de Coppet. Von der Gemeindefläche entfielen 1997 14 % auf Siedlungen, 15 % auf Wald und Gehölze, 70 % auf Landwirtschaft und etwas weniger als 1 % war unproduktives Land.
Zu Avenches gehören die Ortschaft Donatyre (505 m ü. M.) auf einem Plateau nördlich des Bois de Châtel sowie zahlreiche Einzelhöfe. Nachbargemeinden von Avenches sind Constantine, Montmagny, Villars-le-Grand, Oleyres und Faoug im Kanton Waadt sowie Saint-Aubin, Domdidier, Misery-Courtion und Villarepos im Kanton Freiburg.
Seit der Korrektion der Broye im Jahr 1906 besitzt Avenches eine grosse Fläche fruchtbares Ackerland in der Ebene nördlich des Städtchens. Hier werden hauptsächlich Getreide, Tabak, verschiedene Gemüsesorten und Zuckerrüben angebaut. Im hügeligen südlichen Gemeindeteil gibt es neben dem Ackerbau auch Obstbau und Viehzucht.
Das Gelände zwischen der Arbogne und der Broye im Westen von Avenches wurde 1899 vom Bund gekauft, der darauf bis 1901 das Eidgenössische Gestüt, eine staatliche Pferdezuchtanstalt, errichtete. Es wurde 1997 privatisiert und heisst heute Nationalgestüt Avenches (französisch: Haras National Avenches). Auf der Pferderennbahn des Institut Equestre National Avenches (IENA) finden alljährlich Rennen statt.
Die Industrialisierung vollzog sich nur sehr langsam in Avenches. Seit dem 19. Jahrhundert gab es einige Betriebe, welche die landwirtschaftlichen Produkte der Umgebung verarbeiteten. Erst nach 1945 liessen sich weitere Betriebe nieder. Heute gibt es zahlreiche kleinere und mittlere Unternehmen in den Bereichen Baugewerbe, Betonherstellung (Holcim Granulats et Bétons SA), Nahrungsmittel- und chemische Industrie, Gartenbau, Telekommunikation und Feinmechanik.
Avenches ist auch ein regionales Dienstleistungszentrum und Standort der Bezirksverwaltung sowie Sitz mehrerer Banken und Versicherungen. Mit der Anbindung an die Autobahn A1 Ende der 1990er Jahre entwickelte sich Avenches auch zu einem attraktiven Wohnort. Vor allem am Nordhang des Hügels und südlich der Altstadt entstanden neue Wohnquartiere. Ein bedeutender Anteil der Erwerbstätigen pendelt nach Freiburg oder Bern zur Arbeit.
Am 25. August 1876 wurde die Eisenbahnlinie Murten-Payerne mit einem Bahnhof in Avenches in Betrieb genommen. Für die Feinverteilung im öffentlichen Verkehrs sorgen die Buslinien, die von Avenches nach Freiburg, Estavayer-le-Lac, Portalban und Cudrefin verkehren.
Die Gründung der römischen Stadt Aventicum, die zum Hauptort der Helvetier wurde, wird heute auf die Zeit um 15-13 v. Chr. angesetzt. Der Name Aventicum ist von der helvetischen Quellgöttin Aventia abgeleitet. Schon bald entwickelte sich Aventicum zu einer blühenden Handelsstadt mit rund 20'000 Einwohnern und wurde Bischofssitz. Der Niedergang der römischen Stadt setzte im 3. Jahrhundert nach Christus ein, verursacht durch innere Reichswirren und Plünderungszüge der Alamannen. In der Folge siedelten sich die restlichen Bewohner auf dem Hügel an, wo sich das heutige Städtchen befindet. Eine neue befestigte Siedlung wurde im 5. Jahrhundert wieder auf dem Gelände der römischen Stadt gegründet. Aventicum blieb auch während der unruhigen Zeiten und der andauernden Bedrohung durch die Alamannen Bischofssitz und besass mindestens zwei Kirchen (Saint-Martin und Saint-Symphorien). Erst Mitte des 6. Jahrhunderts, als Bischof Marius seinen Sitz nach Lausanne verlegte, bedeutete dies das endgültige Aus für Aventicum. Wahrscheinlich war der Ort aber weiterhin bewohnt.
Im Jahr 1074 gründete der Lausanner Bischof Burkhard von Oltigen auf dem Hügel des heutigen Städtchens eine neue Stadt, die im Mittelalter den Namen Adventica trug und seit 1518 Avenche genannt wurde. Die Stadt wurde im 11. Jahrhundert mit einer Ringmauer umgeben und erhielt 1259 das Stadtrecht, das vermutlich auf bereits im 11. Jahrhundert gewährten aber geschichtlich nicht gesicherten Freiheiten beruhte.
Infolge der Nähe zur Sprachgrenze erscheint im 13. Jahrhundert erstmals auch ein deutscher Name für Avenches, der erstaunlicherweise weder eine Übersetzung des lateinischen noch eine Abwandlung oder Verballhornung des französischen Namens darstellt. 1266 erschien die Bezeichnung Wibilsburg, danach Wipelspurg (1302), Wibelspurg (1458), Wiblispurg (1476), Wiflispurg (1548) und Wiflisburg (1577). Dieser Name geht auf den germanischen Personennamen Wibili zurück.
Das unter dem Schutz des Bischofs von Lausanne stehende Avenches ging 1239 ein Bündnis mit Freiburg und 1353 eines mit Murten ein. Vertreter des Bischofs war ein Kastlan, der in der im 13. Jahrhundert erbauten Burg residierte.
Avenches Vully.jpg Mit der Eroberung der Waadt durch Bern im Jahr 1536 gelangte Avenches unter bernische Herrschaft und wurde Sitz der Landvogtei Avenches. Diese umfasste neben dem Gebiet des heutigen Bezirks auch die Herrschaft Grandcour nördlich von Payerne. Nach dem Zusammenbruch des Ancien régime wurde Avenches 1798 während der Helvetik dem Kanton Freiburg angegliedert. Schon 1801 drängten die Bewohner auf einen Anschluss an den Kanton Léman. Mit der Inkraftsetzung der Mediationsverfassung 1803 wurde diesem Begehren entsprochen und Avenches zusammen mit dem heutigen Bezirksgebiet als Exklave dem Kanton Waadt angegliedert. Seither ist Avenches Bezirkshauptort.
Seit 1826 entwickelte sich in Avenches eine Gemeinschaft von aus dem Elsass zugewanderten Juden. Sie betrieben vor allem Pferdezucht und errichteten 1865 eine Synagoge. Nachdem sich die wirtschaftliche Lage gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschlechterte, siedelten sie in grössere Städte über, und die nicht mehr benutzte Synagoge wurde 1954 abgerissen.
Seit 1910 bestand auf dem flachen Gelände nördlich der Stadt ein Flugplatz, der während des Ersten Weltkrieges als Armeestützpunkt diente. Er sollte ursprünglich zum Militärflugplatz ausgebaut werden, wurde aber 1921 mit der Eröffnung des neuen Militärflugplatzes in Payerne aufgehoben.
Am 1. Juli 2006 wurde die Fusion mit der bis dahin politisch selbständigen Gemeinde Donatyre vollzogen, nachdem die Stimmberechtigten beider Gemeinden im Juni 2005 mit grossem Mehr für die Gemeindefusion votiert hatten.
Die reformierte Kirche Sainte-Marie-Madeleine wurde Ende des 11. Jahrhunderts im Zentrum der Altstadt errichtet und ersetzte die früheren merowingischen Gotteshäuser ausserhalb der Stadtmauern, die allmählich verfielen und im 17. Jahrhundert ganz abgetragen wurden. Sie wurde während der gotischen Stilepoche sowie von 1709 bis 1711 umgebaut. Vom ursprünglichen Bau ist die romanische Rundapsis erhalten.
In der nordöstlichen Ecke der Altstadt steht das Schloss. Es wurde im 13. Jahrhundert als Burg erbaut und war zunächst Sitz des Kastlans, seit 1536 des von Bern eingesetzten Landvogts. Dieser liess von 1565 bis 1568 eine grundlegende Umgestaltung zum heutigen Renaissanceschloss vornehmen. Es besitzt eine reiche Innenausstattung und beherbergt heute die Stadtbibliothek.
In der Altstadt sind ferner das 1753 errichtete dreistöckige Hôtel de Ville (Rathaus) mit skulptiertem Giebeldreieck und Arkaden, das Hôtel de la Couronne und die Tour de Montauban, ein polygonaler Treppenturm eines ehemaligen Herrensitzes aus dem 15. Jahrhundert, zu erwähnen. Die Grand-Rue (Hauptstrasse) wird von zahlreichen stattlichen spätgotischen Bürger- und Patrizierhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gesäumt.
Weitere bedeutende Überreste sind von der Tempelanlage Cigognier, vom Kapitol, den Thermen und der ehemaligen römischen Umfassungsmauer erhalten. Vom Cigognier-Tempel steht nur noch eine rund 12 m hohe Säule, auf der früher Störche nisteten, weshalb der Tempel seinen Namen vom französischen Wort cigogne (Storch) erhielt.
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