Autismus (v. gr. αυτός „selbst“) ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Zu diesen Formenkreis der Entwicklungsstörungen zählen neben der autistischen Störung im engeren Sinne (frühkindlicher Autismus, auch Kanner-Syndrom genannt), das Asperger-Syndrom, das Rett-Syndrom und die desintegrative Psychose des Kindesalters. Von atypischem Autismus spricht man, wenn nicht alle Diagnosekriterien erfüllt sind oder wenn die Störung sich erst nach dem dritten Lebensjahr manifestiert.
Neben der kategorialen Auffassung gibt es das Konzept, dass die verschiedenen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen sich nicht qualitativ unterscheiden. Insbesondere im englischsprachigen Raum ist man zunehmend der Ansicht, dass es es sich um ein Kontinuum verschiedener Ausprägungen des Autismus handelt. In diesem Sinne wird dann vom autistischem Spektrum bzw. der Autismusspektrumstörung (ASS) gesprochen.
Vertreten wird diese Annahme u.a. von Tony Attwood, der sie damit begründet, dass in Einzelfällen Übergänge vorkämen: Es gibt z.B. Kinder, auf die die Diagnosekriterien des Asperger-Syndroms zutreffen, deren Auffälligkeiten in früher Kindheit jedoch der Diagnose des Kanner-Syndroms entsprachen. Es ist zudem zweifelhaft, inwieweit eine auf theoretischen Intelligenzmodellen basierende IQ-Messung oder eine willkürlich festgelegte Altersgrenze für die Sprachentwicklung zur Unterscheidung dienen können.
Historisches
Begriffsbildung
Geprägt wurde der Begriff
Autismus 1911 durch den
Schweizer
Psychiater Eugen Bleuler. Autismus nannte er ein Grundsymptom der
Schizophrenie, die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt des an Schizophrenie erkrankten Menschen.
Leo Kanner und Hans Asperger nahmen diesen Begriff – unabhängig voneinander – auf und benannten so ein Störungsbild eigener Art. Im Unterschied zu Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in ihr Inneres zurückziehen, beschrieben Kanner und Asperger jeweils Menschen, die von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Damit unterlag der Begriff „Autismus“ einem Bedeutungswandel. Heutzutage wird der Begriff „Autismus“ zur Bezeichnung des von Kanner und Asperger beschriebenen Störungsbildes gebraucht.
Kanners Beschreibung, die den Begriff „Autismus“ eng fasste und im Wesentlichen dem heute so genannten frühkindlichen Autismus entsprach, erlangte internationale Anerkennung und wurde zur Grundlage der weiteren Autismusforschung. Die Veröffentlichungen Aspergers hingegen, die den Begriff „Autismus“ etwas anders fassten, wurden zunächst international kaum rezipiert, zum einen wegen des Zweiten Weltkriegs, und zum anderen, weil Asperger auf Deutsch publizierte und seine Publikationen jahrzehntelang nicht ins Englische übersetzt wurden. Erst in den 1990er Jahren erlangten die Forschungen Aspergers internationale Bekanntheit in Fachkreisen. Die englische Psychologin Lorna Wing führte in den 1980er Jahren die Forschungen Aspergers fort und definierte die von Asperger beschriebenen Fälle von Autismus als Asperger-Syndrom.
Kulturvergleich
Es gab zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Vorstellungen über die Entstehung von Autismus. Im zaristischen
Russland etwa glaubte man, dass autistische Kinder als besonders religiöse Menschen zur Welt gekommen seien und dass diese sich freiwillig für ein Leben jenseits aller
Konventionen entschieden hätten. Aus überlieferten Berichten weiß man, dass Autisten in Lumpen durch den russischen Winter liefen, ohne sich vor der Kälte zu schützen. Sie sprachen selten, ihr Verhalten erschien merkwürdig und sie missachteten Gesetz, Ordnung und soziale Regeln. Man nannte sie deshalb „heilige Narren“ und glaubte, dass in ihrem Verhalten göttliche Botschaften verschlüsselt seien.
[Uta Frith: Autismus. Ein kognitionspsychologisches Puzzle. Spektrum, Heidelberg u.a. 1992. ISBN 3-860-25058-2; S. 49–51]
Das Autismusspektrum
Es werden in der klinischen Praxis meist folgende Formen von Autismus unterschieden:
- Frühkindlicher Autismus
- Atypischer Autismus
- Asperger Syndrom (AS)
Diese drei Diagnosen bilden zusammen das Autismusspektrum (engl. autism spectrum). Das autistische Spektrum erstreckt sich vom frühkindlichen Autismus, über den atypischen Autismus, bei dem nicht alle Merkmale des frühkindlichen Autismus ausgeprägt sein müssen, bis hin zum Asperger Syndrom. Beim frühkindlichen Autismus unterscheidet man zusätzlich zwischen dem niedrigfunktionalen (engl.: low functioning autism (LFA)) und dem hochfunktionalen (engl.: high functioning autism (HFA)) Autismus.
Allen Zuständen innerhalb dieses Spektrums sind die Merkmale eingeschränkte soziale Interaktion, eingeschränkte Kommunikation und repetitive Verhaltensmuster gemeinsam. Je nach Intensität der Ausprägung werden betroffene Personen innerhalb dieses Spektrums eingeordnet.
Unterscheidung der Formen innerhalb des Spektrums
Während das niedrige Funktionsniveau des frühkindlichen Autismus aufgrund der allgemeinen Entwicklungsverzögerungen, sterotypen Bewegungen sowie der Abkapselung von der Umwelt, mit schweren Behinderungen einher geht, ist der hochfunktionale frühkindliche Autismus und insbesondere das Asperger Syndrom, für Laien unter Umständen nur schwer von der „Normalität“ zu unterscheiden. Das Asperger Syndrom unterscheidet sich vom atypischen/frühkindlichen Autismus dadurch, dass es nicht zu Sprachentwicklungsverzögerungen kommt und das Intelligenzniveau immer wenigstens normal (IQ > 70) bis hin zu überdurchschnittlich ist. Bei den übrigen Autismusformen muss das nicht der Fall sein, wenn gleich auch die durchschnittliche Intelligenz der Betroffenen beim Asperger Syndrom meist wesentlich höher ist. Beim frühkindlichen Autismus (LFA) tritt nicht selten, neben der allgemeinen und Sprachentwicklungsverzögerung, auch noch geistige Behinderung auf, wobei das aber unter Umständer daran liegen kann, dass sich 20% der Autisten nicht testen lassen und demzufolge als geistig behindert eingestuft werden (vgl. A. Brackmann, "Jenseits der Norm"). Des weiteren kommt es nur beim Asperger Syndrom zu motorischen Koordinationsproblemen u.a. bei Bewegungen, sofern sich diese nicht auf andere Erkrankungen zurückführen lassen. Der atypische Autismus ist entweder ein spät (> 3 Jahre) auftretender frühkindlicher Autismus (atypisches Erkrankungsalter) oder es sind nicht alle Symptome des frühkindlichen Autismus ausgeprägt (atypische Symptomatik), wobei beide Fälle aber auch zusammen autreten können. Da es im u.a. in den USA gebräuchlichen psychiatrischen Diagnosehandbuch (DSM-IV) keine Diagnose „atypischer Autismus“ gibt, wird dort statt dessen "tiefgreifende Entwicklungsstörung - nicht anders bezeichnet" (PDD-NOS) als Diagnose verwendet.
| | frühkindlicher Autismus (HFA und LFA) | Asperger-Syndrom (AS)
|
| erste Auffälligkeiten | ab dem 10.-12. Lebensmonat | ab 3. Lebensjahr
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| Blickkontakt | selten, flüchtig | selten, flüchtig
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| Sprache | in der Hälfte der Fälle Fehlen einer Sprachentwicklung; ansonsten verzögerte Sprachentwicklung, anfangs oft Echolalie, Vertauschen der Pronomina | frühe Entwicklung einer grammatisch und stilistisch hoch stehenden Sprache, oft pedantischer Sprachstil, Probleme beim Verstehen von Metaphern
|
| Intelligenz | teilweise geistige Behinderung, teilweise normale Intelligenz | normale bis hohe Intelligenz, teilweise Hochbegabung
|
| Motorik | keine Auffälligkeiten, die auf den Autismus zurückzuführen sind | häufig motorische Störungen, Ungeschicklichkeit, Koordinationsstörungen
|
Einen guten allgemeinverständlichen Überblick über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von hochfunktionalem Autismus und Asperger-Syndrom bietet das Essay There a Difference Between Asperger's Syndrome and High-Functioning Autism? von Tony Attwood.
Inselbegabung
Die Interessen von Autisten sind meist auf bestimmte Gebiete begrenzt, jedoch besitzen manche von ihnen auf dem Gebiet ihres besonderen Interesses außergewöhnliche Fähigkeiten, zum Beispiel im Kopfrechnen, Zeichnen, in der Musik oder in der Merkfähigkeit. Man spricht dann von einer
Inselbegabung, und die, die sie haben, nennt man
Savants. Sie können sich eventuell nicht alleine anziehen, kennen aber komplette Telefonbücher sowie Lexika auswendig wie zum Beispiel
Kim Peek, seit dem Film „
Rain Man“ der bekannteste unter den Savants. Etwa zehn Prozent der autistischen Menschen haben eine Inselbegabung.
Auties und Aspies
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Die Ausprägungen von Autismus umfassen ein breites Spektrum. Verständlich ist, dass sich manche Menschen mit einer hohen Ausprägung des Autismus eine Heilung wünschen (nicht alle von ihnen tun dies). Viele Erwachsene mit leichter Ausprägung des Autismus haben gelernt, mit ihren autistischen Eigenarten zurechtzukommen. Sie wünschen sich vielfach keine Heilung ihres Autismus, sondern die Akzeptanz durch ihre Mitmenschen. Auch sehen sie Autismus nicht als etwas von ihnen Getrenntes, sondern als integralen Bestandteil ihrer Persönlichkeit.
Die australische Künstlerin und Kanner-Autistin Donna Williams hat in diesem Zusammenhang den Begriff Auties eingeführt, der sich entweder speziell auf Menschen mit Kanner-Autismus oder allgemein auf alle Menschen mit einer Autismusspektrumstörung bezieht. Von der US-amerikanischen Erziehungswissenschaftlerin und Asperger-Autistin Liane Holliday Willey stammt die Bezeichnung Aspies für Menschen mit Asperger-Syndrom. Die Psychologen Tony Attwood und Carol Gray richten in ihrem Essay Die Entdeckung von „Aspie” den Blick auf positive Eigenschaften von Menschen mit Asperger-Syndrom. Die Begriffe Auties und Aspies wurden von vielen Selbsthilfeorganisationen von Menschen im Autismusspektrum übernommen.
Um dem Wunsch vieler Autisten nach Akzeptanz durch ihre Mitmenschen Ausdruck zu verleihen, feiern sie seit 2005 jährlich am 18. Juni den Autistic Pride Day.
Einteilung nach ICD-10 und DSM-IV
Autismus wird in der
ICD-10, dem Klassifikationssystem für Krankheiten der
Weltgesundheitsorganisation, als tiefgreifende Entwicklungsstörung mit dem Schlüssel F84 aufgeführt und wie folgt unterteilt:
- F84.0: Autismus; auch bezeichnet als: Frühkindlicher Autismus, Infantile Psychose, Infantiler Autismus, Kanner-Syndrom, Psychose im Kindesalter
- F84.1: atypischer Autismus; auch bezeichnet als: Atypische Psychose im Kindesalter
- F84.10: Autismus mit atypischem Erkrankungsalter
- F84.11: Autismus mit atypischer Symptomatik
- F84.12: Autismus mit atypischem Erkrankungsalter und atypischer Symptomatik
- F84.5: Asperger-Syndrom; auch bezeichnet als: Autistische Psychopathie, Schizophrenes Syndrom beim Kind
Manche der oben genannten alternativen Bezeichnungen sind zwar veraltet, jedoch noch heute in der ICD-10 zu finden.
Das DSM-IV, die US-amerikanische Klassifikation psychischer Störungen, führt Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung unter dem Schlüssel 299 auf. Dabei werden zwei Kategorien unterschieden:
- 299.00: autistische Störung
- 299.80: Asperger-Syndrom
Atypischer Autismus kommt im DSM-IV als Diagnose nicht vor.
Diagnosekriterien Frühkindlicher Autismus
Im
DSM-IV wird der frühkindliche Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet und durch folgende diagnostische Kriterien beschrieben:
A. Es müssen mindestens sechs Kriterien aus (1), (2) und (3) zutreffen, wobei mindestens zwei Punkte aus (1) und je ein Punkt aus (2) und (3) stammen müssen:
(1) qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion in mindestens zwei der folgenden Bereiche:
- ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch vielfältiger nonverbaler Verhaltensweisen wie beispielsweise Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen,
- Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen,
- Mangel, spontan Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderen Menschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder darauf hinzuweisen),
- Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit;
(2) qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:
- verzögertes Einsetzen oder völliges Ausbleiben der Entwicklung gesprochener Sprache (ohne den Versuch, die Beeinträchtigung durch alternative Kommunikationsformen wie Gestik oder Mimik zu kompensieren),
- bei Personen mit ausreichendem Sprachvermögen deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen oder fortzuführen,
- stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache oder idiosynkratische Sprache,
- Fehlen von verschiedenen entwicklungsgemäßen Rollenspielen oder sozialen Imitationsspielen;
(3) beschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:
- umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, wobei Inhalt und Intensität abnorm sind,
- auffällig starres Festhalten an bestimmten nichtfunktionalen Gewohnheiten oder Ritualen,
- stereotype und repetitive motorische Manierismen (z.B. Biegen oder schnelle Bewegungen von Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers),
- ständige Beschäftigung mit Teilen von Objekten.
B. Beginn vor dem dritten Lebensjahr und Verzögerungen oder abnorme Funktionsfähigkeit in mindestens einem der folgenden Bereiche:
- soziale Interaktion,
- Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder
- symbolisches oder Fantasiespiel.
C. Die Störung kann nicht besser durch die Rett-Störung oder die Desintegrative Störung im Kindesalter erklärt werden.
Darüber hinaus nennt ICD-10 noch unspezifische Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlafstörungen, Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen und selbstverletzendes Verhalten (Automutilation).
Soziale Interaktion
Eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion zeigt sich manchmal schon in den ersten Lebensmonaten durch fehlende Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter. Viele Kinder mit frühkindlichem Autismus strecken der Mutter nicht die Arme entgegen, um hochgehoben zu werden. Sie lächeln nicht zurück, wenn sie angelächelt werden, und nehmen zu den Eltern keinen angemessenen Blickkontakt auf. Dem gegenüber steht eine starke Objektbezogenheit, die häufig auf eine bestimmte Art von Gegenständen beschränkt ist. Ihre Aufmerksamkeit ist auf wenige Dinge, wie Wasserhähne, Türklinken, Fugen zwischen Steinplatten oder kariertes Papier gerichtet, die sie magisch anziehen, so dass alles andere an ihnen vorbeigeht. Oft finden sie in Gegenständen einen für andere fremden Zweck, sortieren beispielsweise die Einzelteile einer Spielzeugeisenbahn nach Größe und Farbe, oder ihr einziges Interesse an einem Spielzeugauto ist es, die Räder unablässig zu drehen.
Kommunikation
Etwa jedes zweite Kind mit frühkindlichem Autismus entwickelt keine Lautsprache. Bei den anderen verzögert sich die Sprachentwicklung. Die Entwicklung der Lautsprache erfolgt oft über eine lange Phase der
Echolalie, manche der betroffenen Personen kommen über diese Phase nicht heraus. Im Kindesalter werden oft die
Pronomina vertauscht (pronominale Umkehr). Sie reden von Anderen als „ich“ und von sich selbst als „du“ oder in der dritten Person. Diese Eigenart bessert sich üblicherweise im Laufe der Entwicklung. Zudem gibt es oft Probleme mit Ja/Nein-Antworten, Gesagtes wird stattdessen durch Wiederholung bestätigt. Probleme gibt es auch mit der Semantik: Wortneuschöpfungen (
Neologismen) treten häufig auf. Manche Menschen mit frühkindlichem Autismus haften auch an bestimmten Formulierungen (
Perseveration). Am ausgeprägtesten ist die Beeinträchtigung der Pragmatik: In der Kommunikation mit anderen Menschen haben Menschen mit Autismus Schwierigkeiten, Gesagtes über die genaue Wortbedeutung hinaus zu verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ihre Stimme klingt oft eintönig (fehlende
Prosodie).
Die Probleme in der Kommunikation äußern sich in schwieriger Kontaktaufnahme zur Außenwelt und zu anderen Menschen. Manche Autisten scheinen die Außenwelt kaum wahrzunehmen und teilen sich ihrer Umwelt auf ihre ganz individuelle Art mit. Deshalb wurden autistische Kinder früher auch Muschelkinder oder Igelkinder genannt. Die visuellen und auditiven Wahrnehmungen sind oft deutlich intensiver als bei neurologisch typischen Menschen, daher scheint als Selbstschutz eine Abschaltfunktion im Gehirn die Reizüberflutung auszublenden. Autisten haben ein individuell unterschiedlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Körperkontakt. Einerseits nehmen manche mit völlig fremden Menschen direkten und teils unangemessenen Kontakt auf, andererseits kann auch jede Berührung für sie aufgrund der Überempfindlichkeit ihres Tastsinns unangenehm sein.
Vor diesem Hintergrund ist verstehende Kommunikation mit einem Autisten schwer. Emotionen werden oft falsch gedeutet oder gar nicht erst verstanden. Diese möglichen Probleme müssen bei der Kontaktaufnahme berücksichtigt werden und verlangen ein großes Einfühlungsvermögen.
Repetitive und stereotype Verhaltensmuster
Veränderungen ihrer Umwelt, wie zum Beispiel umgestellte Möbel oder ein anderer Schulweg, beunruhigen und verunsichern manche autistische Menschen. Manchmal geraten Betroffene auch in
Panik, wenn sich Gegenstände nicht mehr an ihrem gewöhnlichen Platz oder in einer bestimmten Anordnung befinden, oder es bringt sie ein unangekündigter Besuch oder spontaner Ortswechsel völlig aus der Fassung. Die Tatsache, dass Menschen mit Autismus eine intensivere Wahrnehmung für Details haben und daher auch kleine Veränderungen bemerken können, verschlimmert dieses Problem. Handlungen laufen meist
ritualisiert ab und Abweichungen von diesen Ritualen führen zu Chaos im Kopf denn autistische Menschen haben bei unerwarteten Veränderungen von Situationen oder Abläufen keine alternativen Strategien.
Unter stark autistischen Betroffenen anzutreffende repetitive Stereotypien können sein: Jaktationen (Schaukeln mit Kopf oder Oberkörper), im Kreis umher gehen, Finger verdrehen, Oberflächen betasten, und vereinzelt auch selbstverletzendes Verhalten wie z.b. Finger blutig knibbeln, Nägel bis über das Nagelbett hinaus abkauen, Kopf anschlagen, mit Hand an Kopf schlagen, sich selbst kratzen, beissen oder anderes. Dieses selbst verletzende Verhalten hinterlässt mehr oder weniger sichtbare Spuren wie Biss-Spuren, Narben und verschorfte Wunden auf der Haut und an den Armen *, welche jedoch nicht zu verwechseln sind mit dem bewusst selbstverletzendem Verhalten bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung welches aus der Motivation suizidaler Tendenzen heraus entsteht und ein anderes (suizidales) Verletzungsmuster aufweist.
Atypischer Autismus
Atypischer Autismus unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus dadurch, dass Kinder nach dem dritten Lebensjahr erkranken (atypisches Erkrankungsalter) oder nicht alle Symptome aufweisen (atypische Symptomatik). Wenn atypischer Autismus zusammen mit erheblicher
Intelligenzminderung auftritt, wird manchmal auch von „Intelligenzminderung mit autistischen Zügen“ gesprochen.
Diagnosekriterien Asperger-Syndrom
Das Asperger-Syndrom gilt als leichte Form des Autismus und manifestiert sich ab ca. dem dritten bis fünften Lebensjahr. Zur Diagnose werden meist die folgenden Kriterien nach
Gillberg & Gillberg (1989) verwendet:
- Soziale Beeinträchtigung (extreme Ichbezogenheit)
(mindestens zwei der folgenden Merkmale):
- Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen zu interagieren
- mangelnder Wunsch, mit Gleichaltrigen zu interagieren
- mangelndes Verständnis für soziale Signale
- sozial und emotional unangemessenes Verhalten
(mindestens eins der folgenden Merkmale):
- Ausschluss anderer Aktivitäten
- repetitives Befolgen der Aktivität
- mehr Routine als Bedeutung
(mindestens eins der folgenden Merkmale):
- für sich selbst, in Bezug auf bestimmte Lebensaspekte
- für andere
- Rede- und Sprachbesonderheiten
(mindestens drei der folgenden Merkmale):
- verzögerte Entwicklung
- (oberflächlich gesehen) perfekter sprachlicher Ausdruck
- formelle, pedantische Sprache
- seltsame Prosodie, eigenartige Stimmmerkmale
- beeinträchtigtes Verständnis einschließlich Fehlinterpretationen von wörtlichen/implizierten Bedeutungen
- Nonverbale Kommunikationsprobleme
(mindestens eines der folgenden Merkmale)
- begrenzte Gestik
- unbeholfene oder linkische Körpersprache
- begrenzte Mimik
- unangemessener Ausdruck
- eigenartig starrer Blick
- Motorische Unbeholfenheit
- Mangelnde Leistung bei Untersuchung der neurologischen Entwicklung
Obwohl viele Verhaltensweisen das soziale Netz der Betroffenen, insbesondere der nächsten Bekannten und der Familie, stark in Anspruch nehmen, sind es nicht nur negative Aspekte, die AS qualifizieren. Es gibt zahlreiche Berichte über das gleichzeitige Auftreten von überdurchschnittlicher Intelligenz oder auch von – für als normal geltende Menschen unfassbaren – Inselbegabungen. Leichtere Fälle von AS werden im Englischen umgangssprachlich auch als „Little Professor Syndrome“, „Geek Syndrome“ oder „Nerd Syndrome“ bezeichnet.
Einen guten Überblick über die Symptome des Asperger-Syndroms bietet die von Aspergia e.V. herausgegebene Broschüre Wie macht sich das Asperger-Syndrom bemerkbar? .
Soziale Interaktion
Das wohl schwerwiegendste Problem für Menschen mit AS ist das beeinträchtigte soziale Interaktionsverhalten. Beeinträchtigt sind zwei Bereiche: zum einen die Fähigkeit, zwanglose Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen, und zum anderen die
nonverbale Kommunikation.
Kindern und Jugendlichen fehlt in der Regel der Wunsch, Beziehungen zu Gleichaltrigen herzustellen. Dieser Wunsch entsteht normalerweise erst in der Adoleszenz, meist fehlt dann aber die Fähigkeit dazu.
Die Beeinträchtigungen im Bereich der nonverbalen Kommunikation betreffen sowohl das Verstehen nonverbaler Botschaften anderer Menschen als auch das Aussenden eigener nonverbaler Signale.
Als besonders problematisch erweist sich die soziale Interaktion, da Menschen mit Asperger-Syndrom nach außen hin keine offensichtlichen Anzeichen einer Behinderung haben. So können selbst Menschen, die sich ansonsten durch Toleranz gegenüber ihren behinderten Mitmenschen auszeichnen, die Schwierigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom als bewusste Provokation empfinden. Wenn etwa eine betroffene Person auf eine an sie gerichtete Frage nur mit Schweigen reagiert, wird dies oft als Sturheit und Unhöflichkeit gedeutet.
Im Alltag macht sich die schwierige soziale Interaktion vielfältig bemerkbar. Menschen mit AS können schlecht Augenkontakt mit anderen Menschen aufnehmen oder halten. Sie vermeiden Körperkontakt, wie etwa Händeschütteln. Sie sind unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders wenn es sich um eher belanglose (Smalltalk) handelt. Soziale Regeln, die andere intuitiv beherrschen, verstehen Menschen mit AS nicht intuitiv, sondern müssen sie sich erst mühsam aneignen. Daher haben Menschen mit AS oft keine oder kaum Freunde. In der Schule etwa sind sie in den Pausen lieber für sich, weil sie mit dem üblichen Umgang anderer Schüler untereinander nur wenig anfangen können. Im Unterricht sind sie in der Regel wesentlich besser im schriftlichen als im mündlichen Bereich. In der Ausbildung und im Beruf macht ihnen der fachliche Bereich meist keine Schwierigkeiten, nur der Smalltalk mit Kollegen oder der Kontakt mit Kunden. Auch das Telefonieren kann Probleme bereiten. Im Studium können mündliche Prüfungen oder Vorträge große Hürden darstellen. Da auf dem Arbeitsmarkt wohl in allen Bereichen Kontakt- und Teamfähigkeit genauso viel zählen wie fachliche Eignung, haben Menschen mit AS Probleme, überhaupt eine geeignete Stelle zu finden. Viele sind selbstständig, jedoch können sie sich bei Problemen mit Kunden kaum durchsetzen, etwa wenn ein Kunde nicht bezahlt. In einer Werkstatt für behinderte Menschen indes wären sie völlig unterfordert. Die meisten Menschen mit AS können durch hohe Schauspielkunst nach außen hin eine Fassade aufrecht erhalten, so dass ihre Probleme auf den ersten Blick nicht direkt sichtbar sind, jedoch bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in einem Vorstellungsgespräch. Menschen mit AS gelten nach außen hin zwar als extrem schüchtern, jedoch ist das nicht das eigentliche Problem. Schüchterne Menschen verstehen die sozialen Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden. Menschen mit AS würden sich trauen sie anzuwenden, verstehen sie aber nicht und können sie deshalb nicht anwenden. Die Empathie ist bei Menschen mit AS eingeschränkt. Menschen mit AS können sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen und deren Stimmungen oder Gefühle an äußeren Anzeichen ablesen. Überhaupt können sie nur schwer zwischen den Zeilen lesen und nicht-wörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder Redewendungen verstehen. Sie ecken an, weil sie die für andere Menschen offensichtlichen nonverbalen Signale nicht verstehen. Da es ihnen meist schwer fällt, Gefühle auszudrücken, passiert es oft, dass ihre Mitmenschen dies als mangelndes persönliches Interesse missdeuten. Auch können sie in gefährliche Situationen geraten, da sie äußere Anzeichen, die auf eine bevorstehende Gefahr - etwa durch Gewalttäter - hindeuten, nicht richtig deuten können.
Stereotype Verhaltensmuster und Sonderinteressen
Repetitive und stereotype Verhaltensmuster zeigen Menschen mit AS in ihrer Lebensgestaltung und in ihren Interessen. Das Leben von Menschen mit AS ist durch ausgeprägte Routinen bestimmt. Werden sie in diesen gestört, können sie erheblich beeinträchtigt werden. In ihren Interessen sind Menschen mit AS teilweise auf ein Gebiet beschränkt, auf dem sie meist ein enormes Fachwissen haben. Ungewöhnlich ist das Ausmaß, mit dem sie sich ihrem Interessensgebiet widmen; für andere Gebiete als das eigene sind sie meist nur schwer zu begeistern. Da Menschen mit AS meist gut logisch denken können, liegen ihre Interessensgebiete oft im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, aber auch andere Gebiete sind möglich.
Differentialdiagnose
Autistische Verhaltensweisen können auch bei anderen Syndromen und Krankheiten auftreten. Von diesen muss Autismus abgegrenzt werden.
Wesentliches Unterscheidungskriterium zur Schizophrenie ist das Auftreten von Halluzinationen und Wahn, die bei Autismus nicht vorkommen.
Von autistischem Verhalten bei psychischem Hospitalismus, Kindesmisshandlung und Verwahrlosung unterscheidet sich Autismus dadurch, dass er primär, also von Geburt an, auftritt. Die typischen Verhaltensweisen werden bei Autisten nicht durch falsche Erziehung, mangelnde Liebe, Misshandlung oder Verwahrlosung ausgelöst. In jenen Fällen verschwindet das autistische Verhalten bei Besserung der äußeren Umstände wieder, wohingegen Autismus nicht heilbar ist.
Bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung tritt im Gegensatz zu atypischem und frühkindlichem Autismus keine Intelligenzminderung auf. Eine Abgrenzung zu hochfunktionalem Autismus und Asperger-Syndrom kann im Einzelfall schwierig sein. Hierbei ist die Anamnese wichtig. Außerdem verschaffen neuropsychologische Testverfahren Klarheit.
Bei Menschen mit Zwangshandlungen (obsessiv-kompulsive Störung) ist die Sozial- und Kommunikationsfähigkeit normal ausgeprägt. Im Gegensatz zu Menschen mit Zwangshandlungen erleben Autisten ihre Routinen nicht als gegen ihren Willen aufgedrängt, sondern sie schaffen ihnen Sicherheit und sie fühlen sich mit ihnen wohl.
Bei der Bindungsstörung ist das Sprachvermögen – anders als beim atypischen und frühkindlichen Autismus – intakt. Eine Abgrenzung zu hochfunktionalem Autismus und Asperger-Syndrom kann im Einzelfall schwierig sein. Der Anamnese kommt hier eine wichtige Rolle zu. Neuropsychologische Tests sind eine weitere Grundlage einer klaren Differenzierung.
Das Fragiles-X-Syndrom wird durch einen genetischen Defekt ausgelöst, der mit entsprechenden Analysemethoden eindeutig nachgewiesen und vom Autismus unterschieden werden kann.
Bei Magersucht können rigide Essgewohnheiten und soziale Isolation aufreten, die an hochfunktionalen Autismus oder Asperger-Syndrom erinnern. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal zum Autismus ist, dass bei Magersucht beide Symptome nur zeitlich begrenzt auftreten und nach Behebung der Ursache wieder verschwinden.
Komorbide Störungen
Zusammen mit Autismus können verschiedene
komorbide Störungen auftreten. Komorbide Störungen können sein:
- AD(H)S
- Depressionen, Psychosen, Phobien, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen, Schlafstörungen; bleibt die autistische Störung lange Zeit unerkannt und unbehandelt, können sich verschiedenartige zusätzliche Störungen wie ein Fächer ausbreiten. Dies ist auch der Grund, warum eine frühe Diagnose so wichtig ist.
- Epilepsie
- nonverbale Lernstörung
- Prosopagnosie (Gesichtsblindheit); Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen. Manche Menschen mit Autismus nehmen Menschen und Gesichter wie Gegenstände wahr. In jüngsten Untersuchungen wurde festgestellt, dass manche Menschen mit Autismus die visuellen Informationen beim Betrachten von Personen und Gesichtern in einem Teil des Gehirns verarbeiten, der eigentlich für die Wahrnehmung von Objekten zuständig ist. Ihnen fehlt dann die intuitive Fähigkeit, Gesichter im Bruchteil einer Sekunde zu erkennen und Ereignissen zuzuordnen.
- Tourette-Syndrom
- Chromosomenanomalien
- Fragiles-X-Syndrom
- tuberöse Sklerose
Epidemiologie
Frühkindlicher Autismus tritt mit einer Häufigkeit von 0,5% auf, wobei das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bei 4:1 liegt.
Zur Häufigkeit von atypischem Autismus gibt es keine systematischen Studien.
Über die Häufigkeit des Asperger-Syndroms gibt es nur grobe Schätzungen, wobei sich die Zahlen in den letzten Jahren mit zunehmendem Bekanntheitsgrad des Syndroms erhöht haben. Vor 1980 Geborene wurden in der Regel – oft bis heute – nicht erkannt. Im Extremfall sind laut Schätzungen bis zu 1,5% der Bevölkerung betroffen. Das Asperger-Syndrom tritt bei deutlich mehr Männern als Frauen auf, wobei die Angaben des Zahlenverhältnisses von 4:1 bis 8:1 schwanken. Das mag daran liegen, dass sich das Asperger-Syndrom bei Frauen durch ihre andere Sozialisation teilweise unauffälliger äußert. Möglicherweise können Frauen durch sozialere Verhaltensmuster, Nachahmung und Schauspielerei, stärkeren Bezug auf Kommunikation und weniger spielende Interaktion die negativen Aspekte besser ausgleichen, durch weniger auffällige Besonderheiten oder Verwerfungen mit Auffälligkeiten weniger in Erscheinung treten oder schlicht eine bessere Langzeitprognose haben, da sie besser in der Lage sind zu lernen, wie man mit anderen Menschen umgeht. Insgesamt ist noch einiges an Forschungs- und Aufklärungsarbeit nötig, um angemessenere Zahlen ermitteln zu können.
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Die Zahl der Autismus-Fälle scheint in den vergangenen Jahrzehnten ständig zu steigen. Spekuliert wird von der einen Seite, dass zum Beispiel Umweltgifte Autismus förderten oder dass Impfstoff-Zusätze eine tragende Rolle spielten, doch die unter Medizinern und Epidemiologen anerkannte These ist, dass
- frühere Einschulung der Kinder die Chance erhöht, dass Autismus entdeckt wird; ebenso zeigt sich der häufigere Besuch von Kindergärten
- Eltern heute aufmerksamer beobachten, ob sich ihre Kinder normal entwickeln; früher brachte man ein Kind erst dann zum Arzt, wenn es auffällig spät sprechen lernte
- die Definition des Autismus an sich verbreitert wurde, so dass mehr verhaltensauffällige Kinder als autistisch gelten
- in der Vergangenheit Autismus viel eher unter „kindlicher Schizophrenie“ oder ADS eingeordnet wurde
Langzeitverlauf
Der Langzeitverlauf einer Störung aus dem Autismusspektrum hängt von der individuellen Ausprägung des Autismus beim einzelnen Patienten ab. Die Ursache des Autismus kann nicht behandelt werden. Möglich ist lediglich eine unterstützende Behandlung in einzelnen Symptombereichen.
Die autistischen Syndrome gehören nach dem Schwerbehindertenrecht zur Gruppe der psychischen Behinderungen. Nach den Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht beträgt der Grad der Behinderung bei der leichten Form (z.B. Typ Asperger, HFA) 50 bis 80, ansonsten 100%.
Beim frühkindlichen und atypischen Autismus bleibt eine Besserung des Symptombilds meist in engen Grenzen. Etwa 10–15% der Menschen mit frühkindlichem Autismus erreichen im Erwachsenenalter eine eigenständige Lebensführung. Der Rest benötigt in der Regel eine intensive, lebenslange Betreuung und eine geschützte Unterbringung.
Über den Langzeitverlauf beim Asperger-Syndrom gibt es noch keine Studien. Hans Asperger selbst ging von einem positiven Langzeitverlauf aus . In der Regel lernen Menschen mit Asperger-Syndrom im Laufe ihrer Entwicklung, ihre Probleme – abhängig vom Grad ihrer intellektuellen Fähigkeiten mehr oder weniger gut – zu kompensieren. Der australische Autismusexperte Tony Attwood vergleicht den Entwicklungsprozess von Menschen mit Asperger-Syndrom mit der Erstellung eines Puzzles. Mit der Zeit bekommen sie die einzelnen Teile des Puzzles zusammen und erkennen das ganze Bild. So können sie das Puzzle (oder Rätsel) des Sozialverhaltens lösen . Schließlich können Menschen mit Asperger-Syndrom einen Status erreichen, in dem ihre Störung im alltäglichen Umgang nicht mehr auffällt.
Es existiert eine Reihe von Büchern über autistische Menschen. Die Psychologen Oliver Sacks und Torey L. Hayden haben Bücher über ihre Patienten mit Autismus und deren Lebensweg veröffentlicht. An Büchern, die von Autisten selbst geschrieben wurden, sind insbesondere die Werke der US-amerikanischen Tierwissenschaftlerin Temple Grandin, der australischen Schriftstellerin und Künstlerin Donna Williams, der US-amerikanischen Erziehungswissenschaftlerin Liane H. Willey und des deutschen Schriftstellers und Filmemachers Axel Brauns bekannt.
Schule, Ausbildung, Beruf
Welche Form der Beschulung für Menschen mit Autismus geeignet ist, hängt von Intelligenz, Sprachentwicklung und Ausprägung des Autismus beim Einzelnen ab. Sind Intelligenz und Sprachentwicklung normal ausgeprägt, können Kinder mit Autismus eine Regelschule besuchen. Andernfalls kann der Besuch einer Lernhilfe- oder Sonderschule in Betracht gezogen werden.
Hinsichtlich Ausbildung und Beruf muss ebenfalls der individuelle Entwicklungsstand des Einzelnen berücksichtigt werden. Sind Intelligenz und Sprachentwicklung normal ausgeprägt, kann ein reguläres Studium oder eine reguläre Berufsausbildung absolviert werden. Andernfalls kann etwa eine Tätigkeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Betracht gezogen werden. In jedem Fall ist es für die Integration und das Selbstwertgefühl autistischer Menschen sehr wichtig, einer Tätigkeit nachgehen zu können, die ihren individuellen Fähigkeiten und Interessen entspricht.
Problematisch kann der Einstieg ins reguläre Berufsleben werden, da viele Autisten die hohen sozialen Anforderungen der heutigen Arbeitswelt nicht erfüllen können. Verständnisvolle Vorgesetzte und Kollegen sind für Menschen mit Autismus unerlässlich. Wichtig sind außerdem geregelte Arbeitsabläufe und überschaubare Sozialkontakte.
Therapieansätze
Ausgehend vom individuellen Entwicklungsprofil des Patienten wird ein ganzheitlicher Behandlungsplan aufgestellt, in dem die Art der Behandlung einzelner Symptome festgelegt und die einzelnen Behandlungsarten aufeinander abgestimmt werden. Bei Kindern wird das gesamte Umfeld (Eltern, Familien, Kindergarten, Schule) in den Behandlungsplan einbezogen.
Eine Auswahl von Behandlungsmethoden soll im Folgenden kurz vorgestellt werden. Einen guten Überblick über Behandlungsmethoden bietet Lit.: Poustka 2004, S. 52–61. Weiterführende Informationen enthält Lit.: Weiß 2002.
Verhaltenstherapie
Die
Verhaltenstherapie ist in der Autismustherapie die am besten wissenschaftlich abgesicherte Therapieform. Ziel ist es, einerseits störende und unangemessene Verhaltensweisen wie übermäßige Stereotypien oder (auto)aggressives Verhalten abzubauen und andererseits soziale und kommunikative Fähigkeiten aufzubauen. Im Prinzip wird dabei so vorgegangen, dass erwünschtes Verhalten durchgängig und erkennbar belohnt wird (
positive Verstärkung). Verhaltenstherapien können entweder ganzheitlich oder auf einzelne Symptome ausgerichtet sein.
Die Applied Behavior Analysis (ABA) ist eine ganzheitlich ausgerichtete Therapieform, die in den 1960er Jahren von Ivar Lovaas entwickelt wurde. Diese Therapieform ist auf die Frühförderung ausgerichtet. Zunächst wird anhand einer Systematik festgestellt, welche Fähigkeiten und Funktionen das Kind bereits besitzt und welche nicht. Hierauf aufbauend werden spezielle Programme erstellt, die das Kind befähigen, die fehlenden Funktionen zu erlernen. Die Eltern werden in die Therapie einbezogen. Die Verfahrensweisen von ABA basieren im Wesentlichen auf Methoden des operanten Konditionierens. Hauptbestandteile sind Motivation bei richtigem Verhalten und Löschung bei falschem Verhalten. Lernversuche und -erfolge sowie erwünschtes Verhalten werden möglichst direkt verstärkt, wobei primäre Verstärker (z.B. Nahrungsmittel) und sekundäre Verstärker (z.B. Spielzeug) eingesetzt werden, um erwünschtes Verhalten zu belohnen. In den 1980er Jahren wurde ABA durch Jack Michael, Mark Sundberg und James Partington weiterentwickelt, indem auch die Vermittlung sprachlicher Fähigkeiten (Verbal Behavior) einbezogen wurde. Es gibt zur Zeit in der Bundesrepublik Deutschland nur zwei Institute, die diese Therapie anbieten.
Ein weiteres ganzheitliches Therapieprogramm ist TEACCH (Treatment and Education of Autistic and related Communication-handicapped Children), das sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene mit Autismus richtet. TEACCH ist darauf ausgerichtet, die Lebensqualität von Menschen mit Autismus zu maximieren und sie anzuleiten, sich im Alltag zurechtzufinden.
Soziales Kompetenztraining
Erwachsene Autisten mit gut ausgeprägten sprachlichen und intellektuellen Fähigkeiten können soziale und kommunikative Fähigkeiten beispielsweise in Patientengruppen trainieren. Bei sozialem Kompetenztraining finden sich Menschen mit vergleichbaren Auffälligkeiten zusammen, um unter fachkundiger Anleitung ihre
Sozialkompetenz zu verbessern.
Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie
Die
Ergotherapie umfasst handwerkliche, gestalterische sowie spielerische Übungen. Einen elementaren Bereich stellt das Üben lebenspraktischer Tätigkeiten dar. Durch Verbesserung, Wiederherstellung oder
Kompensation der beeinträchtigten Fähigkeiten soll dem
Patienten eine möglichst große
Selbstständigkeit und
Handlungsfreiheit im Alltag ermöglicht werden.
Motorische Defizite können durch Physiotherapie abgebaut werden.
Sprachauffälligkeiten in Lautstärke, Tonlage, Geschwindigkeit und Modulation können durch Logopädie normalisiert werden.
Medikamentöse Behandlung
Die medikamentöse Behandlung kann eine Komponente im Gesamtbehandlungsplan sein. Beispielsweise bei
Hyperaktivität,
Wutausbrüchen,
selbstverletzendem Verhalten und
Depressionen können Medikamente Besserung verschaffen. Jedoch können durch Medikamente weder die Ursache noch die Kernsymptome des Autismus behandelt werden. Vereinzelt wird von manchen Ärzten zur Gabe von
Ritalin geraten, jedoch sind hier die Meinungen gespalten, es gibt Aussagen von mit Autismus vertrauten Ärzten, welche besagen, dass Ritalin die Symptome von Autismus verstärken kann, denn es macht den bei Autismus sehr durchlässigen „sensorischen Filter“ noch durchlässiger. Diese Eigenschaft ist darauf begründet, dass Ritalin ein Medikament ist, das eigentlich bei der
Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) gegeben wird, um die Verfügbarkeit von
Dopamin am synaptischen Spalt zu erhöhen. Ritalin würde laut Aussage der Ärzte bei manchen autistischen Kindern zu einer weiteren „Überstimulation“ führen, an der das Kind aber bedingt durch den Autismus ohnehin schon leidet. Eine medikamentöse Behandlung bei Autismus ist also nur mit äußerster Vorsicht vorzunehmen.
Ergänzende Maßnahmen
Mögliche ergänzende Methoden sind etwa
Musiktherapie,
Kunsttherapie, Massagetherapie,
Reittherapie oder
Delfintherapie. Sie können die Lebensqualität steigern, indem sie positiv auf Stimmung, Ausgeglichenheit und Kontaktfähigkeit einwirken.
Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis
Weitere bekannte Maßnahmen sind
Festhaltetherapie,
gestützte Kommunikation und Daily-Life-Therapie. Diese Maßnahmen „sind im Kontext der Behandlung des Autismus entweder äußerst umstritten und unglaubwürdig oder deren Annahmen und Versprechungen wurden durch wissenschaftliche Untersuchungen im Wesentlichen widerlegt“. (
Lit.: Poustka 2004, S. 59)
Die Festhaltetherapie wurde 1984 von der US-amerikanischen Kinderpsychologin Martha Welch entwickelt und von Jirina Prekop im deutschen Sprachraum verbreitet. Ansatzpunkt bei dieser Therapie ist die Annahme, dass der Autismus eine emotionale Störung sei, die durch negative Einflüsse in der frühsten Kindheit hervorgerufen werde. Das betroffene Kind habe kein Urvertrauen aufbauen können. Bei der sehr umstrittenen Festhaltetherapie * soll durch Festhalten des Kindes der Widerstand gegen Nähe und Körperkontakt gebrochen und so das Urvertrauen nachträglich entwickelt werden. Bedenklich bei der Festhaltetherapie „ist nicht nur die manchmal äußerst dramatisch und fast gewalttätig anmutende Vorgehensweise, sondern auch die dem Konzept mehr oder weniger zugrundeliegende These, dass das frühe Urvertrauen vom Kind nicht erworben werden konnte. Dies wird häufig von Eltern im Sinne einer persönlichen Schuld am Sosein ihres autistischen Kindes interpretiert“ .
Bei der Gestützten Kommunikation wird von einer lautsprachlich kommunikationsbeeinträchtigten Person mit bestimmten körperlichen Hilfestellungen einer Hilfsperson eine Kommunikationshilfe (Buchstabentafel, Kommunikationstafel, Computertastatur u.ä.) angesteuert. Durch das einzelne Ansteuern von Buchstaben und Satzzeichen entsteht ein Text. Dieser Text wird der gestützten Person zugeschrieben. Hilfspersonen werden in Seminaren in die Gestützte Kommunikation eingeführt. Kritik an der Methode Gestützte Kommunikation entzündet sich daran, dass in vielen Fällen die Hilfsperson den Schreiber unbewusst und unbeabsichtigt beeinflusst, so dass letztendlich die Hilfsperson und nicht der Schreiber Urheber des Textes ist.
Die Daily-Life-Therapie wurde erstmals 1964 in Japan angewandt. Dabei wird von der Grundhypothese ausgegangen, dass ein hohes Angstlevel bei Menschen mit Autismus durch körperliche Anstrengung beseitigt werden kann. Körperliche Anstrengung führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Endorphinen, die schmerzlindernd bzw. schmerzunterdrückend (analgetisch) wirken.
Des Weiteren gibt es verschiedene biologisch begründete Therapiemethoden, z.B. die Behandlung mit dem Darmhormon Sekretin, mit hohen Dosen von Vitaminen und Mineralien oder mit besonderen Diäten. Auch hier fehlen bisher Wirksamkeitsnachweise, so dass von diesen Maßnahmen abgeraten wird (Lit.: Poustka 2004, S. 59)
Mögliche Ursachen von Autismus
Man geht heute davon aus, dass Autismus genetische Ursachen hat. Die noch bis in die
1960er Jahre vertretene These, Autismus entstehe aufgrund der emotionalen Kälte der Mutter (ehemaliger Terminus der sogenannten „
Kühlschrankmutter“), durch lieblose Erziehung, mangelnde Zuwendung oder psychische Traumata, gilt heute als widerlegt.
Genetische Faktoren
Bei Familienstudien wurde festgestellt, dass es eine familiäre Häufung von Autismus gibt.
Genetische Faktoren sind daher als Ursache für Autismus sehr wahrscheinlich. Zwillingsuntersuchungen aus Europa und den USA zeigen, dass ein eineiiges autistisches Zwillingskind mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit (zirka 95,7%) einen autistischen Zwilling hat, als ein zweieiiges Zwillingskind. Daraus ließe sich zunächst folgern, dass die Ursache genetischer Art ist. Da aber nicht alle eineiigen autistischen Zwillingskinder einen autistischen Zwilling haben, lässt sich keine allgemeingültige Erklärung auf genetischer Basis finden. Aber nach den bisherigen Erkenntnissen aus diesen Familien- und Zwillingsuntersuchungen wird davon ausgegangen, dass die Entstehung der Erkrankung durch eine Kombination verschiedener spezifischer Gene (sicher mehr als zwei) bedingt ist, die wahrscheinlich insbesondere während der Gehirnentwicklung aktiv sind.
Hirnschädigungen
Verschiedene Studien haben ergeben, dass manche Menschen mit Autismus Hirnschädigungen haben. Jedoch sind hier die Befunde uneinheitlich und es ist auch nicht klar, ob die Hirnschäden Autismus verursachen, ob der Autismus zu Hirnveränderungen führt, oder ob die Hirnschäden lediglich ein Korrelat des Ereignisses sind, durch das der Autismus verursacht wurde. Festgestellt wurden insbesondere eine Funktionsstörung der linken Gehirnhälfte, abnorme Veränderungen des
Stammhirns in Kombination mit Aufmerksamkeitsdefizit sowie Störungen in der sensorischen Reizverarbeitung. Jedoch besteht in diesem Bereich noch weiterer Forschungsbedarf.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Spiegelneuronen bei Menschen mit Autismus nicht hinreichend funktionstüchtig sind *.
Biochemische Besonderheiten
Bei Untersuchungen von Menschen mit Autismus wurden Besonderheiten im biochemischen Bereich festgestellt. Teilweise weisen sie einen erhöhten
Dopamin-,
Adrenalin-,
Noradrenalin- und
Serotoninspiegel auf. Jedoch sind die Befunde in diesem Bereich uneinheitlich und lassen keine allgemeingültigen Schlüsse zu. Es gibt Berichte, nach denen eine
kasein- und
glutenfreie Diät zu einer Besserung der Symptome beigetragen hat.
Begleitet durch Bernard Rimland, PhD, (beriet Dustin Hoffman für den Film Rain Man) hat man in Kalifornien Stoffwechselabweichungen bei autistischen Kindern durch die Gabe von Coenzymen entgegengewirkt. Man nimmt an, dass eine genetische Prädisposition eine entscheidende Rolle für die Manifestation des Autismus spielt. Hinzu kommen extreme Stresssituationen (z.B. Geburtsstress), die dann quasi als auslösendes Moment angesehen werden. Bei auffällig vielen Autisten konnten Störungen im Stoffwechsel nachgewiesen werden, die durch Coenzyme beeinflusst werden konnten. In Zusammenarbeit mit einem Gastroenterologen (Andrew Wakefield, MD) kam man auf die Idee, eine spezielle Diät (für jeden individuell) aufzustellen, die meist auf eine kasein- und glutenfreie Ernährung hinausläuft. Eine mögliche Erklärung für autistische Wesensveränderungen ist ein durchlässiger Darm (Darmpermeabilität). Hier spielt der Hinweis auf Zöliakie eine Rolle; weil der Darm durchlässig ist, kommen (zu große) Moleküle in einer chemischen Zusammensetzung ins Blut, wie es normal nicht üblich ist. In der weiteren Verstoffwechselung kommt es zu überschießenden Reaktionen des Stoffwechsels, ähnlich wie bei Allergien. Nebenprodukte hiervon sind Kaseomorphine und Peptide, die über das Blut ins Gehirn gelangen und dort eine ähnliche Wirkung zeigen wie Drogen.
Gefühlsblindheit (Mindblindness Theory)
Leo Kanner selbst ging davon aus, dass Kinder mit Autismus Defizite im affektiven Kontakt aufweisen, dass also ihre Fähigkeit, anhand der Körpersprache anderer Menschen deren Gefühle zu erkennen, eingeschränkt ist. Dies wird auf kognitive Defizite (Gefühlsblindheit, engl.
mindblindness) zurückgeführt. Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten zu verstehen, dass Menschen unterschiedliche Empfindungen haben. Außerdem wurde festgestellt, dass Autisten (im Gegensatz zu neurologisch typischen Menschen) Objekte und Menschen in der gleichen Gehirnregion wahrnehmen.
Empathising-Systemising Theory (E-S)
Der britische Autismusforscher
Simon Baron-Cohen vermutet, dass Autisten, verursacht durch einen hohen
Testosteronspiegel im Mutterleib, ein extrem ausgeprägtes männliches Gehirn haben. In einer Studie mit 58 schwangeren Frauen zeichneten sich Kinder, die im Mutterleib einem erhöhten Testosteronspiegel ausgesetzt waren, gegenüber normalen Kindern durch einen kleineren, aber qualitativ höheren Wortschatz und selteneren Blickkontakt aus. Im Alter von vier Jahren waren diese Kinder sozial weniger entwickelt. Daraufhin entwickelte Baron-Cohen die
Empathising-Systemising Theory (E-S), die besagt, dass sich das Gehirn von Kindern, die im Mutterleib einem erhöhten Testosteronspiegel ausgesetzt waren, in Richtung zu einer verbesserten Fähigkeit, Muster zu sehen und Systeme zu analysieren, entwickelte. Diese Theorie wird auch
Extreme Male Brain Theory genannt, da diese Fähigkeiten üblicherweise männlichen Gehirnen zugeschrieben werden.
Underconnectivity Theory
Die
Underconnectivity Theory sieht die Ursache von Autismus in einem Mangel in der Koordination unter den verschiedenen Gehirnbereichen. In
fMRI-Aufnahmen wurde festgestellt, dass bei Autisten Verbindungen zwischen Gehirnregionen fehlen. Diese Theorie erklärt, warum bei Autisten die Intelligenz ungleichmäßig ausgeprägt ist.
Monotropismus-Theorie
Monotropismus beschreibt den Aufmerksamkeitstunnel als die zentrale Ursache der kognitiven Stärken und Schwächen autistischer Menschen. Demnach können autistische Menschen sich tendenziell stark auf ein Interesse oder einen Reiz konzentrieren, sind aber tendenziell schlecht im
Multitasking, wie es für das Verständnis sich potenziell schnell ändernder sozialer Situation erforderlich ist. Aufmerksamkeitstunnel seien der Grund, warum Menschen nicht aus Erfahrungen lernen und generalisieren könnten, aber auch dafür, dass sie etwas so intensiv betrachten könnten, dass sie nicht hörten, wenn man sie anspreche. Diese Theorie von Dinah Murray, Mike Lesser und Wendy Lawson wurde im Mai 2005 von der britischen Autismus-Organisation
National Autistic Society in dem Journal
Autism veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung des Artikels ist
hier veröffentlicht. Wendy Lawson schreibt in ihren Büchern über "Monotropismus", Donna Williams über "mono-track".
Schäden durch falsche Impfung/Impfstoffe
Es tauchen immer wieder Gerüchte auf, Autismus könne durch
Impfungen etwa gegen
Mumps,
Masern oder
Röteln verursacht werden. Die Meinungen darüber sind jedoch äußerst gespalten, wie man an dem folgenden Zitat ersehen kann:
„Diese Berichte entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, z.B. unterscheidet sich die Häufigkeit von Autismus nicht bei geimpften und ungeimpften Kindern.“ (
Lit.: Poustka 2004, S. 60).
Bekannte Autisten
- Richard Borcherds – Mathematik-Professor an der University of California, Berkeley, der 1998 die Fields-Medaille gewann (Quelle: Simon Baron-Cohen, „Vom ersten Tag an anders“). Richard Borcherds war 38, als er sich auf Autismus untersuchen ließ und das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde.
- Axel Brauns – deutscher Schriftsteller und Filmemacher, Asperger-Syndrom
- Prof. Dr. Temple Grandin, Tierpsychologin – US-amerikanische Spezialistin für den Entwurf von Anlagen für die kommerzielle Tierhaltung und Dozentin für Tierwissenschaften. Sie wurde als Kind mit frühkindlichem Autismus diagnostiziert und später rediagnostiziert mit dem Asperger-Syndrom.
- Craig Nicholls – Sänger, Gitarrist und Texter der australischen Rockband The Vines, Asperger-Syndrom
- Birger Sellin – deutscher Schriftsteller, frühkindlicher Autismus; LFA
- Vernon L. Smith - amerikanischer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Asperger-Syndrom
- Donna Williams – australische Schriftstellerin und Künstlerin, frühkindlicher Autismus; HFA
Siehe auch
Literatur
Fachliches
- Hans Asperger: Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 117 (1944), 73–136. (online verfügbar)
- Tony Attwood: Asperger-Syndrom. Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. Trias, Stuttgart 2005, ISBN 3-8304-3219-4
- Andrea Brackmann: Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel? Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-89014-9
- Uta Frith: Autismus. Ein kognitionspsychologisches Puzzle. Spektrum, Heidelberg u.a. 1992. ISBN 3-860-25058-2
- Ole Sylvester Jørgensen: Asperger: Syndrom zwischen Autismus und Normalität. Diagnostik und Heilungschancen. Beltz, Weinheim/ Basel 2002, ISBN 3-407-22112-6
- Leo Kanner: Autistic Disturbances of Affective Contact. In: Nervous Child 2 (1943), 217–250. (online verfügbar)
- Diane M. Kennedy: The ADHD Autism Connection: a Step Towards More Accurate Diagnosis and Effective Treatment. WaterBrook Press 2002, ISBN 1-578-56498-0
- Joan Matthews, James Williams: Ich bin besonders! Autismus und Asperger. Das Selbsthilfebuch für Kinder und ihre Eltern. Trias, Stuttgart 2001, ISBN 3-89373-668-9
- Fritz Poustka u.a.: Ratgeber autistische Störungen. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, Göttingen u.a., 2004, ISBN 3-801-71633-3
- Fritz Poustka u.a.: Autistische Störungen (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie, Bd. 5) Hogrefe, Göttingen u.a., 2004, ISBN 3-801-71632-5
- Regionalverband Mittelfranken Hilfe für das autistische Kind (Hrsg.): Asperger-Autisten verstehen lernen. Internet 2004. URL: .
- Helmut Remschmidt: Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-44747-3
- Daniel Tibi: Wie macht sich das Asperger-Syndrom bemerkbar? Eine Kurzinformation. Edition Aspergia, Kiel 2005.
- Siegfried Walter: Autismus – Erscheinungsbild, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten, Hrsg: Erik Dinges / Heinz-Lothar Worm, Persen 2001, ISBN 3-893-58809-4
- Michaela Weiß: Autismus: Therapien im Vergleich. Ein Handbuch für Therapeuten und Eltern. Marhold, Berlin 2002, ISBN 3-89166-997-6
- Ingrid Wickelgren: Autistic Brains Out of Synch? In: Science Band 308 (24. Juni 2005), S. 1856–1858 (Übersicht über den Stand der neurologischen Forschung)
- Lorna Wing: Asperger's syndrome: a clinical account. In: Psychol Med. 11 (1981) 115–129 (Abstract online verfügbar)
Erfahrungsberichte
- Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse. Leben in einer anderen Welt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, ISBN 3-455-09353-1
- Gunilla Gerland: Ein richtiger Mensch sein. Autismus, das Leben von der anderen Seite. Verl. Freies Geistesleben, Stuttgart 1998, ISBN 3-7725-1667-X
- Temple Grandin: Durch die gläserne Tür. Lebensbericht einer Autistin. Dt. Taschenbuch-Verlag, München 1994, ISBN 3-423-30393-X
- Temple Grandin: Ich bin die Anthropologin auf dem Mars. Mein Leben als Autistin. Droemer Knaur, München 1997, ISBN 3-426-77288-4 (deutsche Ausgabe von Thinking in Pictures: And Other Reports from My Life with Autism, ISBN 0-679-77289-8)
- Temple Grandin, Catherine Johnson: Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Wie ich als Autistin Menschen und Tiere einander näherbringen kann. Ullstein, München 2005, ISBN 3-5500-7622-3
- Jasmine Lee O’Neill: Autismus von innen. Nachrichten aus einer verborgenen Welt. Huber, Bern/ Göttingen/ Toronto/ Seattle 2001, ISBN 3-456-83536-1
- Christine Preissmann: ... und dass jeden Tag Weihnachten wär: Wünsche und Gedanken einer jungen Frau mit Asperger-Syndrom. Weidler, Berlin 2005, ISBN 3-896-93446-5
- Katja Rohde: Ich Igelkind. Botschaften aus einer autistischen Welt. Nymphenburger, München 1999, ISBN 3-485-00826-5
- Susanne Schäfer: Sterne, Äpfel und rundes Glas. Mein Leben mit Autismus. Verl. Freies Geistesleben, Stuttgart 1997, ISBN 3-7725-1679-3
- Birger Sellin: Ich Deserteur einer artigen Autistenrasse. Neue Botschaften an das Volk der Oberwelt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, ISBN 3-462-02457-4
- Birger Sellin: Ich will kein Inmich mehr sein. Botschaften aus einem Autistischen Kerker. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, ISBN 3-462-02463-9
- Patricia Stacey: Der Junge, der die Fenster liebte. Die Rettung eines autistischen Kindes. Beltz, Weinheim/ Basel 2004 - ISBN 3-407-85795-0
- Franz Uebelacker: Ich lasse mich durch wilde Fantasien tragen. Selbstporträt eines autistischen Spastikers. Frieling, Berlin 1998, ISBN 3-8280-0503-9
- Liane Holliday Willey: Ich bin Autistin – aber ich zeige es nicht. Leben mit dem Asperger-Syndrom. Herder, Freiburg im Breisgau/ Basel/ Wien 2003, ISBN 3-451-05300-4
- Donna Williams: Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst. Erinnerungen an eine autistische Kindheit. Hoffmann und Campe, Hamburg 1992 (und weitere Auflagen), ISBN 3-455-08440-0
- Donna Williams: Wenn du mich liebst, bleibst du mir fern. Eine Autistin überwindet ihre Angst vor anderen Menschen. Hoffmann und Campe, Hamburg 1994, ISBN 3-455-08601-2
Kinder- und Jugendliteratur
- Dirk Bracke: Ich bin nicht aus Stein. Rex-Verlag, Luzern 1998, ISBN 3-725-20678-3
- Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone, Goldmann, ISBN 3-442-46093-X (deutsche Fassung von The Curious Incident of the Dog in the Night-Time, Random House, ISBN 1-400-07783-4)
- Kolet Janssen: Mein Bruder ist ein Orkan. Anrich, Weinheim 1997, ISBN 3-891-06304-0
- Laurie Lears, Karen Ritz: Unterwegs mit Jan. Leben mit einem autistischen Bruder. KiK-Verlag, Berg am Irchel 2000, ISBN 3-906-58137-3
- Tito R. Mukhopadhyay: Der Tag, an dem ich meine Stimme fand. Ein autistischer Junge erzählt, Rowohlt Taschenbuch Verlag, ISBN 3-499-61933-4
- Celia Rees: Das goldene Labyrinth. Hanser, Münchien/Wien 2002, ISBN 3-423-62158-3 (deutsche Fassung von Truth or dare., Macmillian Children's Books, London 2000, ISBN 0-330-36875-3)
Film und TV
Dokumentationen
- Pascale Gmür, Otmar Schmid: Meine Denksprache. Menschen, die nicht reden können, finden Worte. Dokumentarfilm zur gestützten Kommunikation. 2005. 57 Minuten.
- Expedition ins Gehirn; (DVD, deutsch/englisch, ca. 156 Minuten) 3-teilige Wissenschafts-Dokumentation über Savants und Autisten mit Savant-Fähigkeiten; Beschreibung. Arte und Radio Bremen. TR-Verlagsunion, 2006, ISBN 3-8058-3772-0
- WDR Quarks&Co: "Autismus – wenn Denken einsam macht"; Sendetermin: 25.04.2006, 21.00 Uhr; Begleitinformationen
Kinofilme und Serien
Im Folgenden eine Liste von Filmen und Serien, in denen Autismus vorkommt, mit entsprechender Angabe der Autisten-Rolle in Klammern.
Weblinks
Quellenangaben
Autismus
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