Auguste-Henri Forel (* 1. September 1848 auf dem Landsitz La Gracieuse in Morges (Kanton Waadt); † 27. Juli 1931 in Yvorne bei Aigle) war Psychiater, Entomologe und Sozialreformer. Er gilt als Vater der Schweizer Psychiatrie und als einer der wichtigsten Vertreter der Abstinenzbewegung in der Schweiz.
1871 und 1872 arbeitete er an seiner Doktorarbeit über Neuroanatomie bei Theodor Meynert in Wien. 1872 schloss er das Staatsexamen in Lausanne und die Promotion in Zürich ab.
Von 1873 bis 1878 war er Assistenzarzt bei Bernhard von Gudden, dem damals führenden Hirnforscher Europas, in München. 1877 erlangte er die venia legendi an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit der Habilitationsschrift über seine Untersuchungen der Haubenregion im Gehirn des Menschen.
Von 1879 bis 1898 war er Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und Direktor der Psychiatrischen Heilanstalt Burghölzli.1883 heiratete er Emma Steinheil, die Tochter seines Ameisenforscher-Freundes Eduard Steinheil. Seine Bemühungen zur Heilung des Alkoholismus mittels Abstinenz und Arbeitstherapie führten 1889 zur Eröffnung der Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur (seit 1984 Forel-Klinik).
Zoologische Forschungsreisen führten ihn 1893 nach Algerien sowie 1896 und 1899 nach Südamerika.
Bereits mit fünfzig Jahren trat er als Direktor des Burghölzli zurück und beendete seine Professorenlaufbahn. Ab 1898 widmete er sich seinen privaten Studien in Chigny bei Morges und ab 1907 auf dem Landsitz Fourmilière in Yvorne. Er unterzeichnete den Gründungsaufruf für den Monistenbund. Ernst Haeckel fragte Forel in einem Brief vom 10. Mai 1906, ob er stellvertretender Präsident, eventuell auch Präsident des Monistenbundes werden wolle.
Forel gründete 1909 den Internationalen Verein für medizinische Psychologie und Psychotherapie. 1916 wurde er aktiver Sozialist und 1920 Baha'i. Forel war zudem Internationalist und Pazifist. Er lehnte den Nationalismus und Chauvinismus ab, sondern trat statt dessen für einen internationalen Friedensbund ein.
Nach dem Tod Forels wurde er in einem Memorandum des Deutschen Monistenbundes vom September/Oktober 1931 "als unermüdlicher, temperamentvoller Kämpfer, Gelehrter, Freidenker, Sozialist, Pazifist, Gegner des Massenmörders Alkohl (und) Sozialreformer" gewürdigt.
Durch Vergleich der Resultate der Untersuchungsmethoden Guddens und Camillo Golgis entdeckte Forel das Neuron und begründete damit die Neuronenlehre. Das Buch Neuronentheorie, 1887 erschienen, bildete den Höhepunkt in seinem Wirken als Hirnanatom.
Als Direktor des Burghölzi beschäftigte Forel das Wohl der Geisteskranken, die Verhütung der Geisteskrankheiten und der Schutz der Gesellschaft. Er entwickelte moderne Arbeitstherapien für Geisteskranke und führte den Begriff der „verminderten Zurechnungsfähigkeit“ ein, damit geisteskranke Verbrecher einer Heilanstalt statt einer Strafanstalt zugeführt werden konnten.
Auch als Privatgelehrter blieb er aktiv und half bei der Verbreitung der Psychotherapie. Er gehörte zur Zürcher Schule der Psychoanalyse. Seine bekanntesten Schüler waren Eugen Bleuler (sein Nachfolger als Direktor des Burghölzli), Anton Delbrück und Adolf Meyer (führender Psychiater an der Ostküste der USA) und der Zürcher Arzt Fritz Brupbacher.
1905 veröffentlichte Forel das aufsehen erregende Standardwerk Die sexuelle Frage, in dem er die menschliche Sexualität aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen als Arzt erstmals ganzheitlich naturwissenschaftlich, psychologisch und soziologisch behandelte. Er trat für die Enttabuisierung des Sexuallebens und die Gleichberechtigung der Frau ein, weil er überzeugt war, dass das Wohlergehen und Glück der Menschheit zum grossen Teil von der Lösung der sexuellen Frage abhinge.
Im Mai 1914 setzte sich Forel in einer Hamburger Zeitschrift mit dem Aufsatz Die vereinigten Staaten der Erde für den Frieden ein. Er glaubte, dass vor allem durch geeignete Erziehung, begleitet von – als Kind seiner Zeit - Eugenik und anderen Massnahmen, die Raubtiernatur des Menschen gemildert werden könnte.
Bereits im Alter von sieben Jahren begann Forel systematisch Ameisen zu beobachten. 25jährig veröffentlichte Forel das preisgekrönte Werk Die Ameisen der Schweiz. Charles Darwin sprach ihm in mehreren Briefen seine Bewunderung für das Werk aus.
Das letzte grosse Werk des 72jährigen Forel Le monde social des fourmis stellt die soziale Welt der Ameisen der ganzen Erde dar.
Im folgenden Zitat beschäftigt er sich mit der Geschichte der Eugenik:
In seinem Hauptwerk „Die sexuelle Frage“ (1905), plädierte er für die Trennung von Sexualität und Reproduktion und setzte sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter und für die soziale Besserstellung und gesellschaftliche Anerkennung nicht verheirateter Mütter ein. Er verband in seiner Gesellschaftsanalyse explizit rassistische Vorstellungen und Theorien mit sozialen Anschauungen.Regina Wecker, Psychiatrie – Eugenik - Geschlecht, in Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Bd. 154/ Mai 2003, S.226 Beispielsweise finden sich in seinem Hauptwerk (Ausgabe 1907) folgende Aussagen:
In der Forschung fällt eine Einordnung von Forel schwer. Er wurde, anders als die meisten Eugeniker seiner Zeit Regina Wecker, Psychiatrie – Eugenik - Geschlecht, in Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Bd. 154/ Mai 2003, S.226, dem linken Lager zugerechnet. In seinem Werk verwendet er rassistische Stereotypen wie beispielsweise folgende, wo er zwischen „höheren“ und „niederen“ Rassen unterscheidet:
In dem zitierten Hauptwerk „Die sexuelle Frage“ rühmte sich Forel ausserdem, an Burghölzli-Patienten und -Patientinnen die ersten Kastrationenen und Sterilisationen aus „sozialen“ Motiven in Europa veranlasst zu haben (nach diesbezüglichen Vorläufern in den USA). Da er Kastrationen als gefährlicher ansah, setzte sich Forel 1905 für die harmlosere Sterilisation ein. Die modernen Formen der Empfängnisverhütung waren damals noch nicht bekannt und die Abtreibung war verboten. Forel war der Ansicht, dass Sterilisation das kleinere Übel wäre, als eine dauernde Einsperrung. Unter dem Druck der Drohung dauernder Einsperrung wurde von den Opfern der „eugenisch“ motivierten Zwangssterilisationen oft, aber nicht immer eine formelle Einwilligung abverlangt; der Zwangscharakter liegt in eben dieser Alternative: dauernde Einschliessung oder Unfruchtbarmachung, vor die sie gestellt wurden. Ab den 1920er Jahren war die Eugenik aus Angst vor der Degenerierung des Volkes im rechten und linken politischen Spektrum weit verbreitet. Forels Schüler Alfred Ploetz wurde einer der Begründer der Rassenhygiene in Deutschland. Ein weiterer Schüler, Ernst Rüdin, ein Schweizer aus St.Gallen, wurde unter Hitler zu einem der leitenden Rassenhygieniker. Unter dem Einfluss der Ideen Forels (und anderer schweizerischer Rassenhygieniker) steht auch das Waadtländer Zwangssterilisationsgesetz von 1929, das 1985 aufgehoben wurde. Moderne Formen der „Eugenik“ sind die durch die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik geförderte Abtreibung aus eugenischen Gründen.
Sein wissenschaftliches Werk umfasst 591 Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und 564 Zeitungsartikel.
1872 erhielt er den Schläfli-Preis der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft für sein umfassendes Buch „Die Ameisen der Schweiz“.
1896 wurde er Ehrendoktor der Universität Zürich.
Die Auguste-Forel-Medaille ist die höchste Auszeichnung der Abstinenzorganisation IOGT Schweiz, die jährlich für herausragende Leistungen an eines ihrer Mitglieder vergeben wird. Preisträger 2005 ist Heinrich Polt, dem der Preis anlässlich der IOGT-Jahrestagung vom 24.-26. Juni 2005auf dem Bienenbergin Liestal vergeben wurde.
Psychiater | Abstinenzler | Schweizer | Mann | Geboren 1848 | Gestorben 1931
Auguste-Henri Forel | Auguste Forel | Auguste Forel | Auguste-Henri Forel | Август Форел
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